Politiker der Koalitionsparteien fordern von deutschen Unternehmern Standortpatriotismus ein. Im Moment des Kollapses politischer Hybris greifen also auch die Träger des Kulturkampfes auf bewährtes bürgerliches Vokabular zurück. Friedrich Merz und Genossen werden lernen müssen, dass Patriotismus nicht ein per Anweisung aktivierbarer Gemütszustand des Volkes ist.
picture alliance/dpa | Markus Lenhardt
Als gesellschaftlicher Kitt und als Bindung des Individuums an einen höheren Existenzzweck hat der Patriotismus nach Jahrzehnten des Kulturkampfes hierzulande einen schlechten Leumund. Es ist der Vereinten Linken gelungen, dieses bindende und integrierende Kulturferment mit den historischen Katastrophen des Nationalsozialismus, Imperialismus und Kulturchauvinismus zu verschmelzen und schließlich aus dem Selbstverständnis des Volkes zu bannen. Der Patriot gilt heute als gesellschaftlicher Außenseiter, Querdenker und intoleranter Antagonist humanistischer Werte.
Die Mühlen jener sozialistischen Kulturrevolution, die sich seit den späten 60er Jahren in Bewegung setzten, haben sorgfältig gemahlen. Es ist dem Kartell linksradikaler Ideologen, opportunistischer Politik, einem wuchernden akademischen Betrieb und dem Mediensektor gelungen, dem Wurzelwerk von Tradition, Religion, Familie und Bürgertum ein ausreichendes Quantum Gift zu verabreichen. Der moderne Patriot macht sich maximal verdächtig, wenn er die Segnungen des Kulturrelativismus und des woken Nihilismus unserer Zeit ablehnt.
Nirgendwo gedeiht der antibürgerliche Reflex so reichhaltig wie im deutschen NGO-Komplex und in der beinahe schrillen akademischen Flankenarbeit im Kampf um Cancel Culture, Wokeism und der Bereinigung unserer Sprache – und zwar genau um jene Begriffe, die die Türen zu einer kulturbejahenden, traditionsbestätigenden Erziehung öffnen würden. Wie schön klingen doch Worte wie „Vaterland“, „Patriotismus“ und „Heimatliebe“.
Naturgemäß dürfte ein erheblicher Teil der Volksrepräsentanz an dieser Stelle dezidiert anderer Meinung sein. Er hat ein Geschäftsmodell aus den Zutaten von Vaterlandsverachtung, globalistischem Moralismus und klimaapokalyptischer Transformationslogik entwickelt und seine politische Existenz darauf gegründet. Die Verachtung für alles Konservative ist der sprachliche Humus, auf dem diese Form politischer Macht gedeiht und sich in einer eigenen moralischen Echokammer immer wieder stabilisiert und selbst verstärkt.
Deutschlands Umweltminister Carsten Schneider (SPD) beendete seinen Interview-Marathon in der vergangenen Woche mit einem Talk bei der Frankfurter Rundschau. Und der Mann hat Nerven. Nach einigen veritablen, öffentlich vorgetragenen Attacken seiner Zunft gegen die Unternehmerschaft grosso modo, ist es jetzt wohl an der Zeit, die Tonlage zu wechseln. Nun steht moralin-moll auf der Berliner Agenda. Gerade die Autobauer sollten künftig vermehrt Rohstoffe in Deutschland kaufen, so Schneider. Rohstoffe aus Deutschland?
Einen Leitmarkt für grünen Stahl fordert der Politiker in maximaler Dehnung der Realität, die sich ja gerade so präsentiert, dass grüner Stahl unrentabel und nicht marktfähig aus dem Produktangebot der hoch subventionierten Hersteller verschwindet. Ein wenig mehr Standortpatriotismus könne man von den deutschen Konzernchefs schon erwarten, so Schneider, der sich dabei in Ton und Wortwahl seinem Parteichef und Finanzminister Lars Klingbeil nähert.
Es ist ein zynisches Medienspiel, das die Politik mit der angeschlagenen Gemütslage der Bevölkerung treibt. Geht es abwärts, stößt man in der Politik an eine Wand, vermengen sich die Strategien: Patriotische Appelle oszillieren nun um aggressive Ressentiment- und Neiddebatten – emotionale Trigger –, die das Bild vom gierigen, vaterlandslosen Unternehmer bewusst aktivieren, um sich selbst aus der Schusslinie der Kritik zu stehlen. Empörung wird zur Mobilisierungsstrategie, moralischer Druck zum medialen Placebo.
Auch der Bundeskanzler greift inzwischen regelmäßig zu dieser stumpfen Waffe, getrieben von schlechten Umfragewerten und dem drohenden politischen Chaos. Stolz sei er auf unser Land, erklärt Friedrich Merz, und dekretiert den kulturell erodierten, ökonomisch ausblutenden Gesellschaftskörper Deutschland kurzerhand um – in ein Gemeinschaftserlebnis mit Aufbruchsschwung und freiheitlicher Grundierung.
Medienspiele wie die Forderung nach unternehmerischem Standortpatriotismus sind performative Akte ostentativer Hilflosigkeit. Sie sollen die Stimmung im Land kanalisieren, die Schuldfrage von der Politik ablenken und zur Stabilisierung der Koalition bei den anstehenden Landtagswahlen beitragen.
Doch die Berliner Spin-Doktoren könnten sich täuschen. Friedrich Merz und Genossen werden lernen, dass Patriotismus nicht ein per Kanzleramtsanweisung aktivierbarer Gemütszustand des Volkes ist. Sie werden auch feststellen, dass nur wenige Deutsche ohne äußeren Druck dem Appell zur Verteidigung eines politischen Systems folgen, das nach Jahren gezielter Massenmigration, fortschreitender kultureller Entgrenzung und kulturkämpferischer Erosion des Traditionsbestands nun den Bürger um Unterstützung bittet, weitere ideologisch aufgeladene Projekte zu tragen.
Was die Unternehmer betrifft, scheint es derzeit nur wenige zu geben, die der Politik zutrauen, die ideologisch verkantete Lage rational auflösen zu können. Der Patriotismus als letzter überzeugender Anker und Argument für den Heimatstandort wurde den Deutschen in einem jahrzehntelangen Prozess linksgrüner Selbstgerechtigkeit ausgetrieben. Etwas besseres als den deutschen Insolvenztod werden wir beinahe überall finden.





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