Aufstieg und Fall des Sächsisch-Thüringischen Industriereviers

Am Aufstieg und Fall des Sächsisch-Thüringischen Industriereviers lässt sich die jüngere deutsche Geschichte nachzeichnen. Gegenwärtig hat es den Anschein, als klinge diese in einem deutschen Rust Belt aus. Doch sind Krisenzeiten auch immer historische Wendepunkte.

picture-alliance/ ZB | Jan-Peter Kasper
Blick auf Jena mit dem Glaswerk, das 1884 von Otto Schott gegründet worden war, Aufnahme vom 18.06.1991

Zivilisatorische Sprünge ereignen sich, wenn sich im Humus einer Kultur günstige Faktoren zu einer explosiven Mixtur des Fortschritts zusammenfinden. Die industrielle Revolution in England war ein solcher Moment der Verdichtung.

Sie entstand aus dem Zusammenspiel technischer Innovationen wie der Dampfmaschine, die Kraftmaschinen in der Produktion den Weg frei machte, der Entdeckung reichlicher Kohle- und Eisenerzvorkommen sowie einer leistungsfähigen Landwirtschaft. Diese ermöglichte ein starkes Bevölkerungswachstum und setzte jene Arbeitskräfte frei, die später in der Industrie benötigt wurden.

Das British Empire als Ausgang

Auf dem Fundament politischer Stabilität, des aus der englischen Freiheitsphilosophie erwachsenen Schutzes des privaten Eigentums und eines über lange Zeit gefestigten und hochentwickelten Geldsystems zur Finanzierung unternehmerischer Wagnisse wuchs die erste Supermacht der Moderne empor.

Das British Empire wurde zu einem industriellen Kraftzentrum, das der Moderne ihren Rhythmus und ihren Charakter verlieh.

Etwa zwei Generationen später vollzog sich dieser Prozess der Industrialisierung auch im deutschen Raum – und mit besonderer Wucht in einer Region, die später als Sächsisch-Thüringisches Industrierevier bezeichnet werden sollte. Mit den Revolutionsjahren 1848 und 1849 gelang nach der Phase der Frühindustrialisierung, die etwa zur Zeit des Hambacher Festes um 1830 anhob, der industrielle Durchbruch in den deutschen Königreichen Preußen und Sachsen.

Binnen weniger Dekaden entwickelten die auf der Schwerindustrie aufbauenden Sektoren, getragen von einer über Jahrhunderte gewachsenen Gewerbe- und Handwerkstradition, eine der leistungsfähigsten Industrielandschaften Deutschlands.

Leicht zugängliche Braunkohlevorkommen, ergänzt um den Import von Kohle aus dem Ruhrgebiet und aus Oberschlesien, bildeten die energetische Grundlage dieses Aufschwungs.

Sie ließen die sächsischen Zentren Chemnitz und Zwickau ebenso wie das mitteldeutsche Revier um Halle und Leipzig, die Lausitz und den Großraum Magdeburg rasch aufblühen. Wo zuvor Manufakturen und Zünfte das wirtschaftliche Leben geprägt hatten, entstanden Fabriken, Maschinenhallen und Hüttenwerke, die in immer größerem Maßstab produzierten.

Besonders in Sachsen erlebte die Textilindustrie einen beispiellosen Aufstieg. Spinnereien, Webereien und Maschinenbauer bildeten ein eng verzahntes Produktionssystem, das technisch und organisatorisch Maßstäbe setzte. Chemnitz wurde zum sichtbaren Symbol dieser Entwicklung und erwarb sich im Laufe der Jahrzehnte den Ehrennamen des „sächsischen Manchester“ – ein Titel, der nicht aus regionalem Stolz geboren war, sondern aus internationaler Anerkennung industrieller Leistungsfähigkeit.

So entstand bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Industrie­raum, der in seiner Dichte, Vielfalt und Innovationskraft zu den tragenden Säulen der deutschen Ökonomie zählte und dessen Bedeutung weit über die Region hinausreichte.

In Berlin und Dresden, den Schaltzentralen der preußischen und sächsischen Monarchien, hatte man die Zeichen der Zeit erkannt. Die politische und wirtschaftliche Führung wusste, dass der Rückstand gegenüber England nur durch tiefgreifende Reformen aufzuholen war. Die englische Monarchie hatte sich mithilfe frühzeitiger Industrialisierung, offener Märkte und unternehmerischer Freiheit in die Lage versetzt, ein den gesamten Globus umspannendes Empire zu errichten. Wollte Preußen in diesem Wettlauf um politische Macht bestehen, musste es diesen Weg nachzeichnen und wirtschaftspolitisch in die Offensive gehen.

Reform und Aufbruch

Die deutschen Adelshäuser reagierten zwar mit Zeitverzögerung auf den Innovations- und Technologieschock der Dampfmaschine, aber dann mit Mut und Weitsicht. Der preußische Staat begann ab den 1830er-Jahren, die noch aus dem Mittelalter stammenden Zunftzwänge schrittweise zu beseitigen, liberalisierte das Gewerberecht und schuf damit erstmals ein tragfähiges Rahmenwerk für unternehmerische Initiative jenseits ständischer Beschränkungen. Andere folgten dem Beispiel des deutschen Hegemons und kooperierten beim Aufbau eines deutschen Binnenmarktes.

Mit der Gründung des Zollvereins öffnete sich der Unternehmerschaft ein integrierter Aktionsraum. Handelshemmnisse verschwanden, was ökonomische Skaleneffekte möglich machte, die zuvor an Kleinstaaterei und Binnenzöllen gescheitert waren. Produktion konnte nun effizienter organisiert und am Bedarf eines größeren Markts ausgerichtet werden.

Flankierend zu diesem ordnungspolitischen Werk investierten die Staaten gezielt in ihre Infrastruktur. Das Straßennetz wurde ausgebaut, Kanäle für die Binnenschifffahrt angelegt und vor allem die Eisenbahn gefördert, die ein dichtes Netz zwischen Rohstofflagern, Produktionsstätten und Absatzmärkten aufspannte und die wirtschaftlichen Akteure erstmals dauerhaft integrierte.

Ein Kind dieser Zeit war auch das preußische Bildungswesen, das sich inhaltlich neu ausrichtete und technische sowie naturwissenschaftliche Kenntnisse in den Vordergrund stellte. Bergakademien entstanden, Universitäten wurden reformiert, Polytechnika gegründet, um Ingenieure, Chemiker und Fachkräfte für eine moderne Industrie auszubilden.

Mitteldeutscher Industriegürtel

Neben dem Ruhrgebiet und Oberschlesien wuchs die Industriezone Sachsens und Thüringens zu einem Powerhouse des Deutschen Reiches heran. Bereits um 1900 lag das Pro-Kopf-Einkommen in Sachsen über dem Reichsdurchschnitt. Die Region war hochproduktiv, exportorientiert und technologisch führend; ihre wirtschaftliche Basis war ungewöhnlich breit aufgefächert.

Von der Textilindustrie über den Maschinenbau und die Feinmechanik bis hin zu Spitzenprodukten in den Bereichen Optik, Glas, Porzellan, Papierwaren und chemische Vorprodukte reichte das industrielle Spektrum. Es waren Unternehmen wie Carl Zeiss in Jena oder Junkers in Dessau, ebenso die Auto Union, aus der später Audi hervorging, die ihre Wurzeln im sächsischen Raum hatten.

Leipzig wuchs zur bedeutenden Verlags- und Messestadt empor, Dresden galt als führender Ingenieurs- und Forschungsstandort. In Jena verdichteten sich Industrie, Wissenschaft und Forschung zu einer einzigartigen Schnittstelle. Halle und Weimar entwickelten sich zu kulturellen und akademischen Mittelpunkten von internationalem Rang.

Diese enge Verzahnung von Industrie und Bildung schuf den Nährboden für nachhaltiges Wachstum im Reich und trug entscheidend dazu bei, dass der mitteldeutsche Industriegürtel über Jahrzehnte hinweg zu den leistungsfähigsten Wirtschaftsregionen des Landes zählte.

Alles in allem war der Aufstieg der mitteldeutschen Ökonomie das Ergebnis eines Amalgams aus ordnungspolitischen Reformen, Rechtssicherheit, Eigentumsschutz und Vertragsfreiheit, verbunden mit der technologischen Adaptionskraft deutscher Unternehmer und ihrer konsequenten Integration in die Märkte ihrer Zeit. Es war eine ordnungspolitische Architektur, keine planwirtschaftliche Irrlehre.

Gerade im Rückblick wird deutlich, wie scharf sich dieser Ansatz von jenen Modellen unterschied, die im folgenden Jahrhundert immer wieder erprobt wurden: in den Verwerfungen der großen Kriege ebenso wie im sozialistischen Experiment der DDR, als industrielle Zentren verstaatlicht, der Koordinationsmechanismus des Marktes durch politische Lenkung ersetzt und gewachsene Wirtschaftsstrukturen Schritt für Schritt herabgewirtschaftet wurden.

Liberale Denkschulen

Ideengeschichtlich folgte auf den englischen Liberalismus in den 1870er Jahren eine kontinentale Ausformung, die ihren prägnantesten Ausdruck in der sogenannten Österreichischen Schule der Nationalökonomie fand, begründet von Carl Menger. Menger und seine Schüler lieferten der österreichisch-ungarischen Monarchie kein politisches Programm, wohl aber ein ordnungspolitisch-intellektuelles und ethisches Koordinatensystem, das eine wirtschaftsliberale Orientierung der Politik stützte und legitimierte.

Diese Lehre musste zwangsläufig auch beim Nachbarn im Norden verfangen. Freie Märkte, dynamisches Unternehmertum und liberales Gewerberecht füllten nicht zuletzt auch die Kassen der Hohenzollern in Preußen oder des Hauses Wettin in Sachsen.

Besonders sichtbar wurde der Einfluss der neuen ökonomischen Lehre dort, wo Theorie und Staatspraxis zusammenfielen – etwa in der Person Eugen von Böhm-Bawerks, der als österreichischer Finanzminister zentrale finanz- und wirtschaftspolitische Entscheidungen im Habsburgerreich mitprägte.

Die dynamischen Jahre der Gründerzeit bestätigten den Gehalt der Lehre vom freien Markt und vom freien Handel, die der Politik sowohl Hinweise für die Ausgestaltung eines passenden gesetzlichen Rahmens lieferte als auch eine ökonomisch-historische Deutung des Geschehens anbot – ein ideeller Unterbau, der den Aufstieg der industriellen Zentren im deutschen Raum begleitete und mittrug.

Abstieg und Verfall

Doch die Geschichte folgt bekanntlich keiner linearen Erzählung. Auf Phasen des Aufstiegs folgen Reifezeiten und schließlich Niedergänge, die in aller Regel nicht ökonomisch, sondern politisch ausgelöst werden. Solche Rupturen prägten Deutschland seit der Zeit des Zweiten Weltkriegs in besonderem Maße.

Der mitteldeutsche Industriegürtel ging nicht schleichend in die Knie, er brach nahezu über Nacht zusammen. In den Jahren der sowjetischen Besatzung wurde seine industrielle Substanz durch Demontagen und Enteignungen systematisch zerstört. Was über Jahrzehnte aufgebaut worden war, wurde innerhalb kurzer Zeit zerlegt.

In den Jahren des DDR-Sozialismus setzte sich dieser Prozess fort. Die verbliebenen industriellen Strukturen wurden in der Planwirtschaft buchstäblich zerrieben, Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit gingen verloren. Unternehmer, Ingenieure und Facharbeiter flohen in den Westen; dem Kapital folgte das Wissen. Die Region blutete intellektuell und ökonomisch aus.

Während die Bundesrepublik nach 1950 einen beispiellosen industriellen Aufschwung erlebte, verharrten die alten ostdeutschen Industrieregionen im Stillstand. Erst mit der Rückkehr zu einem – wenn auch nur partiell – marktwirtschaftlichen System nach 1990 setzte ein neuer Aufschwung ein, der jedoch den jahrzehntelangen Substanzverlust nur langsam und unvollständig ausgleichen konnte.

Wende und neue Probleme

Alte Produktionsstandorte und Forschungseinrichtungen wurden reaktiviert. Städte wie Leipzig, Dresden und Jena profitierten von einer Renaissance als Bildungs- und Innovationszentren. Der im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands einsetzende Aufschwung konnte den Niedergang der alten Industriezentren im Osten jedoch nur teilweise kompensieren.

Dem freien Markt wurde nur zögerlich Raum gegeben. Statt gezielter Wirtschaftssonderzonen und steuerlicher Anreize für die Krisenregionen setzte die Politik auf kostenintensive Subventionsprogramme und direkte staatliche Steuerung.

In der Gegenwart sehen sich die mühsam wieder erstarkten Pflänzchen der Hoffnung einer neuen politischen Wende gegenüber. Die fortschreitende klimasozialistische Transformation der Europäischen Union scheint jede Hoffnung auf dynamisches Wachstum in den deutschen Industrieregionen fürs Erste zu ersticken.

Die Geschichte der ostdeutschen Industriezentren droht zur Erzählung eines deutschen Rust Belts mit leerstehenden Industrieanlagen, Abwanderung und wirtschaftlicher Agonie zu werden. Was darauf folgen wird, bleibt offen. Dass auf einen Niedergang möglicherweise ein neues deutsches Wirtschaftswunder folgt, sollte jedoch niemand ausschließen. Die deutsche Geschichte kennt zahlreiche solcher Comeback-Stories.


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