Linke ehrt Mauerschützen – und der Skandal bleibt aus

30 Jahre nach dem Ende der SED-Diktatur stört es offenbar kaum jemanden, wenn "Die Linke" einen Todesschützen im Dienst der DDR an der Berliner Mauer mit einer Gedenkanzeige in der linksradikalen Zeitung „Junge Welt“ ehrt.

imago images / Leemage
Grenzsoldaten der DDR in Berlin 1961

Man stelle sich vor, 1975, 30 Jahre nach Ende der Nazi-Barbarei erscheint in einer bundesdeutschen Tageszeitung eine Anzeige zum Gedenken an einen im Dienst im Dritten Reich erschossenen SS-Unteroffizier – unterschrieben von alten und neuen Kameraden. Grund für seinen Tod, nehmen wir mal an, waren die Schüsse flüchtender amerikanischer Kriegsgefangener. Der Unteroffizier, nennen wir ihn Hagen Schmidt, war in dieser Nacht Leiter eines Wachkommandos des Kriegsgefangenenlagers. Gezielt wurde gleich von Mehreren auf die Flüchtigen geschossen. Natürlich wurde auch getroffen. Einem der Flüchtlinge war es gelungen, eine Handfeuerwaffe im Lager zu verstecken und bei der Flucht mit sich zu führen. Er schoss in Richtung des Wachturms, von dem aus die tödlichen Schüsse auf die Gruppe der Fliehenden abgegeben wurden. SS-Mann Hagen wurde tödlich getroffen, ein anderer der Totenkopfmänner schwer verletzt. Zu Recht hätte es angesichts dieser Anzeige einen bundesweiten Aufschrei gegeben. Landauf, landab Empörung, Appelle und Manifeste von Politik, Opferverbänden, Kirchen, Kultur und ganz besonders der Medien.

Heute, 30 Jahre nach dem Ende der SED-Diktatur, stört es offenbar kaum jemanden, wenn die sich heute „Die Linke“ nennende SED einen ihrer Todesschützen an der innerdeutschen Grenze und der Berliner Mauer mit einer Gedenkanzeige in der linksradikalen Zeitung „Junge Welt“ ehrt. Anlass war der 80. Geburtstag, den der Mauerschütze Peter Göring am 28.12.2020 begangen hätte. Unterzeichner sind Organisationen der Linkspartei, wie die „LAG Deutsch-Russische Freundschaft Sachsen“, die „IG Frieden-Gerechtigkeit-Solidarität/Die Linke Chemnitz“ und andere.

Doch zum Geschehen: An einem Tag im Frühjahr 1962 versucht der 14jährige Ostberliner Schüler Wilfried Tews nach einem Sprung in die Spree an der Spandauer Sandkrugbrücke das rettende westliche Ufer im Bezirk Tiergarten schwimmend zu erreichen. Acht Angehörige der Grenztruppen der DDR eröffnen das Feuer. Unter ihnen auch der Unteroffizier Peter Göring, der, so die Akten des Staatssicherheitsdienstes, sogar zwei mal gegen die Anweisung seines Vorgesetzten seinen Standort wechselte, um seine Schussposition zu verbessern. Zwei lange Feuerstöße feuerte er noch dann auf das Kind, als dieses bereits auf Westberliner Seite aus dem Kanal gezogen worden war. Insgesamt 14 Einschüsse fanden sich im Körper des schwerverletzten Jungen – darunter im Hals, an der Schulter, im Becken, in den Oberschenkeln und den Armen. Nachdem Tews Westberliner Gewässer erreicht hatte und das Ost-Feuer anhielt, befahl der Westberliner Polizeioffizier, wie in den Anweisungen für diese Fälle vorgesehen, das Feuer zum Schutz des Flüchtlings auf die Gegenseite zu eröffnen. Der Hauptschütze Peter Göring wurde dabei tödlich getroffen, einer seiner Genossen schwer verletzt. Wilfred Tews konnte gerettet werden, musste aber als Vollinvalide und Pflegefall sein Dasein fristen.

Die Vorgänge sind durchaus vergleichbar. Die gefangenen Offiziere der US-Armee befanden sich ebenso wie der jugendliche DDR-Flüchtling in den Fängen einer totalitären Diktatur, deren Gemeinsamkeit in der Missachtung grundlegender Menschenrechte und der brutalen Verfolgung aller Andersdenkenden bis hin zum Mord bestand. Jede Form von Gegenwehr ist als Notwehr zu betrachten. Die Wächter an der Grenze wie die am Lager-Zaun waren abgestellt, um Fluchten zu verhindern und Flüchtlinge gegebenenfalls zu töten. Im Fall des Grenzers Peter Göring kam noch hinzu, dass gezielt Westberliner Gebiet unter Beschuss genommen wurde. Hier geschah der Schusswaffengebrauch durch die Westberliner Polizei nicht nur zum Schutze eines Deutschen, der von Deutschland nach Deutschland flüchten wollte und für die versuchte Wahrnehmung des Menschenrechts auf Freizügigkeit beschossen wurde, sondern auch zur Verteidigung Westberliner Territoriums.

In plastischer Weise lässt sich hier die von der Linken heute vehement bestrittene „Hufeisen-Theorie“ beweisen, dass die generelle Missachtung elementarer Grund- und Menschenrechte eines der klassischen Merkmale roter und brauner Ideologien ist. Niemand charakterisierte dies treffender als der amerikanische Historiker und Publizist Melvin J. Lasky, im Nachkriegs-Deutschland als langjähriger Herausgeber der politischen Zeitschrift Der Monat bekannt, in der er aus Anlass des Streits über den unterschiedlichen Charakter des Nationalsozialismus und linker Diktaturen feststellte: „Man mag es theoretisch drehen und wenden wie man will. Aus Sicht der Opfer, und nur diese kann der Maßstab sein, überwiegen immer die Gemeinsamkeiten.“

Eine Lehre, die im heutigen wiedervereinigten Deutschland vergessen zu sein scheint. Da gehört die Linkspartei längst zum Bund der Demokraten gegen Rechts, gilt es als fast unanständig, auf ihre Vergangenheit und damit ihre Verbrechen hinzuweisen, werden Menschen, die daran erinnern, ausgegrenzt – bis hin zur beruflichen Vernichtung. Ein besonders exemplarisches Beispiel ist die Entlassung des Leiters der Gedenkstätte in der ehemaligen U-Haftanstalt des MfS in Berlin-Hohenschönhausen, Dr. Hubertus Knabe. Zu Fall gebracht wurde der über Jahre bekämpfte Historiker durch eine schmierige Intrige, die im Hause des – welch Hohn – für die Gedenkstätte zuständigen SED-Senators Lederer ausgeheckt wurde; unter wohlwollender Unterstützung der CDU-Staatsministerin für Kultur, Monika Grütters.

Nur am Rande sei bemerkt, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel bezüglich der DDR das Wort „Unrechtsstaat“ noch nie über die Lippen gekommen ist. Mehr noch, auf einem Deutschlandtag der Jungen Union, auf dem ein deutschlandpolitisches Papier verabschiedet wurde, griff sie spontan in die Debatte ein und forderte unmittelbar vor Beschlussfassung, den Begriff Unrechtsstaat zu streichen. Als Begründung führte sie u. a. an: Ich hatte eine glückliche Kindheit in der DDR. Nur dem vehementen Widerspruch des Landesvorsitzenden der JU NRW war es zu verdanken, dass Merkel nicht durchdrang. Die Stadt Berlin wirbt mittlerweile mit dem Slogan der SED-Kampagne „Vom Ich zum Wir“ zur Enteignung der verbliebenen freien Bauernschaft zu Beginn der 60er Jahre. Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Wetten, dass sich niemand findet, der die Bonzen der Linkspartei von Gysi & Co zur Distanzierung von der geschichtsvergessenen und zynischen Anzeige auffordert. Nicht weil es sinnlos wäre, sondern weil es offenbar niemanden mehr interessiert. Übrigens – bis heute ist in dem kleinen Städtchen Straußberg bei Berlin eine Straße nach dem Mauerschützen Peter Göring benannt.

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Kommentare ( 28 )

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Vergackeiert
3 Monate her

Die Deutschen sehen wieder einmal weg! Zum großen Glück bin ich aus diesem links-grün bekloppten Land schon vor 10 Jahren ausgewandert, wenn man Vermögen mitnimmt heißt das dann wohl wieder künftig Republikflucht! Die Zeichen sprechen schon lange eine klare Sprache darum bin ich auch früh weg. Das Einzige was mich noch interessiert, ist mein Rentenanspruch den ich in über 30 Jahren mit fetten Beiträgen erworben habe, aber wohl so gut wie nichts mehr dafür sehen werde. Das bringt dieses links-grüne durchgeknallte Regime eben mit links durch! Dazu der zurecht untergegangene SEDstaat, der Bürger an deren Unrechts-Grenze durch wehrlose Befehlsempfänger hat… Mehr

Last edited 3 Monate her by Vergackeiert
HGV
3 Monate her

Eine glückliche Kindheit in der DDR als privilegiertes Kind privilegierter Eltern. Während ihre Eltern aus dem Westen übergesiedelt sind, ist meine Mutter aus der DDR geflüchtet. Ihre Kindheit war halt nicht so glücklich. Diktaturen quälen und erschießen ihre Gegner und wer aus ihren Fängen flüchten will, wird erschossen. Das gilt für Sozialisten und für Nationalsozialisten.

Vielfahrer
3 Monate her

Ein reichlich undifferenzierter Artikel, wie ich finde. Denn der „normale“ Grenzsoldat war in der DDR ein gewöhnlicher Wehrdienstleistender, der seine 18 Monate Pflichtwehrdienst ableistete und weder hinsichtlich des Dienstortes, der Dienstzeit oder der Waffengattung irgendeine Wahl hatte. Ganz im Gegenteil: Er hatte zu gehorchen. Wehrdienstverweigerer wurden empfindlich bestraft und auch im späteren Leben unsäglich drangsaliert. Verweigerer des Dienstes an der Waffe kamen zu den berüchtigten „Spatentruppen“ und waren während ihrer Dienstzeit die ärmsten Schweine unter Gottes Himmel, auch sie wurden nach dieser Zeit gegängelt ohne Ende. Einmal beim Militär hatte man jedoch ohne wenn und aber jedweden Befehl auszuführen, ansonsten… Mehr

Oneiroi
3 Monate her
Antworten an  Vielfahrer

Ich habe mal gehört, dass es auch im Krieg vorkommt, dass Soldaten „unabsichtlich“ daneben schießen. Oder dass zur Nazizeit, ein Soldat im Dachboden jemanden „übersehen“ hat.
Diejenigen, die moralisch schwierigen Zeiten sich für das Morden entscheiden werden zu recht bis an ihr Lebensende gejagt. Das gilt für alle Demokratie und Menschenfeinde, wie sie auch heißen NSDAP, SS, Gestapo, Stasi, Bpol ,VS.

Vielfahrer
3 Monate her
Antworten an  Oneiroi

So kann sich nur jemand äußern, der das alles selbst nie erleben musste. Bei einem solchen „Versehen“ wäre dem Betroffenen unweigerlich Vorsatz unterstellt worden. Die Folgen wären die gleichen gewesen. Sie haben dieses mörderische System mit einiger Sicherheit nicht von innen erlebt – ansonsten wüssten Sie das.

HGV
3 Monate her
Antworten an  Vielfahrer

Es läuft immer auf den klassischen Befehlsnotstand hinaus, oder? Widerstand ist zwecklos! Jeder hat die Möglichkeit sich anders zu entscheiden und viele sind dafür ins Gefängnis gegangen oder abgehauen.

Vielfahrer
3 Monate her
Antworten an  HGV

Ach herrje, da ist aber jemand ganz besonders schlau! Hätten Sie denn .. für eine Befehlsverweigerung .. gehabt? Vermutlich nicht, möglicherweise haben Sie nicht mal gedient. Ich denke schon, dass man das ganze Thema mal differenzierter betrachten muss. Sicherlich gab es unter den Grenzern auch schießwütige Spinner. Die gab und gibt es aber in jeder Armee der Welt, und die wird es auch immer geben. Wenn so einer jemanden ohne Not verletzte oder erschoß gehört er ohne wenn und aber hinter Gitter, keine Frage. Auch sollte man wissen, dass es zwischen den Grenzern in den frühen 1960ern und denen schon… Mehr

Last edited 3 Monate her by Vielfahrer
Eberhard
3 Monate her

Sie sind immer noch da, die nicht zur Verantwortung gezogenen Schergen der DDR. Die Unbelehrbaren, wie eine neu deutsche Kanzlerin in ihrer Neujahrsansprache fest stellte. Damit aber völlig Andere meinte. Sie sind auch Dank Merkel und Konsorten, nicht nur noch da, sondern durch den ihnen vorerst von der SPD erwiesenen unsinnigen Kniefall, nicht nur auf dem Weg wieder Macht zu übernehmen. Verachtend und beleidigend für alle, die in der DDR Widerstand geleistet oder auch nur sich nach Demokratie sehnten. Die vielen Opfer und persönlichen Benachteiligungen der roten Willkür Herrschaft im Osten noch längst nicht vergessen. Selbstverständlich sind die ehemaligen Wächter… Mehr

Fulbert
3 Monate her

Selbst der Vergleich zu Anfang des Textes hinkt. Schuesse auf fliehende Kriegsgefangene waeren auch von Amerikanern und Briten abgegeben worden, vor allem, wenn die Fliehenden selbst geschossen hätten. Dies entspricht internationalem Kriegsrecht. Schuesse auf fliehende Buerger des eigenen Landes entsprechen keinerlei internationalem Recht.

AlexR
3 Monate her

Diese Republikflüchtlinge sind ja alles [email protected] gewesen. Die waren oder sind böse, deshalb darf man als Linker ja auch mit Waffengewalt gegen die vorgehen.

Der deutsche Michel macht nichts. Wie auch nicht gegen diese sogenannte Bundesregierung mit der Staatsratsvorsitzenden. Bzw. wenn er was machen würde, ist er ja [email protected] oder Rechtsradikal. Wobei wir wieder am Anfang sind.

Hans Wurst
3 Monate her

Werter Herr Gafron,
Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Ein Kriegsgefangener unterliegt den Regeln und dem Schutz der Genfer Konventionen. Sobald er flüchtet, gibt er diesen Schutzstatus auf und gilt somit wieder als feindlicher Kombatant und darf mit tödlicher Gewalt bekämpft werden. Ein flüchtender Kriegsgefangener, insbesondere wenn er bewaffnet ist, ist in keiner Weise vergleichbar mit einem 14-jährigen, wehr-und schutzlos in der Spree schwimmenden Republikflüchtling.
Mal abgesehen, dass Krieggefangenenlager von Wehrmachtstruppen bewacht wurden, nicht von der SS.

ketzerlehrling
3 Monate her

Wer sollte diesen Skandal entfesseln? Der Schlafmichel etwa? Wohl kaum. Im übrigen werden solche Helden bald gebraucht und man wird sie auch finden.

Wilhelm Roepke
3 Monate her

Tja, die Sieger schreiben die Geschichtsbücher. Und im geistigen innerdeutschen Diskurs hat nun mal die linke Seite gewonnen. Das fängt bei der Aufgabe des Nationalstaates an und hört bei den Mauerschützen nicht auf. So die oberflächliche Analyse. In Wirklichkeit ist es fast egal, ob die Sozialisten national oder international unterwegs sind. Deutschland mag einfach keine freiheitlichen Gedanken. Und ein freiheitsliebender unbewaffneter 14jähriger stört gedanklich. Er könnte eventuell heutigen Jugendlichen als Inspiration dienen. Quasi das Gegenstück zu Greta Thunberg, wo bei FFF Plakate gezeigt werden mit dem Spruch:“Verbietet uns endlich etwas!“ Wobei ich Greta ihre Überzeugungen abkaufe, aber ihren Hinterleuten nicht.… Mehr

Aufgewachter
3 Monate her

Warum sollte es ein Skandal sein? Ein Skandal war die Aussage von Frau Petry (AfD) zum Schutz der Grenzen. Wenn linke so etwas tatsächlich taten und nun ehren ist dies im Sinne der guten aufrechten Demokraten und darf nicht kritisiert werden. Auch deren Aussage 2% der der Bevölkerung, die „Reichen“ zu erschießen (1.600.000 Menschen) oder in Arbeitslager zu stecken ist politisch korrekt. (Satire)