Party mit Tannhäuser

Zum letzten Mal in dieser Spielzeit, bot das Hessische Staatstheater Wiesbaden einen bizarren Einblick in den Geist des deutschen Regietheaters und dessen Vorstellung davon, wie es bei der Liebesgöttin Venus zuhause so zugeht.

Karl Monika Forster

Ich bin kein ausgewiesener Opernkritiker, sondern nur gelegentlicher Theaterbesucher. Anlässlich eines schon im Februar erstandenen Geburtstagsgeschenks, verschlug es uns in die letzte Vorstellung des Tannhäuser vor der Sommerpause in die Wiesbadener Staatsoper, ein ganz reizendes Rokokotheater. Da es klein ist, das Haus, geht Wagner auch mit kleiner Orchesterbesetzung, weil es da genauso dröhnt wie es der Wagner gern hatte.

Der Sängerkrieg auf Wartburg ist bekanntlich die künstlerische Selbsttherapie des Erotomanen Richard. Wegen seiner dauernden Eros-Besessenheit hatte der stets böse, böse Schuldgefühle. Im Stück fand er dafür verantwortliche Schuldige: den Papst, die Kirche und das Spießertum seiner Zeitgenossen. Ein Verständnis für den Katholizismus ging dem „Tonmeister“, wie man ihn früher ehrfurchtsvoll bezeichnete, völlig ab. Darauf versperrte ihm sein verschwurbeltes teutsch-germanisches Christentum den Blick. Ein einfaches Hinsehen auf die Stadtarchitektur im katholischen Europa hätte ihn belehren können, dass üblicherweise gleich hinter Kirche und Rathaus das Bordell lag, was den Weg zwischen Sünde und Absolution im Beichtstuhl ziemlich abkürzte. Die in Richards Opern bevorzugte Absolution ist dagegen so umwegig, wie es der Neurotiker braucht: Eine „reine“ Frau muss anstelle der Sünde her und hat sich für seine „Erlösung“ zu opfern. Das scheint auch dem Regisseur ganz einleuchtend, dass sich Tannhäuser nach dem anstrengenden Partyleben nach „Reinheit“ sehnt. Worin die nun eigentlich bestehen soll – darüber gibt die Inszenierung keine Auskunft.

Stattdessen transponiert man in der Staatsoper den Wagnerschen Wahn ins postmoderne Allerlei. Bei der Ouvertüre werden wir mit Videos von einer Papstansprache vom Balkon des Petersdoms unterhalten, die mit Videos von Orgien gegengeschnitten wurden (vermutlich mit adaptierten Material aus Pornokanälen).  Ich frage mich, was die beiden Zehnjährigen in der ersten Reihe dabei denken -wahrscheinlich halten ihre Erziehungsberechtigten das für eine gute Vorbereitung auf den Sexualkundeunterricht…

Aber egal, es geht um den „immerwährenden Konflikt“ zwischen Sinnlichkeit und Macht, Freiheit und starrer philisterhafter Konvention. Die sympathisch gezeichnete Seite, der freie Eros, hüpft auf der Bühne in Gestalt zahlreicher Halb- und Ganznackedeis herum, kostensparend auf einem Bühneninterieur, das in etwa an die große Empfangshalle eines Messehotels erinnert: große lange braune Plastiksofas auf Rollen. Genau! So muss es im Venusberg bei der Liebesgöttin zuhause ausgesehen haben! In diesem konferenzpraktischen Lustsitzungssaal hängen außerdem noch ganz viele Hirschgeweihe an der Wand. (Aber die sind wahrscheinlich schon mal für den Sängerwettstreit in der großen Halle der Wartburg – weil dann die Bühne nicht umgebaut werden muss.)

Welttag des Buches
Rosen und Bücher, Dichter und Drachentöter
Wir haben zwar für die Freuden des Venusbergs eher Assoziationen an Fellini oder Pasolini im Kopf, in Bayreuth spielte man das auch mal in Belle-Epoche-Ästhetik, in München ostasiatisch verfremdet, aber dem Wiesbadener Kurbad-Geist ist das möglicherweise zu old-school-schwül. Kostensparend immerhin für den Kulturetat von Stadt und Land, dass die Unterwäsche der halbnackten Eleven vermutlich aus deren eigenen Beständen stammt. In solch gründlich überlegtem Setting wird nun das berühmte „Bacchanal“ nicht als übliches Ballett, sondern als eine etwas überbordende Studentenparty inszeniert. Die erotischen Rausch mimenden Statisten, alle mit tadelloser sportlicher Figur, treiben allerlei Hasch-mich-Spiele, nesteln an den BHs herum und ziehen das eine oder andere Höschen runter, kugeln mal wild übereinander, benutzen die Sofas als Trampolins, pressen sich auch mal „leidenschaftlich“ aneinander – selbst einige der Quote geschuldeten schwule „Liebes“-Einlagen fehlen nicht.

Und zum Ende des ersten Aufzugs schieben die Nackedeis hurtig wie Umzugspauschalisten die Rollmöbel von der Bühne. Sozusagen: „Alarm, die Uniaufsicht kommt gleich, Leute! Schnell alle Möbel wieder zurechtrücken und die Textilien vom Boden aufsammeln!“

Der eigentlich sehr renommierte Tannhäusertenor des Hauses hatte einen ganz schlechten Tag, zwischen Verzweiflungsschrei und Röcheln schaffte er gelegentlich nur ein kaum mehr hörbares Krächzen. Warum sie den armen Kerl am Saisonende noch durch diese Stresspartie jagen? Das verdient eine Gelbe Karte für den Teamchef! Im Prinzip würde es ja zum verlebten, ausgebrannten Image der Titelfigur passen, aber eine ordentliche stimmliche Performance wünscht man sich schon. Wir sind ja im Musik-, nicht im Sprechtheater. Dafür gab es aber einen ganz glänzenden Wolfram von Eschenbach, ein pausbäckiger braungelockter junger Ire, der auch den meisten Einzelapplaus am Ende einheimsen durfte. Venus: balkanische Schönheit, gute Stimme; Elisabeth: sehr blond – ein wenig mit dem eisigen Charme von Grace Kelly -, ton- und ausdruckssicher. Von der Frankfurter Neuen Presse hat sie noch ein Sonderlob bekommen, weil sie sich – vor ihrem „Liebestod“ hinter der Bühne – nicht zu gut dafür ist, einen „hüllenlosen Abgang“ hinzulegen. (Die von Richard erstrebte „Reinheit“ changiert so am Ende zu „Weg mit den ollen Klamotten und ab unter die Dusche“!)

Das Messehotel dient wie schon gesagt im zweiten Aufzug als Wartburgfesthalle. Da tritt der Chor diesmal – wir sind jetzt im Nostalgiedepartement der Postmoderne! –  in mittelalterlichen bunten Gewändern auf, tadellose Teamleistung: das Theater erzittert mit Wagnerschem Bums. Da fällt mir allerdings beim Begrüßungschor wieder einmal auf, dass die melodische Invention des Meisters doch reichlich banal ist, wenngleich kaschiert durch die ausgesucht raffinierte Instrumentierung. Der Landgraf wird verkörpert durch einen riesigen koreanischen Bass in Hotelportiersuniform – mit eindrucksvoll dröhnender Tiefe. Überhaupt die Ostasiaten! Sie retten durch ihre Präsenz in Chören und Orchestern die bundesdeutsche Opernkultur.

Von der Vielfalt des Wurstigen
Es geht um die Wurst – eine deutsche Kulturgeschichte
 Tannhäuser benimmt sich im Sangesstreit bekanntermaßen schwer daneben, pöbelt immer seine Konkurrenten an, dass sie alle keinerlei Ahnung vom „Wesen der Liebe“ haben. Da kommt viel „brünstig“ im Libretto vor, von „brünstger Lust“ bis „brünstgem Schmerz“. Das gefällt dem Regisseur gut, und er treibt nochmal die nackige Sportjugend aus dem ersten Aufzug durch die empört tuenden Reihen der fürstlichen Gäste.

Der letzte Akt wird beherrscht von einem großen Kreuz, das als eine Art Rampe dient, und nach Bedarf bestiegen oder bekniet wird. Die „Rom-Erzählung“ des vom Schicksal total fertiggemachten Tannhäuser wird von der knapp am Versagen entlangröchelnden Stimme des (kanadischen) Tenors malerisch illustriert (metaphorisch gesprochen). Der gelockte irische Wolfram darf noch mit Brillanz den Welthit an den Abendstern singen, die verzweifelte Elisabeth jammert eindrucksvoll über das Schicksal des Geliebten, aber Verfluchten, entledigt sich schließlich ihrer Hüllen und verschwindet zum Liebestod. Und Tannhäuser geht es nun echt ganz schlecht! Aber: Nach einigem Hin und Her und Wolframs treuem Beistand verkündet uns der Chor, dass er „von der Hölle heißem Brand“ doch noch erlöst sei – weil der dürre Stab des Papstes (wohlgemerkt: der Hirtenstab – ein Schelm, wer Böses dabei denkt!) doch entgegen seines erzürnten Fluchs „wieder grünt“.

Das Kurpublikum der Bäderstadt ist erstaunlicherweise total begeistert, nicht der Hauch von Skandal. Was haben wir doch in den letzten 20 Jahren für ästhetische Fortschritte gemacht! Der Subtext der Inszenierung – „Erotik macht frei“, wenn man es ein wenig locker-partywillig sieht, und wenn man die beruflichen Pflichten dadurch nicht zu sehr vernachlässigt -, wird heutzutage auch vom Kurpublikum samt Kurschatten akklamiert. Tosender Beifall – wir eilen zum Parkhaus, um möglichst rechtzeitig vor den Warteschlangen rauszukommen.

Einblick in die schlichte Geisteswelt des Regisseurs findet man hier virtuell auf Youtube – man muss allerdings zuvor sein Alter nachweisen – im Gegensatz zum realen Besuch (Wiederaufnahme am 9. März 2019).

Albert Christian Sellner lebt in Frankfurt am Main und publiziert als kulturell vielseitig interessierter Zeitgenosse Artikel und Bücher zu Themen, denen er sich schon sein ganzes Leben intensiv widmet.

 

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Kommentare ( 13 )

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Ohne Titten und Schwänze läuft wohl nichts mehr bei den Perversen ?

Gratuliere zum Durchhaltewillen. Bei solchem Unfug gehe ich in der Pause … .

EROTIK MACHT FREI, Allerdings. Nur leider leben wir nicht im Zeitalter des Eros, sondern des hässlichen, männerhassenden Kampfemanzentums, des metoo-Zickenkriegs und lustabtötender Tendenzen wie „fat-in-leggings“ oder „body positivity“. Cellulite gilt als neue feministische Errungenschaft-was eine nicht im Kopf hat muss sie halt auf den Oberschenkeln haben. Frau lässt sich gehen-und will den Mann per Gesetz zwingen ihr Übergewicht auch noch schön zu finden. Im Fieber wabert das weibliche Wunschdenken vor sich hin. Als Mann kann man da nur sagen: „Ein Nein ist ein Nein ist ein Nein!“ Auch geistig trägt frau Reiterhosen-und das ist echt ein Theater. Das Leben ist… Mehr

Die Verstörung des Publikums ist Programm. Ganz in der Schlingensief-Tradition. Schauerlich.

Also der Bericht gibt nichts her in Richtung Verstörung.Mal ehrlich wen schockt den noch ein nackter Hintern und ähnliches freizügiges Bühnengeschehen?!

„(…)Mal ehrlich wen schockt den noch ein nackter Hintern und ähnliches freizügiges Bühnengeschehen?!“ … Das ist ja genau der Punkt. Verstehen sie mich da bitte nicht falsch. Mit der Nacktheit hab ich an sich keine Probleme. In einem vorgeblich seriösen Setting jedoch schon, vor allem wenn Kinder – dem Artikel nach im Vorteenager Alter – im Publikum dem ausgesetzt sind. Für alles gibt es eben eigentlich die richtige Zeit und den richtigen Ort. Das Gespür dafür ist leider den meisten Menschen abhanden gekommen. Sollen halt eben alle gefälligst tolerant sein.

In dem verlinkten Youtube-Video sieht man deutlich mehr als nackte Hintern. Menschliche Geschlechtsteile gehören auf entsprechende Internetseiten, nicht in eine Theateraufführung!

Die Aufführung scheint, wenn schon nicht wirklich gut, doch wenigsten für den Autor von beachtlichem Unterhaltungswert gewesen zu sein. Beneidenswerte Phantasie und sehr amüsant.

Lieber Herr Sellner,

herrlich war’s mitzulesen, es war fast wie mittendrin statt nur dabei 😄

Völlig erotisiert (bin ich jetzt eine Erotomanin?) ob Ihrer wundervollen Beschreibungen der Hüllenlosen, viel brünstiger Lust und dem dürren Stab des Papstes (ich weiß, der Hirtenstab, NUR der Hirtenstab) 😄, leistete ich mir einen nahezu ‚Freudschen Verleser‘:

„….benutzen die Sofas als Tampolins“

OMG! Natürlich „Trampolins“ 😅

Vielen Dank, für diesen interessanten vergnüglichen Artikel!

Entschuldigung Fehler: „Freudschen“ ….uups

Stimmt! Ein Tippfehler, während ich mir die Mühe machte, mehr als vier Wörter und vier Pünktchen zu schreiben 😉
Auf das fehlende Komma in Ihrem Kommentar sehe ich großzügig hinweg 😉

Ich lach mich gerade fast tot, liebe Frau Hoelle😂…auch ich hatte den“Freudchen“ und habe „Tampolins“ zuerst gelesen….Unser Gehirn ist doch ein lustiges Ding😀….Aber mal im Ernst: Warum müssen in vielen Bühnenstücken immer Nackte auftreten? Ästhetisch ist das nicht…..Theaterbühnen sind nicht das „Moulin rouge“…..