Bücher: Hungrig wandern und klug lesen

Am Anfang ist die Angst. Die Angst vor dem Hunger. Dieser heulende Wolf in der Magengrube. Vor ihm flüchten alle Hoffnungen aufs Abnehmen, verdampft der Traum vom Wieder-rank-und-drahtig-sein-Wollen in den Schweißausbrüchen, die der Hunger treibt. Noch schnell sechs total verkohlte Fettbratwürstchen nebst Majo-Kartoffelsalat im Speisewagen vertilgt, es soll die letzte Mahlzeit sein vor dem Gardasee. Und dort jetzt eine Woche lang hungern und wandern? Nicht essen und körperlich mehr leisten als in den letzten 10 Jahren? Dieser Beitrag stammt aus der Neuerscheinung „Die besten Dinge kosten nichts“

Bergwanderin und Hungern - das geht. Rückblick auf verlorene Kilos am Gardasee

Bergwanderin und Hungern – das geht. Rückblick auf verlorene Kilos am Gardasee

Skeptisch steige ich in Rovereto aus dem Zug. Unsicherheit auch in den Gesichtern der anderen angehenden Hungerkünstler. Einige 300-Pfünder stehen herum, alles gestandende Unternehmer von Format. Und einige von diesen smarten, jungen, drahtigen Fitness-Studio-Typen mit dem klaren Killerblick über den schmalen, asketischen Wangen. Was wollen die hier?

„Nicht nur um Pfunde geht es“, erklärt der medizinische Wander-Leiter Dr. Udo R. Es geht um den Kick im Kopf, Fitness fängt in der Birne an. Der Wolf in der Magengrube streckt sich bei diesem Wort, räkelt sich. Die Tour für morgen wird festgelegt – erst Boot, dann Wanderung. Sechs Stunden. Am Abend noch gründliche Reinigung der Eingeweide durch Glaubersalz. Der Wolf in mir hat so ein schiefes Grinsen um die Lefze. Am Morgen ein kurzer Dauerlauf, Gymnastik nach dem Way-of-Life tibetanischer Mönche, mehr so sanft. Mir geht es erstaunlich gut. Dann der Spurt zurück. Mühsam ächzt die Pumpe, es klagt der Muskel, die Sehne wimmert. Aber es läuft. Wie unter einer Schicht Schotter wieder hervorgegraben, spüre ich die längst versenkte Lust der Jünglingszeit hervorbrechen – losschießen wie ein Pfeil, der Wind pfeift, die Lunge pumpt sich voll, diese Kraft zwischen dem Hosengurt. Pfeilschnell 100 Meter – immerhin ein Erfolgserlebnis. Das trägt bis zum Frühstück: Ein Glas Molke, das ist bläulicher Hunger-Absud aus dem, was bleibt, wenn man Milch total entkalorisiert. Und Brennessel-Tee. Na, wenn die Mischung trägt. Erstaunlich – der Wolf knurrt. Aber er heult nicht. Wo ist der Hunger?

Schlafender Wolf und geschärfte Sinne

Bootsfahrt über den See, weiße Felsen, Gischt, Morgensonne, blauer Himmel. Lange Wanderung unter demselben, einen steilen Eselspfad hinauf durch die Olivenhaine, abgetrennt durch efeuüberwucherte Mauern, immer weiter bis an den Höhenabbruch über dem weiten, blauen See. Irgendwie ist das Sinnenerlebnis intensiver, mehr Duft, mehr Klang. Auch mehr Gestank an der Strada. Müssen die alle Auto fahren?
Der Wolf schläft den ganzen Tag. Ob er aber in der Nacht heult? Wenn er knurrt, hier rät der Fasten-Arzt, ein Schluck aus der Wasserflasche. Aber beißen! Beißen? Man kann Wasser beißen. Abends pure Gemüsebrühe, wärmt den Magen. Ein herrlicher Duft, kaum Geschmack. Und Kopfschmerzen. Wieviel Joule hat ein Aspirin? Aber es soll normal sein, sagen die, die schon zwei Tage länger fasten. Die Schlacken, die wollen nicht raus, klammern sich fest. Ich sehe weiße, widerliche Fettklumpen in meine Blutbahnen klatschen wie fette Ratten in die Kanalisation. Der Wolf ist mindestens so müde wie ich. Zehn Stunden Tiefschlaf. Am nächsten Morgen beginnt der Tagesablauf zum Ritual zu werden. Gymnastik am See, die ersten Sonnenstrahlen lassen die Farben der Burg und die der Häuser von Malcesini erstrahlen wie eine Postkartenschönheit zur Zeit der Verhaftung Goethes dortselbst. Dann Molke, Tee, lange Wanderungen durch Olivenhaine, Wälder, verschlafene Dörfer, Städtchen. An den Piazzas steigt der Duft von Croissants und frischem Kaffee von den Tischchen auf. Aber seltsam: Ich kann geruhsam zuschauen, den Duft genießen, ohne zum brutalen Mundraub zu schreiten.

Der Wolf auf Urlaub

Überall entdecke ich plötzlich Futter-Symbole: Pizzen, elektrische Messer auf Plakaten, die Parma-Schinken absäbeln, heiße Buffets, Kaugummi-Automaten. Aber keine Lust. Und keiner schummelt, kauft heimlich Milka. Jeder kaut ehrlich seine abendliche Brühe, dazwischen Tee, Wasser, Molke, Magnesium-Tabletten als einzige Form des Genusses. Und dieses Blau, immer wieder dieses Blau des Sees. Das Paprika-Grün der Zypressen. Das Wölfchen in mir scheint auf Urlaub zu sein. Kein Knurren, Kein Heulen. Keine Hungerangst, dafür jeden Morgen dieses berauschende Gefühl, dass noch mehr Schotter weggeräumt wird, der sich über meinen Eros gewuchtet hat. Die Spurtstrecke wird jeden Tag länger, schon erreiche ich den Laternenpfahl vor dem Müllcontainer.

Donnerstag Mittag wird zum außerplanmäßigen Weihnachtsfest. Dann soll das Fasten gebrochen werden. Luxus pur, ein ganzer Apfel. Ich fingere mir ein besonders dralles Exemplar aus der Gemeinschaftstüte. Ich schleppe das runde Saftstück das längste und härteste Stück Wegs empor. Ich denke nur noch Apfel. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, ehrlich, keine Sprachfloskel, das gibt`s wirklich. Tiefe Enttäuschung. Der Apfel ist zu groß für mich. Mein Wölfchen ist zum zahmen Pekinesen degeneriert, vom Raubtier zum schnarchenden Fifi. Wir tanzen ins Tal. Abends Gemüsesuppe, richtige Suppe. Aber mehr? Bitte, nein. Die Waage zeigt einen Gewichtsverlust von acht Kilos in sechs Tagen. 664436382188Einer rechnet vor, dass die Kosten für die Hungernummer aufgewogen werden durch die reaktivierungsfähigen Anzüge. Ein leichtes Gefühl bleibt, wenn man die Schuhe bindet.

Andrea Tichy: „Die besten Dinge kosten nichts – Sieben wirksame Verhaltensweisen, die uns gesünder, glücklicher und gelassener machenQuell Edition, ISBN 978-3-9815402-4-6 hier im Shop bestellbar. 

 


Der Schnauzer IMG_1640

Wenn man einen hochgezwirbelten Schnauzbart nicht mag – dann ist das Buch nicht zu empfehlen. Wenn man einen Vordenker aus der Werbebranche gerne plaudern hört, dann ist man gerade richtig. Immerhin einer der Großen aus der Werbeszene, mal als Vordenker, dann als Guru, zuletzt als Urgestein tituliert. Sieben Firmen gegründet, viele spannende Leben geführt, viele Kolumnen geschrieben etwa auf w&v – und zuletzt damit beschäftigt, Zeitungen im irakischen Kurdengebiet mit Werbung zu versorgen, auf dass dort Journalismus entsteht: Das rechtfertigt ja einen stolzen Schnauzbart nach oben und viele Leser.

Thomas Koch: „Die Zielgruppe sind auch nur Menschen – 42 Episoden aus meinem wilden Leben als Werber“ | Econ-Verlag, ISBN 9783430201698


Der AnalytikerIMG_1639

Vom kranken Mann zum Superstar gleich der Weltwirtschaft – sowas schaffen nur die Deutschen. Aber was steckt wirklich hinter dem Erfolg, und kann er auf Dauer halten? Olaf Gersemann, Wirtschaftschef der WELT und Wams, schaut dahinter, wenn der Stolz um Hochmut wird, der das faktische Abrutschen in der Weltrangliga einfach nicht sehen will. Er schreibt über Millionen Langzeitarbeitslose, die irgendwie vergessen wurden, die digitale Revolution, die überall stattfindet, nur nicht bei Made in Germany. Er beschreibt, wie die Null-Zinspolitik das Leben so bunt macht, geradezu psychedelisch bunt. Es ist ein faktenreiches Buch, das nachdenklich macht und dem dröhnenden Selbstwußtsein entgegensteht, wie es Sigmar Gabriel oder Andrea Nahles so penetrant wie kurzsichtig verbreiten.

Olaf Gersemann: „Die Deutschland-Blase – Das letzte Hurra einer großen Wirtschaftsnation“ | DVA, ISBN 978-3-421-04657-4


Der MahnerIMG_1638

Frank Schäffler ist so einer, der sich nicht verbiegen läßt. Als Bundestagsabgeordneter der FDP wagte er, kritische Fragen zur Euro-Rettung zu stellen. Wie das ist mit Geld und Währung hat er jetzt in Buchform vorgelegt; sauber, gründlich verstehbar. Aber es sind ein paar Seiten, die besondere Aufmerksamkeit verdienen. Schäffler druckt die Redeprotokolle des Bundestages ab. Es ist bedrückend, wie er bei jedem seiner Sätze angeschrien, angefeixt, angefeindet wird. Es sind sachliche Reden, denen man nicht folgen muss. Aber wie die größtmögliche Koalition aus SPD und Linken, CDU und Grünen – tja, geifert, was anders fällt einem dazu nicht ein, das macht traurig. Allen voran die Grünen-Chefin Claudia Roth, anerkannte Finanzexpertin und immer mit der großen Moralkele bewaffnet: So decouvrierend, dass man sich ärgert, nicht doch öfter diese Debatten verfolgt zu haben.

Frank Schäffler: „Nicht mit unserem Geld! Die Krise unseres Geldsystems und die Folgen für uns alle“ | Finanzbuchverlag, ISBN 978-3898796521

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