Aus Liebe. Und andere Gedanken zum Kreuz

Das christliche Abendland ist von kultureller Amnesie und Identitätsverlust bedroht. Umfragen zufolge grassiert der Glaubens-Analphabetismus – auch unter Kirchenmitgliedern – und die Meinung, man wisse vom historischen Jesus so gut wie nichts. Mit diesem Vorurteil will Markus Spieker aufräumen.

Dass Jesus am Kreuz starb, ist die am besten belegte Tatsache der Jesus-Biografie. Sie wird von zwei glaubwürdigen nichtchristlichen Autoren, dem Juden Josephus und dem Römer Tacitus, bestätigt. Sie erwähnen das Ereignis, wissen allerdings nichts von dessen Bedeutung.

Während Jesus in Jerusalem sein Leben aushaucht, schreibt irgendwo in der heutigen Türkei ein Römer namens Valerius Maximus an einem Buch, das er später dem Kaiser Tiberius widmet. Er gibt ihm den Titel «Denkwürdige Taten und Worte». Darin erzählt Valerius Episoden aus dem Leben bedeutender Vorfahren. Ihr Vorbild soll die Römer seiner Zeit zu tugendhaftem Leben anstacheln. Dabei beschäftigt Valerius sich auch mit der Frage, wie ein mustergültiger Tod aussieht. Der Autor ist überzeugt davon, dass sich das Wesen eines Menschen darin offenbart, wie er stirbt: «Die Qualität des Lebens eines Menschen zeigt sich insbesondere am ersten und am letzten Tag. Es ist von entscheidender Bedeutung, unter welchen Vorzeichen ein Leben beginnt und welches Ende es nimmt.»

Was sagt die Art, in der Jesus starb, über ihn aus? Wichtiger noch: Warum starb Jesus auf diese Art?

Die Fragen stellen sich auch heute noch. Die Antworten hängen davon ab, ob man in Jesus einen Menschen sieht oder Gott in Person, nämlich der zweiten Person der Trinität. Wenn am Kreuz nur ein Mensch gestorben wäre, hätte es sich nur um eine Episode gehandelt. Eine Vorbildhandlung. Anschauungsmaterial. Mehr nicht.

Es war aber kein bloßer Mensch, sondern Gott, der Sohn, der festgenommen, verhört, geschlagen, zu Tode gefoltert wurde. Deshalb ist die Kreuzigung der Ziel-, Kristallisations- und Fluchtpunkt des Universums und der Weltgeschichte.

Seinen Jüngern gegenüber hatte Jesus seine Mission folgendermaßen beschrieben: «Ich bin gekommen, um zu dienen und mein Leben als Lösegeld zu geben, damit viele Menschen aus der Gewalt des Bösen befreit werden.»

Historische Reden
"Auch der Mensch hat eine Natur"
Es ist bezeichnend, dass Jesus nicht am Versöhnungsfest («Yom Kippur») gekreuzigt wurde, bei dem es um die Sühne der menschlichen Schuld geht, sondern am Passafest, bei dem die Verschonung vom Tod und der Aufbruch in ein neues Leben im Vordergrund stehen. Beim Versöhnungsfest geht es um Bezahlung und Kompensation, beim Passafest um Befreiung.

Das erklärt aber immer noch nicht, warum Jesus auf diese Art sterben musste. Der mittelalterliche Philosoph Anselm von Canterbury versuchte in seiner Schrift «Warum Gott Mensch wurde» dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Aus seiner Sicht konnte nur der Kreuzestod Jesu den gerechten Zorn Gottes über die menschliche Sünde besänftigen: «Folglich ist es notwendig, dass entweder die weggenommene Ehre Gottes wiederhergestellt wird – oder die Strafe erfolgt.» Gott stellte seine eigene Ehre dadurch wieder her, dass er seinen Sohn bestrafte.

Ein anderer christlicher Philosoph, Abaelard, fand das dahinterliegende Gottesbild problematisch. Er sah in dem Kreuzestod den größtmöglichen Ausdruck der göttlichen Liebe und einen Ansporn für die Menschen, das Gute in die Welt zu tragen: «Unsere Erlösung ist die Liebe, die Jesus uns durch die Passion schenkt und dadurch in uns weckt. Diese Liebe hat uns nicht nur von der Versklavung in die Sünde befreit, sondern uns die wahre Freiheit als Kinder Gottes beschert, so dass wir nicht aus Furcht, sondern aus Liebe seinen Auftrag ausführen.»

Von einem Philosophen wurde damals erwartet, dass sein Leben sich mit seiner Lehre deckte. Anders als korrupte Weisheitsdozenten wie Seneca setzt Jesus die Ethik, die er verkündet hatte, auf radikalste Weise um. Worte und Taten stimmten bei ihm überein.

Auch deshalb ging er ans Kreuz. Aber nicht nur deshalb.

Hat Gott, der Sohn, am Kreuz für unsere Sünden gebüßt? Perfekte Gerechtigkeit hergestellt? Das Böse besiegt? Das Tor zur Ewigkeit aufgestoßen? Uns die Größe seiner Liebe demonstriert? Uns ein Vorbild gegeben, an dem wir uns orientieren sollen? Welche dieser Erklärungen stimmt denn nun? Ich denke, alle.

Eine kleine Reportage über die Karfreitagsprozession
Jesus stirbt in San Cristóbal de la Laguna
Das Erlösungsgeschehen am Kreuz ist wie Gott. Zu groß, zu umfassend, zu vielschichtig für unseren Verstand. Das Kreuz ist auch die Antwort auf die Frage, die viele Psalmisten und Hiob plagt: Wo ist Gott im Angesicht des Bösen? Antwort: Er ist mitten auf dem Schlachtfeld, auf der Schlachtbank. Er leidet mit allen Geplagten und erlöst sie zugleich. So wie beim Sündenfall ein Baum die Entfremdung des Menschen von Gott symbolisiert, so markiert das aus einem abgestorbenen Baum gefertigte Kreuz die Versöhnung. Der Baum des Todes verwandelt sich auf Golgatha in einen Baum des Lebens, das Passafest in das große Versöhnungsfest, mit dem das ewige Jubeljahr beginnt und die Gläubigen ein für alle Mal von der schuldhaften Verstrickung in ihre Selbstsucht erlöst werden.

Allerdings bleibt die Frage unbeantwortet, warum Gott den Menschen ausgerechnet auf diese qualvolle Art entgegenkommt. Hätte Gott das Böse nicht auf anderem Weg besiegen können? Kann ein allmächtiger Gott nicht einfach so vergeben? Schließlich ist im Alten Testament und auch in den Berichten der Evangelisten fortwährend davon die Rede, dass Gott vergibt, wann und wo er will.

Warum also das Kreuz?

Sicher nicht, weil Gott einem Zwang gehorchen muss. Das Kreuz ist für ihn genauso wenig notwendig wie die Schöpfung. Die drei biblischen Akte der Schöpfung, des Sündenfalls und der Versöhnung bilden kein Nullsummenspiel, bei dem Gott am Ende den Status quo wiederherstellt. Gott ist die Liebe, und die Liebe drängt zur Tat und zu einer Selbstentleerung (griechisch: «Kenosis»), die wieder neues Leben generiert. Schöpfung und Erlösung ergeben sich gleichermaßen aus dem göttlichen Wesen. Die göttliche Liebe sprengt unsere Denkdimensionen und natürlich auch juristische Kategorien von Schuld und Sühne.

Jesus ist zwar qualvoll gestorben. Aber er hat sich gerne für uns gegeben. Das entspricht seinem Wesen. Überschäumende, unbegreifliche, maßlose Freundlichkeit uns gegenüber. Man kann seiner Liebe nicht auf die Spur kommen, indem man den Kreuzestod buchhalter-technisch gegen unsere Schuld aufrechnet. Man kann sie nur in dankbarem Staunen annehmen.

Aus menschlicher Sicht ist der Kreuzestod Jesu ein alternativloses Angebot Gottes. Es ist für uns im wahrsten Sinne des Wortes notwendig. Allein das Kreuz wendet die Not der Menschen. Wie groß diese Not und wie real das Böse ist, zeigt sich nicht zuletzt an den Schmerzen, die Jesus erleidet. An ihm tobt sich das Böse aus, wie die überhitzte Fantasie eines durchgeknallten Horrorfilmautors an seinen fiktiven Opfern.

Aktivistin auf der Kanzel
Luisa Neubauer im Berliner Dom: Die Gottesaustreibung
Woher das Böse kommt und warum es auf diese Art besiegt wird, erläutert die Bibel nicht. Gott handelt, statt zu erklären. In die Irre gehen aber alle intellektuellen Ansätze, die das Böse als evolutionsbedingten Kollateraleffekt verharmlosen, als letztlich nützlichen Anreiz, besser zu werden. Oder, wie es der Mephisto in Goethes «Faust» sagt, als Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Der Teufel schafft nur Schmerz, Leere, Tod, eben das, wovon Jesus uns erlöst.

Was bedeutet das für uns?

Noch während er am Kreuz hängt, macht Jesus deutlich, dass sein Blut nicht als warmer Erlösungsregen über eine passiv empfangende Menschheit ausgegossen wird. Dem Terroristen wird der Zugang ins Paradies erst versprochen, als er darum bittet.

Jesus hat seinen Tod den Jüngern gegenüber als «Geschenk» beschrieben. Als ultimativen Ausdruck seiner Liebe den Menschen gegenüber – und als Angebot, in eine Beziehung mit Gott einzutreten.

Ein Geschenk hatte in der Antike eine viel tiefer gehende Bedeutung als heute. Längst ging es nicht nur darum, jemandem eine Freude zu machen. Mit einer Wohltat – vor allem dann, wenn sie von einem Höhergestellten ausging – war immer eine Beziehungseinladung verbunden, die eine dankbare Erwiderung nach sich zog. Ein Geschenk wurde nach damaligem Verständnis nicht etwa dadurch wertvoller, dass keine Resonanzerwartung daran geknüpft war. Erst die dankbare Annahme machte den Schenkungsakt wirksam.

Gott erwartet keine Gegenleistung. Er will nur unser «Ja» zu dem Liebesbund, den er uns anbietet.

Das Kreuz hilft auch dabei, psychologische Barrieren Gott gegenüber zu überwinden. Es ist nahezu unmöglich, Gefühle inniger Liebe für den übermächtigen Schöpfer des Weltalls zu empfinden. Ihm kann man sich nur mit Ehrfurcht nähern. Der Mann am Kreuz jedoch – er spricht uns auf der Herzensebene an.

Das Kreuz und der Gottessohn, der daran hängt, führen uns auch zu einer realistischen Selbsteinschätzung. Wir erkennen daran unsere kolossale Erlösungsbedürftigkeit genauso wie den unermesslichen Wert, den wir in Gottes Augen als seine geliebten Geschöpfe haben.

Auszug aus: Markus Spieker, Jesus. Eine Weltgeschichte. Fontis Verlag, Hardcover mit Lesebändchen, 1004 Seiten, 30,00 €.


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Kommentare ( 7 )

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Esteban
7 Tage her

Im Buch Hiob lesen wir, wie Satan Gott herausfordert, er möge es dem gottesfürchtigen Hiob einmal so richtig schlecht gehen lassen, auf dass dieser keinen Sinn mehr in seinem moralischen Lebenswandel mehr erkennen möge. Und Gott ging auf diesen Deal ein (anstatt den Versucher mit einem Tritt in die Hölle zu befördern). Ähnlich stelle ich mir auch eine Szene im Himmel vor der Menschwerdung Gottes vor: Satan provoziert Gott, er (Gott) solle seinen Anstand unter Beweis stellen, und selbst im Leid die göttliche Integrität bewahren. Und Gott ging darauf ein. Und ähnlich wie Hiob nach seinem Leid seinen Besitz wiederherstellen… Mehr

Umf-Backe
8 Tage her

ich würde gerne alles Glauben, obwohl „das neue Testament die Summe von Unwahrscheinlichkeiten ist“ (Sloterdijk) – aber mir klar zu machen, warum 1 Mensch für die Sünden Anderer büßen muss, leuchtete mir weder als 10-jährigem noch Älterem ein.
Und weil die Prämisse einfach nicht stimmig ist, ist zuviel Budenzauber dabei.
Dass ein Jesus gelebt haben muss, ist angesichts der literarischen-moralischen Wucht des Überlieferten, höchst wahrscheinlich.

Ortaffa
10 Tage her

Sorry, dass es sich bei den Textstellen in den Werken von Tacitus und Josephus um nachrägliche Interpolationen handelt, ist in der Forschung eigentlich nicht mehr umstritten.

fatherted
10 Tage her

Tacitus und Josephus wurden erst nach dem Tode Jesus geboren….das was sie „überlieferten“ ist also bloßes hören sagen. Auch die gefundenen „Aufzeichnungen“ der Römer, belegen nur ein Todesurteil gegen einen Mann Namens Jesus in einem ca. Zeitrahmen…ein Name der wie bei uns heute Michael oder Andreas….in und um Jerusalem weit verbreitet war. Historisch ist weder Jesus noch sein Wirken beweisbar.

Johann Thiel
10 Tage her

Danke für den nachdenkenswerten Beitrag den man nicht nur oberflächlich lesen sollte, denn wir alle geben ja, ob wir wollen oder nicht, im Laufe unseres von Gott geschenkten Lebens, dieses hin und müssen uns fragen, wofür.

Marcel Seiler
11 Tage her

Hm. Ich kann mit der Opfer-Rhetorik absolut nichts anfangen. Sie befremdet mich, stößt mich ab, und ich mag nicht hinsehen, genausowenig wie ich hinsehen mag, wenn ein afrikanischer Hexer rituelle Hühner köpft. Der Mensch mag erlösungsbedürftig sein. Aber doch nicht so.

Oder anders: Die Opfer-Riten, eine menschliche Konstante durch die Geschichte, sind weit von mir entfernt. Mich erreicht das nicht mehr. Da helfen auch keine rhetorischen Pirouetten.

Dagmar
11 Tage her

„Das Kreuz und der Gottessohn, der daran hängt, führen uns auch zu einer realistischen Selbsteinschätzung. Wir erkennen daran unsere kolossale Erlösungsbedürftigkeit genauso wie den unermesslichen Wert, den wir in Gottes Augen als seine geliebten Geschöpfe haben.“ Sehr schön beschrieben! Als Kinder (wenn sie etwas mitbringen) oder als Alte (wenn die Lebensweisheit anfängt, Fragen zu stellen), erfahren und erkennen manche Menschen etwas von Gott. Viele Menschen weltweit machen Nahtoderfahrungen. Wenn der Mensch anfängt in seinem Geist zu suchen („Erkenne dich selbst“ – Orakel Delphi) und feststellt, dass er ein geistiges Wesen ist, fängt er an Fragen zu beantworten.