Lanz kann nicht fassen, dass die Brandmauer gefallen ist. Er will reden, möglichst lange. Die anderen dürfen auch, so lange sie nicht Bernd Baumann heißen. Der wird unterbrochen, möglichst oft. Also: „Vier gegen einen“, wie immer. Doch der AfD-Mann bleibt fröhlich: „Ich genieße das“.
Screenprint: ZDF / Markus Lanz
Es ist das übliche Lanz-Ritual: Ein AfD-Vertreter wird in eine zahlenmäßig überlegene Runde gesetzt, der Moderator unterbricht und boxt, ein SPD-ler stöhnt, eine Journalistin spult ihre Befürchtungen ab und ein Verfassungsrechtler liefert mit dem Gesetzes-Lineal den Rahmen.
Blöd nur: Das Ritual ist so durchschaubar, dass sich Baumann in dieser Höhle der zahnlosen Löwen entspannt zurücklehnen kann. Tut er auch. Ewigkeiten lang sagt er nichts, weil er sowieso nichts sagen soll. Er sitzt nur lächelnd da und schaut dem Treiben zu. Er weiß: Sobald er mal drankommt, kann er kaum einen Satz geradeaus sprechen. Lanz knüppelt dazwischen, unterbricht ihn oft schon nach wenigen Worten. Gelegentlich sagt der Moderator gönnerhaft: „Sie dürfen gleich, Herr Baumann.“ Nur um dann minutenlang weiter mit den anderen Gästen zu reden.
Eine Sendung wie ein Loriot-Sketch. Nur ohne den Charme. Anlass ist ein Ereignis von historischer Tragweite: Die Wahl des AfD-Politikers Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt. Mit 48 von 82 Stimmen – mehr, als AfD und BSW zusammen haben. Es müssen also CDU-Abgeordnete für den AfD-Mann gestimmt haben. Dass auf diese Weise die Brandmauer krachend eingestürzt ist, macht Lanz hilflos. Er kann die Sendung nicht über das übliche moralische Aufrüsten hinaus entwickeln. Die politische Zäsur in Magdeburg ist für den Moderator von der glatten Gestalt nur Kulisse, nicht Gegenstand irgendeiner ernsthaften Analyse.
Es habe wohl „eine Absprache gegeben“ zwischen der CDU und AfD, raunt Anne Hähnig von der ehemals angesehenen „Zeit“, und Georg Maier (SPD) ist ganz entsetzt: „So dreist. Da wurde gedealt!“ Der thüringische Innenminister betont: „Die Brandmauer hat schon ihren Sinn“. Denn genau für diese Aussage ist er gekommen. Und dafür kämpft schließlich auch sein Angestellter Stephan Kramer als Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes. Ein Behördenchef, dem die für das Amt vorgeschriebene Qualifikation fehlt, bewusst eingesetzt offenbar als Bluthund gegen die Blauen. Ein Mann, der im Alleingang und sogar gegen die Auswertungen der eigenen Fachleute die AfD als „gesichert rechtsextremistisch“ einstufte. In Thüringen, das von einem überführen Plagiator (Mario „Dr. No“ Voigt) regiert wird, ist offenbar alles möglich. Oder, um es mit Maier zu sagen: So dreist.
Lanz will Baumann stellen, aber der sitzt ganz gemütlich. Ulrich Siegmund habe sein Wahlversprechen gebrochen. Erst habe er nur mit absoluter Mehrheit regieren wollen, jetzt sei er plötzlich offen für Koalitionen. Für Baumann kein Problem. „Wären Sie bei einem CDU-ler genauso nachsichtig?“ will Lanz wissen. Doch Baumann kann auch Wackelpudding, er lässt sich nicht festnageln: „Ich bin bei den CDU-lern von morgens bis abends in gewisser Weise nachsichtig, sonst würde ich mit denen überhaupt nicht reden.“
Baumann redet ganz ruhig auf Maier ein: „Sie verstehen die Welt nicht. Sie sind bei sechs Prozent in Thüringen. Wir sind bei 40 Prozent.“ Maier wird sauer: „Ach so. Deshalb muss ich jetzt den Mund halten? Das ist autoritäres Gedankengut.“ Baumann, noch ruhiger: „Ich hab’ gesagt, Sie verstehen die Welt nicht. Ich hab’ nicht gesagt, Sie müssen den Mund halten.“
Maier klammert sich an einen letzten Strohhalm, und es klingt fast ein bisschen tragisch: „Die demokratischen Parteien zusammen haben immer noch ‘ne Mehrheit.“ Baumann wiederholt sich: „Sie sind bei sechs Prozent, Herr Maier!“ Maier: „Deswegen darf ich wohl nichts sagen, oder?“ Baumann schmunzelnd: „Natürlich dürfen Sie sagen, alles dürfen Sie sagen, es hört ja nur keiner zu draußen.“ Maier: „Das glaube ich nicht.“
So viel zum Thema politische Analyse.
Staatsrechtler Alexander Thiele hat in diesem Sketch die einfachste Rolle. Er soll vornehmlich warnen, und das macht er ganz gut. Wenn die AfD die Regierung übernehme, könne sie „auch auf normale Beamte Druck ausüben“, sie „aus dem Vergnügen des Jobs drängen, indem man das Leben schwer macht“. Außerdem gebe es in Sachsen-Anhalt eine besondere Gefahr: „Der Justizminister selbst ohne einen Wahlausschuss ernennt die Richterinnen und Richter.“ Auch Maier stimmt mit ein: Die AfD habe in Thüringen allein 6.000 kleine Anfragen im Parlament gestellt, um die Regierung lahmzulegen. KI-generiert auch noch, Schande!
Lanz kann sich einen Seitenhieb nicht verkneifen: Auf die computergenerierten Reden des Mario „Dr. No“ Voigt anspielend, sagt er höhnisch: „Beim Thüringer Landtag muss man vorsichtig sein, was KI angeht.
Baumann wirkt zum Ende der Sendung hin immer entspannter: „Ich bewundere die Übereinstimmung hier“, sagt er. Hähnig macht auf Mitleid: „Ich weiß, das ist immer eine blöde Situation, wenn vier gegen einen stehen.“
Baumann tiefenentspannt: „Bin ich doch gewohnt. Ich genieße das.“





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