Dieter Wedel war ein Meister des Films – zuletzt verleumdet und totgeschwiegen

Der Regisseur Dieter Wedel ist vergangenen Mittwoch aus bisher öffentlich nicht bekannten Gründen gestorben. Der Macher der Semmelings, des großen Bellheims und des Königs von St. Pauli sah sich zuletzt Vergewaltigungsvorwürfen ausgesetzt – von denen keiner bewiesen wurde.

IMAGO/Eibner

Einer seiner großen TV-Erfolge war „Der Schattenmann“. Am Ende seines erfolgreichen Lebens war Dieter Wedel selbst eine Art Schattenmann. Einen, dessen Namen man nicht mehr auszusprechen wagt. Aus Furcht selbst auf Listen zu landen, wie sie Nordrhein-Westfalen jetzt sogar von staatlicher Seite aus einführen will. In Rechtsstaaten gilt die Unschuldsvermutung. In woken Kreisen ist sie Ausdruck rechter Gesinnung und des angeblichen Wunsches, den Täter schützen zu wollen. Die Anklage hat die Verurteilung zu sein, hat die Bestrafung zu sein.

Den Vorwurf der Vergewaltigung sprach die Schauspielerin Jany Tempel aus. Sie hat im Wesentlichen für die ARD gedreht: Tatort, Polizeiruf 101, Peter Strohm oder Verbotene Liebe. Ihre zivilrechtliche Klage hat das Landgericht Hamburg abgewiesen. Einen Übergriff Wedels zeigte auch Esther Gemsch der Öffentlichkeit an. Sie spielte 1980 im Tatort „Der gelbe Unterrock“ mit, der wegen fehlender Qualität für über 30 Jahre im „Giftschrank“ des SWF/SWR landete. Bewiesen ist bisher kein Vorwurf. Ermittelt werden darf in Deutschland gegen Tote nicht – Anklagurteilstrafungen im Internet stehen aber jedem frei: #Metoo.

Wedels Ruhm begründete sich vor allem auf der Popularität der „Familie Semmeling“. Ihre Geschichte hatte der Regisseur gleich mehrfach verfilmt und zeigte dabei, woran alles verzweifeln kann, wer in Deutschland ein Haus bauen will. Die Liebe fürs Detail zeichneten seine Filme aus, auch dass er die Härten des Alltags durch eine Portion Humor abzufedern wusste. Wobei Wedel die Kamera auch gnadenlos draufhalten lassen konnte: etwa in der Sexszene von Stefan Kurt gegen Heike Makatsch in „Die Affäre Semmeling“ aus dem Jahr 2002. So drastisch war eine zerrüttete Ehe selten gezeigt worden und wird sie wohl auch nicht mehr im woke-puritanischen Zeitgeist dieser Tage.

Nicht zufällig waren die 90er Jahre das Jahrzehnt von Dieter Wedel: Der große Bellheim, Der Schattenmann und Der König von St. Pauli fielen in diese Zeit. Es war vielleicht das freieste Jahrzehnt der Deutschen. Heute schwadronieren Politiker:*innen wie Malu Dreyer (SPD) davon, dass Karl Marx ein „streitbarer Denker“ war, „der mit seinen revolutionären Ideen von Wirtschaft und Gesellschaft die Welt verändert hat“ und auch verbindend wirken könne. Damals hatten die Deutschen ein klareres Bild auf Marx und seine Lehre: die den Menschen niederdrücken wollte in eine unfreie Rolle, von der Menschen weglaufen – zur Not unter Lebensgefahr. Es war die Zeit eines Regisseurs, der die Welt zeigte, wie sie ist. Nicht, wie sie sein soll.

Auch Wedels Führungsstil wurde kritisiert. Der Schauspieler Paulus Manker verglich ihn mit einem nordkoreanischen Diktator. Wer Manker nicht kennt: Er bezieht sein Einkommen aus Werken, die mit staatlichen Subventionen finanziert werden, mit Rundfunkgebühren und mit noch mehr staatlichen Subventionen. Es ist die Art von Kunst, bei der man Menschen zum Zuschauen nötigen muss. Das galt für Wedel nicht. Seine Werke fanden ein Millionenpublikum ganz von alleine. „Ein neuer Wedel“ galt als Qualitätsmerkmal. Auch weil er die Schauspieler straff geführt hat. Weil das Wohlbefinden des Zuschauers über dem des Künstlers stand. Wobei nicht mal Manker behauptet, dass er mit vorgehaltener Waffe gezwungen wurde, mit Wedel zusammenzuarbeiten.

Vor einer Woche ist Wedel gestorben. Die Nachricht sickerte nur langsam durch. Er ist ein Unsagbarer geworden. Mittlerweile. Woran er gestorben ist, steht öffentlich nicht fest. Nachrichtenportale wie MSN.de weisen darauf hin, dass es an dem Tag passiert sei, an dem die Staatsanwaltschaft nach vier Jahren Ermittlungen entscheiden wollte, ob sie eine Klage zulässt.

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Kommentare ( 45 )

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Peter Pascht
26 Tage her

Die antiken Griechen und Lateiner haben ein für sie sehr wichtigen moralischen Grundsatz:
de mortuis nil nisse bene
Über die Toten nichts als nur Gutes (erzählen)
Dies hat aich heute noch einen sehr hohen moralischen Stellenwert in diesen beiden Kulturen.
Das aus der Erkenntnis, dass der Tot auch das Ende aller menschlich irdischen Gerechtigkeit besiegelt.
dass die Gerechtigkeit Gottes über der „Gerechtigkeit des Menschen“ steht.
Wer in diesen beiden Kulturen trotzdem Tote hinterher verunglift wird mit höchste verachtung und Missachtung von seinen Mitmenschen bestraft.

Last edited 26 Tage her by Peter Pascht
Carl22
27 Tage her

Mario Thurneis erwähnt die „ Furcht selbst auf Listen zu landen“. Wie ein Großteil des heutigen Ungeistes gehörten die „Proskriptionslisten“ zum tool-case der französischen Revolution. Wie zB. auch der aktuelle Tatbestand der „Verächtlichmachung der Nation“, wobei ebenfalls schon der bloße Verdacht auf die Liste, und diese den „Verräter“/ „unguten Bürger“ in die Vogelfreiheit führte. Ja ja, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit…..

mr.kruck
27 Tage her

Eine Todesmeldung gepickt mit unbewiesenen Vorwürfen von mittlerweise gealterten, weitgehend unbekannten, erfolglosen Aktreusen aus früheren Zeiten. Quasi eine öffentlich moralische Hinrichtung auch noch nach dem Tod. Scham oder Anstand findet man heutzutage kaum noch, dafür den Geifer der Ideologen und Eiferer. Pfui Teufel….

Prodigy
27 Tage her

Auch Dieter Wedel war Teil eines linksverorteten Systems das war der Grund seines schnellen Aufstiegs, deswegen kein Mitleid von mir. Dass dann noch so eine Trulla aus der linken woken Metoo Szene Ihm das Genick bricht ist die Ironie des Schicksals. Ich weiss, es mag für die meisten Leser auf TE ungerecht klingen jedoch bemühe ich eine alte Weisheit, wer sich mit Hunden ins Bett legt wacht mit Flöhen wieder auf. Mario Thurnes, das gefällt Ihnen nicht aber im Gegensatz zu Ihnen habe ich ihn persönlich gekannt und so toll war der nicht.

Poirot
27 Tage her

Es sollte zu denken geben, wenn nicht mehr der Grundsatz „In dubio pro reo“ gilt, sondern die „Schuld“ eines Menschen aus ideologischen Beweggründen von vorn herein fest steht. Wie auch immer Dieter Wedel als Mensch- und Mann agierte, ob er (auch) zu den Männern zählte, die oft fraglos ihre Machtposition ausnutzen, ist aber nie bewiesen worden- und solange sollte auch- und gerade in den Medien die Unschuldsvermutung Vorrang haben! Wedel aber wurde vorverurteilt. Er wurde öffentlich diskreditiert zu Gunsten eines Zeitgeistes, der inzwischen mehr als fragwürdig- wenn nicht gar bedenklich ist. Ein Künstler wurde öffentlich durch die Medien gebrandmarkt und… Mehr

Angela Honecker
27 Tage her

Ja, der Dieter Wedel hat tolle Sachen gedreht. Der Schattenmann gefällt mir immer noch und ich werde ihn demnächst wieder ansehen. Aber Wedel hat gerade in diesem Mehrteiler auch Unmengen Zitate aus Hollywoodfilmen verwendetoder leicht abgewandelt. Wer die Filme kennt, merkt das schnell. Aber genial gemacht. Ruhe in Frieden.

EinBuerger
28 Tage her

Naja. Vielen Regisseuren eilt der Ruf voraus, am Set eher diktatorisch veranlagt zu sein. Außerdem gibt es genügend abfällige Bonmots berühmter Regisseure über Schauspieler im Allgemeinen.
Umgekehrt ist es auch so eine Art unausgesprochener Deal: Wieviel lässt sich ein Schauspieler gefallen, damit er Karriere macht. Vermutlich gibt es Schauspieler, die „empfindlicher“ waren und die deshalb keine so große Karriere gemacht haben. So ist das Leben. Nicht jeder kann ein Superstar werden, obwohl es viele gerne werden würden.

imapact
28 Tage her

„In Rechtsstaaten gilt die Unschuldsvermutung.In woken Kreisen ist sie Ausdruck rechter Gesinnung und des angeblichen Wunsches, den Täter schützen zu wollen. Die Anklage hat die Verurteilung zu sein, hat die Bestrafung zu sein.“ Diese Haltung gleicht haargenau den Hexenprozessen der frühen Neuzeit. Einmal „besagt“ (denunziert), galt die/der Beschuldigte unbedingt als Hexe(r); es galt nun nur noch, ihr mittels Folter das Geständnis zu locken. Wer die Schuld bezweifelte, kam ebenfalls schnell in den Ruch, zu „diesen Kreisen“ (Hexen) zu gehören. Es war kaum möglich, diesem unerbittlichen Räderwerk zu entkommen und seinen Namen jemals wieder reinzuwaschen. Zwar verzichten die Woken einstweilen noch… Mehr

Maja Schneider
28 Tage her

Danke, Herr Thurnes, dass sie an Dieter Wedel hier erinnern, einen Meister seines Faches, der vom herrschenden Zeitgeist, von Gesellschaft und Medien in häufig praktizierter Manier „hingerichtet“ wurde. Seine Leistung, seine Kunst, das alles spielt, wie auch in anderen Fällen, keine Rolle, dass seine Schuld bisher nicht bewiesen wurde, ebenso wenig.

Jan
28 Tage her

„Der Schattenmann“ war 1996 ein Straßenfeger und fesselte ein riesiges Publikum quer durch alle Altersklassen. Als damals junger Student kann ich das bezeugen, fast die ganze Uni fieberte mit, der Mehrteiler war Pausengespräch Nr. 1. Heute unvorstellbar, dass das ZDF mit einer Serie so viele junge Leute vor den Bildschirm holt. Aber wie sind Wedels Serien gealtert? Ein paar Jahre später sah ich die Serie nochmal als Wiederholung, da war schon viel vom ursprünglichen Zauber verflogen. Den „König von St. Pauli“ fand ich durchwachsen und der damaligen Zeit auf dem Kiez nicht mehr angemessen, die „Semmelings“ hatte ich nicht mehr… Mehr