Weiterleben nach Nizza: Jeder LKW kann jetzt der rasende Tod sein

"Ich entscheide auch für meine Tochter, dass ich lieber am Meer sterben will als auf der Promenade." Martina Guthmann schildert das Erlebnis der schrecklichen Nacht in der strahlend schönen Stadt des jähen Todes.

Ist es nicht leichtsinnig, geradezu waghalsig, in Anbetracht der Terrorwarnungen für französische Küstenstädte, den 14. Juli 2016 in Menschenmassen zu begehen? Wäre nicht gerade und genau beim Feuerwerk an der Uferpromenade einer Touristenmetropole wie Nizza der perfekte Moment für Bestien, wieder zuzuschlagen und die Grande Nation in ihr Herz zu treffen? Natürlich habe ich mir diese Fragen gestellt. Und für alle, die nun erst recht unverständig mit dem Kopf nicken „Wie kann man nur …? und sich stillheimlich denken „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um“: Ja, ich habe es getan und ich schreibe mir jetzt von der Seele, wie es sich anfühlt, einen Terroranschlag überlebt zu haben.

Samstag, 16.07.2016, 2:30 Uhr

Sirenen haben mich gerade wieder aus dem Schlaf gerissen – ich bin dünnhäutig und zittrig – die Nacht zum Freitag steckt mir tief in den Knochen.

Donnerstag, 14.07.2016, 16:50 Uhr

Der Pilot scheint den Landeanflug genauso zu genießen „Nun sehen Sie, wenn Sie rechts rausschauen, Nizza … und nun, wenn Sie links raussehen …“ Ich freue mich auf meine Tochter, die ihr Studienjahr in Frankreich gerade mit einem Praktikum beendet.

Sich nach Monaten wieder einmal in den Armen zu liegen, ein paar unbeschwerte Stunden an der Baie des Anges zu verbringen, ihre Liebe zu Frankreich mit ihr zu teilen, vor allem für einen jungen Menschen, der sich allen Unfriedens trotzend als Weltbürger fühlen möchte, kein Schwarzmaler zu sein: war denn nicht schon mein Satz zu viel „Eigentlich brauchst Du mich nicht am Flughafen abzuholen“ – Ankunfts- und Abflughallen sind ja bekanntlich nicht die sichersten Orte.

22:00 Uhr

Nach dem Abendessen in ihrer WG stehen wir nun an der Strandpromenade – keiner ist angstfrei, aber man muss die Angst in den Griff bekommen, sich das Leben nicht verbieten lassen, trotzdem ertappe ich mich dabei, die Lage um mich herum zu checken, auch den Mülleimer neben dem Crêpestand , während ich hinter uns eine traditionsbewusste muslimische Familie mit süßen kleinen Kindern und vor uns Jugendliche beobachte, die permanent in anderen Konstellationen Gruppenselfies mit Strahlemann-Mine schießen und das Ergebnis danach kritisch beäugen. Keine ausgelassene, aber eine friedliche Stimmung um uns herum an diesem schönen Fleck der Erde. Der letzte Feuerwerksfunken ist noch nicht erloschen, da geht die Promenaden-Beleuchtung wieder an. Irgendwie fühle ich mich erleichtert, meine Tochter lacht auch – wir denken das gleiche. Offensichtlich war auch – das bemerken wir, als wir am Tag danach unser Handeln noch mal Revue passieren lassen – unausgesprochen zwischen uns das gleiche Gefühl. Bevor wir ihre Freunde später an der Place Massena treffen, flanieren wir jetzt noch die Musiktribünen bis zum Negresco ab, doch die knapp 200 m stellen angesichts der vielen Menschen eine andere Zeitdistanz dar.

22:40 Uhr

Meine Tochter sendet eine Whats app Nachricht an ihre Freunde: “Ne venez pas en ville!!” wir liegen unter der Tribüne nahe des Palais Méditerranéen. „Je vous fais du mal?“ frage ich die Frau, deren Arm ich unter meinem Rücken spüre. Der Körper meiner Tochter bebt in meinen Armen. „Mama, ich will noch nicht sterben“. Wir sagen uns das, was man sich in diesen Momenten sagt und dann spreche ich das Vaterunser, während wir Schüsse hören.

Vor wenigen Minuten haben wir zwischen Palais Mediteranéen und Negresco beschlossen, doch besser umzudrehen und über den Strand zurück Richtung Altstadt zu gehen. Ich habe mich kurz nach meiner Tochter umgeblickt, hinter ihr weißes Blech, das wie aus dem Nichts aus dem Menschengewimmel auftaucht, herumwirbelnde und Sekunden später blutende Körper auf dem Boulevard gesehen. Ich nehme die Hand meiner schreienden Tochter “Mama, die Frau ist tot” und dann stolpern wir beide zu Boden. Die Bilder der Love Parade ziehen an uns beiden in Bruchteilen von Sekunden vorbei – (das stellen wir am nächsten Tag fest, als wir versuchen, gemeinsam alles in Millisekunden aufzuarbeiten). Wir können uns wieder aufrappeln und hilfsbereite Menschen schieben uns unter eine Musik-Tribüne. „Keep calm – nicht bewegen – attention aux enfants – Qu’est-ce qui s’est passé?“ Die meisten um uns herum – Einheimische und Touristen, die einfach nur ein paar Stunden feiern wollten – scheinen gar nicht zu wissen, dass wenige Meter weiter gerade Menschen überfahren wurden. Die Opfer hatten nicht einmal die Zeit, zu schreien.

Alle Antennen auf Empfang – keine Zeit für Angst und Schmerzen – Geschrei und Schüsse pausieren – wir bekommen das Kommando, unser Versteck zu verlassen und uns in gebückter Haltung an der Absperrung der Steinmauer entlang zu hangeln – ein paar Meter weiter lassen wir uns mit Hilfe von Menschen am Strand hinab. „Je peux rester avec vous ? J´ai perdu mon amie, die Junge Frau, der ich runterhelfe, stolpert mit uns über die weiß strahlenden Kiesel Richtung Meer, da taucht die Freundin wieder auf und wir verlieren uns aus den Augen. “Par là – par là”, ruft ein Helfer und zeigt auf das Strandrestaurant – wir folgen, um kurz danach zu erfahren, dass wir nun für die Evakuierung wieder die Treppe hoch zur Promenade sollen. Alles sträubt sich in mir dagegen – am Meer sehe ich die ersten Menschen ins Wasser flüchten und in Richtung eines Küstenwache-Bootes schwimmen. Meiner Tochter scheint das dunkle Meer mehr Angst zu machen als das Gewimmel von Hilfesuchenden – am nächsten Tag erzählt sie mir, dass sie weitere Schüsse von der Promenade Richtung Strand befürchtete, trotzdem sagt sie: Mama, entscheide Du.

Ich entscheide, dass ich lieber am Meer sterben will als auf der Promenade und wir laufen Hand in Hand, so schnell wir können, über die weißen Kiesel stadtauswärts. Ein junger Mann folgt uns, legt die Hand auf den Rücken meiner schluchzenden Tochter – was ist aus mir geworden, dass ich im Bruchteil einer Sekunde dessen Hautfarbe checke? – Er stützt meine Tochter auf der anderen Seite und wir laufen zu dritt weiter, zwei weitere junge Männer sind nun um uns herum an dem fast menschenleeren Strandabschnitt. Noch überwiegt Mißtrauen die Hoffnung auf Rettung. „Venez avec nous. C’est tout proche – là vous serez en sécurité.“ Alternativen gibt es nicht wirklich – aber als wir nun doch die totenstille Promenade überqueren müssen, überkommt mich in Sekundenbruchteilen wieder Panik. „Non – non“ – „Ne regardez pas à droite.“

23:40 Uhr

Möchten Sie Freunde oder Familie kontaktieren? Wir sitzen auf dem Sofa der Ferienwohnung im 7.Stock. Man reicht uns Wasser. Der Vater der jungen Männer legt mir ein Buch über die Schlösser Mecklenburg-Vorpommerns auf den Schoß und erzählt, dass die Familie erst gerade erst von der Heimat Polen über Deutschland nach Frankreich gefahren ist. Sein Smalltalk-Ablenkungsmanöver funktioniert nicht. Bei allem Mitgefühl, das wir in den nächsten Tagen von allen Seiten erfahren werden – wirklich MIT-Fühlen ist für den, der nicht schon einmal Teil eines solchen Geschehens war, wohl fast nicht möglich.

Draußen heulen die Sirenen – im Nebenzimmer hört seine Frau offensichtlich kurz die Nachrichten. Dann bringt sie Handtücher und sagt, sie habe das `Kinderzimmer´ für uns hergerichtet. „Es sind sicher auch viele nur verletzt, mit diese Worten versuche ich meiner Tochter ihre inneren Bilder schön zu reden.“

„Cara is safe“ die Facebook-Welt weiß es nun auch, und als erster reagiert darauf ihr Onkel in Hawaii – große, kleine Welt.

Freitag, 15.07.2016, 6:00 Uhr

Eine Nachricht auf Küchenkrepp und dann schleichen wir uns aus der Wohnung. Doch unser naives Bedürfnis, das Erlebte rückwärts wieder aufzurollen, und den Strand zurück zu laufen, scheitert daran, dass alle Zufahrtsstraßen zur Promenade abgesperrt sind. Auf die Parallelstraße Rue de France wird in den Geschäften frisches Obst angeliefert, das Leben geht weiter. Etwa da, wo am Vorabend noch der Crêpemann war, steht die Polizei. Hinter der Absperrung sehen wir leider nicht nur den weißen Lastwagen … Noch konnte nicht für genug Sichtschutz gesorgt werden. Die Trikolore am Beau Rivage auf Halbmast. Der Feiertag der Franzosen wird ab jetzt immer Tag der Trauer sein.

Leere und Schmerz, Trauer und Hass überkommen mich abwechselnd mit Selbstvorwürfen. Hätte ich doch nur auf mich gehört und meiner Tochter das Feuerwerk ausgeredet. „Ich bin so froh, dass Du da bist“ – meine Tochter sieht es anders, sie wäre in jedem Fall hingegangen. Das Gedanken- und Bilder-Karussell dreht sich in Höchstgeschwindigkeit. Grausame Realität und das Gefühl, in einem Film zu sein, wechseln in Sekundenschnelle.

Wir bewegen uns langsam. Die WG erwacht gerade bei unserer Ankunft. Mitgefühl aber nicht MIT-Gefühl – man will klettern gehen.

Wir beschließen, weiße Lilien zu kaufen für die Toten und einen Obstkorb für unsere Retter, bei denen wir uns um die Mittagszeit auf eine Tasse Kaffee einladen. Dort erfahren wir auch die Adressen zum Blutspenden und die des psycholgischen Krisen-Interverntionsteams. Wir sind zögerlich, dorthin zu gehen, denn das Schicksal hat es mehr als gut mit uns gemeint. Wir sind weder verletzt noch müssen wir vermisste oder verlorene Freunde oder Angehörige beklagen. Doch am CUM (Centre Universitaire Méditerranéen) ist Zeit auch für uns, die Hilfe, die den Menschen zuteil wird, ist ebenso unkompliziert wie kompetent. Unser Psychologe holt seine Frau zu uns. Sie ist Marokkanerin. Er erzählt, dass sein Verein sich seit gut 10 Jahren für die Eingliederung von jungen Männern engagiert. Dass das schlimmste wohl sei, bei einem solchen Attentat seine Kinder zu verlieren und rät, über die Akzeptanz des Erlebten könne neben dem Negativen ein neues Pflänzchen Hoffnung wachsen, das es durch positive Ereignisse, schöne Momente und Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit zu hegen und zu pflegen gelte. Wieder und wieder werden wir in den nächsten Stunden die Stichstraßen rund um die Promenade des Anglais abgehen, auf verzweifelte Menschen und auf überfragte Polizisten treffen sowie auf Journalisten aus aller Welt. Das Jazz-Festival ist zwar annuliert, aber der Grund dafür bringt auch Arbeit. Wir werden uns wundern über eine Sonnenanbeterin im Bikini, die zwischen den Ü-Wagen auf den Steinen der Mauer zum gesperrten Strand liegt und über Menschen, die in stille Gebete hineingrölen.

Nizza_6

Samstag, 16.07.2016

La vie continue. Wie wir uns vorgenommen haben, fahren wir ins nahe Roquebrune zum Cap Moderne und besichtigen auf den Spuren von Le Corbusier die Villa von Eileen Gray E 1027 gestaltet mit seinen Werken, seine Urlaubs-Hütte und sein Lieblingsrestaurant Etoile de Mer. Am Wochenende wird sein Werk zum Welterbe erklärt werden.

Dann gehen wir zur Promenade.

Die Lilien, die wir aufgehängt haben, sind umringt von einem Meer von Blumen, Stofftieren, Briefen, Kuscheltieren und Kerzen. Kitsch?? Als Beteiligte empfinden wir diese Zeichen gemeinsamen Trauerns als großen Trost, als Möglichkeit der Anteilnahme mit allen Opfern und deren Angehörigen. U-NICE- ON(S) NOUS – das Wortspiel des Graffiti-Künstlers ist gelungen. Promenade und Strand sind wieder begehbar, wir gehen “unseren” Weg ab. Einige Restaurants der Promenade sind gut besucht, die Journalisten haben Hunger. Wir weinen still an jedem Blutfleck. Runter zum Strand nehmen wir die jetzt Treppe – die Mauer ist so hoch, so steil, die Steine scharfkantig.

Das Meer ist so beruhigend, das Licht so strahlend, La Baie des Anges ist zum Weinen schön. “Das wird ein ruhiger Sommer für Nizza“, sagt mir die patente und hilfsbereite Mitarbeiterin vom Office de Tourisme. Das heute erwartete Kreuzfahrtschiff mit 4.000 Personen hat die Route geändert.

Meine Tochter will bleiben, ihren Heimflug wie geplant erst in zwei Wochen antreten. Sie meint, sie will ihr Studienjahr nicht so beenden, Nizza nicht so überstürzt verlassen. Ich verstehe sie.

Martina Guthmann über sich und ihre Tochter in Nizza.

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