Equal Pay Day: Kein Beweis für Geschlechterdiskriminierung

Am 18. März ist "Equal Pay Day", mit dem eine gleiche Entlohnung für Männer und Frauen angemahnt werden soll. Die frühere Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) fragt sich, ob der Unterschied nicht ganz unspektakulär erklärt werden kann.

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„Sie müssen bitte empörter sein“, hat mich als Ministerin mein Pressesprecher immer besonders vor frauenpolitischen Auftritten ermahnt. Ich gebe zu, empört sein ist echt nicht meine Kernkompetenz. Und besonders schwer fiel mir das am alljährlichen Equal Pay Day, weil ich einfach den Verdacht nicht los wurde, dass die allseits beklagten 22 Prozent Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern vor allem etwas mit ungleichen Präferenzen von Männern und Frauen zu tun haben.

Politischer Handlungsbedarf?

Zu diesem Thema habe ich jetzt in den „Gesellschaftspolitischen Kommentaren“ einen Aufsatz veröffentlicht:

22 Prozent beträgt in Deutschland der Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Stundenlohn einer Frau und dem eines Mannes. Sind diese 22 Prozent Ausdruck von Diskriminierung? Oder von unterschiedlichen persönlichen Präferenzen? Von der Antwort auf diese Frage hängt ab, ob es in Sachen unterschiedlicher Bezahlung von Männern und Frauen wirklich einen politischen Handlungsbedarf gibt.

Zur Berechnung des unbereinigten Gender-Pay-Gaps von 22 Prozent werden alle Frauen- und Männergehälter zusammengezählt und durch die vom jeweiligen Geschlecht geleisteten Arbeitsstunden geteilt. Der gelegentlich vorgebrachte Vorwurf, der Gender-Pay-Gap berücksichtige nicht, dass Frauen häufiger Teilzeitarbeit leisteten, trifft also nicht zu: Es geht um Stundenlöhne.

Die Qualifikation ist das Augenscheinlichste

Dennoch sagt die Zahl von 22 Prozent praktisch nichts aus, zumindest nichts darüber, wie in Deutschland Männer und Frauen im selben Beruf, mit vergleichbarer Qualifikation, Erfahrung und Einsatzbereitschaft bezahlt werden. Denn die Gruppen der Männer und Frauen, deren Durchschnittsgehälter hier verglichen werden, weisen nun mal unterschiedliche, für das Gehalt aber ausgesprochen relevante Merkmale auf. Die Qualifikation ist das Augenscheinlichste: 84 Prozent beträgt derzeit der Männeranteil beim Studium der Elektro- und Informationstechnik, 77 Prozent der Studenten der Germanistik sind Frauen. Und selbst in der Betriebswirtschaftslehre, die inzwischen von immerhin 48 Prozent Frauen studiert werden, kaprizieren sich die Studentinnen nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Volks- und Betriebswirte häufiger auf Marketing und Personalwirtschaft, während die Studenten häufiger die lukrativeren Schwerpunkte Accounting, Controlling, Wirtschaftsprüfung und Wirtschaftsinformatik wählen. Wenn also mit dem Gestus der Empörung auf die Lohnlücke von 22 Prozent verwiesen wird, dann wird im Kern angeprangert, dass Unternehmen den E-Techniker besser bezahlen als die Germanistin (übrigens auch die E-Technikerin besser als den Germanisten. Aber diese Konstellation gibt es eben nicht so häu g.). Kann man das Unternehmen ernsthaft zum Vorwurf machen?

Wohl kaum. Dennoch hält sich der Mythos über die 22 Prozent, die Frauen für gleiche Arbeit weniger verdienten als Männer, hartnäckig. Als Ministerin habe ich eine besonders eifrige Verfechterin dieser These mal gefragt, warum dann nicht mehr Unternehmen auf die Idee kommen, nur Frauen einzustellen und so 22 Prozent der Lohnkosten zu sparen. „Da sehen Sie mal, wie heftig die Vorurteile gegenüber Frauen sind, dass die Unternehmen freiwillig auf diesen Profit verzichten“, wurde mir daraufhin nach einer kurzen Schrecksekunde todernst mitgeteilt.

Etwas beweglichere Geister haben flugs das Wörtchen „gleichwertig“ dem gängigen Vorwurf hinzugefügt. „Noch immer erhalten Frauen durchschnittlich 22 Prozent weniger Entgelt als Männer – für gleiche oder gleichwertige Arbeit. Das ist die Realität für erwerbstätige Frauen in Deutschland.“, hieß es im gemeinsamen Aufruf von DGB, Deutschem Frauenrat und Sozialverband Deutschland zur zentralen Kundgebung zum Equal-Pay-Day 2016 am Brandenburger Tor, an der sich auch Vertreterinnen meiner Partei beteiligten.

Die Unternehmen entscheiden selbst

Ich verstehe, dass der DGB gerne ex Cathedra festsetzen möchte, welche Arbeit in Deutschland gleichwertig ist. Und als Soziologin (Nebenfächer: Philosophie und Geschichte) fände ich es auch prima, wenn endlich mal amtlich festgestellt würde, dass Geisteswissenschaftler für Unternehmen genauso wertvoll sind wie Naturwissenschaftler. Bloß: in einer freien Markwirtschaft entscheiden das die Unternehmen. Und das will zumindest meine Partei auch nicht ändern.

Mehr Rauch als Feuer
Equal-Pay-Day: Von Lohnlücken und freien Entscheidungen
Dass sich das Studiums- und Berufswahlverhalten von Männern und Frauen beharrlich so stark unterscheidet, ist offenkundig und erklärt einen gewichtigen Teil des Lohnunterschieds zwischen Männern und Frauen. Auch weitere wichtige Faktoren sind wissenschaftlich weitgehend identifiziert, wenn man sie herausrechnet, kommt man zu einer „bereinigten“ Lohnlücke, die je nach Anlage der Studie zwischen acht Prozent (Statistisches Bundesamt) und zwei Prozent (Institut der deutschen Wirtschaft) liegt: Frauen sind seltener in Führungspositionen vertreten. Frauen üben häufiger Teilzeitbeschäftigungen aus oder arbeiten in Minijobs. Frauen unterbrechen nach der Geburt eines Kindes häufiger ihre Tätigkeit und verfügen somit über weniger Berufserfahrung.

„Aber gerade diese Punkte, die für die Lohnlücke verantwortlich sind, riechen doch alle bereits selbst nach Diskriminierung!“, sagen die einen. Und deren Narrativ findet man in den letzten Jahren vom Heute-Journal bis zu der kleinsten Lokalzeitung so ziemlich überall: Frauen sind deswegen seltener in Führungspositionen vertreten, weil sie in ihren Unternehmen „an gläserne Decken stoßen“, arbeiten häufiger in reduzierter Stundenzahl, weil sie „in die Teilzeitfalle gedrängt werden“ und bleiben nach der Geburt eines Babys häufiger zu Hause, weil sie „verkrustete Rollenbilder nicht aufbrechen können“.

Verzicht auf mehr Geld erhöht Freiraum

Vielleicht treffen hier aber einfach auch Menschen Entscheidungen. Entscheidungen darüber, was ihnen in ihrem Leben wirklich wichtig ist. Und gerade rund um die Geburt eines Kindes neigen Frauen dazu, diese Entscheidungen anders zu treffen als Männer. Die britische Soziologin Catherine Hakim hat dies 2011 beispielhaft für die Apothekenbranche untersucht. Bei 27 Prozent liegt die Lohnlücke zwischen Apothekerinnen und Apothekern in Großbritannien. Diskriminierung? Hakim zeigte eindrucksvoll, dass sich schlicht die Präferenzen unterscheiden. Apothekerinnen legen häu ger Wert auf Teilzeitmöglichkeiten, geregelte Arbeitszeiten und einen pünktlichen Arbeitsschluss. Männliche Apotheker sind hingegen wesentlich häufiger unter den Eigentümern von Apotheken zu finden, mit entsprechend längeren und ungeregelteren Arbeitszeiten und der Verantwortung der Selbständigkeit. Die höhere Risikobereitschaft in Verbindung mit höherem Zeitaufwand bringt Apothekern also mehr Geld. Oder umgekehrt formuliert: Der Verzicht auf mehr Geld bringt Apothekerinnen mehr Zeit und persönlichen Freiraum.

Dies dürfte auf die meisten Branchen übertragbar sein und ich wundere mich immer, wie unisono gerade die kapitalismuskritische Linke dabei die Frauen in der Verlierer- und die Männer in der Gewinnerrolle sieht. Mir erscheint dieser Befund nicht so klar, denn ich glaube nicht, dass allzu viele Menschen auf dem Sterbebett bereuen, zu wenig Zeit im Büro verbracht zu haben. Und die gute alte Ehe mit ihrer Zugewinngemeinschaft schafft hier auch im Scheidungsfall einen doch recht fairen Ausgleich, der übrigens auch die Altersversorgung umfasst (Stichwort: Gender-Pension-Gap).

Catherine Hakim wurde für ihre Präferenztheorie heftig kritisiert. Soll neben all den gläsernen Decken, Teilzeitfallen und verkrusteten Rollenbildern tatsächlich auch der freie Wille eigenverantwortlicher Menschen eine Rolle spielen? Und, das macht diesen Befund ja so empörend, soll man auch noch einfach hinnehmen, dass dieser freie Wille bei Männern und Frauen mitunter unterschiedlich ausfällt?

Unterschiedliche Präferenzen von Männern und Frauen gehen die Politik nichts an.
Zumindest bedarf ein Gesetz zur Eindämmung der geschlechtsspezifischen Gehaltsunterschiede einer guten Begründung. Schließlich stellt es einen empfindlichen Eingriff in fundamentale Prinzipien unserer freien Marktwirtschaft dar, wenn der Staat sich in die Vertragsfreiheit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer einmischt. Der Nachweis, dass der Gender Pay Gap tatsächlich etwas mit Diskriminierung zu tun hat, ist nicht erbracht. Es steht die begründete Vermutung im Raum, dass er schlicht auf unterschiedliche Präferenzen von Männern und Frauen zurückzuführen ist. Und solche unterschiedlichen persönlichen Präferenzen gehen nach meinem Staatsverständnis die Politik schlicht nichts an.

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Kommentare

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  • Stefan Hundhammer

    Es ist übrigens vor ein paar Tagen gerade wieder passiert: Das lokale Käseblatt „Frankenpost“ hat in einem Beitrag zum Gender Pay Gap wieder nur die Überschrift wiederholt und den Artikelinhalt so sinnentstellend gekürzt, daß kein Wort mehr davon übrig war, daß nach Berücksichtigung aller Faktoren kein Wert jenseits der Meßgenauigkeit mehr übrig bleibt. War das nun die übliche Inkompetenz oder böse Absicht? Aber egal, das Ergebnis zählt.

    Kein Wunder, daß der Presse die Leser davonlaufen. Denen gönne ich das.

  • Philoktet

    „Heute überholen die Frauen zumindest in der sachlichen Kompetenz die
    Männer in der Phase der Schul- und Ausbildungszeit enorm. Großes
    Gejammer aufseiten der Konservativen: die armen Männer kämen zu kurz,
    alles sei nur noch auf die Mädels fixiert etc. Das ist natürlich dummes
    Zeug – die Mädels beweisen einfach nur, dass sie wahrscheinlich von den
    Gaben her sogar insgesamt überlegen sind.“

    Tut mir leid, aber da wage ich zu widersprechen! Es dreht sich das meiste um die Mädchen!
    Ein Beispiel? An einer Uni gibt es einen Tag, an welchem Schüler in die Vorlesungen für Chemie, Mathematik, Physik, Informatik hinein schnuppern können. Es gibt weitere Erklärungen dazu und Workshops.
    Nun, auch Jungs haben Bedarf daran. Leider wird das auschließlich für Mädchen angeboten. Es gibt diesbezüglich nichts für Jungen.

    • …der „Girl’s day“, ich weiß, der ist allerdings kein Gegenargument gegen meine Einlassung und auch keines dafür, dass sich „das meiste“ um Mädchen drehe.
      Wie schon Philosophen vor über hundert Jahren feststellten, etwa Georg Simmel, ist das Mannsein so selbstverständlich frei, im Bereich des beruflichen und anderen Wollens alles zu tun, was es will, ohne sich selbst reflektieren zu müssen, das Frausein dagegen nicht (und auch heute immer noch nicht vollständig und nicht überall – man denke an die Kopftuchdebatten), dass ein solcher einziger (!) Tag nun dazu führen könnte, dass Mädchen dann faktisch (jenseits der Reflexion und meinetwegen Propaganda) „meistens“ im Mittelpunkt stünden. Genaugenommen stehen sie an diesem einen Tag im Mittelpunkt. Wenn in manchen Berufszweigen nun das geschehen ist, was Frauen selbstverständlich stets zu erdulden hatten ohne Jammer, dann sollte man das zwar nicht gutheißen, aber auch nicht mit Larmoyanz, sondern Mannhaftigkeit beantworten.

  • zsolt

    Um mir über Ihre sachlichen Einwände eine Meinung zu bilden, werde ich eine Weile brauchen und mich dann ggf. dazu später melden.
    Noch zum letzten Abschnitt: Musste der sein?

    • Stefan Hundhammer

      Ja, der letzte Abschnitt musste sein; alleine deshalb, weil das ein starker Indikator dafür ist, in wie weit die Aussage der Studie mit der Realität übereinstimmt.

      In den USA wird viel geklagt, gerade bei Benachteiligung von sozialen Gruppen. Wenn es gerade in einem solchen Bereich geschieht, wo erstens Karrieren und Gehälter auf dem Spiel stehen und zweitens hochintelligente Leute beteiligt sind, die solche Bedenken auch artikulieren können, würde ich erwarten, daß so etwas auch eingeklagt wird.

      • zsolt

        Betreffend Ihren ersten Abschnitt bin ich nicht Ihrer Meinung, werde aber, wie schon gesagt, Ihre Sicht weiter reflektieren

        Das im zweiten Abschnitt angesprochene Problem liegt meiner Ansicht nach z. T. im amerikanischen System der Sammelklagen begründet, dass vor und Nachteile gegenüber dem entsprechenden deutschen Modell der Musterklage hat. Dass Gruppen hochintelligenter, treffender besonders gut ausgebildeter, Menschen ihre Interessen besser artikulieren und vertreten können ist (leider) überall, nicht nur in den USA so. Ich glaube auch nicht, dass die Harvard-Studie als Support für künftige Klagen angelegt ist.