Mehr Standortpatriotismus? – Die seltsame Ambivalenz deutscher Politiker

Politiker der Koalitionsparteien fordern von deutschen Unternehmern Standortpatriotismus ein. Im Moment des Kollapses politischer Hybris greifen also auch die Träger des Kulturkampfes auf bewährtes bürgerliches Vokabular zurück. Friedrich Merz und Genossen werden lernen müssen, dass Patriotismus nicht ein per Anweisung aktivierbarer Gemütszustand des Volkes ist.

picture alliance/dpa | Markus Lenhardt
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil und Bundesumweltminister Carsten Schneider (beide SPD), Berlin, 28.11.2025

Als gesellschaftlicher Kitt und als Bindung des Individuums an einen höheren Existenzzweck hat der Patriotismus nach Jahrzehnten des Kulturkampfes hierzulande einen schlechten Leumund. Es ist der Vereinten Linken gelungen, dieses bindende und integrierende Kulturferment mit den historischen Katastrophen des Nationalsozialismus, Imperialismus und Kulturchauvinismus zu verschmelzen und schließlich aus dem Selbstverständnis des Volkes zu bannen. Der Patriot gilt heute als gesellschaftlicher Außenseiter, Querdenker und intoleranter Antagonist humanistischer Werte.

Die Mühlen jener sozialistischen Kulturrevolution, die sich seit den späten 60er Jahren in Bewegung setzten, haben sorgfältig gemahlen. Es ist dem Kartell linksradikaler Ideologen, opportunistischer Politik, einem wuchernden akademischen Betrieb und dem Mediensektor gelungen, dem Wurzelwerk von Tradition, Religion, Familie und Bürgertum ein ausreichendes Quantum Gift zu verabreichen. Der moderne Patriot macht sich maximal verdächtig, wenn er die Segnungen des Kulturrelativismus und des woken Nihilismus unserer Zeit ablehnt.

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Dabei sind die Konservativen die wahren Helden der Stabilität und Kontinuität, die auch in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Stürmen wie menschgewordene Wellenbrecher versuchen, das Schlimmste, das uns aus den Faulquellen des Kulturmarxismus zuströmt, abzuwehren. Und es war nicht zuletzt das Werk deutscher Politiker, diese zivilisatorische Wende von der Sozialen Marktwirtschaft und der bürgerlich-zentrierten Gesellschaft hin zu einem grünen Klimasozialismus zu vollziehen.

Nirgendwo gedeiht der antibürgerliche Reflex so reichhaltig wie im deutschen NGO-Komplex und in der beinahe schrillen akademischen Flankenarbeit im Kampf um Cancel Culture, Wokeism und der Bereinigung unserer Sprache – und zwar genau um jene Begriffe, die die Türen zu einer kulturbejahenden, traditionsbestätigenden Erziehung öffnen würden. Wie schön klingen doch Worte wie „Vaterland“, „Patriotismus“ und „Heimatliebe“.

Naturgemäß dürfte ein erheblicher Teil der Volksrepräsentanz an dieser Stelle dezidiert anderer Meinung sein. Er hat ein Geschäftsmodell aus den Zutaten von Vaterlandsverachtung, globalistischem Moralismus und klimaapokalyptischer Transformationslogik entwickelt und seine politische Existenz darauf gegründet. Die Verachtung für alles Konservative ist der sprachliche Humus, auf dem diese Form politischer Macht gedeiht und sich in einer eigenen moralischen Echokammer immer wieder stabilisiert und selbst verstärkt.

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Dass in diesem Moment der selbst heraufbeschworenen Krise deutsche Politiker im Abwehrkampf gegen die wirtschaftliche Realität ausgerechnet die von Kulturhasardeuren vergiftete Vokabel des Standortpatriotismus bemühen, wirkt vor dem Gesagten grotesk – und auf manchen, der in den Wellenschlägen des linksgrünen Bürokratismus seine Existenz verlor, anmaßend und unverschämt.

Deutschlands Umweltminister Carsten Schneider (SPD) beendete seinen Interview-Marathon in der vergangenen Woche mit einem Talk bei der Frankfurter Rundschau. Und der Mann hat Nerven. Nach einigen veritablen, öffentlich vorgetragenen Attacken seiner Zunft gegen die Unternehmerschaft grosso modo, ist es jetzt wohl an der Zeit, die Tonlage zu wechseln. Nun steht moralin-moll auf der Berliner Agenda. Gerade die Autobauer sollten künftig vermehrt Rohstoffe in Deutschland kaufen, so Schneider. Rohstoffe aus Deutschland?

Einen Leitmarkt für grünen Stahl fordert der Politiker in maximaler Dehnung der Realität, die sich ja gerade so präsentiert, dass grüner Stahl unrentabel und nicht marktfähig aus dem Produktangebot der hoch subventionierten Hersteller verschwindet. Ein wenig mehr Standortpatriotismus könne man von den deutschen Konzernchefs schon erwarten, so Schneider, der sich dabei in Ton und Wortwahl seinem Parteichef und Finanzminister Lars Klingbeil nähert.

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Klingbeil wählte im vergangenen Oktober auf einem Gewerkschaftskongress der IG BCE in Hannover einen ähnlichen Sound. Mehr Standortpatriotismus, mehr Deutschland wagen? Immerhin habe der Staat ja Steuererleichterungen und Subventionen zur Stärkung des Standorts und der Unternehmen zur Verfügung gestellt. Der Staat soll also in diesem Stück die Rolle des König Lear innehaben? Der Kapitalvernichter, Steuerpächter und Regulierer par excellence?

Es ist ein zynisches Medienspiel, das die Politik mit der angeschlagenen Gemütslage der Bevölkerung treibt. Geht es abwärts, stößt man in der Politik an eine Wand, vermengen sich die Strategien: Patriotische Appelle oszillieren nun um aggressive Ressentiment- und Neiddebatten – emotionale Trigger –, die das Bild vom gierigen, vaterlandslosen Unternehmer bewusst aktivieren, um sich selbst aus der Schusslinie der Kritik zu stehlen. Empörung wird zur Mobilisierungsstrategie, moralischer Druck zum medialen Placebo.

Auch der Bundeskanzler greift inzwischen regelmäßig zu dieser stumpfen Waffe, getrieben von schlechten Umfragewerten und dem drohenden politischen Chaos. Stolz sei er auf unser Land, erklärt Friedrich Merz, und dekretiert den kulturell erodierten, ökonomisch ausblutenden Gesellschaftskörper Deutschland kurzerhand um – in ein Gemeinschaftserlebnis mit Aufbruchsschwung und freiheitlicher Grundierung.

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Wir können nur vermuten, welche emotionalen Regungen der Bundeskanzler empfindet, wenn er durch die opulenten Hallen des Bundeskanzleramtes schreitet. Im Bewusstsein, dass sich der deutsche Regierungsapparat – sein bürokratisierter Parlamentarismus und die Repräsentanz des Regierungschefs – langsam, aber sicher, zumindest in Personalstärke und architektonischer Selbstinszenierung, chinesischen Verhältnissen annähert, mag der mehrfache Widerhall der eigenen Stimme in den endlosen Fluren durchaus ein Gefühl wohltemperierten Karrierestolzes erzeugen. Das Bundeskanzleramt symbolisiert, im schärfsten möglichen Kontrast zum alten Kanzleramt der Bonner Republik, Etatismus, Distanz und Enthobenheit.

Medienspiele wie die Forderung nach unternehmerischem Standortpatriotismus sind performative Akte ostentativer Hilflosigkeit. Sie sollen die Stimmung im Land kanalisieren, die Schuldfrage von der Politik ablenken und zur Stabilisierung der Koalition bei den anstehenden Landtagswahlen beitragen.

Doch die Berliner Spin-Doktoren könnten sich täuschen. Friedrich Merz und Genossen werden lernen, dass Patriotismus nicht ein per Kanzleramtsanweisung aktivierbarer Gemütszustand des Volkes ist. Sie werden auch feststellen, dass nur wenige Deutsche ohne äußeren Druck dem Appell zur Verteidigung eines politischen Systems folgen, das nach Jahren gezielter Massenmigration, fortschreitender kultureller Entgrenzung und kulturkämpferischer Erosion des Traditionsbestands nun den Bürger um Unterstützung bittet, weitere ideologisch aufgeladene Projekte zu tragen.

Was die Unternehmer betrifft, scheint es derzeit nur wenige zu geben, die der Politik zutrauen, die ideologisch verkantete Lage rational auflösen zu können. Der Patriotismus als letzter überzeugender Anker und Argument für den Heimatstandort wurde den Deutschen in einem jahrzehntelangen Prozess linksgrüner Selbstgerechtigkeit ausgetrieben. Etwas besseres als den deutschen Insolvenztod werden wir beinahe überall finden.

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Kommentare ( 29 )

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Orlando M.
1 Monat her

Mit mehr Standortpatriotismus ist ausschließlich gemeint, dass die politisch Wertlosen noch viel mehr für den Gigasozialstaat und die mindestens zwei Millionen zu viel Staatsdiener zu arbeiten haben! Berechnungen haben ergeben, dass die erwirtschafteten Mittel nicht für alle ausreichen und am ehesten kann man in diesem Land noch auf die Wertschöpfenden verzichten.

yeager
1 Monat her

Wäre schön, wenn unsere Politiker mal Patriotismus zeigen. Aber genau wie beim Energiesparen für’s Klima sehen unsereDemokraten wohl auch beim Patriotismus nur die ungewaschenen (für’s Klima!) Massen in der Pflicht, nie sich selbst.
Insofern wird der Patriotismus nur als Floskel benutzt, von denen die genau die Werte welche Patriotismus rechtfertigen würden mit Füßen treten.
Ich sehe mich da nicht in der Pflicht, vielleicht fühlen sich ja die Grün-Linken Wähler da nun auf Zuruf als „Patrioten“.

Rasparis
1 Monat her

Entweder „Standort“ oder Patriotismus. Das Buchstabenkonstrukt „Standortpatriotismus“ ist das gleiche wie „Trockenregen“ oder „Warmschnee“ und verraet die niederen Intentionen.

Rasparis
1 Monat her

Das ist der Perestrroika-Komplex der machthabenden Ideologen.
Die haben eine panische Angst davor, dass das Eingestaendnis auch nur eines Fehlers das ganze Kartenhaus, das die noch traegt, in sich zusammenklappt. Durch Einmauern wird versucht, die geplatzten Wechsel zu prolongieren und den unvermeidlichen Zusammenbruch, der diese gescheiterten Cliquen unter sich begraben wird, irgendwie noch hinauszuzoegern. Das wird nur die Fallhoehe steigern.

Nibelung
1 Monat her

Den Standortpatriotismus kann man allenfalls von den Blauen Patrioten erwarten, nicht aber von unseren bayrischen Christ-Sozialen, die ja bekannter Weise nach der Definition von Bismarck auch heimatlose Gesellen sind und sich damals schon von ihm kaufen ließen, weil ihr verehrter König stets klamm im Leben war. Wenn einer nicht ins System paßt wird er ehedem ausgewiesen oder erst garnicht herein gelassen und das war schon bei Hitler so, den man als Österreicher nicht haben wollte, obwohl er in der deutschen Reichsarmee gedient und sich ausgezeichnet hat und Lenin den Oberrevolluzzler aus Rußland hat man auch nahegelegt Bayern zu verlassen und… Mehr

Berlindiesel
1 Monat her

Patriotismus und Nationalbewusstsein und Unternehmertum haben sich in Deutschland schon immer von selbst ausgeschlossen. Darauf sind deutsche Unternehmer schon seit dem 19. Jahrhundert stolz. Sie haben „Weltoffenheit“ doch quasi erfunden. Es galt bei ihnen schon immer als sexy, gerissen und cool, Gemeinkosten zu sozialisieren – Stichwort „sozialverträglicher Stellenabbau“ (also der Mitarbeiter wird den deutschen Transfersystemen überantortet, dafür erledigt ein Inder, Chinese oder Rumäne seiner Arbeit für ein Zehntel des Geldes, die 90 Prozent werden beim Unternehmer privatisert), Kurzarbeitergeld, Subventionen, die ganze Palette. Kein Unternehmer der Generation X ist es noch gewohnt, ohne Staatsknete sein Geschäft zu betreiben. Ich verstehe aus… Mehr

Sanijo
1 Monat her

Das fordere ich auch vom Nichtsnutz der SPD ein dass das Steugeld hierbleiben und nur für Deutschland und Deutsche genutzt wird und nicht in fremde Staaten überwiesen wird!

mediainfo
1 Monat her

Mehr Standortpatriotismus

In einem Land, in dem eine Regierungschefin einem Politiker aus ihrer Partei schon mal empört die Deutschlandflagge aus der Hand reißt, die dieser mit Freude schwenkt. Oder in dem Menschen, die eine Deutschlandflagge aus ihrem Fenster hängen, schon mal ……… „Besuch“ bekommen aus diesem Grund.

Aber Standortpatriotismus ist ja glücklicherweise eine andere Sorte Patriotismus, der mit dem geschmähten nichts zu tun hat.

Bambu
1 Monat her

Egal was sie vor den Baum fahren. Richten sollen es immer Andere. Vorzugsweise diejenigen, welche fleißig sind. Bereits in der CDU gibt es die ersten sozialistischen Lager, welche sich über die SPD, die Grünen bis hin zu den Linken immer mehr verstärken. Außer permanenten Forderungen nach noch mehr Geld, noch mehr Überwachung, noch mehr Belehrungen.., kommt nichts was zum Wohl der Leistungsträger dieser Gesellschaft beiträgt.
Unfähig eigene Ideen zu entwickeln, unfähig das eigene Handeln zu reflektieren, bleibt ihnen nur noch die Phantasie jeden Tag absurdere Forderungen zu stellen

Karl Renschu
1 Monat her

Standortpatriotismus erwarte ich von meinen Politikern.

Klaus D
1 Monat her
Antworten an  Karl Renschu

ICH von jedem deutschen darum nur noch urlaub in unserem schönen deutschland 😉

twsan
1 Monat her

„Friedrich Merz und Genossen werden lernen müssen, dass Patriotismus nicht ein per Anweisung aktivierbarer Gemütszustand des Volkes ist“.

Glaubt jemand ernsthaft, dass die lernfähig oder lernwillig sind ???

Sie konnen es sich ja auch leisten, lernunfähig bzw. lernunwillig zu sein – denn die Ablösung ihrer Regierungsmacht durch eine echte Opposition, das Normalste in einer Demokratie, verhindern sie ja sehr erfolgreich.

Last edited 1 Monat her by twsan