Massen-Bekenntnis zu Erdogan

Noah Sari hat sich von der Massen-Kundgebung türkischstämmiger Deutscher und in Deutschland lebender Türken für den türkischen Präsidenten ein eigenes Bild gemacht.

© Noah Sari

Die Deutzer Werft in Köln vergangenen Sonntag: Ein türkisches Fahnenmeer, euphorische Erdogan-Anhänger, die dem türkischen Präsidenten in Liedern huldigen und, wenn man sich am Rande der Demonstration umschaut, Verwunderung und Fassungslosigkeit in den Gesichtern der Anwohner. Die Kundgebung, welche von der AKP-nahen Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) organisiert wurde, fand unter dem Motto „Ja zur Demokratie, nein zum Staatsstreich.“ statt und lockte zehntausende türkische Nationalisten aus ganz Europa ans Rheinufer.

Es wäre allerdings passender gewesen, den Begriff Demokratie durch „Erdokratie“ zu ersetzen, denn die aktuellen Vorgänge in der Türkei sind alles andere als demokratisch. Stattdessen sichert Erdogan nach dem gescheiterten Putschversuch am 15. Juli seine ohnehin gefestigte Macht, indem jeder potenzielle politische Gegner aus dem Weg geräumt wird. Die Anzahl der entlassenen, suspendierten und inhaftierten Menschen in der Türkei hat mittlerweile die 70.000-Marke überschritten und verdeutlicht das Ausmaß der „Säuberungswelle“.

Betroffen sind jedoch nicht nur vermeintliche Putschisten aus dem Militär, sondern u.a. tausende aus den unterschiedlichsten Ministerien. Unzählige Richter, Journalisten, Universitätsdekane und selbst 211 Mitarbeiter der halbstaatlichen Fluggesellschaft Turkish Airlines fielen der „Säuberung“ zum Opfer. In Deutschland blicken Regierungspolitiker stets mit „Sorge“ auf die Türkei, doch ermahnen sie höchstens dazu, die Rechtsstaatlichkeit zu wahren. Worte, die in Ankara wie immer auf taube Ohren stoßen.

Und wie gehen die türkischstämmigen Deutschen mit den alarmierenden Ereignissen in der Türkei um? Ein großer Teil feiert sie als Vorgehen gegen die „Terrororganisation“ der Gülen-Bewegung. Wie auch gestern in Köln, als Erdogan wieder einmal bewies, dass seine Anhänger, egal wie lange sie schon in einem anderen Land leben, ihm treu ergeben bleiben.

Ich reiste nach Köln, um mir das Spektakel anzusehen und mir ein Bild davon zu machen, was die UETD als prodemokratische Anti-Putsch-Demo bezeichnete. Es wurde von den Organisatoren zwar stets betont, dass man nicht für den türkischen Präsidenten, sondern für die türkische Demokratie auf die Straße ginge, doch wurde dies im Laufe des Tages immer unglaubwürdiger.

Spätestens, wenn gegen Ende der Veranstaltung ein Lied, das Erdogan gewidmet ist, auf Dauerschleife abgespielt wird und die Menge begeistert „Recep Tayyip Erdogan“ mitsingt, wird klar, wer an diesem Tag im Mittelpunkt steht. Das Verlesen einer gemeinsamen Erklärung der AKP, der kemalistischen CHP, der rechtsextremen MHP und der prokurdischen HDP, in der alle Parteien den Putschversuch gemeinsam verurteilten, reichte dann auch nicht, um die AKP-Veranstaltung zu tarnen.

Obwohl während der gesamten Kundgebung der türkische Nationalismus propagiert wurde, schlug man auch versöhnliche Töne gegenüber Deutschland an. Die Veranstalter spielten nicht nur die türkische, sondern auch die deutsche Nationalhymne ab, man schwenkte vereinzelt deutsche Fahnen und die Redner, sowie interviewte Demonstranten, betonten, dass man die Deutschen schätzen und mit ihnen in Frieden zusammenleben wollen würde. Der türkische Sportminister –für die Veranstaltung aus der Türkei angereist- warb ebenfalls für ein friedliches Miteinander und rief die in Deutschland lebenden Türken dazu auf, ihre Mitbürger gut zu behandeln.
Doch kaum kam man Deutschland entgegen, wurde wieder mit scharfen Worten geschossen. Die Türkei würde unfair behandelt, die deutsche Presse würde Lügen verbreiten und die deutsche Regierung solle aufhören der Türkei eine Lektion in Sachen Demokratie erteilen zu wollen.

Allgemein sieht man sich als Opfer einer medialen und politischen Hetzjagd, was extrem zynisch erscheint, im Anbetracht des Umgangs der meisten türkischen Medien und Ankaras mit politischen Gegnern Erdogans. Es hatte den Eindruck, dass die Veranstalter sich bewusst waren, dass die Deutschtürken unter großem Druck stehen, seit die Türkei in eine Diktatur abdriftet und Erdogan sogar versucht die Meinungsfreiheit in Deutschland zu unterdrücken.

Bevor die EU von der Türkei aufgrund der Flüchtlingskrise zunehmend abhängig wurde und bevor die Türkei und vor allem Erdogan in den deutschen Medien so präsent waren wie heute, konnte man seinen Nationalismus als Türke hierzulande problemlos ausleben. Doch spätestens jetzt verlangen viele deutsche Bürger, dass die türkischstämmige Bevölkerung sich entscheidet. Entweder für die deutsche Demokratie oder den türkischen Autokraten.

Die Veranstalter der Kundgebung versuchten aufgrund dieses öffentlichen Drucks mit versöhnlichen Tönen die Spannungen zu reduzieren, nur um kurz danach wieder mehr zu erzeugen. Schließlich will man seinen Nationalstolz nicht aufgeben, geschweige denn eingestehen, dass die Superdemokratie Türkei vielleicht noch einiges nachzuholen hat, was Rechtsstaatlichkeit oder Menschenrechte betrifft.

Genau diese Arroganz und dieser exzeptionelle Nationalismus führt dazu, dass große Teile der türkischen Gesellschaft sich immer weiter von der deutschen entfernen. Das betrifft dann nicht nur türkische Nationalisten, sondern auch Menschen, die perfekt integriert sind. Es betrifft jeden Menschen mit türkischen Wurzeln, also auch mich.

Wenn zehntausende Türken in Köln für einen autoritären Machthaber wie Erdogan demonstrieren und dies überall in den Medien zu sehen ist, wirft das ein schlechtes Bild auf alle Deutschtürken. Die Anzahl der liberalen Türkischstämmigen, die an den Gegendemonstrationen teilnahmen wirkt so mickrig im Vergleich zu den Nationalisten auf der Deutzer Werft, dass der Eindruck entsteht, dass der Großteil der hier lebenden Türken hinter Erdogan stünde. Das Bild des „Jubeltürken“ festigt sich in den Köpfen der Menschen und die Differenzierung nimmt immer mehr ab. Man lässt außer Acht, dass die Erdogan-Anhänger aus ganz Europa gratis mit Bussen nach Köln gefahren wurden, während die Gegendemonstranten vermutlich nur aus Deutschland anreisten und das auf eigene Kosten. Des Weiteren sind radikale Kräfte immer engagierter als moderate und fahren auch mal durch halb Europa, um ihren Präsidenten zu feiern.

So wie der türkische Nationalismus in Deutschland zunimmt, wird auch der deutsche Nationalismus stärker. Was diese Entwicklung für unser Land bedeutet, wird die Zukunft zeigen. Sicher ist eines: Für ein friedlicheres Zusammenleben wird sie nicht sorgen.

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