Politischer Wortschatz: Erzählung (Narrativ)

Was haben Politik und Literatur gemeinsam? In beiden werden „Geschichten“ erzählt: In der Literatur schon immer, in der Politik und ihrer medialen Kommunikation vor allem ab den 2000er Jahren.

Der berühmteste deutsche Roman des 18. Jahrhunderts, Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ (1774), beginnt mit folgendem Vorspann des Autors: „Was ich von der Geschichte des armen Werther nur habe auffinden können, habe ich mit Fleiß gesammelt, und leg es euch hier vor, und weiß, dass ihr mirs danken werdet.“

Der Briefroman „Werther“, die Geschichte einer unglücklichen Liebe, die mit dem Selbstmord des Mannes endet, wurde ein ungeheurer Erfolg: Handlung und Erzählstruktur – literaturtheoretisch ausgedrückt: das „Narrativ“ – trafen den Nerv der gebildeten jungen Generation der Zeit: Das Werk wurde literarisch nachgeahmt (Wertheriaden), junge Männer trugen „Werthertracht“, und einige setzten den Romanschluss in Wirklichkeit um (Werthereffekt). Rückblickend wunderte sich Goethe über diese Wirkungen: Er habe „die Wirklichkeit in Poesie verwandelt“; manche Leser hätten aber geglaubt, „man müsse die Poesie in Wirklichkeit verwandeln, einen solchen Roman nachspielen und sich allenfalls selbst erschießen“.

In einem nicht-literarischen Sinn bedeutet „Narrativ“ einen sinnstiftenden Diskurs zu Ereignissen und Sachverhalten, der zur Identität einer Person gehört oder von einer Gruppe (Familie, Partei, Nation u. Ä.) geteilt wird und diese zusammenhält. Seit zwei Jahrzehnten ist dieser – ursprünglich fachwissenschaftliche – Begriff in den Medien üblich geworden und wird zunehmend mit dem alten Wort „Erzählung“ verdeutscht: „Die SPD braucht ein neue Erzählung“ (Vorwärts 24. November 2010), „Europa braucht eine neue Erzählung“ (Tagesspiegel 1. Oktober 2011), „Erzählungen vom „Kontrollverlust des Staates“, von den „berechtigten Ängsten“ sogenannter Abgehängter und von „Obergrenzen“ [haben] Hochkonjunktur“ (ZEIT 2/2018).

Die aktuelle politische Diskussion wird von Narrativen beherrscht: Zum Beispiel hat sich die regierende Ampelkoalition gleich zu Beginn, 2021, als „Fortschrittskoalition“ betitelt, und „eine bessere Erzählung ist eigentlich schwer zu finden“ (Süddeutsche Zeitung 20. November 2023, Seite 11). Trotz dieses begeisternden Narrativs findet die Koalition heute unter den Wählern keine Mehrheit mehr.

Warum? Die politische Erzählung vom „Fortschritt“ ist im Alltag der Bürger unglaubwürdig geworden: So werden die enormen Preissteigerungen bei Energie und Lebensmitteln von den meisten nicht als „Fortschritt“ empfunden, ebenso wenig die Unpünktlichkeit der Bahn, das Fehlen von Medikamenten in Apotheken oder die Funktionsmängel des Staatsapparates. Fazit: Man kann in der Literatur Wirklichkeit in Poesie verwandeln, aber nicht in der Politik, zumindest nicht auf Dauer.

Die vielen politischen Erzählungen (Narrative) haben übrigens zu einer Bedeutungsveränderung des Wortes im allgemeinen Sprachgebrauch geführt: Es wird nun – so das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache (DWDS) – „häufig abwertend“ verwendet, um „andere Überzeugungen oder Darstellungen zu relativieren und sie … als bloße Fiktion zu charakterisieren“.

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Kommentare ( 5 )

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Harry Charles
2 Monate her

HERDENEFFEKT Der Deutsche ist typischerweise ein Herdenmensch, ein Hinrenner, ein Nachahmer, ein Untertan. Es erstaunt einerseits, dass ausgerechnet der deutsche Philosoph Kant sagte „Habe den Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“. Aber dann überrascht es auch wiederum nicht. Denn er kannte wohl den verhängnisvollen Hang vieler seiner Landsleute zur Denkfaulheit. Genau das machen sich jene immer wieder zu Nutzen, die Narrative stricken, um die Dummen bei der Stange zu halten. Wie sonst ließe es sich erklären, dass eine Partei wie die „Grünen“, deren Politik allen nur schadet (=politische Körperverletzung) immer noch über 10% hat, numerisch zwar nicht viel, aber… Mehr

FundamentalOpposition
2 Monate her

Ja, das „Storytelling“ Paradigma ist absolut vorbei. Politiker und Unternehmer haben sich von neo-marxistischen Literatur und Kommunikations „Wissensschaftlern“ mit der „Erzählung“ der „Top-Down“ Steuerung und Schaffung von „Gemeinsamer Realität“ mit hilfe von „Opinion Leaders“ „hinters Licht führen lassen. Kultur und allen voran Geschichten welche „Gemeinsame Realität“ ausdrücken, sind immer „Bottom-Up“ und egal wie sehr sich „Meinungsführer“ wünschen, dass sie über Kontrolle von Medien künstlich „Gemeinsame Realität“ schaffen können, sie können es nicht. Wenn ein „Meinungsführer“ mit seiner Geschichte erfolgreich sein möchte, muss er den Zeitgeist seines Publikums treffen, wie Göthe, nicht gegen sein Publikum belehrend mit Geschichten anschreiben, weil er… Mehr

H.H.
2 Monate her

Narrativ = Erzählung = Märchen = Story.
Dazu passend Märchenerzähler, Story teller.
Ist auf den Punkt gebracht: Geschwurbel. Interessant ist auch wie GEFESTIGT jemand das Wort Narrativ in den Mund nimmt: die ersten Male Unsicher-andächtig, später triumphierend-Überlegenheit-zeigend. Prognose: Es wird sich abnutzen ähnlich wie das Wort populistisch. „was, Sie wollen mir mit einem Narrativ daherkommen?! Jetzt erzähl aber ich Ihnen was…“ Nach einer kurzen Phase der Hochkonjunktur wird es verschwinden und, wer weiß, vom Wort Saga abgelöst werden. So wie das Wort Digitalisierung bereits wieder out ist weil von KI abgelöst.

Klaus D
2 Monate her

Warum? Die politische Erzählung vom „Fortschritt“ ist im Alltag der Bürger unglaubwürdig geworden…..das problem sind die vielen lobbys! Jeder will berücksichtig werden und macht druck und so kommt es zum totalen chaos. Man macht dann regeln und gesetze (bürokartie) die das ganze dann sehr teuer und extrem langwierig machen. Da kann schon ein hamster den traum vom eigenen haus zu nichte machen….

Hamster verhindert Baupläne für Wohngebiet

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/nord-thueringen/unstrut-hainich/hamster-bad-langensalza-wohnen-homburger-weg-100.html

imapact
2 Monate her

Meines Erachtens ist der Begriff des „Narrativs“ oder der „Erzählung“ mittlerweile zum Synonym für eine systematisch aufrechterhaltene Dauer-Lüge geworden.
So wie man umgangssprachlich ja auch sagt: „Erzähl´ keine Geschichten!“ und damit auffordern will, keine Lügen aufzutischen.
Lügen-Erzählungen-Märchen – irgendwie fällt einem da jetzt Habeck ein. Eigentlich hat er seine Laufbahn ja nie wirklich aufgegeben.