Börse: Luftholen

In Deutschland und USA gesunde Kurs-Rücksetzer und optimistische Sachverständige. In Italien Krisen-Vergessen, Rekordlaune und Emissionsboom. Weltweit Flaute bei der Goldnachfrage.

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Jetzt erst einmal Luftholen. Acht Handelstage in Folge waren bis einschließlich Mittwoch zuletzt die Kurse an der Wall Street gestiegen. Auch davor hatte es seit Ende September lediglich ein paar Tage gegeben, an denen die Notierungen nicht nach oben gezogen waren. Auch der schwankungsanfälligere Deutsche Aktienindex DAX hatte sich in prächtiger Bullenlaune gezeigt und eine beeindruckende Serie neuer Allzeithochs bis hinauf auf den Rekordstand von 13 525 Punkten hingelegt. Doch auch angesichts vieler guter Quartalszahlen der Unternehmen aus dem Leitindex war eine Korrektur mehr als überfällig, und sie kam am Donnerstag. Die teils starken Kursrückgänge, die sich moderat am Freitag fortsetzten, sollten uns allerdings nicht allzu sehr beunruhigen. Im Gegenteil. Solche Rücksetzer sind notwendig, sonst überhitzt der Markt. Die Analyse grundlegender Bewertungskennziffern dürfte helfen, mögliche aufkommende Euphorie zu dämpfen — auch in einer anhaltenden Rally müssen Anleger schließlich einen kühlen Kopf bewahren. Das Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) des Deutschen Aktienindex (DAX) auf Basis der Gewinnschätzungen für 2018 liegt fast 25 Prozent über dem Zehnjahresdurchschnitt. Aktienkurse dürften zwar wegen fehlender Anlagealternative mittelfristig weiter steigen. Eine Pause steht aber wohl an. ​

Die im „Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“ versammelten Top-Ökonomen Deutschlands hatten vergangene Woche eine so einfache wie erfreuliche Nachricht in ihrem Jahresgutachten verpackt: Deutschlands Wirtschaft boomt. Die „Weisen” korrigierten ihre Prognosen für das Wachstum im laufenden und im kommenden Jahr deutlich nach oben. Sie erwarten jetzt für 2017 ein Wachstum von 2,0 statt wie bisher 1,4 Prozent. Für 2018 hoben sie ihre Prognose von 1,6 Prozent auf 2,2 Prozent an. Dass trotz ordentlichen Wirtschaftswachstums und niedriger Arbeitslosigkeit die Inflation hierzulande so niedrig ist, hängt auch mit den weiterhin niedrigen Energiepreisen zusammen. Dies könnte sich allerdings angesichts der politischen Turbulenzen in Saudi–Arabien ändern.

Die Krisenjahre sind fast vergessen. Getrieben von einem starken Export und einem steigenden internen Konsum wächst nun auch die italienische Wirtschaft wieder. Die akuten Bankenkrisen scheinen vordergründig überwunden, was die Mailänder Börse euphorisch stimmt. Der FTSE-MIB-Index ist seit Jahresbeginn um 17 Prozent gestiegen. Damit profiliert sich die Borsa Italiana als Spitzenreiter europaweit. Mit 22 Börsengängen im Gesamtwert von 4,3 Milliarden Euro hat die Mailänder Börse zudem das Interesse finanzstarker ausländischer Investoren geweckt, wie der Börsengang des Reifenherstellers Pirelli bezeugt. Die Wiederaufnahme der Problembank Monte dei Paschi di Siena, an der sich der Staat jetzt als Mehrheitsaktionär beteiligt, stimmt Börsianer optimistisch und treibt die Kurse in die Höhe. Ein Beispiel sind die Aktien des Luxusautobauers Ferrari, die ein Rekordhoch von 102 Euro erreicht haben. „2017 wird als eines der besten Jahre in Erinnerung bleiben, was Börsengänge betrifft. Dieser Trend wird auch 2018 anhalten“, so der CEO der Mailänder Börse Raffaele Jerusalmi. Gerechnet wird noch bis Jahresende mit dem Börsendebüt des Glücksspiel-Betreibers Gamenet, der 2016 aus der Fusion der Gesellschaften Gamenet Spa und IntralotItalia entstanden ist. Der positive Trend in Mailand dürfte anhalten. Die Regierung in Rom will 2018 mit Steueranreizen Börsengänge fördern. Dank Steuerentlastungen für die IPO-Beratungskosten in Höhe von bis zu einer halben Million Euro soll die Notierung von Klein- und Mittelunternehmen in Mailand vorangetrieben werden.

Eine niedrige Inflationsrate, nachlassende internationale Spannungen und neue nachteilige Steuerregeln in Indien — diese Kombination von Faktoren hat die Lust auf Gold zuletzt gedämpft. So ist die Nachfrage nach dem gelben Edelmetall im dritten Quartal um neun Prozent auf ein Achtjahrestief von 915 Tonnen weltweit gefallen, meldete vergangene Woche der Branchenverband World Gold Council. Während die ETF- und Schmucknachfrage kräftig gelitten haben, zog der Bedarf nach Barren und Münzen aber deutlich an. Auch Zentralbanken wie die der Türkei und Russlands waren wieder kräftig auf Einkaufstour. Für das Gesamtjahr erwartet das World Gold Council nun eine globale Goldnachfrage von bis zu 4000 Tonnen. Das wären 300 Tonnen weniger als noch im Vorjahr.
Die moderate Abwärtsbewegung an der New Yorker Wall Street hat sich am letzten Handelstag der Woche fortgesetzt. Sorgen über eine Verzögerung der Unternehmenssteuersenkung in den USA hätten sich breit gemacht und zusammen mit einigen enttäuschenden Geschäftsberichten den Börsen die Rekordlaune vermiest, hieß es. Das schwächer als erwartet ausgefallene Verbrauchervertrauen im November, das die Universität Michigan ermittelt, bewegte die Gemüter hingegen wenig. Das erstaunt jedoch nicht, da es sich dennoch auf dem höchsten Stand seit 2004 bewegt.

Der US-Leitindex Dow Jones Industrial, der am Mittwoch noch bei 23 575 Punkten ein Rekordhoch erreicht hatte, gab am Freitag letztlich um 0,17 Prozent auf 23 422 Punkte nach. Im Wochenverlauf bedeutet dies ein Minus von 0,5 Prozent und damit den ersten Wochenverlust seit Anfang September. Der S&P 500 verlor am Freitag 0,09 Prozent auf 2582 Zähler. Der NASDAQ 100 verringerte zum Schluss seinen Verlust auf minus 0,05 Prozent und schloss kaum verändert bei 6309 Punkten.


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  • Reinhard Peda

    Schnapsfrage: Was wächst schneller, die Wirtschaft oder die Geldschulden?