Börsenwoche: Immer mehr traditionelle Unternehmen springen auf KI-Zug auf

Die KI-Euphorie an den Börsen erfasst längst nicht mehr nur Chipkonzerne und Technologieriesen. Auch Traditionsunternehmen wollen auf den Zug aufspringen und sich ein Stück vom Milliardenboom sichern. Die Deutsche Telekom lädt nun zum KI-Investorentag – während Nvidia neue Rekorde jagt.

shutterstock

Die US-Börsen haben am Freitag ihre Vortagesgewinne ausgebaut. Wieder einmal überraschte die Logik der Börse: Die enttäuschende Arbeitsmarktdaten kamen am Freitag insbesondere im konjunktursensiblen Technologiebereich positiv an, weil sie die Zins- und Inflationssorgen der Anleger dämpften. Allerdings stieg der Preis für ein Barrel (159 Liter) Rohöl der Referenzsorte Brent aus der Nordsee wieder etwas, zudem zogen am Staatsanleihenmarkt die Renditen erneut an. Dies dämpfte die Kauflaune.

Gleichwohl schnellten die Technologieindizes Nasdaq Composite und der stärker beachtete Nasdaq 100 auf Rekordhochs. Letzterer gewann am Ende ein Prozent auf 30.808 Punkte. Der marktbreite S&P 500 stieg um 0,7 Prozent auf 7.723 Zähler. Der Leitindex Dow Jones Industrial legte um 0,5 Prozent auf 51.177 Punkte zu, nachdem er am Vortag zwischenzeitlich auf den tiefsten Stand seit Mitte Juni abgesackt war. Auf Wochensicht ergibt sich damit ein Minus von knapp 1,3 Prozent.

Der US-Arbeitsmarkt hatte im September nach einer zuletzt robusten Entwicklung wieder Anzeichen von Schwäche gezeigt. Es gab deutlich weniger neue Stellen als erwartet. Der vergleichsweise kräftige Anstieg der Beschäftigung im August habe sich als Ausreißer herausgestellt, sagte Analyst Dirk Chlench von der Landesbank Baden-Württemberg. Chefvolkswirt Thomas Gitzel von der VP Bank kommentierte: „Der Arbeitsmarktbericht wird die US-Notenbank Fed in ihrem Ausblick moderater Zinsanhebungen bestätigen.“ Dies würde Aktien zugute kommen, da sie bei deutlich steigenden Zinsen gegenüber festverzinslichen Wertpapieren an Attraktivität verlören.

Unter den Einzelwerten standen insbesondere die Aktien des Sportartikelherstellers Nike im Fokus, die nach einem schwachen Geschäftsausblick am Dow-Ende 3,6 Prozent verloren. Geht es nach dem Analysten Jay Sole von der Bank UBS, ist das Ende der aktuellen Nike-Talfahrt an der Börse wohl noch nicht in Sicht. Mit den Gewinnschätzungen könnte es weiter bergab gehen und die Bewertung sei trotz des monatelangen Abwärtstrends nicht günstig.

Unter den Technologietiteln sackten die Aktien der Festplattenhersteller Western Digital und Seagate um jeweils mehr als zehn Prozent ab. Grund war ein Bericht der japanischen Zeitung Nikkei. Demnach will der Konkurrent Toshiba massiv in den Ausbau von Produktionskapazitäten für Hard Disks investieren. Dagegen zogen die Aktien von ON Semiconductor um sechs Prozent und die von Synaptics um gut 14 Prozent an. ON will seine im Sommer bekannt gegebene Übernahme nun nicht mehr mit eigenen Aktien, sondern bar bezahlen, womit die Transaktion für den Spezialisten für Leistungshalbleiter billiger wird.

Für die Anteilscheine von Tesla ging es um 4,7 Prozent nach oben. Die Auslieferungen des von Tech-Milliardär Elon Musk geführten E-Autobauers waren zwar im vergangenen Quartal gesunken, lagen aber über den Erwartungen von Analysten.

In dem starken Umfeld für Technologiewerte hatten die Anteilscheine von Nvidia einen Höchststand erreicht und legten letztlich um 1,3 Prozent zu. Der Kursanstieg wurde in den letzten Wochen durch die Zuversicht beflügelt, dass KI-Agenten wie „Muse“ von der Facebook-Mutter Meta die Nachfrage nach Halbleitern ankurbeln könnten. Die Aktien erhielten einen weiteren Schub, nachdem Nvidia am Montag bekannt gegeben hatte, dass es den Umfang seines Aktienrückkaufprogramms um die Rekordsumme von 150 Milliarden US-Dollar erhöhen werde. Damit steuert Nvidia als aktuell teuerstes börsennotiertes Unternehmen der Welt auf eine Marktkapitalisierung von sechs Billionen Dollar zu.

Zuvor hatte sich schon der Dax deutlich erholt. Zum Handelsende gewann der deutsche Leitindex 1,2 Prozent auf 25.231 Punkte, womit er sein Wochenminus auf 0,7 Prozent eindämmte. Am Vortag war er zeitweise erstmals seit Juli wieder unter 25.000 Zähler gerutscht und hatte die Unterstützung bei der für den langfristigen Trend wichtigen 200-Tage-Linie getestet. Der MDax der mittelgroßen Unternehmen verabschiedete sich am Freitag knapp 0,7 Prozent fester mit 30.450 Punkten ins Wochenende.

Ein überraschend schwacher US-Arbeitsmarktbericht half den Anlegern, die zuletzt aufgekommenen Zins- und Inflationssorgen in den Hintergrund zu drängen. Bereits davor hatten sinkende Ölpreise und Anleiherenditen für etwas Entspannung gesorgt. Diese seien derzeit die entscheidenden Faktoren für die Börsen, schrieb Timo Emden, Chefmarktanalyst beim Online-Broker CapTrader.

Als Stütze für den deutschen Markt erwiesen sich einmal mehr Aktien mit KI-Fantasie. Der Halbleiterkonzern Infineon eroberte mit einem Plus von 8,8 Prozent die Dax-Spitze. Der Baukonzern Hochtief gewann 2,8 und der Energietechnikkonzern Siemens Energy zwei Prozent.

Im MDax ging es für Infineon-Branchenkollege Elmos um 3,8 Prozent hinauf. Die Aktien der Chipindustrie-Zulieferer Aixtron, Siltronic, Suss Microtec und Jenoptik legten um 5,9 bis 7,6 Prozent zu. Der Laserspezialist LPKF – am Mittwoch noch von einer Prognosesenkung ausgebremst – gewann an der SDax-Spitze knapp 5,9 Prozent.

Die Titel der Sportwarenhersteller Adidas und Puma zeigten sich mit plus ein beziehungsweise minus 0,7 Prozent wenig beeindruckt von den vorbörslich bekanntgegebenen enttäuschenden Nike-Geschäftsaussagen. Die Probleme des US-Konzerns seien einem Börsianer zufolge weitgehend „hausgemacht“ und ließen nur begrenzt negative Rückschlüsse für die deutschen Konkurrenten zu.

Die Anteile von Auto1 und Kion sackten um 4,8 beziehungsweise 7,7 Prozent ab – jeweils nach Analystengesprächen vor den Quartalsberichten. Experte Marcus Diebel von JPMorgan schrieb in einem ersten Kommentar zu dem Gebrauchtwagenhändler, die Aussagen zögen sinkende Gewinnschätzungen nach sich. Sein Kollege Akash Gupta befürchtet beim Warenlagerlogistiker eine Gewinnwarnung.

Die Aktien von Hensoldt hoben sich im MDax vom erholten Rüstungsumfeld mit einem Anstieg um 3,1 Prozent weiter positiv ab. Das Analysehaus Kepler Cheuvreux sieht bei dem Rüstungselektronik-Spezialisten eine Kaufchance nach der jüngsten Abwertung des Sektors.

Der Dax dürfte sich in der neuen Woche weiter in einem schwierigen Fahrwasser bewegen. Im Fokus bleibe die Marke von 25.000 Punkten, schriebt Emden. Je länger der deutsche Leitindex um diese pendele, desto wichtiger werde sie für die Anleger. Ein überraschend schwacher US-Arbeitsmarktbericht gab dem Dax zuletzt einen moderat positiven Impuls. Die Daten sollten nach Einschätzung der Landesbank Helaba die Erwartungen an steigende US-Leitzinsen etwas dämpfen.

„Für Kopfzerbrechen dürfte weiterhin die Entwicklung der Anleihemärkte dies- und jenseits des Atlantiks sorgen“, sagte Emden. Der Ölpreis und die Anleiherenditen seien derzeit die entscheidenden Faktoren für die Börsen.

Aktienstratege Uwe Streich von der Landesbank Baden-Württemberg sieht in steigenden Anleiherenditen nicht per se eine Belastung für Dividendenpapiere. Meistens spiegelten sie eine Konjunkturaufhellung und damit bessere Gewinnaussichten der Unternehmen wider. Der marktbreite US-Aktienindex S&P 500 habe in dieser Konstellation sogar häufig überdurchschnittlich zugelegt.

„Dies galt jedoch nur dann, wenn die Rendite zehnjähriger US-Treasuries unterhalb von fünf Prozent lag, was inzwischen nicht mehr der Fall ist“, konkretisierte Experte Streich. „Überstieg sie dieses Niveau, ging der US-Markt zwar nicht gleich zwingend in die Knie, entwickelte sich jedoch nur noch unterdurchschnittlich.“ In den vergangenen Tagen sei die Rendite in der zehnjährigen Laufzeit deutlich über die Fünfprozent-Marke geklettert, habe sich zuletzt aber stabilisiert.

Der Blick nach vorn

Für die neue Woche sieht die Unternehmensagenda noch übersichtlich aus. Am Dienstag könnte eine Anlegerveranstaltung von Marvell Technology den KI-Optimisten neues Futter liefern. Der Aktienkurs des Halbleiterentwicklers hat sich seit Jahresbeginn schon mehr als verdreifacht. Am Donnerstag legt der weltgrößte Halbleiter-Auftragsfertiger TSMC Umsatzzahlen für die ersten neun Monate vor.
Auf den KI-Börsenzug wollen zunehmend auch Unternehmen aus traditionelleren Branchen aufspringen – wie etwa die Deutsche Telekom mit ihrem für Montag geplanten KI-Investorentag. Beim Kapitalmarkttag der krisengeplagten VW-Sportwagentochter Porsche AG am Mittwoch dürften dagegen ganz andere Themen im Fokus stehen.

Anzeige

Unterstützung
oder €

Kommentare ( 0 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

0 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen