Europa lebt von seiner Kultur, nicht von Brüssels Bürokratie. Im Bayerischen Nationalmuseum in München wird dieses Erbe greifbar: Kunstwerke aus Jahrhunderten erzählen von Glauben, Handwerk und der Vielfalt des Kontinents.
picture alliance/dpa | Leonie Asendorpf
Millionen fahren heute Jahr und Tag über die vierspurige Straße in die Innenstadt oder verlassen sie. Aber nur 150.000 finden den Weg ins Bayerische Nationalmuseum in der Münchner Prinzregentenstraße. Wer sich die Zeit nimmt, spürt in den Gängen den anregenden Atem Europas in einmaligen Exponaten, die bis auf das 5. Jahrhundert zurückreichen. Zu verdanken hat das der Besucher dem Wittelsbacher König Max II, der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Idee hatte und sie tatkräftig verwirklichte.
Von Brüssel und seiner Milliarden verschlingenden, anonymen Bürokratie ist hier nicht die Rede. Vielmehr von einer Liebe zum Detail, die geduldige Künstler aus ganz Europa in unzähligen Krippen aus Italien, in fassgroße Weinkühler aus der Donau-Region und in ebenso erotische wie anmutigen Figuren von Bibel-Frauen aus den Niederlanden geradezu inbrünstig ausgelebt haben.
Zusammengehalten, gepflegt und ständig erweitert wird das Bayerische Nationalmuseum seit 2018 von einem im Landkreis Zwickau gebürtigen Generaldirektor, Frank Matthias Kammel (64), der in Ost-Berlin Kunstgeschichte und Klassische Archäologie studiert hat. Wer das privilegierte Vergnügen hat, von ihm durchs Haus geführt zu werden, befindet sich schon nach wenigen Minuten gefühlt in einer überdimensionalen, privaten Wohnküche mit tausenden Sujets, zu denen er nicht nur fachkundig Auskunft gibt. Er streichelt sie mit Worten.
Fast eine Gedenkminute lang verharrt der Besucher aufblickend zu einer Büste von König Max II. Er reist 1851 zur Weltausstellung in London und erlebt hautnah, wie sich Regionen Europas mit ihrer Kultur und ihren Leistungen präsentieren, sich damit identifizieren und Kraft für Generationen schöpfen. Tief beeindruckt bringt der Wittelsbacher diese Anregung mit nach München. Die erste Heimat für ein Bayerisches Nationalmuseum findet er in der Maxburg, bis Prinz Luitpold erst nach mehreren Zwischenstationen im Jahr 1900 in der frisch angelegten Prinzregentenstraße ein bis heute andauerndes Zuhause findet.
Es vergehen weitere 68 Jahre, bis das Museum mit Strom versorgt wird. Die Architekten hatten das Haus damals als Tageslicht-Museum verstanden, das nur von 11.00 bis 15.30 Uhr besucht werden konnte und von Klassizismus über Renaissance mehrere bauliche Stilformen aufweist. Die Deckengewölbe sind teilweise aus Pappe, täuschend zementfarben bemalt. Auf diese Idee muss man erst kommen. Sie halten seit Jahrzehnten.
Wer in den holzgetäfelten Weberstuben steht, die aus Augsburg stammen, glaubt noch die Stimmen der Vorstände zu hören, die in diesem Raum 170 Jahre getagt haben und die Region zu einer der reichsten Europas gedeihen ließen. Nebenan ruhen unter blitzsauberen Glaskästen Modelle der bayerischen Städte, München, Landshut, Ingolstadt, Straubing und Burghausen. Burghausen deshalb, weil am anderen Ufer der Salzach österreichische Rivalen drohten. Deshalb ist Burghausen die längste Burg Europas.
Mittendrin leuchtet ein Phantasie-Modell der 3000 Jahre alten Stadt Jerusalem mit dem erhöht gelegenen Tempel der Juden innerhalb der wehrhaften Stadtmauer. Jerusalem gilt hier als Symbol für Kreuzigung und Wiederauferstehung des christlichen Gottes-Sohnes, der als Werte-Fundament des Abendlandes verstanden werden soll. In den angrenzenden Räumen wuchern gewaltige Altäre aus allen Regionen Europas. Viele mit Hingabe kunstvoll restauriert aus zerstörten, ausgeraubten Kirchen.
Ein Prunkstück aus dem 16. Jahrhundert, in den Niederlanden angefertigt, zeigt mannshoch den Tod, der einen Löwen – Symbold des starken Lebens – niedergerungen hat. Im Inneren der Todesfigur liegt ein für die damalige Zeit mechanisches Wunderwerk. Eine aufziehbare Uhr, die dem Löwen mit einem wuchtigen Menschenknochen die Stunde schlägt.

Im großen Konferenzraum kämpfen Kriegsgott Mars gegen Venus, die Göttin der Liebe. Der Künstler hat die beiden zwei Meter hohen Figuren eng umschlungen verknotet, die den Betrachter ergebnisoffen zurücklassen. Wer siegt? Die Liebe oder die Gewalt – die ewig unbeantwortete Frage der Menschheit.
Dass das europa-verstrahlte Museum eine unverkennbar bayerische Attitüde besitzt, dafür sorgte der Münchner Andreas Ludwig Schmederer (1854-1917). Er gehört zu den Erben der Paulaner-Brauerei. Seine Leidenschaft galt aber weniger Bierfässern, wesentlich mehr hatten es ihm Krippen angetan. Er nutzte seit seinem 16. Lebensjahr sein wachsendes Vermögen aus der Bier-Dynastie, Maria, Josef und das Jesu-Kind in allen Formen selbst zu schnitzen und europaweit Krippen und farbenfrohe Figuren aufzukaufen. Ihm verdankt das Bayerische Nationalmuseum die weltweit wohl größte Krippensammlung, die detailliert bis in die Speisekarte einer Osteria Einblick gibt, wie beispielsweise in Neapel des 18. Jahrhunderts gelebt, geliebt und gefeiert wurde.
Der Bezug zur Paulaner-Brauerei lässt das Bayerische Nationalmuseum auch träumen. Nur jeder zehnte Biertrinker auf der Wiesn (Oktoberfest) möge möglichst nüchtern zukünftig den Weg in die Prinzregentenstraße 3 in München finden. Der Eintritt kostet einen Bruchteil eines Wiesn-Besuches.

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