Die Frohe Botschaft des Boris Becker

Mit einem abendfüllenden TV-Interview hat sich Sportidol und Ex-Häftling Boris Becker zurück in die Herzen seiner Fans gebeichtet – und uns allen eine wunderprächtige Weihnachtsgeschichte beschert, in der die klassischen Themen jeder großen Erzählung stecken. Von Holger Fuß

IMAGO / Sven Simon
Boris Becker im SAT1-Interview, 20.12.2022

Für den vorweihnachtlichen Medienzirkus ist die Freilassung Boris Beckers so etwas wie die Summe aller Türchen im Adventskalender. Nachdem die Fußball-Weltmeisterschaft im fernen Katar sich weder sportlich noch moralisch zu einem deutschen Wintermärchen stilisieren ließ, kommt die neueste Episode der nun bald vierzig Jahre währenden Seifenoper um den einstigen Tennis-Popstar Bum-Bum-Boris den Klatschchronisten gerade recht, um dem festtäglich gestimmten Publikum auf anschauliche Weise zu belegen, dass Besinnlichkeit nichts weiter ist als der Zusammenklang von Komik und Tragödie.

Hatten wir vor gut acht Monaten noch mit einigem Kopfschütteln dem Niedergang des Volkshelden Boris Becker beigewohnt, der uns Jahrzehnte hindurch zuerst mit sportlichen Rekorden, dann mit Frauengeschichten und einhergehenden eskalierenden Schlüpfrigkeiten in Atem hielt, und zuletzt über finanzielle Leichtfertigkeiten und ungenaue Angaben bei Insolvenzformalitäten in den britischen Strafvollzug strauchelte. Zu zweieinhalb Jahren verurteilte ihn die Richterin und ließ ihn noch im Gerichtssaal abführen.

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Doch nun, termingerecht zum anstehenden Weihnachtswunder, wurde der inzwischen 55-Jährige am 15. Dezember überraschend aus dem Gefängnis Seiner Majestät Huntercombe in der Grafschaft Oxfordshire westlich von London nach acht Monaten und sechs Tagen entlassen und ins heimische Deutschland abgeschoben. Ein solventer Freund spendierte dem derzeit finanziell klammen Becker einen Privatflieger nach Stuttgart und schon fünf Tage später saß der verlorene Sohn der Nation in einem Fernsehstudio von SAT.1. Eine halbe Million Euro soll der Sender an Becker gezahlt haben, um am Dienstagabend zur Prime Time um 20.15 Uhr beachtliche 105 Minuten lang (inklusive rückfinanzierender Werbepausen) eine Weihnachtsgeschichte in Form eines Exklusiv-Interviews zu präsentieren – „A Christmas Carol“, wie Charles Dickens es sich nicht schöner hätte ausmalen können.

Und Becker blieb seinen Fans nichts schuldig. Hier beichtete ein Mann in epischem Format. Jahrelang hatte Becker über seine Verhältnisse gelebt – nun ereilte ihn die Einsicht: „Du kannst nur ausgeben, was du eingenommen hast.“ Kaum eine Todsünde hatte er ausgelassen, nicht den Hochmut, nicht die Habgier, nicht die Wolllust, nicht die Völlerei und nicht die Trägheit: „Ich habe über Jahre Fehler gemacht“, gestand Becker, „habe falsche Freunde gehabt, habe mich treiben lassen und wurde vielleicht faul.“

Aber siehe da, ein paar Monate hinter Gittern reichten aus, um aus ihm einen neuen Menschen zu machen. Boris Becker bereute vor der Kamera, dass es eine Pracht war: „Ich glaube, das Gefängnis war gut für mich.“ Keine Spur der Klage, etwa zu Unrecht eingesperrt worden zu sein. „Nein, natürlich war ich schuldig.“ Doch wo Gefahr ist, so lehrt uns Hölderlin, wächst das Rettende auch. „Ich glaube, dieser Gefängnis-Aufenthalt hat mich zurückgeholt, ich habe den Menschen in mir wiederentdeckt, der ich einmal war.“ Er habe sich geläutert.

Buße und Umkehr, die klassischen Themen großer Erzählungen, werden stets durch Erfahrungen des Schreckens, des Zusammenbruchs bisheriger Gewissheiten ermöglicht. Durch paradoxe Interventionen der Wirklichkeit in unsere illusionsgefährdete Wahrnehmung. Bei Becker war es wohl das Erleben von Gemeinschaft unter den Mithäftlingen, das ihn innerlich erneuerte. Zwei Mal wurde er von Langzeitinsassen bedroht: Einer wollte ihn erpressen, ein anderer trachtete ihm nach dem Leben. In beiden Fällen überstand Becker nur durch den Schutz von zehn Mitgefangenen, die ihm wohlgesonnen waren und die Aggressoren einschüchterten. Der Gefangene, der ihn umbringen wollte, warf sich tags darauf vor Becker auf den Boden, bat ihn um Verzeihung und küsste seine Hand. Wo Gefahr ist, dort gedeiht auch das komische Gelächter.

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Als er 55 wurde, schenkten ihm seine Knastfreunde drei Schokoladenkuchen. „Das habe ich nicht mal in Freiheit bekommen“, erzählt Becker. „Ich habe so einen Zusammenhalt sonst noch nie erlebt.“ Zu essen gab es sonst oft nur Reis und Kartoffeln, davon hat er in der ersten Zeit kaum etwas angerührt, sein Körpergewicht schnurrte von 97 Kilo herab auf 90. „Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben Hunger gefühlt, bin hungrig ins Bett gegangen.“ Dann die ersten Tage in der Zelle, die Angst, den Verstand zu verlieren, „du gehst die Wand hoch, die nicht besonders hoch ist“. All das war Neuland für den erfolgsverwöhnten Mann, der zeitlebens vom Echo seines Wimbledon-Sieges 1985 im Alter von 17 zehrte.

Auf einmal sah sich Boris Becker unter existenzielle Spannung gesetzt, katapultiert aus dem Millionärskomfort in die Tristesse des Zuchthauses, brutal konfrontiert mit dem, was wirklich zählt im Leben. Auf einmal verdammt in der Enge seiner Zelle zum Bücherlesen. Nach zehn Tagen ein weiteres Wunder: Ihm wurde ein Job angetragen. „Ob ich denn Englisch und Mathe unterrichten könnte? In einem englischen Gefängnis wird ein Deutscher gefragt, ob er Englisch unterrichten kann, und Mathe!“ Also gab er morgens und nachmittags jeweils zwei Unterrichtsstunden, pro Kurs für 25 bis 30 Gefangene. „So wurde mein Leben dann etwas leichter, weil ich aus der Zelle kam.“

Und als ob diese Geschehnisse nicht zeichenmächtig genug wären, landete Boris Becker zu alledem noch in einem gefängniseigenen Workshop zur stoischen Philosophie des Marc Aurel, dem römischen Kaiser und Denker des zweiten Jahrhunderts. Mit der bizarren komödiantischen Wucht eines Forrest Gump stolperte Becker als Teilnehmer durch den Kurs und wurde, warum auch immer, schließlich mit der Leitung des Kurses betraut. Ihm habe die Philosophie der Stoiker geholfen, das Unausweichliche zu akzeptieren und sich selber Fragen zu stellen, wie: „Macht es Sinn, sich selbst zu verletzen, macht es Sinn, die Zelle zu zertrümmern?“

Nein, hier ist nicht bloß ein Mann an seinem Scheideweg, hier muss wenigstens die Taube des Heiligen Geistes an den Wachtürmen des Huntercombe-Gefängnisses vorbeigeflattert sein. Gleich einem Evangelium des Boris lässt er denn auch sein TV-Interview ausklingen: „In Frieden und Freiheit“ möchte er „glücklich meinen Lebensabend verbringen“. Wer mag ermessen, wie viele Fernsehzuschauer spätestens in diesem Moment von dem unbändigen Drang ergriffen wurden, ihr eigenes Leben zu läutern, Buße zu tun und die Umkehr zu wagen? „Ich freue mich“, juchzte Becker, „ich bin motiviert. Ich muss arbeiten, ich bin mir auch dafür nicht zu schade. Ich glaube, dass ich viel gelernt habe in diesen acht Monaten und sechs Tagen und dass ich ein besserer Mann bin als vorher.“

Nicht nur Boris Becker dürfte seine Lektion gelernt haben. Wir wollen es ihm nachtun. Frohes Fest!


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Kommentare ( 44 )

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44 Comments
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K.Behrens
1 Monat her

Ich hätte das ehemals deutsche Tennis-Idol auf Anfang 70 geschätzt, was sicher auf seinen Lebenswandel und nicht auf seinen kurzen Gefängnisaufenthalt zurück zu führen ist. Der fast gleichaltrige Michael Stich bietet da doch ein anderes öffentliches skandalfreies und sportliches Vorbild, weniger ist eben mehr!

Endlich Frei
1 Monat her

Wer Hundert Millionen mit Frauen, Fehlinvestments und Schlämmerei durchbringt, sollte besser nicht mehr als Mathelehrer fungieren. Denn dazu gehört weit mehr als Kontrollverlust.

Desert Sled
1 Monat her

Dieser Hass (oder Neid), den viele Kommentatoren auf Boris Becker haben, ist absolut unverständlich. Er ist neben Franz Beckenbauer das größte noch lebende Sportidol Deutschlands. Leider ist er recht ungebildet, naiv, insbesondere im Umgang mit Frauen und außerordentlich ehrlich. Da ich seine großen Zeiten als Sportler fast 15 Jahre miterlebt und jedes mal mitgelitten habe, kann er machen, was er will. Boris Becker hat bei mir absolute Narrenfreiheit. Gilt ansonsten nur für meinen Hund und meine Frau:) Ich gönne Boris nur das Beste!

Iso
1 Monat her

Wenn man so viel Geld verdient hat, dann weiß ich nicht, wie man so sehr in Schwierigkeiten geraten kann.

Deutsche1295
1 Monat her

Habe das Interview geschaut.
Ein sehr guter, sehr menschlicher und glaubwürdiger
Boris Becker.
Weiter so !

Michael Palusch
1 Monat her

Ich muss arbeiten, ich bin mir auch dafür nicht zu schade. Und wie hart das Bobbele schon wieder gearbeitet hat… Eine halbe Million Euro soll der Sender an Becker gezahlt haben Das ist ja gerade einmal ein mickriger Stundenlohn von 256.000€! Und das bei diesen Energiepreisen, schämen die sich eigentlich gar nicht. Ob ich denn Englisch und Mathe unterrichten könnte? Mathe? Was hat der denn da unterrichtet, Grundrechenarten bis zur Hundert? Nun wird der also wieder, dümmlich grinsend und unbeholfen dastehend, den stammelnden Experten geben. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, lässt er zu allem Unglück wahrscheinlich jetzt… Mehr

daniela kirnes
1 Monat her

Unglaublich ! Nur weil er mal ein paar Bälle über ein Netz gehauen hat. Ansonsten ausser Schulden nichts erreicht. Oder sollte man ein Kind in der Besenkammer zeugen als Lebensleistung verstehen ? Und jetzt sollen alle noch Mitleid mit ihm haben? Wirklich schade, er hätte auch als „Mann“ aus der Sache rauskommen können.

Jack
1 Monat her

Wenn es so super im Gefängnis war und es seiner persönlichen Entwicklung gedient hat stellt sich die Frage, was aus ihm erst hätte werden können wenn er die volle Zeit abgessesen hätte. So günstig gibt es selten eine Persönlichkeitsentwicklung bei freier Kost und Logis, Andere bezahlen dafür richtig Geld.

Last edited 1 Monat her by Jack
wackerd
1 Monat her

Nun, die gelehrigen Schüler beherrschen jetzt perfekt auf Englisch das „ähmm..äh..ähm..“ und die Beckersche Algebra wird sie alle in die Steuerhinterziehung und Privatinsolvenz führen. Jetzt noch eine Audienz bei Papst und ein Kamingespräch beim Philosophiekollegen Habeck; Thema „Alles wird gut“.

friebras
1 Monat her

WIe Bitte? Wieso verurteilen so viele ihn? Für mich ist er ein wahrer Held, der an erster Stelle und an letzter Stelle „Mensch“ ist! Dieser Mann ist authentisch, ganz gleich mit welchen Fehlern oder mit welchen Gaben er ausgestattet wurde, ganz gleich ob er morgen oder übermorgen wieder selbstschädigend unterwegs ist – er hat das Recht dazu! Da er immer Teil der Öffentlichkeit war, nutzt er sie – wer soll ihm das verdenken? Und Boris als Tenniskommentator ist das Beste was man kriegen kann,..fachlich und menschlich – er hat Witz und die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen! Schaut auf… Mehr

Evelyn Beatrice Hall
1 Monat her
Antworten an  friebras

Ob Herr Becker als Tenniskommentator das Beste ist, weiß ich nicht. Dazu interessiert mich dieser Sport zu wenig, als daß ich mir da Kenntnisse anmaßen würde. In allem anderen stimme ich Ihnen zu. Danke für Ihren Kommentar.

Mein Onkel
1 Monat her
Antworten an  friebras

Stimme Ihnen zu.
Boris ist zusammen mit John McEnroe einer der besten Tenniskommentatoren weltweit. Seine Expertise ist unter Fachleuten unbestritten.
Traurig zu sehen, wie sehr hier viele vom Neid zerfressen auf Boris Becker dreinschlagen.
Dabei haben sie nicht den blassesten Schimmer, was es bedeutet, seine ganze Jugend der sportlichen Höchstleistung geopfert – und dabei einzigartigen Erfolg zu haben!
Bisher hat noch kein Tennisspieler auf diesem Planeten geschaft was Boris Becker geschafft hat – Wimbledon, das meistbedeutende Tennisturnier der Welt zu gewinnen, und das im zarten Alter von 17 Jahren!
Ich wünsche Boris Becker alles Gute auf seinem weiteren Lebensweg.