Otfried Preußler: Nichts für Kerkermeister

Er erfand den „Räuber Hotzenplotz“, den „Kleinen Wassermann“, die „Kleine Hexe“ und das „Kleine Gespenst“. Doch sein Schlüsselroman ist „Krabat“, ein Buch, das Kinder und Erwachsene gleichermaßen lesen können. Dort verarbeitet Otfried Preußler seine Erfahrungen aus Krieg und Gefangenschaft. Von Carsten Gansel

Am 1. August dieses Jahres feierte der „Räuber Hotzenplotz“ seinen 80. Geburtstag, Vor einem Jahr schon hatte „Krabat“ seinen 50. begangen. Beide, das Kinderbuch wie den All-Age-Roman, hat Otfried Preußler geschrieben, der wohl bedeutendste, bekannteste und erfolgreichste deutschsprachige Kinderbuchautor – mit einer weltweiten Auflage von rund 50 Millionen und Übersetzungen in 55 Sprachen.

Geboren wurde er 1923 in Reichenberg (Liberec) im damaligen Sudetenland, verstorben ist er 2013 in Prien am Chiemsee. Den Durchbruch als Autor hatte er 1956 mit der Kindergeschichte vom „Kleinen Wassermann“. Ein Jahr später folgte „Die kleine Hexe“. Alle Titel wurden über Jahrzehnte zu Klassikern der Kinder- und Jugendliteratur. Mit ihnen sind Generationen von Kindern groß geworden. Aber wie erklärt sich der Erfolg des Autors?

Otfried Preußler hat seine kindlichen Leser immer ernst genommen, sie waren für ihn wirkliche Partner, didaktisches Gerede war ihm fremd, ebenso wie das Bedienen des gerade herrschenden Zeitgeistes und politisch-ideologischer Maßgaben. Die Diskussionen der Gegenwart, um das, was man vermeintlich sagen und schreiben darf und was nicht, hätten mit Sicherheit bei ihm ein „Déjà-vu“ provoziert. Auf die Frage, warum er ein Geschichtenerzähler für Kinder geworden sei, antwortete er mit seiner Herkunft: „Ich bin unter Büchern aufgewachsen“ – so setzt eine der Erinnerungen an sein Elternhaus „im Schieferdörfel“ ein.

Die Eltern von Otfried waren Lehrer, und sie besaßen eine Bibliothek mit über 6000 Büchern, aus der der Junge sich bedienen konnte. Allerdings galt die Devise, jedes Buch nach dem Lesen wieder an den ihm gehörigen Platz zu stellen.

Neben den Erfahrungen der „Lektüre der frühen Jahre“ spielte für Otfried Preußler die Großmutter Dora eine entscheidende Rolle. Diese habe in der Abenddämmerung, wenn ihr danach zumute war, mit dem Geschichtenerzählen begonnen. Das Besondere an den Geschichten bestand in ihrer Mündlichkeit. Immer wieder variierte die Großmutter ihre Erzählungen, suchte einen neuen Anfang, veränderte die Handlung, führte eine neue Figur ein oder suchte ein anderes Ende. Angeblich ständen alle Geschichten in einem riesigen Buch, das Otfried und sein Bruder aber nie zu Gesicht bekamen.

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Das Wolfsmädchen Ursula und ihre Flucht aus der Hungerhölle
Für Otfried Preußler war „Großmutters dickes altes Geschichtenbuch“, das in Wirklichkeit gar nicht existierte, „das wichtigste Buch aller Bücher“. Aber man muss sagen, dass es noch einen anderen Grund gibt, warum der Autor zu einem grandiosen Erzähler für Kinder wurde. Es sind seine Erfahrungen in Krieg und Gefangenschaft. Denn: Otfried Preußler wird kurz nach dem Abitur im März 1942 zur Wehrmacht eingezogen, gerät an der Ostfront im August 1944 in sowjetische Kriegsgefangenschaft – zuerst in einem Lager in Jelabuga und dann in Kasan. Am 22. Juni 1949 ist er nach 3350 Kilometern und siebeneinhalb Jahren endlich zurück.

Annelies, seine Verlobte, hat die ganze Zeit auf ihn gewartet. Und sie hält, wie Otfried Preußler sich erinnert, „eine Rose in der Hand, eine rote Rose mit langem Stiel“! Preußler arbeitet nach seiner Rückkehr wie besessen, und er versucht, die verlorenen Jahre aufzuholen. „Verlorene Jahre?“, so wird später auch seine bis vor Kurzem im Preußler-Archiv verborgene Autobiografie heißen. Das Schreiben der Kinderbücher, die hell und witzig sind und voller Optimismus, das ist der eine Weg, der es Otfried Preußler möglich macht, das Vergangene zu verarbeiten, eine gewisse Zeit zu vergessen und in der Gegenwart anzukommen.

Der andere Weg, das ist sein „Krabat“, für den er bereits Mitte der 1950er mit Vorarbeiten begonnen hat. Dieser Roman ist jener Text, der ihn am längsten beschäftigt und zeitweise sogar krank macht. Warum? Weil mit dem „Krabat“- Stoff die Traumata von Krieg und Gefangenschaft an die Oberfläche kommen. 1971 ist es endlich geschafft, und der Roman wird ein Welterfolg.

Wider die „böse Macht“

Auf die Frage, ob die Jugenderlebnisse und die Erfahrungen von Nationalsozialismus, Krieg und Gefangenschaft einen Einfluss auf sein Werk gehabt hätten, hat Otfried Preußler mehrfach auf den „Krabat“ verwiesen. Die Erzählung sei zwar „sehr weit abgesetzt von der Realität, die wir erlebt haben“, aber sie stelle ein Grundproblem dar, „die Auseinandersetzung mit der faszinierenden Macht, die sich bei näherem Zusehen, als eine böse Macht entpuppt“. Es gehe darum, deren Verlockungen zu widerstehen und seine Freiheit zurückzugewinnen.

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Im „Krabat“ wird die „böse Macht“ durch eine Figur repräsentiert, den „Meister“. Vor dem Hintergrund dieser Aussagen bekommen das „Was“ und „Wie“ des Erzählens, Inhalt und Form sowie entsprechend einige ausgewählte Episoden im „Krabat“ einen sehr konkreten historischen wie biografischen Hintergrund und reichen bis in die Gegenwart. Dass im „Krabat“ immer wieder einer der Gesellen zu Tode kommt und Rückfragen blockiert werden, wird im Text mit einer fast schon lapidaren Aussage begründet, wie sie ihre Grundlage nur in der Erfahrung des Krieges haben kann: „‚Die Toten sind tot‘, sagte Michal. ‚Sie werden nicht wieder lebendig, wenn man von ihnen spricht.‘“ Etwas später wiederholt Michal diese Sicht, wobei nunmehr eine Begründung angedeutet wird: „‚Die Toten sind tot‘, sagte Michal. ‚Ich habe es dir schon einmal gesagt und ich sage dir’s noch einmal. Wer auf der Mühle im Koselbruch stirbt, wird vergessen, als ob es ihn nie gegeben habe: nur so lässt sich’s für die anderen weiterleben – und weitergelebt muss werden. Versprich mir, dass du dich daran halten wirst!‘“

Krabat verspricht es. Hinter der Figur des Lyschko, der die anderen Gesellen beim Meister denunziert, steht die Erfahrung des Spitzelwesens, keineswegs nur im Gefangenenlager. „Die Burschen konnten sich denken, wer Michal beim Meister verraten hatte“, teilt der Erzähler mit. Und natürlich hängt die für den „Krabat“ gewählte Struktur, in der Träume und Albträume den Protagonisten heimsuchen, einmal mehr mit den Erfahrungen von Otfried Preußler in Krieg und Gefangenschaft zusammen, wie auch dem späteren Versuch, ebendiese Traumata zu verdrängen, um leben zu können.

Fast zu Ende des Textes versucht der Meister, Krabat zu korrumpieren und ihm die Möglichkeiten der Macht schmackhaft zu machen. Er werde sich an den Hof begeben, als Staatsminister, Feldherr oder Kanzler, je nachdem, was ihm Spaß mache. „‚Die Herren werden mich fürchten, die Damen mir um den Bart gehen, weil ich reich und von Einfluss bin. Jede Tür steht mir offen, man sucht meinen Rat, meine Fürsprache‘“, stellt er heraus. Und er teilt auch mit, wie er mit Gegnern zu verfahren gedenkt; „‚Wer es wagt, sich mir nicht zu fügen, den schaffe ich mir vom Hals, denn ich kann ja zaubern und werde mich meiner Macht zu bedienen wissen, das darfst du mir glauben, Krabat!‘“

Aber Krabat vermag den Einredungen zu widerstehen. Er will frei sein! Und weil er das erworben hat, was man Anstand, Empathie und Mitmenschlichkeit nennen kann, werden er und mit ihm die anderen Müllerburschen vom geliebten Mädchen, der Kantorka, erkannt und erlöst. So einfach ist das – und gleichzeitig ist es so schwer.

Große Literatur gerät deshalb nicht in Vergessenheit, weil sie immer wieder neuen Generationen die Möglichkeiten zur „Konkretisation“ bietet und zum Auffüllen der Leerstellen, die ein Text bereitstellt – wie es der polnische Philosoph und Ästhetiker Roman Ingarden einmal gesagt hat. Und schließlich: Es hat einmal geheißen, dass diejenigen, die Franz Kafka wirklich gelesen haben, sich nicht zum Kerkermeister eignen. Angesichts des Werks von Otfried Preußler und insbesondere seines „Krabat“ kann man sagen: Wer Otfried Preußler wirklich gelesen hat, eignet sich nicht zum kalten Machtmenschen, Opportunisten und Denunzianten.

Carsten Gansel, Kind einer schwierigen Zeit. Otfried Preußlers frühe Jahre. Galiani Berlin, 560 Seiten, 28 €.


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Kommentare ( 4 )

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4 Comments
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Christoph Mueller
1 Monat her

Bitte nicht übertreiben! Der Räuber Hotzenplotz erschien 1962 und ist damit erst 60 Jahre alt. Darauf muss ich leider bestehen, da wir beide ein Jahrgang sind.

Bernd Simonis
1 Monat her

Der Roman wurde bei meiner Tochter in der 6. Klasse behandelt, vielleicht zu früh. Dieser Aspekt wurde vom Lehrer nicht angesprochen, wäre vielleicht auch nicht verstanden worden. Auch die Biografie Preußlers wurde nicht behandelt. Es bliebt dem Zufall überlassen, ob die Schüler den Hotzenplotz bereits kennen, wurde nämlich auch nicht angesprochen. Schulbildung ist manchmal eine sehr merkwürdige Bildung. Warum die Lehrer solche Lücken lassen ist mir schleierhaft. In anderen Fächern ist man auch nicht besser. Hat jemand schon erlebt, das der Physik- oder Biolehrer auf die vergebenen Nobelpreise eingeht? Nix, nur im Lehrplan wird stur weitergemacht. Traurige Schulen. Lehrer studiert,… Mehr

Stefferl
1 Monat her
Antworten an  Bernd Simonis

Den ersten Teil habe ich mir beim Lesen des Artikels auch gedacht. Mit den Nobelpreisen gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Es sind halt die wenigsten Lehrer aus Liebe zum Fach in ihren Beruf gegangen.

Schmidtrotluff
1 Monat her

Danke. Danke. Danke.Für jedes Licht in der Finsternis.