Tina Turner – Das Leben selbst tritt von der Bühne ab

Sie war die Seele des Rock’n’Roll und eines ganzen Zeitalters, das mit den hedonistischen 80ern begann und in diesen Jahren in der Wokeness strandet. Tina Turners Tod weist über sie hinaus. Mit ihr tritt das Leben selbst von der Bühne ab, zumindest eine bestimmte Art von Gesangs-, Körper- und Gefühlsgewalt.

IMAGO / POP-EYE

Eines Tages war Tina Turner im Ramada-Inn-Motel in Dallas aufgetaucht, im blutverschmierten Kleid, mit 36 Cents in ihrer Tasche und einer Mobil Card. Gerade hatte ihre Ehe mit Ike Turner den unvermeidlichen Endpunkt gefunden. Aus ihrem geplanten Konzert wurde nichts, so, wie sie von ihrem gewalttätigen Ehemann zugerichtet worden war. Der Hotelmanager gab ihr ein Zimmer und postierte einen Wachmann davor, falls Ike herausfinden sollte, wo sie war. Die Sängerin hatte versprochen, ihr Zimmer zu bezahlen, sobald sie das konnte. Es begann die harte Zeit der Scheidung, in der Turner zeitweise auf die Fürsorge zurückgreifen musste. 500.000 Dollar Schulden wollten auch noch abbezahlt sein. In solchen Momenten zeigt sich, für jeden sichtbar, die innere Kraft eines Menschen.

Doch wer war Tina Turner eigentlich? Geboren wurde sie als Anna Mae Bullock, als Nachfahrin von Sklaven, wie man zwischenzeitig durch genealogische Studien erfuhr. Aber das lag lange zurück, als Anna Mae am 26. November 1939 in Brownsville, Tennessee, in einem der überfliegbaren Staaten des Mittleren Westens geboren wurde. Sie war laut ihrer Autobiographie ein ungewolltes, ungeliebtes Kind aus einer problematischen Ehe. Aber Tina Turner machte nie viel aus ihrem vermeintlichen Opferstatus, selbst dann nicht, als sie selbst in einer dysfunktionalen Ehe mit einem von ihr vergötterten, aber leider kokainsüchtigen, gänzlich unkontrollierten Mann geriet und sich endlich daraus befreite.

Anna Mae hatte den Gitarristen Ike Turner in einem Nachtclub in St. Louis gehört, worauf sie beinahe in eine Trance fiel und unbedingt für ihn singen wollte. Das war eine der wenigen Sachen, die sie konnte – und wollte. Zu Tina Turner wurde sie erst Jahre später, als sie die Single „A Fool in Love“ einsang, eine gefällige Blues-Variation. Bis zum größten Hit des Duos Ike & Tina Turner sollten es noch elf Jahre sein. Die Cover-Version des Rocksongs „Proud Mary“ von John Fogerty wurde zum Markenzeichen, das Tina immer wieder mit legendärem Aplomb vortrug, mit wie zum Abschied winkendem Arm, einer gewaltigen Detonation an Klang samt genau abgestimmter Choreographie.

Das konnten wenige wie Turner: sich weiblich, aber doch ausdrucksvoll bewegen. Sie war eine Art eleganter Vulkan. Einer ihrer letzten Songs, den sie mit Ike aufnahm, hieß „Delilah’s Power“ und zeigte, dass es in dieser Ehe vielleicht doch nicht nur um einen Kult des überlegenen Mannes gegangen war, denn „nicht einmal Samson konnte Delilahs Macht bestreiten“. Über Jahre gehörte die körperliche und seelische Misshandlung zu Turners Alltag. Sie schämte sich später, dass sie so lange für ihre Lösung aus dieser Ehe gebraucht hatte.

Naturgewalt mit Tonnen an Bühneninstinkt

Eigentlich geht es im Text von „Proud Mary“ um einen Raddampfer auf dem Mississippi, und das Leben auf ihm verströmt immerhin etwas Freiheit für die Malocher im Gegensatz zu Jobs an Land. Ferne Erinnerungen an den alten, armen Süden der USA. Wichtig für uns ist: Es ist ein Lied über etwas durchaus Liebenswertes, Faszinierendes, Begeisterndes und ragt damit heute wie ein lebendes Fossil in eine Musikkultur hinein, die meist nur noch narzisstisch um das Subjekt, dessen Empfindlichkeiten und Verletzungen kreist. Wokistan lässt grüßen.

1976 begann Turner ihre Solokarriere, sang jahrelang in Hotels und Clubs. 1982 war sie aber auch eine der ersten, die einen Videoclip auf dem jungen Musiksender MTV unterbrachte. Doch die Starzeit von Turner begann erst mit der Single „Let’s Stay Together“, die ihre typische Mischung aus sattem Gefühl und emotionaler Kraft ins Rollen brachte. Es war ein Überraschungserfolg. „What’s love got to do with it“ wurde ein weiterer. Es folgte ein Duett mit David Bowie und manches, was den neuen entspannten, solide hedonistischen Geist der 80er-Jahre spiegelte. Der Drogenrausch der 70er („Acid Queen“) wurde sanft überzuckert. Auch Tina Turners Stil wurde eleganter, damenhafter mit dem Gewinn der Jahre. Ihr charakteristisch blondierter Struwwelkopf blieb, wurde aber mit der Weile immer welliger und weicher.

Mit der Weile kehrte sie zu ihren hart-rockigen Ursprüngen zurück, bis sie in „Simply the Best“ die Synthese aus versöhnlichen 80ern und hartem Rock fand. Das fiel ihr als Naturgewalt mit Tonnen an Bühneninstinkt leicht. Die Röcke konnten dabei noch immer nicht kurz genug sein. Verschämt oder prüde war sie vermutlich nie gewesen. Die Zeit gab auch keinen Anlass dazu.

Sie war dabei größer in Europa als in den USA, wo Madonna und andere sie leicht an Popularität schlugen. Und das war vielleicht der Grund, dass es sie am Ende erst nach Deutschland, dann in die Schweiz zog. 1985 lernte sie ihren zweiten Mann, den Schweizer EMI-Agenten Erwin Bach kennen, der sie am Flughafen Düsseldorf abholte und am Ende nach Küsnacht brachte, wo sie nun nach längerer Krankheit verstarb. Zuvor lebten Turner und Bach acht Jahre in Köln, ab 1994 dann in der Schweiz.

Sie brauchte keine BLM-Kampagne, um sie selbst zu sein

2009 war sie das letzte Mal auf großer Tournee, sang und tanzte in 180 Konzerten auf der ganzen Welt. 1988 hatte sie die „Break Every Rule World Tour“ unternommen und 180.000 Brasilianer aller Altersstufen in einem Fußballstadion in Rio de Janeiro vereint. Das war damals Weltrekord, und Turner war damals schon alt genug, um Großmutter zu sein. 2019 der letzte größere Auftritt, bei einer Musical-Aufführung zu ihren Ehren. Seltsame Koinzidenz: Die Lebenskraft in Person tritt ab, das Leben siecht dahin. Ob auch ihr Leiden in irgendeiner Weise mit der Pandemie zu tun hatte, ist nicht bekannt. Turner hatte an Krebs gelitten und sich durch falsche Medikation ein chronisches Nierenleiden zugezogen, das allerdings durch die Spenderniere ihres zweiten Manns gelindert werden konnte.

Mick Jagger, ein weiterer Duettpartner, würdigte sie als „inspirierend, warmherzig, lustig und großzügig“: Sie habe ihm viel geholfen, als er jünger war. Elton John sprach von einer „totalen Legende“.

Tina Turner war in den 80er-Jahren ohne Zweifel zur ersten Frau von Rhythm and Blues, Soul und Rock geworden. Viele folgten ihr nach, erreichten aber kaum je ihre urtümliche Verbindung von Gesang und Körperausdruck. Dass ihre Hautfarbe schwarz war, gereichte ihr nie zum Nachteil. Es war auch kaum je ein politisches Bekenntnis von ihr zu hören. Sie lebte ihr Leben, sah es aber nicht als Exempel für andere, weder im Guten noch im Bösen. Sie brauchte keine Black-Lives-Matter-Kampagne, um „roh, kraftvoll, unaufhaltsam, unumwunden sie selbst“ zu sein (Barack Obama über Turner). Auch Alain Delon – heute selbst nicht in der besten aller Lagen – war ein Fan und wird es wohl bleiben, weil sie „vermutlich einfach die Beste“ war.

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Kommentare ( 12 )

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12 Comments
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Deutscher
1 Jahr her

In den 80er Jahren kam man an ihr nicht vorbei. Auch ich – obwohl Metal-Fan durch und durch – fand sie gut und hörte gern ihre Songs in der Disse, der Glotze oder dem Radio. Aus heutiger Sicht muß ich aber gestehen: Wenn ich nun ihre Songs höre, merke ich, dass ihre Stimme nicht wirklich großartig ist und sie auch immer wieder deutlich neben dem Ton liegt. Ein durchgehend näselnder und irgendwie klagender Klang. Ich will sie nicht posthum runterputzen, aber meine Ohren lügen nicht. In technischer und künstlerischer Hinsicht – ich weiß, mancher hält es für Blasphemie – eigentlich… Mehr

Last edited 1 Jahr her by Deutscher
Vinyl-Dealer
1 Jahr her

Zitat: „…als sie die Single „A Fool in Love“ einsang, eine gefällige Blues-Variation.“ Gefällige Blues-Variation? Mit Verlaub Herr Nikolaidis, das war ihre beste Nummer, die sie jemals aufgenommen hat.

R.S.
1 Jahr her

Es gibt Menschen , die einen berühren. Von der Ferne. Tina Turner hat mich berührt und ich war geschockt und traurig . Großartige Frau.

Elki
1 Jahr her

Schade. Ich hätte Tina Turner weitaus mehr Publicity gewünscht, denn sie war eine großartige Künstlerin, eine der Wenigen, die mutig und nicht wehleidig und mimimi wie viele der angeblich so „woken“ Künstlerinnen, die solchen Menschen wie ihr (und anderen aus dieser Zeit) lange nicht das Wasser reichen können. Künstlerische Leistung ist Arbeit, ist zeitgenößige Kultur, die angeblich „wache“ vernichten wollen. Wie erbärmlich arm im Geist.
We don′t need another hero
We don’t need to know the way home
All we want is life beyond Thunderdome

Jan Frisch
1 Jahr her

Vor etwa vier Wochen ereilte mich das Bedürfnis „nach diesem Lied von Tina Turner mit David Bowie“ zu suchen. Ich wusste nicht warum, hatte ich doch jahrelang kein einziges Lied von Tina gehört oder auch nur daran gedacht.
Eben habe ich mir den Text noch einmal genau angehört:
„I love will love you till I reach the end.
I will love you love you till I die
I will see you in the sky.“
Nutbush wasn´t your limit, not even the sky. God bless.
https://www.youtube.com/watch?v=p4WG_y7owmM

Winnetouch
1 Jahr her

Vor einigen Jahren habe ich den oscarnominierten Film „Tina – What’s Love Got to Do with It?“ mit Angela Bassett in der Hauptrolle gesehen. Besonders die Szene, wo Tina mit Ike in einer weißen Limousine sitzt und er sie auf das Übelste verprügelt und Tina zum ersten Mal zurückschlägt und dann vor ihrem Ehemann flüchtet als er schläft, ist mir in Erinnerung geblieben: What’s Love Got To Do With It 1993 Tina Vs Ike Limo Fight Scene – YouTube Tina Turner Hotel Scene | What’s Love Got To Do With It (1993) – YouTube Diese Szene ist tatsächlich so passiert… Mehr

Last edited 1 Jahr her by Winnetouch
ketzerlehrling
1 Jahr her

Sie war eine Persönlichkeit, die, zwar erst durch ihre Erfolge, aber dennoch in sich ruhte. Sie brauchte keine Kampagne, keine permanente rassistische Keule und das war eine ihrer starken Seiten. Ihr Talent, ihre Weiblichkeit, ihr Mut eine andere. Mit ihr stirbt ein weiterer Teil der 80er und 90er Jahre, die, ohne sie zu verklären, die besten Jahrzehnte waren, in puncto Lebensfreude, in puncto Freiheit. So wird sie in Erinnerung bleiben.

Siggi
1 Jahr her

Jedes Wort kann man unterschreiben. Sehr schöner Beitrag. Danke.

bkkopp
1 Jahr her

Ich fürchte Tina Turner hätte sich nicht gefreut dass jemand in ihren Nachruf einen Seitenhieb gegen BLM einfügt. Sie wußte was US-Rassismus ist, und was US-Polizeigewalt war und ist. Sie wußte, dass über ihre Lebenszeit viele tausende Polizisten, die unbewaffnete Schwarze aus einem behaupteten Bedrohungsgefühl erschossen haben, nie vor Gericht gestellt wurden, und weiter als Polizisten arbeiteten bzw. noch arbeiten.

Jan Frisch
1 Jahr her
Antworten an  bkkopp

Sie war jahrzehntelang mit einem deutschen Musikproduzenten liiert, und dürfte daher den Unterschied zwischen echtem und gefühltem Rassismus zur Genüge gekannt haben.

Wilhelm Roepke
1 Jahr her

Was für ein grandioser Nachruf. Und erst recht: was für eine tolle Frau. Niemals mimimi. Und was für ein Unterschied zu den heutigen Milchgesichtern. Möge sie in Frieden ruhen.