Peter Seewald: „Einen wie ihn wird es nicht mehr geben“

Warum Joseph Ratzinger ein moderner Theologe ist und das als Präfekt und Papst auch blieb, beantwortet der Biograph Benedikts des XVI. im Interview mit Oliver Maksan und Guido Horst.

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Herr Seewald, sind Sie erleichtert, dass die Biografie, das Buch nun erscheint?

Allerdings. Es war eine schöne, aber auch, bei einer Jahrhundertbiografie wie der von Joseph Ratzinger, eine gewaltig anstrengende Aufgabe, die einen überfordert. Man braucht unzählige Stoßgebete und gutes Sitzfleisch, um das durchzustehen.

Ausführlich beschreiben Sie den geistigen Werdegang des jungen Ratzingers, die Werke, die ihn beeinflusst haben. Würden Sie sagen, nach seiner „Reifezeit“ war er ein moderner Theologe?

Er war es von Anfang an. Schon als Erstsemester begeisterte er sich für den Aufbruch eines neuen Geistes. Er verschlang alle Literatur hierzu und schwärmte für eine Philosophie der Freiheit. Sein Doktorvater Gottfried Söhngen führte ihn zu einer geschichtsbezogenen Theologie anstatt einer nur spekulativen. Früh entdeckte er die neue französische Schule und erkannte in Henri de Lubac und in Hans Urs von Balthasar seine Vorbilder. Seine Studenten horchten auf. Da war eine ungekannte Frische, ein neuer Zugang zur Überlieferung, verbunden mit einer Reflexion und einer Sprache, die man so noch nicht gehört hatte.

»Ratzingers Theologie ist sehr früh fertig,
und die Kontinuität in seiner Lehre ist beeindruckend«

Und doch beginnt Ratzinger später zu erkennen, dass er und zum Beispiel Karl Rahner theologisch auf »zwei verschiedenen Planeten lebten«. Von Hans Küng ganz zu schweigen. Was führte den Konzilstheologen und das spätere Mitglied der Würzburger Synode aus dem »Lager der Progressiven« heraus? Blieb er sich einfach nur treu?

Ja. Mit gewissen Modifikationen. Ratzingers Theologie ist sehr früh fertig, und die Kontinuität in seiner Lehre ist beeindruckend. Rahner war ganz wild darauf, mit dem jungen Kollegen auf dem Konzil zusammenzuarbeiten, was dann allerdings nur suboptimal geklappt hat. Der spätere Papst hatte eine Nähe zu unkonventionellen, unbequemen, sehr modern denkenden Gelehrten, zu Leuten, die nicht Mainstream waren. Er sah sich selbst als progressiven Theologen. Allerdings wurde Progressivsein ganz anders verstanden als heute. Nämlich als das Bemühen um eine Fortentwicklung aus der Tradition heraus – und nicht als Ermächtigung mittels selbstherrlicher Eigenkreationen. Bereits als Konzilsberater forderte er, die Suche nach dem Zeitgemäßen dürfe nicht zu einer Preisgabe des Gültigen führen. Diesem Ansatz ist er treu geblieben. Insofern stimmt es, wenn er sagt, nicht er habe sich geändert, sondern die anderen.

War es eigentlich der ehemalige Kollege aus Tübinger Zeiten Hans Küng, der zu Beginn der Präfekten-Zeit Kardinal Ratzingers das Bild vom »reaktionären Theologen« an der Spitze der Glaubenskongregation schuf?

Die Beziehung Küng-Ratzinger ist eine sehr spannende, aber auch sehr tragische Geschichte. Eine echte Freundschaft war es nie, auch wenn sich die beiden schätzten und irgendwie auch mochten. Tatsächlich ist Küng der Hauptverantwortliche für eine Ratzinger-Saga, die auf Manipulation und Fälschungen aufgebaut ist. Seine Beschuldigungen bereiteten das Zerrbild vom »Großinquisitor« vor. Er war unter anderem für die Legende vom Trauma und der Wandlung Ratzingers in der Rebellion von 1968 verantwortlich, die es in Wirklichkeit nie gab. Zu keiner Stunde hat er etwas unversucht gelassen, seinem früheren Kollegen an den Karren zu fahren. Wären seine Verleumdungen in den sogenannten Leitmedien kritisch geprüft worden, hätte es einen »Panzerkardinal« nie gegeben.

 »Wenn heute noch jemand von einem gescheiterten Pontifikat
spricht, dann hat er entweder keine Ahnung, oder er will bewusst
eine Formel durchdrücken, die seinen ideologischen Interessen entspricht«

Schon lange vor 2005, dem Jahr der Wahl Papst Benedikts, hatten Sie sich mit Joseph Ratzinger beschäftigt und zwei Interviewbücher mit ihm herausgegeben. Haben Sie dann von dem deutschen Pontifikat etwas Anderes, vielleicht mehr erwartet?

Halbstaatliche Kirchen-Sozialindustrie
Sozialistische Predigten schaden der Kirche und dem Glauben
Ich finde, die Bilanz Benedikts ist mehr als ansehnlich. Wenn heute noch jemand von einem gescheiterten Pontifikat spricht, dann hat er entweder keine Ahnung, oder er will bewusst eine Formel durchdrücken, die seinen ideologischen Interessen entspricht. Alleine nach einem »Jahrhundertpapst« wie Johannes Paul II. einen Übergang ohne jeden Bruch geschafft zu haben, war eine riesige Leistung. Benedikt XVI. legte angesichts eines kaum dagewesenen Verfalls des Christentums den Schwerpunkt auf die Erneuerung des Glaubens. Sein besonderes Charisma und seine Katechesen haben Millionen von Menschen angezogen, auch solche, die der Kirche distanziert gegenüberstanden. Nicht von ungefähr sprach man von einem »Benedetto«-Fieber. Es endete mit der Williamson-Affäre, bei der, wie ich in meinem Buch belege, eine mediale Desinformationskampagne die Öffentlichkeit getäuscht hat.

Die Berufung des »unerfahrenen Jesuiten« Federico Lombardi nach dem Medien-Profi Navarro-Valls als Vatikansprecher und die von Tarcisio Bertone zum Staatssekretär: Waren manche Personalentscheidungen ein Schwachpunkt im Pontifikat von Papst Benedikt?

Ratzinger selbst hat ja Personalpolitik als nicht unbedingt seine Top-Disziplin bezeichnet. Zudem neigt er zu einer Art von Nibelungentreue. Ich denke, mit einem stärkeren Team hätte das Potenzial, das im Pontifikat Benedikts XVI. lag, weit besser zur Geltung kommen können.

Papst Benedikt hat nur drei Enzykliken veröffentlicht, von dem Theologen-Papst hätte mancher vielleicht mehr erwartet.

Es waren zwar »nur« drei Enzykliken, aber drei, die es in sich haben. Als Papst war er vor allem Hirte, nicht Professor. Dass er in seinem hohen Alter und bei seinen gesundheitlichen Handicaps, von denen die Öffentlichkeit nichts ahnte, dann auch noch eine Jesus-Trilogie hinlegte, grenzt fast schon ans Übermenschliche. Diese Christologie war angesichts der Zerstörung von Bild und Botschaft Jesu dringend notwendig. Kein Papst vor ihm hatte sich zugetraut, ein solches Werk in Angriff zu nehmen.

»Ratzinger hat mit seinem Akt das Papsttum revolutioniert
und den Weg frei gemacht für eine frische Kraft.
Er hat mit der Frage des Amtsverzichts gerungen bis aufs Blut.«

Herr Seewald, Hand aufs Herz: Wie haben Sie mit dem Rücktritt Benedikts gelebt? Sie haben ihn in Ihrem Buch gut erklärt, aber haben Sie ihn auch für sich akzeptiert?

Ein Papst hat in seinem Amt zu sterben. Das galt nahezu als Dogma. Die Demission eines Pontifex war zwar kirchenrechtlich möglich, aber niemand wollte sie erleben müssen. Der Rücktritt hat auch mich erschüttert. Andererseits hatte Benedikt XVI. schon 2010 in unserem Buch »Licht der Welt« erklärt, ein Papst habe nicht nur das Recht, sondern mitunter auch die Pflicht, zurückzutreten, wenn seine physischen oder psychischen Kräfte nicht mehr ausreichen. Die katholische Kirche ist so groß und so verbreitet wie niemals zuvor. Die Anforderungen an den obersten Hirten haben sich extrem verändert. Ratzinger hat mit seinem Akt das Papsttum revolutioniert und den Weg frei gemacht für eine frische Kraft. Er hat mit der Frage des Amtsverzichts gerungen bis aufs Blut. Und man kann ihm glauben, wenn er sagt, er befindet sich damit im Reinen, gerade auch mit seinem Herrn, dem alleine gegenüber er letztlich verantwortlich ist.

Inwiefern ist Benedikt XVI., wie Sie im Vorwort schreiben, zu einem Papst der Zeitenwende geworden, »sowohl das Ende des Alten als auch der Beginn von etwas Neuem«?

Muezzin-Ruf und Kirchenglocken
Tradition oder Identitätsverlust?
Ratzinger überblickt im persönlichen Erleben die geschichtlichen Erfahrungen eines ganzen Jahrhunderts, von der Weimarer Republik bis ins digitale
Zeitalter. Er kennt insbesondere die unterschiedlichsten Phasen der Kirche. Von ihrer Lage in der Diktatur, der Epoche als Volkskirche und als Kirche der Krise in der säkularisierten Gesellschaft. Fünf Jahrzehnte lang stand er an vorderster Front, ein Vierteljahrhundert davon als rechte Hand von Johannes Paul II. Er war ein Brückenbauer, der die Wiederentdeckung der Väter betrieb und den konziliaren Modernisierungsschub mit bewirkte, der aber auch frühzeitig vor einer Verfälschung des Vatikanums warnte. Und, und, und. Er hat vor allem auch gezeigt, dass Glaube und Vernunft keine Gegensätze sind, sondern die zusammengehörenden Stränge der Erkenntnis. Sein Erfahrungsschatz ist so wertvoll wie Gold.

Hat der Papa emeritus das Buch schon gelesen?

Ich hatte ihm einige wenige Kapitel vorab gezeigt. Er sollte sich ein Bild machen können. Besonders gefiel ihm wohl der Abschnitt über die Enzyklika »Mit brennender Sorge« von 1937. »Dies ist ein musterhaftes Kapitel genauer Information über die zeitgeschichtliche Lage«, schrieb er mir, »über ihre Gegenwart in meinem Leben und schließlich eine umfassende Aussage über die verfolgte Kirche.« Ob ihm alle Kapitel gefallen, kann ich nicht sagen. Eine Biografie darf keine Hofberichterstattung sein.

Mir ging es darum, den Zugang zu einem für Kirche und Gesellschaft unersetzlichen Werk offen zuhalten – und den Leser mitzunehmen auf eine sowohl historisch wie spirituell spannende und befruchtende Reise. Benedikt XVI. ist zeitlos aktuell. Die Biografie behandelt deshalb nicht nur Vergangenes oder Abgeschlossenes, sondern birgt mit dem Vermächtnis eines der ganz Großen der Kirche eine Wegweisung für die Zukunft. Einen wie ihn wird es nicht mehr geben.

Dieses Interview erschien zuerst in Die Tagespost. Katholische Wochenzeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur.


Es folgt ein Auszug aus: Peter Seewald, Benedikt XVI. Ein Leben.

Das Konklave von 2005
Die Gruppe »St. Gallen« und ihr Versuch, einen Gegenkandidaten zu Joseph Ratzinger aufzubauen

Bei einem Konklave kann alles passieren. Nichts ist unmöglich. Allerdings gilt die Regel, dass, wer als Papst in ein Konklave hineingeht, als Kardinal wieder herauskommt. Stundenlang hatten die Gläubigen auf dem Petersplatz auf ein erstes Zeichen gewartet. Endlich. Als am Montag, 18. April, kurz nach 20.00 Uhr aus dem Kamin der Sixtina erste Rauchschwaden aufstiegen, schien das Warten ein Ende zu haben. Wie nach einem Schuss, wenn eine Schar von Tauben auffliegt, lief die Menge von überallher in die Mitte des Platzes. »Papa, Papa«, riefen die Ersten. Andere blickten gebannt auf den Kamin oder die riesigen TV-Wände, die den Rauchfang in Großaufnahme zeigten. »Black or white?«, rief eine Nonne im Vorbeilaufen. Die Angesprochenen zuckten mit den Schultern. Erkennbar pufften nun die ersten Orakelwolken in den römischen Himmel. Aber sie waren schwarz. Eindeutig. Und ein wenig betröppelt, wie nach einem Fußballspiel, bei dem die Heimmannschaft verloren hat, trotteten die Menschen zurück zu ihren Plätzen, nach Hause oder in eine der Bars, um sich von der Aufregung des Tages zu erholen.

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Kommentare ( 4 )

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4 Kommentare auf "Peter Seewald: „Einen wie ihn wird es nicht mehr geben“"

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…..man braucht ja nur zu erfahren, daß der seewald journalist ist und wieder zu seiner kirche zurückgefunden hat! also keinen besonderen sachverstand hat! ich nenne aber auch als kritikerin des papstes ratzinger prof. uta ranke – heinemann! ich selbst bin allerdings nicht katholisch, habe aber in marburg evgl. theologie studiert! und d a s gründlich!

+++Im Rückblick erklärte Bergoglio in einem Interview mit der argentinischen Zeitung La Voz del Pueblo, er sei nicht wirklich ein Gegenkandidat zu Ratzinger gewesen. Gegenüber der britischen Zeitschrift Catholic Herald ergänzte er, er habe seine Anhänger aufgerufen, für den Kandidaten Joseph Ratzinger zu stimmen. Auch in seinem Interviewbuch Latinoamerica vom Oktober 2017 führte er aus, er habe damals gefühlt, dass die Zeit für einen lateinamerikanischen Papst noch nicht reif sei. Wörtlich sagte Franziskus in dem Buch: »In dem Moment der Geschichte war Ratzinger der einzige Mann mit der Statur, der Weisheit und der notwendigen Erfahrung, um gewählt zu werden.«+++ Ist… Mehr

……nein! er war wahrhaftig kein moderner theologe!…..

Der Name Ratzinger wird für mich immer in Zusammenhang stehen mit tiefstem Mittelalter, Exorzismus und dem Tod der Anneliese Michel – ebenso wie der Name der katholischen Kirche selbst. Punkt.