Marie-Antoinette bei Maybrit Illner: Arme Menschen? – Nie davon gehört

Bei Maybrit Illner wird endlich das Thema Inflation angetastet. Aber die Teilnehmer der Sendung sind so offensichtlich weit weg von solch profanen Problemen, dass sie fast schon belustigt sind. Christian Lindner prahlt mit Entlastungspaketen – und die DGB-Vorsitzende schiebt die Inflationsschuld auf Spekulanten.

Screenshot ZDF: Maybrit Illner

„Krieg in der Ukraine, Klima retten, Corona-Folgen abfedern – die Krisen türmen sich. Die Inflation steigt auf immer neue Höchstwerte. Vor allem Energie und Lebensmittel machen die Deutschen ärmer“, heißt es in dem Begleittext zur gestrigen Illner-Sendung. Man hätte auch einfach schreiben können: Wir stecken tief in der Sch… – naja, Sie wissen, was ich meine. „Multikrise“ nennt Illner das stattdessen. Die Moderatorin fragt: „Krieg, Corona, Inflation – eine Krise zu viel?“ 

Hat jemand eine Ahnung, was sie mit dieser Frage sagen will? Krisenschlussverkauf, alles muss raus? Machen wir jetzt die Krisentriage und geben einfach auf dem Gebiet auf, wo das Kind sowieso schon in den Brunnen gefallen ist.

Sendung am 12.05.2022
Tichys Ausblick Talk: Steuern und Inflation – die neue soziale Frage?
Das Aufgebot im Studio macht die Lage jedenfalls nur noch trauriger. Wenn das unsere Krisenexperten sind, dann reite ich aber lieber mit der Inflation in den Sonnenuntergang. Christian Lindner, unser Finanzminister und Sunny-Boy vom Dienst, darf da natürlich nicht fehlen. Lindner gibt sich total relatable, er weiß genau wie sich die armen Leute fühlen. Gleichzeitig ist er aber auch ein High-Performer und Elite-Politiker, und da gibt er sich auch ganz kompetent, er will alles unter Kontrolle behalten. So ganz kriegt er das nicht hin – merkt man schon daran, dass er mit seinen gelb gefärbten Haaren, orangenem Gesicht, das nicht zur Hautfarbe an den Händen passt, und der roten Krawatte aussieht wie ein jüngerer aber unenthusiastischer Donald Trump.

Während Trump in dieser Situation darüber gesprochen hätte, die Inflation zu killen („Inflation will die like a dog“ oder so), hat Lindner nur Phrasen übrig wie: „Nicht Angst machen ist die Aufgabe der Politik, sondern Rahmenbedingungen schaffen, damit hier Zukunft passiert.“ Er meint, der Bund würde so viel Geld in Infrastruktur investieren wie nie zuvor, und mit der Abschaffung der EEG-Umlage würde Entlastung kommen. Dass die Abschaffung eigentlich nichts mit der Ampel zu tun hat, lässt er offen – aber egal. Immerhin investiert die Bundesregierung in Klimaschutz und so.

„Annäherungen an das A-Wort“

Ihm gegenüber wird Yasmin Fahimi gesetzt, neue Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und SPD-Mitglied. Sie wartet mit einem sozialdemokratischen Uraltkatalog von Vermögenssteuer bis Planwirtschaft auf: „Das Märchen, dass der Markt alles regelt, das haben wir uns jetzt schon 30 Jahre angehört“, beklagt sie. Wenig konkret fährt sie fort: „Es wird jetzt darum gehen, ob wir in diesen großen Herausforderungen soziale Gerechtigkeit walten lassen.“ Die Ursachen für die Inflation sieht sie nicht in den politischen Fehlentscheidungen der letzten Jahre, sondern in der Unterbrechung der Lieferketten, Rohstoff-Engpässen und – natürlich – Spekulationen. Klar, die Kapitalisten sind mal wieder schuld. Sie fordert: „Es bedarf einer Umverteilung von oben nach unten.“

Veronika Grimm, Ökonomin und Mitglied des Sachverständigenrates, eine „Wirtschaftsweise“, sieht das anders. Sie schlägt zum Beispiel die CO2-Bepreisung als super Mittel zur gerechten Umverteilung vor. Damit haut man den Leuten auf die Finger, wenn sie was Böses machen und nimmt gleich noch mehr Geld ein, um es direkt wieder ausgeben zu können. Ach und übrigens, wenn Sie ein Auto haben, heißt das in ihren Augen, dass sie automatisch sehr wohlhabend sind, denn wer könnte sich sonst schon noch ein Auto leisten. Immerhin warnt Grimm in einem Satz vor einer Lohn-Preis-Spirale.

Es ist schon lustig zuzusehen, wie sich einige Leute, die ganz offensichtlich lange nicht mit mangelndem Geld in Berührung gekommen sind, über das Thema Armut unterhalten, als würden sie über den Kontakt mit Außerirdischen philosophieren. Im Einspieler der Sendung ganz am Anfang wird das Wort „arm“ gar nicht genannt – es gäbe „Annäherungen an das A-Wort“ heißt es da. Wissen Sie, die Elitechefs aus dem Regierungsviertel, die sprechen solche Wörter nicht aus, die haben Angst, sich schmutzig zu machen.

Volker Wissing ist "erschrocken"
Die Dauerbeschallung mit völlig widersprüchlichen Politiker-Botschaften
Weil die nun wirklich gar keine Ahnung haben, ob eine Banane jetzt mittlerweile schon 10 Euro kostet, hat man sich noch jemanden aus der arbeitenden Bevölkerung rangeholt: Matthias Grenzer ist Bäckermeister aus Rostock. Er schildert die angespannte Stimmung: „Es gibt Kunden, die unsere Verkäuferinnen beleidigen. Die lassen ihren Frust, der sich über die Corona-Zeit aufgestaut hat, an ihnen aus.“ Man könne den Kunden nicht alles zumuten – „wir können nicht alle Preise erhöhen. Brot darf nicht zum Luxusartikel werden.“ Außerdem merke er, dass viele Menschen bei ihren Lebensmitteleinkäufen sparen: „Wir verkaufen deutlich weniger.“
Grenzer verstehe die Politik zwar, aber ein Gas-Embargo sei für viele Bäckereien nicht auffangbar.

Mit am Tisch sitzen darf Grenzer aber nicht. Er muss die komplette Sendung über abseits an einem Stehstisch stehen, bis er die Erlaubnis bekommt, auch mal Pieps zu sagen. Vielleicht dachte sich das ZDF nichts dabei, doch den einzigen Gast, der nicht aus der politischen Upperclass kommt, in die Ecke zu stellen, während die anderen gemütlich an einem Tisch sitzen und darüber diskutieren, was für ihn und seinesgleichen so das beste wäre – das gibt doch schon eine eindeutige Botschaft. Dann hat er endlich seinen Auftritt, da nutzt Lindner nochmal die Gelegenheit, um zu betonen, dass er ja aus einer Bäckerfamilie kommt, die über Generationen zurückreicht. Er spricht von seinem Großvater, nun, der dürfte die Generation meiner Urgroßeltern sein. Da habe ich auch eine Urgroßmutter aus einer Bäckerfamilie zu bieten – ihre Familie gehörte damals zu den Wohlhabendsten der Stadt.

Die schlechte Behandlung von Herrn Grenzer setzte sich übrigens fort. Noch während er spricht, setzt Illner, die sich zu Beginn der Befragung noch zu ihm an den Stehtisch gestellt hatte, wieder auf ihren Platz zurück. Alle weiteren Fragen stellt sie dann quer durch’s Studio, Herr Grenzer ruft ihr die Antworten quer durch den Raum zurück. Plötzlich bricht sie das Interview ab, die Kamera dreht sich weg, Herr Grenzer ist verschwunden.

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Kommentare ( 69 )

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Waldorf
12 Tage her

Dass diese Talk-Formate überhaupt noch einen Zuschauer außerhalb der Politik+Medienblase haben, Union, FDP, SPD und Grüne bei freien Wahlen überhaupt noch über 5% kommen, kann nur durch ein kollektives Stockholmsyndrom oder gesamtgesellschaftlichen Masochismus erklärt werden. Selbst 2/3 Mehrheiten für die Tierschutzpartei oder Lila Panther könnten nicht zu schlechterer Politik oder einem schlechteren „Staatsfunk“ führen. Aber vermutlich ist es trivialer, die meisten sind einfach desinteressiert, schauen sich weder den TV-Müllan, noch hören sie sich Politiker an, die dann irgendwie nach Gefühl oder Plakatparole gewählt werden, weil Mama oder der Nachbar sagt, „der“ („die“) sei gut, er habe den mal beim Kegeln… Mehr

Rene Meyer
12 Tage her

Der Umgang mit Herrn Grenzer ist eine bodenlose Unverschämtheit! Durch nichts zu rechtfertigen. Da wäre es besser gewesen, ihn per Bildschirm dazuzuschalten oder ihn gar nicht erst einzuladen.

Was Sie zu unserer Lage schreiben, trifft den Kern: „Wir stecken tief in der Sch…“. Der Satz von Sabine Hossenfelder: „Ich mag das Wort Krise nicht, weil das klingt so optimistisch“ (von ihr zur Physik gesagt) passt zu unserer gesamten Situation. Und die ist, anders als der Klimawandel, pur menschengemacht.

Elki
12 Tage her

Welche „Rahmenbedingungen“ die Politik schaffen kann, sieht man alleine daran, daß sie noch nicht einmal eine mit unzähligen Steuermillionen gebaute Gas-Pipeline öffnen darf, ohne vorher beim „großen Bruder“ um Erlaubnis zu fragen und vmtl. zudem bei der EU reumütig mit den letzten Milliarden Abbitte leisten muß, all das aber vmtl. auch erst dann, wenn schon Menschen deswegen sterben mußten. Mein Gott, man muß die eigene Bevölkerung doch nicht für gänzlich bescheuert halten.

Michael Palusch
12 Tage her

„Nicht Angst machen ist die Aufgabe der Politik, sondern Rahmenbedingungen schaffen, damit hier Zukunft passiert.“
Dummsprech Politikergefasel.
Herr Lindner ich kann Ihnen versichern, egal ob und welche „Rahmenbedingungen“ Sie auch immer schaffen wollen, Zukunft „passiert“ auch ganz ohne Parteien und ohne, und das wird Sie besonders hart treffen, sogar auch ohne Christian Lindner.

Jens Frisch
12 Tage her

„Nicht Angst machen ist die Aufgabe der Politik, sondern Rahmenbedingungen schaffen, damit hier Zukunft passiert.“

Außer natürlich, das Innenministerium will unter den Bürgern eine „Schockwirkung“ erzielen, was die Folgen einer Covid-19 Erkältung alles sein könnten:
„Ertrinken gilt als eine der Urängste des Menschen“.

AlterDemokrat
12 Tage her
Antworten an  Jens Frisch

Das Angst- und Panikmachen hat man (wegen mangelnder Sprachkenntnisse neudeutsch) „outgesourced“, damit der gut subventionierte sog. Mainstream incl. ÖRR für diese Millionen auch mal was tut.

Durchblick
13 Tage her

Wenn ich nicht schon vor vielen Jahren die Gewerkschaft verlassen hätte, würde ich es spätestens jetzt, mit der Ernennung von Fahimi, machen.

Die FDP braucht sowieso keiner!

horrex
12 Tage her
Antworten an  Durchblick

Otto Lambsdorf (ohne „Graf“)
und Genscher „würden sich im Grabe umdrehen“ …

Jens Frisch
13 Tage her

„Vor allem Energie und Lebensmittel machen die Deutschen ärmer…“

Aber den Staat reicher: Jedes Prozent Inflation bringt dem Staat 10 Milliarden Euro mehr an Mehrwertsteuereinnahmen. Wir werden vorsätzlich in den wirtschaftlichen Ruin getrieben!

Kontra
13 Tage her

Meldung Nr. 1 heute im ÖR Hörfunk: Im öffentlichen Dienst hat man 83 Leute als rechtsradikal enttarnt. Wen interessiert da Inflation, Krieg, Energiekrise und die 1000 anderen Probleme? Nix da – wir haben mal wieder entschieden gegen rääääächts gekämpft!

Dr. Rehmstack
13 Tage her

Frau Illner und Ihrem Team ist etwas einzigartiges gelungen: noch nie wurde öffentlich so deutlich, wie sich die politische Verantwortungsgemeinschaft sprich der Parteien Adel mit seinen Herolden sprich öffentlich rechtlichen Medien von den Wertschöpfenden und sie direkt Alimentierenden abgehoben hat. Mein geistiges Auge sah eine Runde von vor sich hin Palavernde mit hohen Perücken und künstlichem Teint, die sich ihre Stichworte, einem Ballspiel nicht unähnlich, zuwarfen: wie im Salle de Jeu du Paume vor dem Ballhausschwur und der Vertreter des Dritten Standes durfte abseits stehen, ja, er mußte stehen!, wie der mißratene Schüler, der sein Gedicht nicht gelernt hat; aber… Mehr

josefine
12 Tage her
Antworten an  Dr. Rehmstack

Vielleicht dürfen Bürger, die die Wahrheit sagen, nicht am Platz der Reichen und Meinungs-Diktatoren sitzen! Für sie – für uns – genügt ein Stehplatz im hinteren Bereich.

St.Elmo
13 Tage her

Der FDP wird ja immer vorgeworfen lediglich Wirtschaftsliberal zu sein aber selbst das ist sie nicht mehr. „Sondervermögen“ für die Bundeswehr, mehr Suventionen für E-Autos und jetzt die agebliche „Abschaffung der EEG-Umlage“ die nicht wirklich abgeschafft wird, da sie in Zukunft statt über die Stromrechnung der Verbraucher aus dem allgemeinen Steueraufkommen bezahlt wird.
Die FDP ist unwählbar geworden