Bei Illner: War es Baerbocks Idee, zu Selenskyjs Rede im Bundestag die Debatte zu streichen?

Die Illner-Sendung am Donnerstag beschäftigt sich mit der Rede von Ukraine-Präsident Selenskyj und vor allem mit der Nicht-Antwort von Bundestag und Bundesregierung. Jetzt erfahren wir, was die Ampel-Politiker stattdessen gesagt hätten.

Screenshot ZDF: Maybrit Illner

Was ist Illner eigentlich ohne Corona? Für mich beinahe unvorstellbar, denn ich habe meine erste Illner-Sendung zu Corona gesehen, ich weiß gar nicht, wie es vorher war. Und jetzt hat Maybrit kurzerhand selber Corona bekommen, trotz Impfung mit Symptomen.

Sie wird vertreten von einem grauen Mann namens Theo Koll, der gleichzeitig sehr alt und sehr jung aussieht, er wünscht seiner Kollegin einen milden Verlauf, und an diese Wünsche schließe ich mich natürlich an. Nicht zuletzt, weil ihre Vertretung nicht ohne Grund keine Talkshow hat, die nach ihm benannt ist, wie er an diesem Donnerstagabend bewies. 

Playmobil-Land
Man schämt sich für Bundestag und Bundesregierung
Die Sendung beginnt mit einem Interview, das die Illner-Vertretung und Robert Habeck kurz vor der Sendung geführt haben. Die erste Frage an den Vize-Kanzler bezieht sich auf die Rede von Selenskyj im Bundstag, der der deutschen Regierung vorgeworfen hat, eine Mauer zwischen Freiheit und Unfreiheit zugelassen zu haben. „Trifft Sie dieser Vorwurf?“, fragt der Moderator. Robert Habeck beginnt seine Antwort in typisch monotoner Stimme: „Die Rede von Herrn Selenskyj war…“ – er stockt mehrere Sekunden, setzt dann wieder an: „berührend, verstörend, anklagend und aus seiner Sicht sicherlich komplett berechtigt, aus Sicht der Bundesregierung und aus Deutschland nicht komplett berechtigt, denn Deutschland tut viel, um die Ukraine zu unterstützen. Und vieles, was wir vor ein paar Wochen noch für unmöglich erachtet haben.“ 

Warum er da nun so lange stocken musste, bleibt wohl unserer Vorstellungskraft überlassen. War es eine Kunstpause, die seine stetig gleichbleibende Stimmlage ausgleichen soll? Hat er für diese Aneinanderreihung von Adjektiven erst seinen Wortschatz durchkämmen müssen? Aber der Vizekanzler, der auf Twitter für diesen Auftritt als besonnener Mann des Klartextes und der Tat gefeiert wird, kann nicht nur solche leeren Phrasen dreschen, er tut auch was. Um sich mehr von russischem Gas unabhängig zu machen, will er jetzt nach Katar reisen. Was soll auch schief gehen?
Außerdem erklärt er sich bereit, nach Vorbild der osteuropäischen Staatschefs nach Kiew zu reisen. 

Auch Marie-Agnes Strack-Zimmermann wurde zu Selenskyjs Rede befragt (in ihrer Funktion als Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Deutschen Bundestag, nicht als Impf-Chefinquisitorin der FDP). Was sie denn besonders berührt habe, will der Illner-Ersatz wissen. „Dass der Präsident aus einem Kriegsgebiet spricht und wir im Warmen sitzen.“ Tja, für Frau Strack-Zimmermann wird dieser Donnerstag wohl ein toller Tag gewesen sein. Es heißt ja, man braucht zwei Leidenschaften: die größte Leidenschaft als Hobby und die zweitgrößte als Beruf. Marie-Agnes hatte gestern beides: einerseits kriegerische Auseinandersetzungen, auf dem Gebiet ist sie ja Expertin. Und dann direkt im Anschluss die Impfpflicht-Debatte – und wir alle wissen doch, wie leidenschaftlich sie bei diesem Thema dabei ist. Wie war das noch gleich, die Minderheit, die die Mehrheit tyrannisiert? 

Interessanter als die Frage nach ihren Gefühlen zu einer Rede – wobei Phrasendreschereien ja sowas von programmiert sind – hätte ich ja die Frage gefunden, wen sie tyrannischer findet: Putin oder Ungeimpfte? Vielleicht würde sie dann ihre Rhetorik überdenken. Oder auch nicht. Die Sache mit dem „im Warmen sitzen“ ist wohl auch so eine Sache. Zwar sind natürlich alle dagegen, die Bevölkerung frieren zu lassen, allerdings relativiert sie das auch direkt wieder. Am Ende des Tages sind es schließlich Kinder, die in der Ukraine tot auf der Straße liegen, und da müssten wir uns dann schon fragen: „Was sind wir bereit dafür zu geben?“

„Im Nachhinein war das, was wir heute erlebt haben, sicher ein Fehler“

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Kontrollverlust über Zuwanderung – Kriminalbeamte sprechen von „ideologischen Gründen“
Michael Roth (SPD), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, soll ebenfalls Stellung beziehen zu der Rede des ukrainischen Präsidenten. Warum denn danach direkt zu einem anderen Thema übergeleitet wurde und ob das denn so schlau gewesen wäre. „Im Nachhinein war das, was wir heute erlebt haben, sicher ein Fehler“, antwortet Roth. Die Idee, Selenskyj sprechen zu lassen und dann gar nichts dazu zu sagen, war übrigens wohl die Idee von Annalena Baerbock, wenn man nach Roths Erzählungen geht. Aber Annalena war ja auch schon immer für ihr Feingefühl bekannt.

Michael Roth ist an diesem Tag übrigens nur die zweite Wahl. Ursprünglich wurde die Sendung noch mit Kevin Kühnert angekündigt, der nun offensichtlich kurzfristig abgesagt hat. Schade eigentlich, die Mischung aus Kühnert und Strack-Zimmermann hätte vielleicht die Ampel stürzen können. 

Besonders erbost war die Internetgemeinschaft übrigens über den Auftritt des ukrainischen Botschafters Andrij Melnyk. Weshalb? Der hat nämlich die Möglichkeit eines Atomkrieges, ausgehend von Putin ausgeschlossen, während die anderen Gäste schon den Teufel an die Wand gemalt haben. „Wir glauben nicht, dass Putin ein Selbstmörder ist“, so Melnyk. „Er will in die Geschichte eingehen“, und die muss noch jemand schreiben können, nach dem Einsatz von nuklearen Waffen wäre das nicht mehr so gewiss. Der Botschafter appelliert, sich in der Politik nicht von der Angst leiten zu lassen. Auf Twitter sieht man das anders. Man wolle lieber nicht in einem Atomkrieg sterben, nur weil Melnyk in einer Talkshow was anderes gesagt hat, als sie hören wollten. Die Deutschen hängen eben an ihren Schreckensszenarien.

Bei Illner wurde versucht, die ausgefallene Debatte im Bundestag zu und für Selenskyj nachzuholen. Viel hat der Präsident der Ukraine jedenfalls nicht verpasst.

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Kommentare ( 42 )

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42 Comments
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Inana
6 Monate her

Ehrlich gesagt würde ich bei Tichy langsam mal etwas Distanz von dieser tragischen aber trotzdem fragwürdigen Ukraine-Inszenierung erwarten. Merken Sie wirklich nicht, dass inzwischen Kampagnen-Charakter hat? Es geht darum, uns vorzuführen – für jede eigenwillige Außenpolitik zu bestrafen und uns dann maximal möglich in diesen Konflikt zu treiben – wo nicht wenige offenbar inzwischen Wünsche haben, eine NoFlyZone durchzusetzen. Und das übirgens mit ziemlich seltsamen Mitteln machen. Die NATO hat das ja offenbar abgelehnt. Also wird versucht, über die Presse – die leicht zu manipulieren ist und emotionalisierte Öffentlichkeit, es doch durchzusetzen. Eine aus Jugoslawien bekannte Masche – die hier… Mehr

Contra Merkl
6 Monate her

Da wie man jetzt auf Welt lesen kann, die Bundeswehr hat keine Waffen mehr. Daher kann sich der Aussenminister und Präsident der Ukraine hier jede weitere Rede und Forderungen sparen. Hier gibt es nichts mehr abzugreifen, an Waffen. Gerne können wir kampffähige Afrokrainer an die Ukraine zurückliefern, die die tapferen Männer gegen die Russen unterstützen. Schließlich haben die da ja auch ihr Auslandsstudium genossen, nicht nur nehmen, man muss auch mal geben.

Fieselsteinchen
6 Monate her

Selenskyi steht doch mit dem Rücken an der Wand. Er/die Ukraine haben sich doch lange von den USA, der EU und der NATO bauchpinseln lassen. Man hat ihm doch die große Möhre, in Form einer EU-Mitgliedschaft immer wieder hingehalten, Gelder sind zuhauf geflossen. Wohin? Das wird nicht gefragt. Und dann werden dem rüpeligen Nachbarn die Hinterhofspiele zu bunt, trotz Warnungen laufen die Provokationen weiter, es wird sogar mit gefährlichen Dingen herumexperimentiert. So lange bis eine Kurzschlussreaktion erfolgt und der große Rüpel, die Tür zum Hinterhof kurzentschlossen eintritt und beginnt Teile des Hofs zu zerstören. Nun merkt Selenskyi, dass der Bogen… Mehr

elly
6 Monate her

 „berührend, verstörend, anklagend und aus seiner Sicht sicherlich komplett berechtigt, „
Nur aus seiner Sicht berechtigt. Es darf nie vergessen werden: als Schauspieler und Regisseur beherrscht Selenskyi die Klaviatur der Dramatik.
Mit Erfolg: „Baerbock kündigt sicherheitspolitische Neuaufstellung an“ Wo Krieg die Lebensgrundlagen auslösche, könne es keine Sicherheit geben, sagte Baerbock. »Aber auch dort, wo die Folgen des Klimawandels, von Hunger, Armut und fehlendem Wohlstand der Menschen Leid erzwingen, gibt es keine Grundlage für sicheres Leben in Freiheit«.“ https://www.spiegel.de/politik/deutschland/ukraine-annalena-baerbock-kuendigt-sicherheitspolitische-neuaufstellung-an-a-727befac-a329-4f61-bc70-5acae464efbf
Armes Deutschland.

chino15
6 Monate her

Bei der Achse des Guten findet man heute einen sehr interessanten Artikel: „Die dunklen Seiten des ukrainischen Freiheitskampfes“. Er hat mich persönlich darin bestärkt, dass wir uns aus diesem Krieg militärisch heraushalten sollten. Davon abgesehen halte ich einen Atomschlag keineswegs für ausgeschlossen, wenn sich Putin zu sehr in die Enge getrieben fühlt. Nach vielen Jahren autokratischer Herrschaft wird ihm nicht die Möglichkeit gegeben werden, sich wie A.M. friedlich zurückzuziehen, deshalb sind seine Reaktionen im Falle eines drohenden Machtverlustes unberechenbar.

HDieckmann
6 Monate her

Wer hat denn überhaupt die dumme Idee gehabt, Selenskyj im Bundestag reden zu lassen? Wollte man den Amerikanern nacheifern, deren Abgeordnete natürlich einen Krieg gegen Russland befeuern wollen? Das kann aber nicht unser Interesse sein. Es war daher zumindest eine kluge Entscheidung, nicht über die Rede zu diskutieren.

November Man
6 Monate her

Und die von Selensky bewaffneten Zivilisten nicht vergessen.

Last edited 6 Monate her by November Man
Stefan Tanzer
6 Monate her

Der ukrainische Präsident lebt in einer postfaktischen Welt, in der alle anderen außer er und sein Land Schuld an der Situation haben. Und anstatt das ihm jemand sagt, dass er seine Illusionen vom glorreichen Endsieg der Ukraine ablegen sollte, genauso wie seine Träumereien zur vereinten Nation mit Krim und Ostukraine, schweigt man lieber. Dabei wird übersehen, dass er, wie auch sein Vorgänger die Schuld auf sich geladen haben. Aus Angst vor den Nationalisten im eigenen Land hat man nationalistische Politik übernommen und es sich mit den Nachbarn – in dem Fall den Russen – verscherzt. Die Ukraine trägt eine gewaltige… Mehr

P.Reinike
6 Monate her
Antworten an  Stefan Tanzer

Der einzige, der einen Endsieg mit allen Mitteln seiner Soldateska erreichen will, ist der Aggressor und Kriegsverbrecher Putin. Und der ist für jedes Opfer in diesem Krieg verantwortlich. Die Situation erinnert an 1939, als Hitler wegen angeblicher Übergriffe gegen Minderheiten und wegen einer Korridorlösung Polen überfiiell, dieselbe Rechtfertigungslügen, die Putin demagogisch auftischt.

Andreas aus E.
6 Monate her

Als zeitweise in Frankreich Lebender kann ich mir nicht vorstellen, dass das französische Parlament hiernach auch noch geklatscht hätte.“

Genau darum ging es doch danach gemäß Tagesordnung weiter, ohne Aussprache.

P.Reinike
6 Monate her

Vieles erinnert an den Überall Stalins 1939 auf Finnland: Die rotierende Debatte um verzögerte Waffenhilfe, die vielerorts anzutreffende politische Hilflosigkeit und die Untätigkeit der deutschen Seite gegen die Position des größten Teils der Bevölkerung. Absurderweise beziehen sich sogar Putins Sprachrohre auf diesen Überfall, in den sie ihn als Start des Kampfes gegen den „Faschismus“ verkaufen wollen. Desinformation der Pudel. Kritik am Stalinismus und der Roten Armee stehen in Russland ind er Logik folgerichtig unter Strafe. Bei der bundesdeutschen Nomenklatura hat man jedenfalls den Eindruck, innerlich wird man dort den Ukrainern nie verzeihen, daß sie sich nicht haben einfach vom Aggressor… Mehr

Last edited 6 Monate her by P.Reinike