Aprilwetter auch an den Börsen – Erholung dank KI-Hoffnungen

Börsianer ticken für Außenstehende nicht immer normal. Über Monate hielten sie sich an der Hoffnung fest, dass die US-Notenbank (Fed) die Zinsen in diesem Jahr mehrere Male senken würde – und die anderen Notenbanken ihnen folgen würden. Trotz Inflation erreichten die Aktienmärkte neue Rekordwerte.

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Die Aktienmärkte erklommen im ersten Quartal neue Rekordwerte, obwohl die Inflation sowohl in den USA als auch anderswo deutlich über dem Zielwert von zwei Prozent lag. Erst nachdem im April die Daten für die März-Preissteigerung in den USA bekannt geworden und diese höher als erwartet ausgefallen waren, kehrte eine gewisse Ernüchterung ein. Notenbankchef Jerome Powell machte dann auch bald offiziell klar, dass so schnell mit Zinssenkungen nicht zu rechnen sei.

Nun hätten die Kurse an den Börsen der eingangs beschriebenen Logik zufolge eigentlich fallen müssen, doch der S&P 500, der wichtigste amerikanische Börsenindex, liegt seit Jahresbeginn noch immer mehr als fünf Prozent im Plus. Analysten erklären das damit, dass die enttäuschten Zinssenkungshoffnungen mittlerweile von der Euphorie über die Segnungen der Künstlichen Intelligenz überlagert werden. Im Fokus der Anleger stehen deshalb die „Magnificent Seven“, die sieben großen Tech-Unternehmen, die für das jüngste Rekordhoch des amerikanischen Aktienmarktes maßgeblich verantwortlich waren.

Mark Zuckerbergs Meta-Konzern, der die sozialen Netzwerke Instagram und Facebook betreibt, überraschte am Mittwoch zwar positiv bei Umsatz und Gewinn – die Online-Werbeerlöse spülten viel Geld in die Kasse –, doch schockte Zuckerberg die Anleger mit dem Eingeständnis, dass Meta noch viel mehr Kapital als erwartet in seine KI-Pläne investieren muss, bevor sich Gewinne einstellen. Der Kurs brach um 15 Prozent ein.

Ende 2022 erfasste mit der Lancierung von Chat-GPT der KI-Boom die Märkte, was Zuckerberg ganz zupasskam. Meta verwandelte sich nun in ein KI-Unternehmen, und die Investoren glaubten die Story. Metas Aktienkurs schoss in etwas mehr als einem Jahr von 100 auf über 500 Dollar hoch. Doch hat es diese Woche auch Anzeichen dafür gegeben, dass hinter dem KI-Hype mehr steckt als nur hohe Erwartungen. Deutlich besser als Meta schnitten nämlich zwei andere Tech-Schwergewichte ab: Alphabet und Microsoft übertrafen am Donnerstag nachbörslich die Gewinnerwartungen deutlich. Sie verzeichneten in ihrem Cloud-Geschäft Fortschritte, und ihre KI-Pläne scheinen auf Kurs zu sein. Am Freitag legten vor allem die Alphabet-Titel deutlich zu. Die Anleger zeigten sich erfreut, dass der Google-Mutterkonzern erstmals eine Dividende zahlen will.

Die Achillesferse des neuen Narrativs ist der amerikanische Konsument. Am Donnerstag vermeldete das Department of Commerce, dass die amerikanische Wirtschaft im ersten Quartal um 1,6 Prozent gewachsen ist. Erwartet wurden zwar 2,4 Prozent, doch die privaten Konsumausgaben, die wichtigste Komponente, stark geblieben sind. Da die Sparquote in den USA derzeit bei nur 3,6 Prozent liegt, ist ein Ende des Booms absehbar. Die Amerikaner brauchen zurzeit ihr Erspartes auf – das geht natürlich nicht ewig. Die gute Nachricht dabei: Mit dem Ende des Konsumbooms wird sich der Druck auf die Preise vermindern. Dann wird die Zinssenkungs-Erzählung wieder zurückkehren und bietet den Börsianern genug Grund, auf der Käuferseite zu bleiben.

Am Freitag setzten die Anleger jedenfalls erst einmal auf die Fortdauer des KI-Booms. Der technologielastige Nasdaq 100 baute seine Gewinne vor allem im frühen Handel aus. Über die Ziellinie ging er 1,7 Prozent höher bei 17.718 Punkten. Der marktbreit gefasste S&P 500 kam auf ein Plus von ein Prozent auf 5.100 Zähler. Auch der Dow Jones Industrial schloss mit 0,4 Prozent in der Gewinnzone. Mit 38.240 Punkten kam das führende Kursbarometer der Wall Street auf ein Wochenplus von 0,7 Prozent. Für den Nasdaq 100 ging es auf Wochensicht um vier Prozent nach oben. Alphabet und Microsoft überzeugten mit deutlich mehr Umsatz und Gewinn.

Googles Werbeerlöse trotzten im abgelaufenen Quartal problemlos den KI-Herausforderern und trieben die Alphabet-Aktien auf ein Rekordhoch. Die Google-Mutter habe durchweg starke Quartalszahlen vorgelegt, schrieb JPMorgan-Analyst Douglas Anmuth in einem Kommentar. Im Bereich Künstliche Intelligenz gehe Alphabet nun in die Offensive und dürfte seine Investitionen in diesem Jahr deutlich ausbauen, betonte Anmuth. Ähnliches gab es am Vortag von Meta zu hören, allerdings hatten die Anleger da noch sehr verschnupft auf die Pläne des Facebook-Mutterkonzerns reagiert. Während die Meta-Aktien am Freitag weiter fielen, sah die Welt bei Alphabet nun ganz anders aus, wie der Kurssprung um zehn Prozent zeigt.

Auch Microsoft gab ein klares Signal, dass sich die Investitionen des Software-Riesen in KI und Cloud auszahlen. Bei der Aktie ging es mit einem Anstieg um 1,8 Prozent jedoch etwas weniger rasant zu. Das Gegenteil passierte bei Intel mit einem Kurseinbruch um gut neun Prozent. Der Prozessorhersteller enttäuschte mit seinem Ausblick auf das laufende Quartal.

Erfreuliches gab es im Internet-Sektor noch von Snap zu berichten, hier schnellte die Aktie um 27 Prozent auf den höchsten Stand seit Dezember 2023. Der Mutterkonzern der Foto-App Snapchat begeisterte mit einem deutlichen Umsatzplus im vergangenen Quartal.

Abseits der Tech-Werte gab es Zahlen von Ölfirmen. Bei Chevron reagierten die Anleger letztlich gelassen auf enttäuschende Zahlen, wie der Dreh ins Plus mit 0,4 Prozent zeigte. Der Kurs des Konkurrenten Exxon Mobil dagegen sackte um 2,8 Prozent ab. Der Ölriese blieb beim Gewinn je Aktie klar hinter den Erwartungen zurück. Die insgesamt gut verlaufende Berichtssaison überlagerte am Freitag generell die Neuigkeit, dass die Inflation in den USA hartnäckig bleibt. Der am Preisindex PCE gemessene Preisauftrieb fiel dort im März höher aus als erwartet. Constantin Lüer von der NordLB betonte, die Daten zementierten wohl die Haltung der Fed, den Leitzins nicht vorschnell senken zu wollen. Er fügte aber hinzu, dass diese Erkenntnis nicht wirklich neu sei.

Der Kurs des Euro pendelte weiter um die Marke von 1,07 US-Dollar. Zuletzt wurden exakt 1,07 Dollar notiert. Am Anleihemarkt fiel die Rendite für zehnjährige Staatspapiere auf 4,67 Prozent.

Der Dax hatte zuvor seinen deutlichen Vortagsverlust wettgemacht. Er schloss 1,4 Prozent fester auf 18.161 Punkten. Damit verbuchte der deutsche Leitindex nach drei Verlustwochen wieder ein Wochenplus von 2,4 Prozent. Der MDax der mittelgroßen Börsenunternehmen beendete den Tag mit einem Anstieg um 0,5 Prozent auf 26.175 Punkte.

Bereits am Donnerstag nach US-Börsenschluss hatten die Geschäftszahlen von zwei Tech-Schwergewichten für gute Stimmung gesorgt. „Nach den starken Quartalsberichten von Alphabet und Microsoft ist die Enttäuschung über den Meta-Ausblick vergessen“, schrieb Portfoliomanager Thomas Altmann von QC Partners. „Die zwischenzeitlich scharfe Korrektur ist erst einmal Vergangenheit.“ Auffällig hohe Handelsumsätze sprächen ohnehin dafür, dass die erneute Korrektur von vielen zum Nachkaufen genutzt worden sei.

Robert Halver von der Baader Bank rät den Anlegern, bei Rückschlägen auch weiterhin zuzugreifen. Denn „insgesamt sind die Negativpunkte an den Börsen bekannt und werden nicht dramatisiert“. Von dieser Einstellung profitierten am Freitag auch die europäischen und amerikanischen Handelsplätze. Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 verabschiedete sich 1,4 Prozent fester ins Wochenende. In Paris und London zeigten die Kurstafeln ebenfalls klare Gewinne an. Der technologielastige US-Index Nasdaq 100 zog sogar um 1,6 Prozent an, wogegen es beim von traditionellen Branchen geprägten Leitindex Dow Jones Industrial nur für ein moderates Plus reichte.

Am deutschen Markt stachen Flatexdegiro mit einem Kurssprung von 22 Prozent heraus, was den Spitzenplatz im Nebenwerte-Index SDax bedeutete. Der Online-Broker wird nach einem starken Start ins Jahr etwas optimistischer. Der Anstieg bei Umsatz und Gewinn wird jetzt eher am oberen Ende der Prognosespanne erwartet.

Zu den größten Gewinnern im MDax zählte Thyssenkrupp mit plus 6,2 Prozent. Die Aktien wurden von der sich abzeichnenden Lösung für das Stahlgeschäft beflügelt. Der Konzern einigte sich mit dem tschechischen Milliardär Daniel Kretinsky darauf, dass dessen Holding EPCG zunächst 20 Prozent an der Sparte Thyssenkrupp Steel Europe übernimmt. Über die Konditionen der Transaktion wurde Stillschweigen vereinbart. Zudem wird über die Übernahme von weiteren 30 Prozent am Stahlgeschäft verhandelt. Ziel sei weiterhin die Bildung eines Gemeinschaftsunternehmens, an dem beide Partner je 50 Prozent hielten. Auch bei Analysten stieß die Nachricht auf Beifall.

Die Titel des Waferherstellers Siltronic holten ihren von einer Prognosesenkung ausgelösten, elfprozentigen Kursrutsch fast komplett wieder auf. Am Ende verloren sie noch 0,9 Prozent. Neben Schnäppchenjägern stützte die insgesamt positive Stimmung im breiten Technologiesektor.

Am MDax-Ende sackten die Anteilsscheine von Delivery Hero um 16 Prozent ab. Hier belasteten Sorgen vor Konkurrenz in Saudi-Arabien nach Berichten der Nachrichtenagentur Bloomberg über einen Markteintritt der chinesischen Meituan. In Hongkong seien die Chinesen bereits in sehr kurzer Zeit zur Nummer zwei am Markt avanciert, kommentierte Bernstein-Expertin Annick Maas.

Wie das Wetter wird auch das Handelsgeschehen weiter Kapriolen schlagen. So stellt etwa Robert Halver „kein Un-, aber Aprilwetter an den Börsen“ in Aussicht, solange die US-Notenbank Fed bei ihrer abwartenden Zinspolitik bleibe. Halver empfiehlt Anlegern, Kursrücksetzer für Zukäufe zu nutzen. Marktexperte Andreas Lipkow erinnert daran, dass die laufende Berichtssaison ab Montag ordentlich Fahrt aufnimmt. Unter anderem informieren mit dem weltgrößten Onlinehändler Amazon und dem iPhone-Hersteller Apple am späten Dienstag – beziehungsweise Donnerstagabend zwei US-Technologieriesen über ihre Geschäftsentwicklung. Beide Quartalsbilanzen haben durchaus das Potenzial, den Gesamtmarkt zu beeinflussen.

Vorsichtig äußert sich Claudia Windt von der Landesbank Helaba. Auch wenn der Dax und die US-Börsen den Rückschlag nach enttäuschenden Daten zum US-Wirtschaftswachstum weggesteckt hätten, seien weitere Rekorde der Aktienindizes „keineswegs ausgemacht“. Denn zum einen sei der Mai ein traditionell schwieriger Börsenmonat. Und zum anderen zeige sich bereits, dass die Inflationsunsicherheit eher weiter zunehme und zumindest zu einer erhöhten Volatilität an den Finanzmärkten beitragen dürfte.

Nach dem deutschen Handelsschluss am Mittwoch wird die Fed ihren Zinsentscheid bekannt geben. Es wird allgemein erwartet, dass die amerikanischen Währungshüter diesmal den Leitzins noch unverändert belassen werden. „Von den knapp sieben Zinssenkungsschritten, die Marktteilnehmer zum Jahresbeginn noch einpreisten, sind aktuell ein bis zwei übriggeblieben“, schreibt Analyst Sven Streibel von der DZ Bank. Denn die jüngsten US-Konjunkturdaten hätten zwar einen überraschend robusten Arbeitsmarkt gezeigt, aber auch eine hartnäckigere Inflationsentwicklung als erwartet.

Die Anleger hätten sich an die zeitweise stärkeren Kursschwankungen wegen der Fed schon weitgehend gewöhnt, meint Experte Halver. Er sehe für die Notenbank zudem keinen Grund, noch lange an ihrer restriktiven Politik festzuhalten. Die hartnäckige Inflation in den USA sieht er als positiven Faktor für die Unternehmensumsätze und -gewinne, die „mitinflationiert“ würden. Aktuell würden die Terminmärkte nur noch zwei Zinssenkungen einpreisen – und zwar im September und im Dezember. Diese dürften dann auch ihre positive Wirkung auf die kreditabhängige Wirtschaft entfalten. In den kommenden Jahren werde es mit den Zinsen weiter bergab gehen.

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