US-Konjunktur: Abgleiten in die Rezession?

Die Talfahrt der US-Wirtschaft setzt sich fort. „Technisch“ betrachtet ist es eine Rezession. Das Wording „Rezession“ wird von der US-Regierung vermieden. Bis jetzt. – In Deutschland herrscht Konjunkturflaute. Die Wirtschaft stagniert.

IMAGO / Xinhua
US-Notenbankchef Jerome Powell nach der Leitzinsanhebung um 0,75 Prozentpunkte, 27. Juli 2022; Grund für den erneuten Wirtschaftseinbruch dürfte die Geldpolitik der Fed sein

Das zweite Mal in Folge ist die US-Volkswirtschaft geschrumpft. Schon im ersten Quartal 2022 war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 1,6 Prozent gesunken. Nun geht die Wirtschaftsleistung für das zweite Quartal hochgerechnet auf das Jahr um 0,9 Prozent zurück. Fachleute sprechen hierbei von einer „technischen Rezession“.

Grund für den erneuten Einbruch dürfte die Geldpolitik der Notenbank Federal Reserve System (Fed) sein. Um die Inflation abzubremsen, sie liegt derzeit bei 9,1 Prozent, erhöhte sie seit März dieses Jahres den Leitzins schrittweise um insgesamt 2,25 Prozent – offenbar handelte es sich dabei um eine solch rasante Zinserhöhungswelle innerhalb kürzester Zeit wie nie zuvor.

Zwar führte das US-Handelsministerium den nochmaligen Rückgang des BIP auf geringere Investitionen der Unternehmen sowie geringere Lagerbestände und sinkende Staatsausgaben zurück; doch die kräftigen Leitzinserhöhungen dürften den Ausschlag gegeben haben.

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Noch am Mittwoch hatte Fed-Chef Jerome Powell eine Rezessionsgefahr bagatellisiert. Nach der neuerlichen kräftigen Zinsanhebung um 0,75 Prozentpunkte bekundete er, er denke nicht, dass sich die Wirtschaft in einer Rezession befinde.

Auch US-Präsident Biden glaubte zu Beginn der Woche nicht an eine Abschwungphase. „Meiner Ansicht nach steuern wir nicht auf eine Rezession zu“, ließ er verlauten. Dabei wies er auf die guten Zahlen am Arbeitsmarkt hin. Für Biden sind die schlechten Wirtschaftsdaten innerhalb eines halben Jahres vor den Zwischenwahlen zum Kongress im November ein heftiger Rückschlag. Die politische Konkurrenz unterstellt dem Präsidenten den erneuten Abschwung als Zeichen seiner Fehlleistungen in der Wirtschaftspolitik.

Finanzministerin Janet Yellen betont, trotz des wirtschaftlichen Abschwungs gebe es keine Rezession. Am Donnerstag betonte sie: „Sie sehen keinen signifikanten Anstieg von Unternehmensinsolvenzen, die typischen Arten von Notlagen, die wir mit dem Wort Rezession verbinden.“ Die Verlangsamung des Wirtschaftswachstums sei zu erwarten gewesen.

Das Echo auf die wirtschaftlichen Entwicklungen in den USA fällt hierzulande ambivalent aus. „Hohe Inflationsraten, steigende Leitzinsen und deutlich schlechtere Finanzierungsbedingungen belasten“, heißt es bei der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank. Andere sprechen von einer technischen, nicht aber von einer breitangelegten Rezession, wie Bernd Weidensteiner von der Commerzbank.

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Wieder eine andere Stimme wie von der VP Bank betont: „Die US-Wirtschaft befindet sich in einer technischen Rezession, ohne dass nach offizieller Verlautbarung die Wirtschaft tatsächlich in einer Phase wirtschaftlicher Kontraktion steckt.“ Die Fed werde auf ihrem Zinsanhebungskurs bleiben und sich nicht aus der Ruhe bringen lassen.

Am Mittwoch kündigte Fed-Chef Powell eine weitere Zinserhöhung von 0,75 Prozent im September an. Ein Zinsniveau von drei bis zu 3,5 Prozent zum Jahresende sei anzustreben. Erst ab 2023 will die Fed auf eine langsamere Gangart zusteuern. Die Folge der US-Geldpolitik: Der hohe Zins lässt den Dollar stärker werden und zieht Kapital aus Europa ins „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. Am Freitag entspricht 1 US-Dollar 0,98 Euro.

Auch in Deutschland herrscht Konjunkturflaute. Im zweiten Quartal des Jahres bleibt das BIP unverändert im Vergleich zum Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Die deutsche Wirtschaft stagniert. Volkswirtschaftler hatten mit einem leichten Wachstum gerechnet. Die höchste Inflation seit Jahrzehnten bremst den privaten Konsum aus. Und dieser ist, wie in den USA, eine wichtige Stütze der Konjunktur.

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Kommentare ( 20 )

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fatherted
10 Tage her

Dazu (Inflation/Rezession) ein lustiges Statement der Präsidentin of the Federal Reserve Bank of San Francisco:“You know I have to say that I live … I don’t feel the pain of inflation anymore. I see prices rising, but I have enough that I can make substitutions, that I can do things. So I’m not immune to gas prices rising, food prices rising. I sometimes balk at the price of things,” she said. “But I don’t find myself in a space where I have to make tradeoffs, because I have enough, and many, many Americans have enough.” Könnte von Ricarda Lang sein….oder von Olaf… Mehr

JamesBond
15 Tage her

Die USA können sich zumindest eine Rezession leisten, wir zahlen Milliarden für zugereiste Fachkräfte ( Millionen seit 2015 aber nicht mal am Flughafen ungelernt als Sicherheitspersonal einsetzbar) und die Südeuropäischen Mafiosi in Italien, Arbeitslose in Spanien und Rentner in Frankreich.
Das geht nicht gut aus für Europa.

abel
15 Tage her

Ist doch klar daß die Kriegsspiele Kosten verursachen. Wie in Europa zahlen auch in den USA die einfachen Bürger den höheren Preis dafür. Ich glaube nicht das Selenskyj die Waffenlieferungen der USA bezahlt.

Renz
15 Tage her
Antworten an  abel

Dazu bracht es keinen Glauben. Das weiß man, dass der Selenskyj keinen Cent bezahlen wird. Mekrel zahlt uns ja auch keinen € für die Verluste durch ihre Politik. Regenschirmkreditverluste, Energiewendeverluste, Migrationspolitischeverluste…..

abel
15 Tage her

Biden ist genauso eine Fehlbesetzung wie unsere Regierungen. Statt friedlicher wird es gefährlicher auf der Welt. China wurde ja bereits sehr deutlich. China wittert jetzt auch die große Chance den Amerikanern auf die Füße zu treten. Der Wunschglaube das Russland isoliert wird geht voll nach hinten los.

Fabian S.
15 Tage her

Lol, wer soll diese Zahlen denn noch glauben! Bereits bei Corona wurde uns vorgeführt (weltweit) wie man sich Zahlen zurecht dreht. Und dann spricht man nur von Flaute in DE und keine Rezession mehr in den USA, weil plötzliches alles anderes definiert wird. Selbst Geschlechter werden fröhlich definiert. Das ist alles nur noch Pippi Langstrumpf.

Memphrite
16 Tage her

Nennt sich Stagflation. Bald wohl eine Rezflation.
Das westliche Messsystem für das BIP ist auch sehr „besonders“und primär auf die US-Anglo-Dienstleistungsökonomie zugeschnitten.
Man produziert fast nichts mehr aber hat eine starke Wirtschaft?
UK das selbe.
Bei einem Krieg mit China (gerade wird ja von der „exceptionel nation“ kräftig bei Taiwan gezündelt) würde die USA ein kleines Problem mit Konsumuentenwirtschaft bekommen, da keine Produkte mehr da wären.

Tizian
16 Tage her

Gerade die Amis lügen sich ihre wirtschaftliche Lage schön um den US-Aktienmarkt unter allen Umständen zu stützen. Wenn der auch noch kippt, dann Gnade uns allen Gott.

Renz
15 Tage her
Antworten an  Tizian

Ach wer glaubt denn noch an Gott. Früher war das alles doch viel gerechter. Politiker ohne Fortune erschossen sich oder wurden erschossen, Spekulanten der Wall Street sprangen freiwillig aus den Fenstern in den Tod. Heute dürfen diese Typen nicht nur weiterleben – sie werden in den Ruhestand befördert. Ach ja auch die Wirtschaftsbosse und Religionsführer unterlagen diesem Schicksal öfters.

Goldfuchs
16 Tage her

Dafuer laeufts in Russland gut. Der Rubel staerkste Waehrung 2022. Vladimir, du Fuchs.

BinAuslaender
16 Tage her

Real BIP von -1,6% in Q1 berücksichtigt die Inflation. Das Fed hat erst in März angefangen die Zinsen zu erhöhen, also Ende Q1. Folglich kann die Zinserhöhung das BIP in Q1 kaum beeinflusst haben. Allerdings lässt sich glaubwürdig argumentieren, dass die Inflation das BIP in Q1 beeinträchtigt hat, weil Preise schneller als das Realeinkommen gewachsen sind – also die Kaufkraft wurde durch Inflation reduziert. Eine Minderung dieser realen BIP-Rückgang in Q2 könnte man als Folge der Zinserhöhung verstehen, wobei die kurzfristige Reaktion auf die Zinserhöhung eher Folge der Spekulation als Folge der reduzierten Wirtschaftsleistung durch verminderte Ausgaben, bzw. Investition sein… Mehr

Renz
15 Tage her
Antworten an  BinAuslaender

Solche Entwicklungen und die Reaktionen darauf dauern eben etwas länger – trotz Internet. Aber sie kommen und dauern dann deutlich länger bevor Änderungen am System antizipiert werden. Selbst wenn die Lieferketten morgen schlagartig wieder funktionierten, die Preise gingen nicht zurück. Noch nicht einmal moderat.

Exilant99
16 Tage her

Die Democrats vermeiden das Wort „Recession“ konsequent. Bidens Politik ist unfehlbar.
Na ja, im November wird die Klatsche kommen. Und 2024 dann die ganz große Abreibung wenn ein neuer Präsident Trump, Carlson oder Desantis heißt. Wenigstens ist in den USA Land in Sicht. Das sieht in Deutschland anders aus. Da wird einer links-grüner Kurs wohl noch Jahre fortgesetzt.