Medien verbreiten Unsinn zum Thema Übergewicht

Wer mehr Kalorien verbraucht, als er zu sich nimmt, der nimmt ab – und umgekehrt. So einfach. Auch das „Schlankheitsideal“ als nur eine von der Werbung fabrizierte Moderscheinung sei unrichtig, zeigt die Autorin mit zahlreichen überzeugenden Belegen.

Dies ist kein Diätbuch, man findet keine Rezepte zum Abnehmen. Es ist ein Buch, das sich mit den zahlreichen durch Medien verbreiteten Legenden über Gewichtszunahme und Diäten auseinandersetzt, verfasst von einer Verhaltenstherapeutin mit ernährungswissenschaftlichem Background. „Fettlogik“ meint ein komplexes „Sammelsurium von angeblichen medizinischen Gegebenheiten, guten Ratschlägen und eigenen Vermutungen und Fantasien, die einem beim Abnehmen nicht nur im Weg steht, sondern es regelrecht unmöglich macht“. Angesichts der Tatsache, dass immer mehr Deutsche übergewichtig sind, was nicht nur psychische Kosten für den einzelnen, sondern auch immense Kosten für unser Gesundheitssystem zur Folge hat, ist dies auch ein gesellschaftlich hochbrisantes Thema. Und: Das Buch wirft kein gutes Licht auf den Umgang von Medien mit diesem Thema.

Wirken 95% aller Diäten nicht?

Vermutlich haben Sie auch schon Berichte gelesen, wonach angeblich 95% aller Diäten erfolglos blieben. Die Studien, auf die sich entsprechende Medienberichte beziehen, sind jedoch längst überholt. Die Autorin zeigt, dass hier oft mit fragwürdigen Methoden gearbeitet wurde und neuere Studien zu ganz anderen Ergebnissen kommen. So beobachtete eine Langzeitstudie über zehn Jahre Zeitgenossen, die mehr als 14 kg abgenommen hatten. 87 Prozent davon hatten nach zehn Jahren noch über zehn Prozent ihres ursprünglichen Körpergewichtes verloren.

Die Autorin zeigt, das manche Ergebnisse durchaus anfechtbar sind, so wenn beispielsweise Personen immer wieder zu- und abnehmen, aber über einen längeren Zeitraum damit doch ihr Gewicht halten. Jede einzelne Diät ist „erfolglos“ und das Scheitern läge somit bei 100%, aber im Ergebnis halten manche auf diesem Weg über Jahrzehnte ihr Gewicht. Dieses Beispiel leuchtete mir spontan ein, weil ich zu denen gehöre, denen es schwer fällt, ihr Gewicht zu halten: Ich habe in den letzten vierzig Jahren immer mal wieder sieben oder acht kg Fett zugenommen, aber mir gelang es auch immer wieder, diese abzunehmen. Gehöre ich damit zu den Personen, bei denen Diäten erfolglos sind? Laut Statistik ja.

Immer wieder kann man auch lesen, Diäten seien wegen des Jojo-Effektes vergeblich und sie würden zudem den „Stoffwechsel kaputt machen“. Dass der „Stoffwechsel“ kaputt gemacht werde, gehört laut der Autorin in das Reich der vielen Legenden, die sich um das Thema Diät rankten. Tatsache sei, dass beispielsweise der durchschnittliche Raucher im Schnitt sechs erfolglose Versuche hinter sich habe, bis er beim siebten Versuch wirklich zum Nichtraucher werde. Beim Abnehmen kann es sich ähnlich verhalten.

Zeitgenossen würden durch Medienberichte, die nahelegten, Diäten seien sowieso vergeblich, entmutigt. Und das ist das Gefährliche: Medien produzieren auf diesem Wege bequeme Ausreden, sich mit seinem Zustand abzufinden.

Politisch korrekte „Fat-Acceptance“

Besonders schädlich sei die sogenannte „Fat-Acceptance“-Bewegung – eine aus den USA kommende Strömung, die sich politisch korrekt gegen die vermeintliche „Diskriminierung“ von Übergewichtigen wendet. „In den Medien erscheinen Berichte über Gene, den Jojo-Effekt oder den Hungermodus, die den Eindruck entstehen lassen, Gewichtsveränderungen seien ein unmögliches Unterfangen.“ Damit würden Menschen entmutigt und bekämen bequeme Ausreden für ihr Übergewicht.

Kritisch sieht die Autorin deshalb auch, wenn Übergewicht als „Krankheit“ dargestellt werde: „Der aktuelle gesellschaftliche Umgang, der Adipositas als Krankheit statt als Konsequenz eines Verhaltens betrachtet, macht es Übergewichtigen schwerer. Es mag zwar gut gemeint sein, allerdings ist Krankheit in unserem Bewusstsein meist mit etwas Unkontrollierbarem verbunden, etwas, das einen heimsucht wie ein Virus oder Krebs und das man nicht selbst in der Hand hat. Deshalb erschaffen wir mit dieser Begrifflichkeit für Übergewichtige eine sich selbst erfüllende Prophezeiung der Passivität und Hilflosigkeit.“ Vertreter der Fat-Acceptance-Bewegung verbreiteten wissenschaftlich fragwürdige Thesen, so etwa die, dass Übergewicht gar nicht gesundheitsschädlich, oder dass jeder durch eine „Set Point“ genannte genetische Veranlagung für ein bestimmtes Gewicht vorbestimmt sei. Dies sei, so die Autorin, einer der Gründe, warum sie dieses Buch geschrieben habe: „Ich finde es wichtig, dem vorherrschenden gesellschaftlichen Umgang mit Übergewicht etwas entgegenzusetzen. Obwohl viele Menschen der Ansicht sind, etwas Gutes zu bewirken, wenn sie versuchen, Übergewicht zu entstigmatisieren. Jeder solche Hinweis, wie schwer es angeblich ist, Übergewicht zu ändern, erreicht nur, dass Übergewicht noch schwerer zu ändern ist. Im Hinblick auf die Konsequenzen von Übergewicht sollte das Ziel aber auf keinen Fall darin bestehen, Resignation zu fördern, sondern Möglichkeiten zur Änderung zu zeigen, Selbstwirksamkeit zu stärken und eine sich selbst erfüllende Prophezeiung in eine positive Richtung zu schaffen.“

Autorin räumt mit Legenden auf

Die Autorin wartet mit einer ungeheuren Fülle wissenschaftlicher Studien auf, die bestimmte in den Medien verbreitete Legenden widerlegen. Hier nur einige davon: Übergewicht hat wenig mit einem von Natur gegebenen „zu langsamen“ Stoffwechsel zu tun, wie immer wieder behauptet wird. Auch die in letzter Zeit häufig in den Medien propagierte These, Übergewicht sei gar nicht so gesundheitsschädlich, wird durch eine Unzahl wissenschaftlicher Studien widerlegt. So zitiert die Autorin Untersuchungsergebnisse, die zeigen, dass sich die Gesundheit der Patienten deutlich verbesserte, nachdem sie ihr Übergewicht losgeworden sind.

Auch für die Behauptung, langsames Abnehmen über einen längeren Zeitraum sei „nachhaltiger“ als schnelles Abnehmen in einem kürzeren Zeitraum gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Interessant sind auch die Ausführungen der Autorin zur Wahrnehmungsverzerrung bei vielen Übergewichtigen, die beispielsweise behaupteten, dass sie gar nicht zu viel essen und dennoch zunehmen. In den meisten Fällen beruhte dies auf einer falschen Einschätzung der tatsächlichen Kalorienaufnahme und des tatsächlichen Kalorienverbrauchs. Meist handelt es sich bei dieser Selbstwahrnehmung einfach um Selbstbetrug. Nein: Wer mehr Kalorien verbraucht, als er zu sich nimmt, der nimmt ab – und umgekehrt. So einfach ist das. Auch die verbreitete These, das sogenannte „Schlankheitsideal“ sei nur eine von der Werbung fabrizierte Moderscheinung (gerne wird in diesem Zusammenhang auf Gemälde aus vergangenen Jahrhunderten) sei unrichtig, wie die Autorin mit zahlreichen überzeugenden Belegen zeigt.

Ich habe eine Reihe von Büchern zu diesem Thema gelesen, aber dies ist das mit großem Abstand Beste. Der Autorin gelingt es, Forschungsergebnisse in einer leicht verständlichen Sprache zu präsentieren. Sie ist Wissenschaftlerin, aber sie hat auch einen ganz persönlichen Bezug zum Thema, denn bei einer Größe von 1,75 wog sie einmal 150 kg – heute wiegt sie weniger als die Hälfte davon.


Dr. Nadja Hermann, Fettlogik überwinden, Ullstein Verlag, 396 Seiten, Berlin 2017.

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Kommentare ( 15 )

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Warum denn nicht den Supermarkt-Kassenbon mit Kalorienangaben, Fettanteil, Zuckeranteil drucken?

Wenn ich jede Woche 30.000Kalorien heimschleppe, habe ich meine Essgewohnheiten schwarz auf weiss.

Dass die weltweite Zunahme der Fettsucht nichts mit den Genen zu tun hat, habe ich nicht geschrieben. Tipp: Mal über Epigenetik informieren. Aber sonst haben Sie in allem recht.

na dann wiegt Frau Hermann jetzt wohl ca. 75 kg. Sie dürfte damit immer noch übergewichtig sein. Trotzdem ist es eine Wahnsinns Leistung von 150 kg auf ca. 75 kg runterzukommen. Das ist allerdings eine absolute Ausnahme ohne Magenband und medikamentöse Behandlung.

Ich empfehle Herrn Zitelmann, zur Erweiterung seines Horizontes und vielleicht auch zur Dämpfung seiner etwas unkritisch-laienhaften Begeisterung die Lektüre von
„Kind, iss was ….dir schmeckt“ von Uwe Knop.

Die Mitarbeiter hätten es ja sportlich nehmen und einen kleinen „After-Marathonlauf light“ absolvieren können 😉

Hier stimme ich Ihnen vollkommen zu.

auch Menschen, die ihre Depression mit Essen versuchen zu kompensieren, werden nicht drumherum kommen, für ihr Problem eine Lösung zu finden bzw sich die notwendige Hilfe zu suchen.

Ich habe festgestellt, dass es den akademischen Gepflogenheiten widerspricht, egal ob man den Doktor in interkulturellem Tanzunterricht oder in Quantenmechanik hat.
Das ist ein Ausdruck von kleingeistiger Titelhuberei, bei dem jeder anständige Akademiker zu recht die Nase rümpft.

Soll ich Ihnen dazu eine Stellungnahme des Deutschen Hochschulverbands schicken? Das machen die sicher; ich bin da Mitglied.

Nein, brauchen Sie nicht, ich glaube es Ihnen. Halte es aber nicht für relevant, weil den allermeisten Menschen – wie Sie ja selbst schrieben – diese Gepflogenheiten nun einmal nicht geläufig sind, sie sich aber natürlich trotzdem für das Thema interessieren. Wenn der komplette Inhalt des Buches in Ihren Augen nur auf Grund der Angabe des Doktortitels wertlos wird, ist das Ihre Sache. Mein Anliegen war jedoch ein ganz anderes (was auch eindeutig aus meinem Kommentar ersichtlich war): Es ging mir einzig um Ihre Unterstellung, die Autorin könne hochwahrscheinlich ohnehin „nur“ einen medical doctor aufweisen. Das habe ich in Zweifel… Mehr
Soweit ich dieses Gebiet überblicken kann denke ich, dass sie mit ihrer Einschätzung zum Thema Energiestoffwechsel recht haben. Recht interessant sind die Ergebnisse der interdisziplinären „Selfish-brain-Studie“ der Universität Lübeck. Darin werden die hormonellen steuerungsmechanismen im Gehirn untersucht, die natürlich bewirken dass ein Mensch über den objekten Energiebedarf hinaus isst- und im Ergebnis zunimmt. Es konnte nachgewiesen werden dass es bei bestimmten Menschen einen engen Zusammenhang zwischen einer hohen Konzentration des Stresshormons im Blut und Gewichtzunahme gibt. Der Platz lässt es hier nicht zu die Ergebnisse der Studie darzustellen, die auch noch nicht abgeschlossen ist. Es sei aber darauf hinweisen dass… Mehr

Sorry, aber wer sich darüber aufregen will, ob die Autorin ihren akademischen Grad auf dem Buchdeckel angegeben hat, dem scheint der Inhalt nicht wirklich zu interessieren.

Das ist richtig. Der interessiert sich erst einmal für Sitten und für deren Verfall.

Und, was ändert das?