Von Kraus entlarvt: der nackte Ampel-Kaiser im farbenfrohen Wahnsinnsgewand

„Der deutsche Untertan“ von Josef Kraus ist ein leider brandaktuelles Sittengemälde einer verzagten Gesellschaft, in der die bürgerlichen Eliten sich kleine Beulensäckchen an die Gewänder nähen lassen, damit es die in der Tasche dauergeballte Faust bequem habe. Von Ralf Schuler

Das Fest steht vor der Tür, und wenn man sie öffnet, ist unversehens ein Klassiker wieder da: Josef Kraus hat nach drei ausverkauften Auflagen seinen Bestseller „Der deutsche Untertan. Vom Denken entwöhnt“ überarbeitet, mit einem aktuellen und fulminanten neuen Vorwort versehen und in neuer Ausstattung wieder herausgebracht. Ein Schelm mag argwöhnen, dass nicht nur Knecht Ruprecht, sondern auch ein gewitzter Verlagskaufmann bei dem Projekt Pate gestanden haben mag. Was kein Monitum ist, sondern Ausweis intelligenter Marktwirtschaft auf höchstem Niveau: Wenn Kommerz und Geist Hand in Hand gehen, ist allen gedient und der Mammon kein bisschen mehr schnöde.

Das Bittere an dieser Rückkehr des „Untertan“ besteht darin, dass dieses Buch seit seinem Ersterscheinen 2021 nicht nur kein bisschen an Aktualität verloren hat, sondern im Gegenteil, die Spirale des polit-gesellschaftlichen Irrsinns noch einiges an Drehzahl zugelegt hat. So kann sich Kraus in seinem Vorwort im Grunde darauf beschränken, nach dem Motto: „Was bisher geschah“ in die Schatztruhe des Kopfschüttelns zu greifen und den Widersinn der Ereignisse zu schildern.

„Was man im Sommer 2021 befürchten musste, hat sich mehr als bewahrheitet: Deutschland steigt (politisch und medial inszeniert) weiter ab: als Wirtschaftsnation, als Wissenschafts- und Bildungsnation, als Kulturnation, als (vormalige) Nation der großen Dichter, Denker, Erfinder, Naturwissenschaftler, Pädagogen, Ingenieure, Mediziner, als verlässlicher und zugleich selbstbewusster Partner in Europa, in der Nato und in der Welt. Was großspurig als zukunftweisende Transformation Deutschlands daherkommt, ist nichts anderes als Deindustrialisierung, Deformation, Dekonstruktion, Destruktion. Steht ein Morgenthauplan 2.0 an? In der Folge wandern immer mehr junge, qualifizierte Deutsche aus, immer mehr deutsche Firmen inkl. Automobilindustrie investieren im Ausland. Krankenhäuser sind hoch verschuldet und müssen geschlossen werden. Die Infrastruktur (Straßen, Brücken, Bahnstrecken, Schulgebäude) ist marode. In der vormaligen ,Apotheke der Welt‘ fehlen Medikamente. Der Wohnungsbau stagniert, von den jährlich versprochenen 400 000 neuen Wohnungen wurde nicht einmal die Hälfte realisiert.“

Mitlaufen
Eine Bestandsaufnahme zum Stand der Konformität
Bei dieser Bestandsaufnahme sind zwei Dinge besonders interessant. Zum einen mag manchem die rhetorische Frage nach dem „Morgenthauplan“ böse populistisch und verschwörungstheoretisch vorkommen, schließlich verwarf US-Präsident Roosevelt den Plan seines Finanzministers Henry Morgenthau 1944, und anstatt Deutschland zu einem wehrlosen Agrarstaat zu machen, griff später der Plan des US-Außenministers George C. Marshall, der die junge Bundesrepublik mit Dollar-Milliarden gewissermaßen ins Wirtschaftswunder stieß.

Dennoch macht sich derzeit in der Tat mitunter ein Lebensgefühl breit, bei dem Deutschland gewissermaßen das Wirtschaftswunder rück- und abwärts durchschreitet, seine eigene Wirtschafts- und Energiebasis ruiniert, in Rezession und Inflation stecken bleibt, außen- und geopolitisch jeden nur erdenklichen Holzweg beschreitet, durch ungebremste, illegale Migration das eigene Land zerstört und sich statt dessen in gesellschaftspolitischen Irrsinnsprojekten ergeht. Und wehrlos sind wir heute ja in der Tat.

Hier nur ein kleiner Abschnitt aus Josef Kraus‘ bedrückender Bestandsaufnahme, die es in straffer Listung auf 23 Seiten Vorwort bringt: „In den Jahren 2022 und 2023 kommen mehr „Zuwanderer“ ins Land als 2015/2016. Das Land zerfasert in Parallelgesellschaften, Parallelkulturen, Parallelsprachen. Das Volk wurde nie gefragt, ob es das will. Derweil braucht man für die Schlichtung der Keilereien zwischen migrantischen Clans offenbar islamische „Friedensrichter“. Es vergeht auch kaum ein Tag, an dem es nich t Messerattacken, Messermorde und Gruppenvergewaltigungen gibt. Deutschlands Außengrenzen sind offen wie Scheunentore, aber beim Besuch mancher Schwimmbäder muss man sich ausweisen. Frauen dürfen jetzt in vielen Bädern „oben ohne“ gehen, wenn sie denn Belästigungen riskieren wollen.“

Der zweite, wirklich spannende Punkt durchzieht das Buch gewissermaßen als Grundthema und lässt sich in dem Satz von Josef Kraus zusammenfassen: „Der deutsche Michel lässt das Umkrempeln seines Landes schafsgeduldig über sich ergehen.“ Im Topos des „deutschen Michel“ schwingt eine gewisse Abschätzigkeit, eine metaphorische Schlafmützigkeit und Dumpfheit mit, die hier aber ganz anders und viel weniger volksverachtend gemeint ist, als etwa in Heinrich Manns „Der Untertan“, in dem der vom Autor mit ganz dezentem Holzhämmerchen Diederich Heßling genannte „Held“ zum Prototyp des unterwürfigen, kaisertreuen Bücklings wird, der in einer Schlüsselszene von Berittenen des Hofes auch noch in den Straßenkot gestoßen wird und dies nicht als Schmach empfindet.

Deutschland - ein Land voller Paradoxien
Wann wird der deutsche Michel endlich aufbegehren?
Im Kern verbirgt sich hinter diesem Erstaunen über die Langmut des „deutschen Michel“ viel mehr als eine nationalpsychologische Analyse. Es ist auch die Frage nach dem Funktionieren unseres politischen Mess- und Regelsystems, das derzeit dazu zwingt, in vielen gesellschaftlichen und politischen Bereichen unguten Entwicklungen machtlos zuzuschauen. Wie verbreitet diese Fragestellung ist, erlebt man dieser Tage auf Weihnachtsfeiern, bei Veranstaltungen und überhaupt im politinteressierten Raum: „Warum kann man eigentlich eine so umfassend überforderte Regierung wie die Ampel nicht ablösen“, fragte mich dieser Tage ein führender Wirtschaftsmanager, der sich von mir wegen der jahrelangen Berichterstattung über das Kanzleramt, die Ministerien und den Bundestag, technische Hinweise für eine Kurskorrektur erhoffte, weil es in einem Unternehmen völlig undenkbar sei, dass man einerseits für Fehler keine Verantwortung übernehmen müsse und andererseits einen ruinösen Kurs auch noch weiterfahre.

Meine Antwort mag nicht besonders befriedigend gewesen sein. Ich kann bei solchen Gesprächen immer nur auf die bewusst gefasste Grundarchitektur unseres politischen Systems verweisen, die (in den allermeisten Fällen als direkte Reaktion auf die Zeit des Nationalsozialismus‘) bewusst auf Stabilität ausgerichtet ist und nicht auf das rasche Aufnehmen und Umsetzen politischer Stimmungen. Dazu misstraute man den Deutschen damals nach dem Kriege zu sehr. Deshalb kann der Bundespräsident den Bundestag nicht einfach auflösen, sind Neuwahlen nicht so ohne weiteres herbeizuführen und wird die Stimmung im Lande durch Koalitionsbildungen oder das Wechselspiel zwischen Bund und Ländern zur föderalen Bremse möglicher Erzürnungsstürme. Kurz: In Deutschland bricht sich legal nichts Bahn.

In einem ausführlichen und, wie das gesamte Buch, vom langjährigen Chef des Deutschen Lehrerverbandes brillant geschriebenen Kapitel („Immunisierung gegen Obrigkeitsgehabe und Untertanengeist“), beschäftigt sich Kraus mit möglichen Mechanismen der Abhilfe. Er fordert „Freiheit und Eigenverantwortung“, „Rationalität statt Haltung und Hypertoleranz“, gebildete und konservative Eliten, und ganz allgemein Bildung, vor allem auch historische Bildung. Der Katalog der Forderungen ist gleichzeitig eine Liste der Defizite.

Allesamt Dinge, die einer selbstbewussten und intakten Bürgergesellschaft natürlich innewohnen würden. Würden.

Vom Verlust des eigenen Denkens
Josef Kraus appelliert: »Bürger, holt euch eure Souveränität zurück!«
„Der deutsche Untertan“ von Josef Kraus ist ein leider brandaktuelles Sittengemälde einer verzagten Gesellschaft, in der die bürgerlichen Eliten sich kleine Beulensäckchen an die Gewänder nähen lassen, damit es die in der Tasche dauergeballte Faust bequem habe. Die Spitzenvertreter der Wirtschaft schlagen heimlich Alarm und möchten Applaus dafür, dass sie im Hinterzimmer und unter dem Siegel der Verschwiegenheit frustrierten Klartext reden, um es sich mit der Regierung nicht zu verscherzen, weil sie ja noch subventionierten Industriestrom haben möchten. Bürgerliche Intellektuelle (die überschaubaren) warten darauf, dass sich das Volk – wer auch immer das sein mag – erheben möge und sie sich unbefleckt einreihen können, damit sie die Beamtenpension nicht verlieren.

Und im Milieu der links-grünen Ton-Angeber ist man in seinen naiven, idealistischen Visionen von keinen Zweifeln angekränkelt und versucht bei nicht aufgehenden Rechnungen gegen Physik oder Biologie das Heim für den Wolkenkuckuck einfach per Gesetz zu beschließen.

Oder um es mit Josef Kraus zu sagen: „Der Staat sieht sich nicht mehr als originärer Garant, sondern als argwöhnischer Begrenzer von Freiheiten bis ins Totale

(Totalitäre?). ,Cancel Culture‘ ist angesagt. Schier alltäglich. Ein Heilbronner Konditor, der Faschingskrapfen mit ,indigenen‘ Köpfen ziert, wird im Februar 2023 von einer kommunalen Stelle ermahnt. Winnetou muss wegen Verbots von ,Cultural Appropriation‘ nun definitiv sterben; eine Tanzgruppe von Rentnerinnen, die bei der Bundesgartenschau im April 2023 mit Sombreros auftritt, ist ebenfalls wegen ,Cultural Appropriation‘ unerwünscht.“

„Der deutsche Untertan“ bleibt eine – leider – hochaktuelle Analyse der deutschen Gegenwart, ein in seiner Absurdität gleichermaßen unterhaltsamer wie verstörender Befund der europäischen Mittelmacht: „Derweil schaltet Deutschland im April 2023 auch die letzten drei, hochfunktionsfähigen und CO2-neutralen Atomkraftwerke ab und importiert Kohle aus Kolumbien.“ Oder man klagt über Fachkräftemangel und diskutiert gleichzeitig über die Viertagewoche. Oder glaubt, jährlich das Geschlecht wechseln zu können, von dem bezweifelt wird, dass es sowas überhaupt gibt.

Eine Pflichtlektüre, vielleicht nicht unbedingt an friedvollen Weihnachtstagen. Auf jeden Fall aber an den Tagen danach, wenn der nackte Ampel-Kaiser sich wieder im farbenfrohen Wahnsinnsgewand zeigt. Es gibt Dinge, auf die kann man sich verlassen.


Ralf Schuler ist Politikchef des Nachrichtenportals NIUS, betreibt den Interview-Kanal „Schuler! Fragen, was ist“ und verfasst erfolgreiche Sachbücher, die im TE Shop erhältlich sind.


Josef Kraus, Der deutsche Untertan. Vom Denken entwöhnt. LMV, aktualisierte, um ein neues Vorwort ergänzte Neuausgabe, Klappenbroschur, 360 Seiten, 20,00 €.


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Kommentare ( 5 )

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Wolfgang Schuckmann
2 Monate her

Dieser kleine Ausriss aus dem Buch von Herrn Kraus liest sich wie der Bericht eines Pathologen. Nur, wenn die Pathologen an der Reihe sind ist es für den Patienten zu spät. Und so ist das auch in diesem Fall. Jedoch muß die Krankheit, die zum Tode des Patienten führte früher diagnostiziert werden um das vorzeitige Ableben des Patienten zu verhindern. Und so ist das auch im Falle eines Staates, der sich durch falsche Führung selbst in Bedrängnis bringt und seine originären Aufgaben nicht mehr mit der gebotenen Ernsthaftigkeit wahrnimmt. Man muss also konstatieren, daß der Niedergang unseres Gemeinwesens wesentlich früher… Mehr

schwarzseher
2 Monate her

Das Volk wurde nach Meinung des Autors nie gefragt, ob es diese Zuwanderung/ Invasion will. Doch!!! Bei jeder Wahl hätte es, das Volk, die Möglichkeit gehabt, dagegen zu protestieren. Hat es aber nicht.

KaWi
2 Monate her

Franz Josef Strauss hat das alles vorhergesagt und gewarnt:
https://www.youtube.com/watch?v=prhSEygBqWA
In einigen Punkten hat er sich geirrt:

  • die FDP sitzt auch im Narrenschiff
  • die CDU saß mit Merkel im Narrenschiff
  • die CDU unter Merz möchte gerne ins Narrenschiff rein

Alles Gute!

Peter Pascht
2 Monate her

Was beginnt da losgetreten zu werden?
Die nächste Entlassung aus dem Amt wird medial vorbereitet?
gerade jetzt wird Berbock auf Phönix öffentlich demontiert.
In der Reportage:
„Mensch Baerbock“ – die undiplomatische Diplomatin
Ihre persönliche Unfähigkeit, ihre Stripper Ziehereien im Hintergrund,
ihr Unbildung und Unwissen, alles kommt zur Sprache.
Die Pannen mehren sich, heißt es da.
All ihren Unsinn den sie erzählt hat, werden in der Repotage erwähnt.
Journalisten die sie als diletantisch, ungeschickt, amateurhaft, unsouverän,
in dieser Reportage auf Phönix bezeichnen.
Eine regelrechte öffentliche Demontage von Baerbock bei Phönix.

Wolfgang Schuckmann
2 Monate her
Antworten an  Peter Pascht

Ja, da stimme ich Ihnen vorbehaltlos zu. Da ich die ersten Minuten nicht mitbekommen hatte, dachte ich Bärbock sei ad hoc zurückgetreten und ich hätte etwas in den Nachrichten verpasst. Nur so konnte ich mir diese Chronologie erklären.
Schade, die Dame kennt das Wort “ Rücktritt“wohl nicht, denn spätestens jetzt wäre er fällig.