Der Bevölkerungs-Blindgänger

Paul Ehrlich prophezeite Hunderte Millionen Hungertote und prägte eine Generation von Umweltaktivisten. Nun ist er mit 93 Jahren gestorben. Sein Erbe: eine Krise, die er nicht kommen sah, und eine, die er mit verursachte.

IMAGO / Newscom / El Pais
Paul R. Ehrlich, Aufnahme vom 04.11.2009

Wer sich an die Prognosen der vergangenen Jahrzehnte erinnert, dem kann ein gewisses Schwindelgefühl nicht erspart bleiben. Das arktische Eis sollte längst verschwunden sein, die Ölreserven erschöpft, ganze Inselstaaten vom steigenden Meeresspiegel verschluckt.

Computermodelle sagten uns den Untergang voraus, wieder und wieder, in bunten Grafiken und mit der Autorität der Wissenschaft. Nichts davon ist eingetreten. Doch wer hat diese Tradition eigentlich begründet? Wer war der Ahnherr der apokalyptischen Prognose im wissenschaftlichen Gewand? Sein Name war Paul R. Ehrlich, und er ist vergangene Woche im Alter von 93 Jahren gestorben.

Der Schmetterlingssammler und die Bombe

Ehrlich war von Haus aus Entomologe, ein Spezialist für arktische Schmetterlinge, der an der Stanford University lehrte. Doch nicht die Lepidopterologie machte ihn berühmt. 1968 veröffentlichte er ein schmales Buch mit dem Titel „The Population Bomb“, dessen erster Satz es in sich hatte: „The battle to feed all of humanity is over.“ Der Kampf sei verloren, die Menschheit dem Untergang geweiht. In den Siebziger- und Achtzigerjahren würden Hunderte Millionen Menschen verhungern. Indien schrieb er ab. Eine Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln sei dort schlicht unmöglich.

Das Buch wurde ein Bestseller. Ehrlich trat in Talkshows auf, wurde zum öffentlichen Intellektuellen, zum Warner vor der Apokalypse. Seine Ideen flossen in den berühmten Bericht des Club of Rome ein, „The Limits to Growth“ von 1972, der mit Computermodellen des MIT die Grenzen des Wachstums berechnete und eine düstere Zukunft prognostizierte.

1980 dann die berühmte Wette. Der Ökonom Julian Simon, den Ehrlich mit einem „Flat-Earther“ verglichen hatte, forderte ihn heraus: Ehrlich solle fünf Rohstoffe seiner Wahl benennen. Würden deren Preise bis 1990 steigen, wie es die Knappheitstheorie vorhersagte, hätte Ehrlich gewonnen. Im Oktober 1990 schickte Ehrlich einen Scheck über 576,07 Dollar. Alle fünf Rohstoffe waren billiger geworden. Seine Reaktion? Die Wette habe „das Falsche gemessen“. Er machte weiter wie bisher.

Die Revolution, die er nicht kommen sah

Was Ehrlich nicht auf dem Schirm hatte, war ein amerikanischer Agronom namens Norman Borlaug. Die von ihm entwickelten Hochertragssorten lösten eine Grüne Revolution aus, die den Hunger in weiten Teilen der Welt besiegte. Indien, das Ehrlich für verloren erklärt hatte, wurde in den Siebzigerjahren selbstversorgend und fügte seiner Bevölkerung bis 1980 jene 160 Millionen Menschen hinzu, die Ehrlich für unmöglich gehalten hatte.

Die Weltbevölkerung wuchs von 3,5 Milliarden im Jahr 1968 auf heute über 8 Milliarden. Und doch verhungerte niemand in den prophezeiten Größenordnungen. Der klassische Fehler des Malthusianismus hatte sich wiederholt: die Unterschätzung menschlicher Anpassungsfähigkeit und technologischer Innovation. Thomas Malthus hatte 1798 vorhergesagt, dass die Bevölkerung geometrisch wachse, die Nahrungsproduktion aber nur arithmetisch, weshalb Hungersnöte unvermeidlich seien. Er ahnte nicht, dass just in jenem Moment die Industrielle Revolution anlief, die alle seine Berechnungen obsolet machen würde. Ehrlich beging denselben Fehler, zur selben Zeit, als Borlaug die Welt ernährte.

Der Wissenschaftler und der Kultist

Ehrlich war nicht der einzige, der in den Sechzigerjahren an die Gefahren der Überbevölkerung glaubte. Der Verhaltensforscher John B. Calhoun startete sein berühmtes „Universe 25“-Experiment, bei dem er Mäusen ein Paradies mit unbegrenzter Nahrung und Wasser bot, um die Folgen von Überbevölkerung zu dokumentieren. Das Ergebnis überraschte ihn: Die Mäuse starben nicht an Überfüllung, sondern an Verhaltensanomalien. Sie hörten auf, sich zu paaren, zogen sich zurück, wurden apathisch. Schließlich starb die Population aus, obwohl die Ressourcen nie knapp wurden.
Calhoun revidierte seine Ansichten nicht vollständig, aber er war für Empirie empfänglich. Er begann, über „behavioral sinks“ nachzudenken, über soziale Pathologien, die mit Dichte allein nicht zu erklären waren. Ehrlich hingegen blieb bis zu seinem Tod überzeugt. Der Scheck war bezahlt, aber die Überzeugung blieb unerschüttert.

Hier zeigt sich ein Muster, das älter ist als Ehrlich selbst. Auch Malthus hatte sich von der Realität nicht beirren lassen. Als die englische Bevölkerung wuchs, ohne dass die vorhergesagten Hungersnöte eintraten, passte er seine Theorie nicht an, sondern erklärte, die Katastrophe sei nur aufgeschoben. Der Malthusianismus trägt von Beginn an die Züge eines Glaubens, nicht einer Wissenschaft. Er ist nicht falsifizierbar, weil jede Widerlegung als vorübergehende Anomalie gedeutet werden kann. Die Bombe explodiert immer „demnächst“.

Die politischen Konsequenzen

Die dunkle Seite des Ehrlich’schen Denkens zeigte sich nicht in Stanford, sondern in Peking und Neu-Delhi. In China wurde 1979 die Ein-Kind-Politik eingeführt, eines der größten sozialen Experimente der Geschichte. Zwangsabtreibungen und Zwangssterilisationen wurden in Millionenzahl durchgeführt, die Berichte aus jener Zeit sind erschütternd. In Indien ließ Indira Gandhi Mitte der Siebzigerjahre Millionen Männer zwangssterilisieren, Tausende starben an den Folgen verpfuschter Eingriffe.

Es wäre ungerecht, Ehrlich persönlich für diese Gräuel verantwortlich zu machen. Er war weit entfernt von den Operationstischen. Aber er lieferte die intellektuelle Legitimation. Er schlug vor, Verhütungsmittel ins Trinkwasser zu mischen, Steuern auf Kinder zu erheben, notfalls Zwang anzuwenden. Und er prägte eine Geisteshaltung, in der Kinder zunehmend als Belastung für den Planeten erschienen, als Problem, das gelöst werden muss.

Alle diese Staaten bereuten später, was sie getan hatten. Irans Oberster Führer Khamenei bat 2012 öffentlich um Vergebung für die Geburtenkontrolle der Neunzigerjahre. China kämpft heute mit einer Bevölkerung, die sich in diesem Jahrhundert halbieren wird. Die Zwangsmaßnahmen hatten demographisch kaum Wirkung, die Geburtenraten wären ohnehin gefallen, aber sie zerstörten das Vertrauen zwischen Staat und Bürgern für Generationen.

Die neue Krise

Die bittere Ironie der Geschichte ist, dass wir heute vor dem exakten Gegenteil von Ehrlichs Albtraum stehen. Fast alle entwickelten Länder liegen unter dem Reproduktionsniveau. Südkorea verzeichnet eine Geburtenrate von 0,7 Kindern pro Frau, ein historisch beispielloser Wert. Deutschland, Italien, Japan schrumpfen. Selbst die Länder, auf deren Bevölkerungswachstum alle Prognosen setzten, beginnen zu wanken.

Eine im Januar 2025 veröffentlichte Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung analysierte Daten von über einer Million Frauen in 39 subsaharischen Ländern. Das Ergebnis bestätigt, was man überall auf der Welt bereits zuvor beobachten konnte: Mit steigendem Bildungsniveau sinken die Geburtenraten dramatisch. Frauen ohne Bildung in bildungsarmen Regionen bekommen durchschnittlich sieben oder mehr Kinder; in Regionen mit hohem Bildungsniveau sinkt dieser Wert. Der stärkste Effekt zeigt sich in Äthiopien, Kenia, Nigeria und Malawi.

Nigeria galt als eine der letzten großen Hoffnungen für die Prognosen einer wachsenden Weltbevölkerung. Das bevölkerungsreichste Land Afrikas, mit seiner jungen Bevölkerung und seinen hohen Geburtenraten, würde die Kurve nach oben ziehen. Doch die jüngsten Zahlen erzählen eine andere Geschichte. Die Fertilitätsrate Nigerias ist von 5,3 Kindern pro Frau im Jahr 2018 auf 4,8 im Jahr 2024 gefallen. Was unerheblich klingt, ist ein Rückgang um fast zehn Prozent in nur sechs Jahren. 1990 lag der Wert noch bei 6,0. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis andere Länder in Schwarzafrika einen ähnlichen Prozess durchlaufen.

Und so wird es nicht mehr lange dauern, bis die gesamte Welt im Durchschnitt unter das Reproduktionsniveau fällt. Die vorhergesagten Spitzenwerte von zehn oder elf Milliarden Menschen werden womöglich nie erreicht. Und das ist nicht nur eine Bankrotterklärung für die prädiktive Wissenschaft mit ihren Computermodellen und Szenarien. Es könnte die gesamte Welt in eine beispiellose Krise stürzen, geprägt von schrumpfenden Arbeitskräften, kollabierten Rentensystemen und verwaisten Landstrichen.

Das doppelte Erbe

Paul Ehrlich hinterlässt ein paradoxes Vermächtnis. Er warnte vor einer Katastrophe, die nie kam, und half, eine andere herbeizuführen. Er wollte die Menschheit vor sich selbst retten und trug dazu bei, dass sie aufhörte, sich fortzupflanzen. Er vertraute auf Computermodelle und Prognosen, und diese Prognosen erwiesen sich als spektakulär falsch.

Zwei Krisen tragen seine Handschrift. Die Krise des Vertrauens in eine Wissenschaft, die ihre Grenzen nicht kennt und ihre Irrtümer nicht eingesteht. Und die demographische Krise, die er nicht vorhersah, zu der er aber beitrug, indem er eine Geisteshaltung salonfähig machte, in der das menschliche Leben selbst als Problem erscheint.

Der Schmetterlingssammler aus Stanford verbrachte sein Leben damit, die Menschheit als Bedrohung für die Biodiversität zu betrachten. Am Ende war es die Menschheit selbst, die zu verschwinden begann. Die Bombe, die er fürchtete, entpuppte sich als Blindgänger. Aber der Zünder, den er legte, tickt noch immer.

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