Die deutsche CEO-PR-Formel: Stellen im Land kürzen, dann AfD markieren

SAP streicht Tausende Stellen in Deutschland und SAP-Chef Christian Klein warnt davor, dass die AfD „internationale Fachkräfte abschrecken“ könne. Der Effekt ist bequem: Der Jobabbau verschwindet hinter einer Nebelwand der politischen Debatte. Kritik am Konzern wird umgelenkt. Ein bei deutschen CEOs zunehmend beliebtes Modell.

picture alliance/dpa | Uwe Anspach

Oft haben wir ein akutes Führungsvakuum der deutschen Wirtschaftselite im öffentlichen Diskurs beklagt. Dass sich Vertreter der Wirtschaft zu sehr aus der öffentlichen Debatte zurückgezogen haben und zu keiner Zeit die Wurzeln der Wirtschaftskrise in klaren Worten benannten, ist ein schweres Versäumnis und hat der Politik den Weg geebnet, den ideologischen Umbau der Wirtschaft entgegen aller Vernunft fortzuführen. Das Schweigen begleitete auch den längst verlorenen Krieg im Donbass, der sich wirtschaftlich für den deutschen Steuerzahler als Milliardengrab erweist und in naher Zukunft zu Turbulenzen am Kapitalmarkt führen dürfte.

Dass nun der Vorstandsvorsitzende des Softwareunternehmens SAP, Christian Klein, im Podcast „Berlin Playbook” am 24. Januar für das Magazin Politico Stellung zur deutschen Innenpolitik bezog, lässt aufhorchen – wir gewinnen einen flüchtigen Blick in die strategischen Gedankenwelten deutscher Konzernchefs.

Um gleich die Spannung aufzulösen: Klein ist ein linientreuer Wirtschaftsfunktionär. Sein Verdikt über die Oppositionspartei Alternative für Deutschland könnte schärfer nicht ausfallen. Auf die Frage, ob er mit der Politik der AfD hinsichtlich der Willkommenskultur einverstanden sei, antwortete Klein: absolut nicht. Deutschland brauche, so Klein, Fachkräfte aus dem Ausland, aus Indien, den USA oder Skandinavien, um auch zukünftig noch innovativ sein zu können. Mit Blick auf die Migrationspolitik der AfD warnte Klein davor, dass der Erfolg der AfD ein Signal wäre, dass Deutschland für internationale Talente unattraktiv werde. Das wäre einfach ein fatales Zeichen, so Klein.

Das hat mit gesteuerter Zuwanderung nichts zu tun. Es ist die politische Verweigerung von notwendiger Kontrolle.

Indien, USA, Skandinavien? Klein weicht dem eigentlichen Problem aus: den Folgen einer Politik der offenen Grenzen gegenüber dem Maghreb und dem Nahen Osten. Statt diese Realität zu benennen, verlegt er sich auf rhetorische Ausweichbewegungen, die das Kernproblem bewusst umspielen. Und auch im Politico-Podcast genügt der hinlänglich bekannte, grobschlächtige Übersteiger, um den Ton zu setzen: Es wird in Deutschland keine Politik der Migrationskontrolle geben. Basta!

AfD fordert Migrationswende

Die AfD fordert angesichts der innenpolitischen Lage, wachsender Gewaltkriminalität sowie des unkontrollierten Zustroms in das deutsche Sozialsystem eine deutlich restriktivere Migrationspolitik. Sie will die Einwanderung stark begrenzen, Asylverfahren verschärfen und die Rückführung abgelehnter Asylbewerber konsequent durchsetzen. Zudem spricht sie sich gegen eine „ungesteuerte Zuwanderung“ aus und betont, dass Migration primär dem nationalen Interesse dienen soll – das ist starker Tobak im Land der offenen Grenzen und moralisch übersäuerten Weltenretter.

Im Verlauf des Gesprächs übt Klein wohldosierte Regierungskritik, man will ja nicht in den Wahlkampf intervenieren, der vor allen Dingen von den Zinnen der Brandmauer aus geführt wird. Er sei frustriert über die Regulierung und über den Mangel an Digitalisierung im Land. Ein durchaus nachvollziehbarer Aspekt, verschärfen doch Berlin und Brüssel im kongenialen Doppelspiel den Regulierungsrahmen der Wirtschaft beinahe wöchentlich. Es fehlte noch das Lamento über die Bürokratiekosten – denen freilich niemals die sehr profitablen Subventionen gegenübergestellt wird, die sich die deutsche Großindustrie seit Beginn der Transformationspolitik einstreicht.

In diesen Gesprächen fehlt es generell an Tiefe und Substanz. Eine Frage hätte beispielsweise lauten müssen, ob nicht gerade diese Regulierung, die zur Bürokratie führt und zu einem großen Teil von den großen Playern der Wirtschaft mitformuliert wird, dazu dient, sich lästige Wettbewerber aus dem Mittelstand vom Leibe zu halten. Doch Klein wird auch hier vom Haken gelassen.

Der SAP-Chef argumentiert im fest vorgegebenen Schema: Es müssten die etablierten Parteien diese realen Herausforderungen adressieren, anstatt sich auf parteipolitische Grabenkämpfe zu konzentrieren – eine politische Harmoniefloskel, wie aus einer SPD-Pressestanze entnommen. Klein verteidigte in diesem Podcast das bestehende politische Design der künstlichen Brandmauer, vor der sich ein Parteienkartell zusammengefunden hat, das unter allen Umständen den politischen Kurs der vergangenen Jahre, sei es in der Politik der offenen Grenzen oder der gescheiterten grünen Transformation, zu verteidigen versucht.

Für Klein ist es nun an der Zeit, das Parteibuch zu vergessen und zu fragen, was jetzt wichtig für Deutschland sei. Wir brauchen Wirtschaftswachstum und mehr Europa. Mehr Europa? Bedeutet dies dann auch zusätzliche Regulierung aus Brüssel? Sein Wunsch soll erfüllt werden. Dafür sorgt die institutionelle Logik der Europäischen Union selbst: ein Apparat, der auf stetige Ausweitung von Regulierung programmiert ist und neue Eingriffe mit bemerkenswerter Effizienz hervorbringt.

Massenentlassungen bei SAP

Kleins Aussagen wirken vor dem Hintergrund der massiven Stellenstreichungen bei SAP tragikomisch. Zuletzt wurden rund 3.500 Jobs in Deutschland im Rahmen einer größeren Restrukturierung abgebaut.

Klein fordert also eine Willkommenskultur in der Migrationspolitik und treibt zeitgleich Massenentlassungen voran – ein intellektueller Spagat von enormer kognitiver Dissonanz, den wohl nur noch ideologisch trainierte europäische Firmenchefs bewerkstelligen können, ohne sich dabei die Beine zu brechen.

Das ist die Argumentationslinie eines klassischen deutschen Wirtschaftsführers, der sich entweder dem korporatistischen Zeitgeist fügt oder wahrhaftig an eine wundersame Wende in der deutschen Wirtschaft glaubt. Tatsächlich ist es so, dass in diesen Wochen und Monaten viele Milliarden Euro an neuen Staatsschulden in den wirtschaftlichen Kreislauf eingewoben werden. Möglicherweise profitiert SAP dabei auch vom Aufbau des deutschen Rüstungssektors, der im laufenden Jahr vom Wehretat in Höhe von 120 Milliarden Euro und einer substanziellen Erhöhung der Ausgaben profitieren wird.

SAP ist ein stiller Riese im militärischen IT-Geschäft. Abseits der Produktion von Waffen und Panzern liefert der deutsche Softwarekonzern komplexe Systeme für Logistik, Finanzsysteme und Personalverwaltung – sowohl an Sicherheitsbehörden als auch an die Bundeswehr. Letztere setzt auf SAP-Systeme zur Digitalisierung interner Prozesse und bei der Abwicklung internationaler Aufträge, etwa aus den USA.

Diese Entwicklungen zeigen, dass SAP längst ein strategischer IT-Partner für Verteidigungsprojekte geworden ist. Steigen die Militärausgaben, so wächst automatisch auch der Markt für die Walldorfer.

SAP liefert das klassische Lehrstück einer anreizgetriebenen Verzerrung von Interessen. Mit schuldenfinanzierten Subventionsprogrammen konstruiert der Staat eine Interessenmatrix, die einen ehrlichen Diskurs faktisch unmöglich macht und den rationalen Blick auf die tatsächlichen Probleme Deutschlands gezielt verstellt.

Gleichzeitig gelingt es dem Mediensektor weiterhin, jene Gegenstimmen der Vernunft, die sowohl auf den wirtschaftspolitischen Crashkurs als auch auf die Folgen der Politik der offenen Grenzen hinweisen, nahezu vollständig auszublenden. Das ist Diskurssteuerung mit der Brechstange.

Zur endgültigen Tilgung der verbliebenen oppositionellen Stimmen schafft man sich nun einen massiven Zensurapparat. Das Schweigen im Land wird zunehmend unerträglich.

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Kommentare ( 104 )

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104 Comments
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Dieter Rose
1 Monat her

Der braucht Leute und entlässt gleichzeitig welche?

jopa
1 Monat her

Komisch, integrierte und steuerzahlende Ausländer werden von Auslänerämtern rausgeschmissen (war auch bei Tichy schon mal Thema) aber Steuergeld verbrauchende Asylanten sollen bleiben. Und der SAP Chef hält das für gut. Dann soll er doch Asylanten einstellen. Das wird nicht passieren, denn so dämlich ist er dann doch nicht. Aber für solchen Reden gibts Punkte/Fleißkärtchen von den besten und wahrsten Demokraten aller Zeiten. Wie nennt der Volksmund solche Leute?

Landdrost
1 Monat her

Um heutzutage in eine solche Position zu kommen, muss man ein psychopathischer Speichellecker sein. Egal ob in der freien Wirtschaft oder in der Politik, Alles die gleichen Typen und Typinnen. Und genau so agieren sie auch.

Juergen P. Schneider
1 Monat her

Ein links-grün gehirngewaschener Mitläufer, der den Schuss immer noch nicht gehört hat. Was soll man von solchen Regierungszäpfchen halten? Vielleicht könnte man diesem Wichtigtuer einmal erklären, dass man nicht hochqualifizierte Fachkraft sein kann und gleichzeitig blöd genug, um in ein niedergehendes Land einzuwandern. Unser Land ist eben kein Magnet für Fachkräfte, sondern ein Anziehungspunkt für unqualifizierte Versorgungssuchende. Die Partei, die glaubhaft versichert hat, diesen Wahnsinn in unserem Land zu stoppen, ist die AfD. Für die Zustände im Land ist allein das links-grüne Altparteienkartell verantwortlich und ganz bestimmt nicht die einzige Oppositionspartei. Die höchste Steuer- und Abgabenlast weltweit, eine ruinierte Infrastruktur,… Mehr

WGreuer
1 Monat her

Was ich schon mehrfach geschrieben habe: diese ganze Mangerclique sind opportunistische und linientreue Nieten, sonst wären sie nicht Manager. Günther Ogger hat das in seinem Buch schon vor Jahren beschrieben: „Nieten in Nadelstreifen“. Häufig unfähige Schwätzer, die man aufgrund oft wirtschaftspolitischer Entscheidungen in den Vorstand oder auf Geschäftsführerposten setzt, nachdem die eigentlichen Unternehmer und Besitzer den Job icht mehr machen können oder im Falle von AGs nicht können. Für diese Leute ist es einfacher, anstatt kritisch zu sein und Positionen zu vertreten, mit „Haltung“ ganz auf Mainstream zu machen. Dann gibt’s per Definition keine Kritik, der Mainstream ist zufrieden. Ob… Mehr

Digenis Akritas
1 Monat her

Zur Wahrheit gehört auch, dass Wirtschaft nichts wirksam verteidigt, außer ihren Profit.

Udo Zimmermann
1 Monat her

Der Mann will einfach nicht sagen, dass nicht die upperclass der Fachkräfte aus den Migrationsländern zu uns kommen, sondern deren Basis. Diese Leute, angelernt in den verschiedesten Arbeitsbereichen, bieten nicht ihre Fachqualifikationen an, sondern ihre Arbeitskraft. Und genau diese Arbeitsplätze gabe es vor einiger Zeit im Bergbau/ Stahl und Eisen. Aber heute sind „genau“ diese Arbeitsplätze nicht mehr vorhanden. Trotzdem lohnt sich die Migration weiterhin. Üppige finanzielle Leistungen für bloßes Dasein stellen für diese eine Verfügungsmasse dar, über die sie bisher niemal verfügen konnten. Die Einzelfragen der Mkgration sind doch ganz schnell zu klären . Die Frage lautet: “ Cui… Mehr

Edwin Rosenstiel
1 Monat her

Muss man dazu noch etwas sagen?
Ein erbärmlicher Wicht (der Name passt dazu).
Man kann sich höchstens sein Gesicht merken, falls man ihm mal begegnet….
Inzwischen braucht man ja schon ein großes Gedächtnis, weil es zu viele von der Sorte gibt.

GR
1 Monat her

Bei einem Gehalt von 18,9 Mio pro Jahr würde jeder genau das sagen, was sein Einkommen erhält. Noch 3 Jahre und Costa Rica soll sehr schön sein. Das Problem sind die Leute, die dessen Äußerungen als Maßstab nehmen.

BellaCiao
1 Monat her

Als ob indische oder US-amerikanische IT-Fachleute, Mathematiker, Physiker oder Ingenieure als Flüchtlinge (a. k. a. „Schutzsuchende“), also über die Asylgesetzgebung, ins Land kämen.

Der SAP-Chef Klein verwechselt wie üblich Asyl- mit regulärer Migration qualifizierter Leute in den deutschen Arbeitsmarkt, gegen die niemand etwas hätte, nur kommt so gut wie niemand.

Last edited 1 Monat her by BellaCiao
Aegnor
1 Monat her
Antworten an  BellaCiao

Der verwechselt gar nix. So dumm kann der gar nicht sein, weil SAP dann schon lange pleite wäre. Der lügt bewusst.

BellaCiao
1 Monat her
Antworten an  Aegnor

Man kann auch absichtsvoll verwechseln. Ich drücke mich halt vorsichtig aus und unterstelle nichts, was ich nicht beweisen kann.

Meinen Bademantel benutze ich nur im Bad oder in der Sauna. Und das soll so bleiben.