Der Tag, an dem die Finanzwelt stillstand

Zehn Jahre später mag man sich fragen: Ist eine Wiederholung der Finanzkrise 2008 heute möglich? Die Antwort ist ein klares Nein. Eine Wiederholung ist nicht möglich, das nächste Mal wird es noch viel, viel schlimmer werden.

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Am 15. September 2008 verwandelten sich selbsternannte «Masters of the Universe» in arme Würstchen, die in Pappkartons ihre Habseligkeiten aus dem Büroturm der Bank Lehman Brothers trugen. Das Ende einer 158-jährigen Geschichte.

Vorausgegangen war ein beispielsloser Raubzug von reiner Geldgier und Skrupellosigkeit getriebener Banker, die sich in einem wahren Bonustaumel über 1.000 Milliarden Dollar abgegriffen hatten. Als Belohnung für Geschäfte, die sich als Luftnummern entpuppten. Der Trick war so einfach wie durchschlagend: Vorher nicht handelbare Hypothekarschulden wurden verbrieft, anschliessend verwurstet, also zu Päckchen verschnürt, mit klingenden Namen und Bestnoten der von den Banken bezahlten Rating-Agenturen verschönert – und verkauft.

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Begleitet wurde der Raubzug von einem vorher ungekannten Versagen der sogenannten Finanzwissenschaft. Formelgläubig meinte sie, mit komplizierten Algorithmen das geschafft zu haben, was Alchemisten und Voodoo-Priestern nicht gelungen war: den Aufwand und das Risiko vom Ertrag zu trennen. Begleitet wurde das von einem Zoo von neuen Begrifflichkeiten wie «Financial Engineering», CDO, Alt-A, RLN, MBS und so weiter. Diese neuen Finanzinstrumente waren so kompliziert, dass sie höchstens ihre Hersteller, meistens Physiker und Mathematiker, einigermassen verstanden. Was den Verkäufern und Händlern aber nicht auffiel: Es waren letztlich Wettscheine, Ableitungen auf reale Werte, sogenannte Derivate.

Nun brauchte es nur noch eine vermeintliche Sicherheit, also etwas vom vorher Langweiligsten im gesamten Bankgeschäft: das Darlehen auf ein Haus oder eine Wohnung. Die Preise für Immobilien in den USA hatten eine längere Phase des Anstiegs durchgemacht, und wie immer bei Blasenbildungen stellte sich die Illusion ein, dass das unbeschränkt und endlos so weitergehen würde. Also wurden sogar Ableitungen auf Ableitungen erfunden, das Karussell drehte sich immer schneller. Bis es den ersten Teilnehmer, die altehrwürdigen Lehman Brothers, die sich in eine Zockerbank verwandelt hatten, aus der Kurve trug.

Befeuert wurde dieser Tanz der Milliarden von einer verbrecherischen Niedrigzinspolitik des damaligen Chefs der US-Notenbank, Alan Greenspan. Später erlangte er mit dem dummen Satz Berühmtheit, dass man eine Blase erst dann erkenne, wenn sie platze. Durch das billige Geld wurden auch harmlose Sparer in immer absurdere Anlagen getrieben, obwohl sie nur eine sichere Geldanlage suchten, die verhinderte, dass ihr angespartes Kapital durch die Inflation weggefressen würde.

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Den Hauptbeteiligten ging es bei ihrem Tun überhaupt nicht um Wertschöpfung oder sinnvolle Allokation von Kapital. Es ging alleine darum, dass in diesem Milliardenwirbel Kommissionen, Fees, Spesen, Kickbacks und Boni anfielen. Keineswegs abhängig von allfälligen Gewinnen, sondern vom Umsatz, vom Volumen der bewegten Gelder. Alleine in den letzten drei Jahren vor dem Platzen der Blase wurden in diesen Luftnummern-Deals rund 10 Billionen Dollar umgesetzt. Davon griffen sich die Bonusbanker rund zehn Prozent ab, also 1.000 Milliarden dafür, dass sie einen geschätzten wirtschaftlichen Schaden von über 5 Billionen Dollar anrichteten.

Auch die Banken selbst benützten einen einfachen Trick, um ihre Aktionäre glücklich zu machen. Wer mit einer Million Eigenkapital 10.000 Franken Gewinn macht, hat einen Profit von einem schlappen Prozent eingefahren. Wer aber mit einer eigenen Million und 10 oder noch besser 100 geliehenen Millionen ein Prozent Gewinn macht, kommt auf 100.000 oder gleich eine Million Profit, also eine knackige Eigenkapitalrendite von zehn oder hundert Prozent. Das ist vor allem dann verführerisch, wenn Geld fast gratis ist. Wenn das Geschäft aber schiefgeht, und das kann ja passieren, weil Rendite und Risiko sich eben nicht voneinander trennen lassen, wenn nur ein Verlust von einem Prozent entsteht, ist das Eigenkapital aufgezehrt und die Bank blank.

Zuvor sind aber die Bonusbanker in den wohlverdienten Ruhestand abgezwitschert und schippern heute noch auf ihren Yachten in den Sonnenuntergang. Obwohl es unbestreitbar ist, dass hinter dem grössten Bankraub aller Zeiten kriminelle Energie, unersättliche Gier und skrupellose Verantwortungslosigkeit steckten, ist kein einziger Banker aus der Führungsriege der damaligen Zockerbanken zur Verantwortung gezogen worden. Weder in den USA noch in Europa noch in der Schweiz.

Den Schaden aufräumen durften die Steuerzahler. Schon am Tag nach der Pleite von Lehman schob der damalige US-Finanzminister Hank Paulson dem wankenden Versicherungsriesen AIG 85 Milliarden Staatshilfe rein, die sich am Schluss auf über 800 Milliarden summierten.

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Am Aufeinandertreffen des damaligen CEO von Lehman, «the gorilla» Dick Fuld und «the hammer» Paulson lässt sich ein weiterer Aspekt des Wahnsinns beschreiben: die meisten Bankenlenker und Finanzchefs haben eine krankhafte Psyche. Alleine um in die oberste Position zu kommen, braucht es ein Durchsetzungsvermögen, das nur Egozentriker mit soziopathischen Tendenzen haben. In der Auseinandersetzung zwischen dem ehemaligen Goldman-Sachs-CEO Paulson und Fuld ging es nur um eins: ums Ego. Also antwortete Paulson am 14. September einfach nicht mehr auf die immer verzweifelteren Anrufe und Hilfeschreie des «Gorilla» Fuld und verweigerte eine Rettung der Bank.

Zehn Jahre später mag man sich fragen: Ist eine Wiederholung der Finanzkrise 2008 heute möglich? Die Antwort ist ein klares Nein. Eine Wiederholung ist nicht möglich, das nächste Mal wird es noch viel, viel schlimmer werden. Die wichtigsten Industriestaaten sind bis über beide Ohren verschuldet, die Notenbanken fluten den Markt bis heute mit Gratisgeld, der Konjunkturmotor stottert in Europa, diverse Schwellenländer haben sich in ausländischen Währungen verschuldet und haben, Beispiel Türkei, Beispiel Argentinien, gröbere Probleme mit den Schuldendiensten. Es ist also nicht die Frage, ob eine nächste, schlimmere Finanzkrise kommt. Es ist nur die Frage, wann.

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Kommentare ( 11 )

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glaube kaum dass man dies als Bankraub bezeichnen kann. Es ist eine zwingende Folge des verzinsten Schuldgeldsystems. In der Natur gibt es kein permanentes Wachstum. Nur beim Menschen. Warum? Weil ihm eine Eigenschaft inne wohnt die man in der Natur so nicht findet. Die Gier. Die politische Kaste ist besonders davon befallen. Zu unserer aller Schaden. Es gibt kaum einen anderen Bereich wo Verantwortlichkeit und Haftung derart auseinenader fallen wie im Politikbetrieb. Das Ergebnis sind dann Bankpleiten die ganze Volkswirtschaften in den Ruin reissen, ohne dass die Verantwortlichen dafür zur Verantwortung gezogen werden. Die Lösung heißt dann „to big to… Mehr

Recht hat der Autor, in so einer Position kann man nicht nur Engel sein. Übel mitspielen tut er Greenspan, der nur billiges Geld geschaffen hat, aber nicht die faulen Kreditpakete. Hier hätte spätestens die Brücke zu Dragi geschlagen werden können. Ein typisch anti-liberales sozialistisches Denken, dass Greenspan als verbrecherisch abstempelt, während die Bankmitarbeiter, die die faulen Kredite geschnürt haben, anonym und ungescholten bleiben dürfen.

Was mich allerdings interessieren würde, als Frage an den Author des Artikels, gibt es jetzt gerade diese ganzen „der Untergang naht“ Artikel, weil alles Anzeichen am Finanzmarkt darauf hindeuten dass es nur noch Wochen oder Monate dauert bis es soweit ist, oder sind die ausschließlich dem Jubiläum der Lehmann Pleite geschuldet?

Natürlich spielt im zahlengläubigen Journalismus der zehnte Jahrestag eine Rolle. Dass es wieder krachen wird, und höchstwahrscheinlich schlimmer als je zuvor, diese Prognose steht. Wann, das ist die grosse Preisfrage. Es gibt zwar, wie bei einer Rakete, einen Point of no Return, wo man die Zahnpasta nicht mehr in die Tube kriegt. Der ist sicherlich überschritten. Zombie-Banken in Europa, Gratisgeld, sogar Negativzinsen, Aufkauf aller Schuldpapiere durch die EZB, die nicht bei drei auf den Bäumen sind, staatliche Durchschnittsverschuldung in der Höhe eines Jahres-BIP, die implizite Schulden gar nicht berücksichtigt, dazu viele Schwellenländer, die sich vor allem in Dollar verschuldet haben,… Mehr

„…vorher ungekannten Versagen der sogenannten Finanzwissenschaft.“

Genau wie in der Migrationsfrage wird auch in durchweg kritischen Artikeln immer noch das Zugeständnis gemacht, schlichtweg kriminelles oder hochverräterisches Handeln als Versagen, Naivität oder Fehleinschätzung darzustellen.

Da hat ein Politico/Bankster Kartell einen geplanten Raubzug gegen die Sparer und Steuerzahler unternommen, und sich dabei von gekauften Mietmäulern aka Finanzexperten in den Medien den Rücken freihalten lassen.

Das Geld der geprellten Sparer und Steuerzahlen ist weg – aber nicht verschwunden. Es steckt jetzt in den Taschen des eigentlich unnützen und wertlosen Teils der Gesellschaft, der Finanzparasiten.

Es hatte damals niemand damit gerechnet, dass der amerikanische Staat „Lehman-Borthers“ tatsächlich über die Klinge springen lassen würde. Ich selbst natürlich auch nicht und hatte damals „ins fallende Messer gegriffen“ und ein paar 100 Aktien gekauft, die dann Tage später wertlos waren und aus dem Depot ausgebucht werden mussten. In Mafia-Kreisen würde man sagen, man habe einen Gegner erledigt. Allzu viele Unterschiede sehe ich hier nicht…

Warum gerade Lehmann?
Weil wundersamer Weise kurz vorher die deutschen Landesbanken einen großen Teil des Schrotts aufgekauft haben. Hier geht es nicht um pathologische Egos von Bankenchefs, hier geht es um eine unterworfene aber wirtschaftlich erfolgreiche Provinz des US Imperiums (Deutschland), die per ordere mufti aus Washington dazu verdonnert wurde, einen großen Teil der Kosten der US internen Subprime Krise zu übernehmen.

Die Landesbanken haben da vor 2008 ungefähr so unabhängig gehandelt wie das BAMF nach 2015.

Hacken Sie doch nicht so auf die Bonibanker rum. Heute genügt es bereits Chef eines Flughafens zu sein, der nie fertig wird. Oder noch besser, man hat im Leben nichts auf die Kette bekommen, dann kann man immer noch Bundestagsvizepräsidentin werden. Das Problem der heutigen Zeit ist, dass es keine echten Firmeninhaber mehr gibt, denen die Bank, oder der Flughafen selbst gehört. Aber es gibt ja auch kein richtiges Geld mehr. Das kommt per Knopfdruck aus einer besseren Tapetenfabrik, ist beliebig vermehrbar, und die Summen sind unbegrenzt. Würde man eine Gold gedeckte Währung haben, könnte sich die USA nicht für… Mehr

Zu Ihrem Goldgedanken denke ich immer an einen Kommentar, dass vor 2000 Jahren eine gute Toga ca 1 Unze Gold gekostet hat, derzeit ca 1000 EUR. Kriegt man dafuer nicht auch (gerade eben) einen Armani?
Die Wertsteigerung ist also in Wirklichkeit in etwa 0%. Das ist Stabilitaet!

Ich kann Ihnen nicht sagen was eine Toga vor 2000 Jahren gekostet hat, aber wenn Sie für die Unze Gold heute einen guten Anzug kaufen, dann ist die Kaufkraft dieser Unze seit 2000 Jahren stabil, was man von allen bekannten Papierwährungen nicht behaupten kann. Hätten Sie Gold vor 10 Jahren erworben, wäre es um 100% gestiegen. Wie immer, alles eine Frage des Timing.

Ich kann die sehr unterhaltsamen Bücher des Autors empfehlen: „Bank, Banker, Bankrott: Storys aus der Welt der Abzocker“. Selten so gelacht wie bei diesem Buch. Wenn man den Crash schon nicht aufhalten kann, dann sollte man wenigstens darüber lachen können.