Bei Volkswagen bricht der Gewinn ein. 50.000 Stellen in Deutschland sollen abgebaut werden. Was als Zukunftsstrategie verkauft wird, ist organisierter Rückbau. Es ist der Beleg für die Ausbeutung durch das Zusammenspiel von Eigentümern, Politik und Gewerkschaften.
picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann
Volkswagen liefert den nächsten Offenbarungseid. Volkswagen meldete für 2025 noch einen Umsatz von satten 321,9 Milliarden Euro, doch das entscheidende operative Ergebnis brach auf 8,9 Milliarden Euro ein. Die offizielle operative Marge fiel auf 2,8 Prozent. Das bedeutet: VW verdient zu wenig für Investitionen und Innovation. Konsequent bekräftigte der Konzern, dass bis 2030 in Deutschland rund 50.000 Stellen wegfallen sollen. Die Mitarbeiter tragen die Folgen der schlechten Geschäftsentwicklung. Damit steht Europas größter Autobauer so schwach da wie seit den Jahren nach der Dieselaffäre nicht mehr. Und als Antwort auf diese Misere wird nicht etwa ein Befreiungsschlag sichtbar, sondern ein Kahlschlag.
Jobs weg, aber für Prämien reicht es
Dieser Kahlschlag kommt wenige Wochen, nachdem der Vorstand „unerwartet“ sechs Mrd. Euro freien Cashflow im Jahr 2025 gefunden hatte. Rechtzeitig, damit sich Bonuskriterien für den Vorstand erfüllen. Dadurch könnten Vorstandsmitglieder Boni von bis zu etwa 1,75 Mio. € pro Person erhalten. Solche Summen findet man nicht unerwartet in der Portokasse. Man zaubert sie durch Buchhaltungstricks herbei – zahlt die Boni, und dann verschwinden die Milliarden wieder. Unanständig, weil Beschäftigten zuvor variable Bonusanteile gestrichen wurden bzw. gekürzt werden sollen und jetzt die Jobs wegfallen.
Die Nachfolger des legendären Unternehmensgründers Ferdinand Porsche, die Familien Piech und Porsche beherrschen das Unternehmen in Person von Wolfgang Porsche und Hans Michel Piëch, die über 53 Prozent der Stimmrechte verfügen. Das Land Niedersachen besitzt 20 Prozent der Stimmrechte und verfügt über das VW-Gesetz weit darüber hinausgehende Einflußrechte und Aufsichtsratsmandate. Die Gewerkschaften stellen in Person der IG-Metallvorsitzenden die stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende, eine Schlüsselstellung nimmt dabei Daniela Cavallo ein, die Chefin des Gesamtbetriebsrats. Damit ist VW ein hochpolitisiertes Unternehmen, der Gewerkschaft- und Landeseinfluss rührt daher, dass man VW mit den durch die Hitlerregierung beschlagnahmten Gelder der damaligen Gewerkschaft finanziert hatte, um den „Kraft durch Freude“-Wagen zu bauen, der Hitler-Deutschland motorisieren sollte. Heute bedeutet dies: Gewerkschaft und das Land Niedersachsen tragen neben der Familie Piech/Porsche die Verantwortung.
Dass diese drei Machtzentren zusammenspielen, um den Konzern zu minimieren, zeigt: Es geht zu Ende mit der Autoindustrie in Deutschland. Politik und Gewerkschaften haben das Verbrennerverbot erwirkt, und damit die Jobs auf dem Gewissen.
Die Eigentümerfamilien versuchen, ihr Vermögen in Sicherheit zu bringen und für sich zu retten, was noch zu retten ist. Niemand kämpft für die Beschäftigten – die Gewerkschaften übrigens am allerwenigstens: Ihnen geht es um „Degrowth“.
Es geht zu Ende
Das ist die eigentliche Botschaft dieses Tages. Nicht ein vorübergehender Dämpfer, nicht ein kleines Tal in einem großen Zyklus, sondern der sichtbare Verfall eines Konzerns, der jahrzehntelang vom Ruf deutscher Ingenieurskunst, industrieller Disziplin und weltweiter Nachfrage gelebt hat. Jetzt zeigt sich, was von diesem Modell übrig bleibt, wenn politische Vorgaben, Managementmoden und globale Fehlentscheidungen gleichzeitig zuschlagen. Außen heißt das dann „grüne Transformation“. Innen bedeutet es Abbau, Unsicherheit und das kalte Geräusch einer Säge, die längst im Stamm sitzt.
Angeführte Gründe klingen immer wieder geradezu beiläufig: geopolitische Spannungen, Zölle, harter Wettbewerb und Druck auf die Profitabilität. Besonders schmerzhaft ist das Geschäft in China, also ausgerechnet dort, wo deutsche Autobauer jahrelang meinten, auf ewig Geld drucken zu können. Hinzu kommen Belastungen bei Porsche, wo der Strategiewechsel in der Elektromobilität Unsummen verschlungen hat. Dass ausgerechnet ein Konzern, der sich über Jahre als technologische Avantgarde inszenierte, nun zwischen Verbrenner, E-Auto, gebrochenen Softwareversprechen und Regionalisierungsdurcheinander herumrudert, ist kein Betriebsunfall. Es ist das Ergebnis einer Führung, die zu lange glaubte, man könne gegen Markt, Kosten und Kundenwunsch gleichzeitig regieren.
Besonders entlarvend ist der Ton, in dem diese Krise verwaltet wird. Konzernchef Oliver Blume schreibt von der Anpassung des Geschäftsmodells an „neue Bedingungen“, als ob es die nicht ständig geben würde. Finanzchef Arno Antlitz erklärt, eine operative Marge von 4,6 Prozent reiche langfristig nicht aus. Das stimmt. Aber die Sprache verrät den ganzen Zynismus des Apparats. Wenn Vorstände von Resilienz, Fokus und Disziplin sprechen, meinen sie fast immer dasselbe: Die Beschäftigten zahlen, die Standorte bluten, und die Chefetage formuliert den Niedergang in sterilem PowerPoint-Deutsch.
Dabei kommt der Absturz keineswegs aus heiterem Himmel. Die deutsche Autoindustrie wurde politisch jahrelang in einen Würgegriff genommen.
Die Politik ist mitverantwortlich
Verbrennerfeindschaft, Regulierungswut, immer neue Klimaauflagen, explodierende Energiekosten und eine industriepolitische Selbstverachtung haben aus einem einstigen Wettbewerbsvorteil einen Standortnachteil gemacht. Wer ständig neue Vorgaben erlässt, Investitionen verteuert und den Unternehmen gleichzeitig einredet, sie müssten sich moralisch läutern um grüne Träume umzusetzen, braucht sich über schrumpfende Margen und wachsende Verlagerungsfantasien nicht zu wundern. In Deutschland wird Industrie längst nicht mehr als Wertschöpfung verstanden, sondern als Beute, die man steuern, erziehen und melken kann.
VW ist dafür das Paradebeispiel. Der Konzern hat sich jahrelang dem politischen Zeitgeist angebiedert, jede Mode mitgemacht und jeden Umbau als historischen Aufbruch verkauft. Aus Wolfsburg kam nicht Widerstand gegen irrwitzige Rahmenbedingungen, sondern oft genug die passende Folklore dazu. Man wollte Weltretter und Weltkonzern zugleich sein, nahm Teil im „Kopf gegen Rechts“, der sich gegen die eigenen Kunden gerichtet hat. Man wollte Elektropionier, Softwarehaus, Nachhaltigkeitsikone und Massenhersteller in einem sein. Herausgekommen ist ein Mischwesen, das überall groß ankündigt und an den entscheidenden Stellen ins Schlingern gerät.
Besonders bitter ist, wer am Ende die Rechnung präsentiert bekommt. Das sind nicht die Politik, die den industriellen Kern des Landes mit Lust am Verbot zerlegt oder jene Manager, die ihren Opportunismus der Politik gegenüber als strategische Wendung und Vision verkauften, bis die nächste kam. Bezahlen sollen wieder die Beschäftigten. 50.000 Stellen bis 2030 in Deutschland, das ist keine Randnotiz. Das ist ein sozialer Schlag von erheblicher Wucht, verteilt auf Werke, Zulieferketten, Regionen und Familien. Hinter jeder dieser Zahlen stehen Lebensläufe, Kreditraten, Orte und Existenzen. An jedem der genannten Arbeitsplätze hängen drei weitere: Handwerker, Dienstleister, lokale Geschäfte.
Die Katastrophe wird als neue Normalität verkauft
Und dennoch wird der Rückbau wie eine neue betriebswirtschaftliche Normalität behandelt. Als wäre es eben der Preis des Fortschritts. Als sei der Verlust zehntausender Arbeitsplätze ein bedauerlicher, aber sauber verwaltbarer Nebeneffekt. Genau darin liegt der Skandal. Ein Land, das sich seinen Wohlstand über Industrie, Exportstärke und technisches Können erarbeitet hat, schaut heute dabei zu, wie sein industrielles Rückgrat systematisch ausgedünnt wird und nennt das Zukunftsfähigkeit.
Zwar verweist VW auf einen gestiegenen Auftragseingang in Europa und auf einen soliden Netto Cashflow im Automobilbereich. Doch auch solche Zahlen ändern nichts am Gesamtbild. Wer bei stabilem Umsatz einen derart heftigen Gewinneinbruch produziert und parallel den Stellenabbau ausweitet, offenbart kein gesundes Unternehmen in vorübergehend rauem Wetter. Er offenbart einen Konzern, dessen Geschäftsmodell unter massivem Druck steht.
Die Wahrheit ist härter als jede Präsentation aus Wolfsburg. VW baut nicht um, VW schrumpft sich zurecht. Der Konzern versucht, ein selbst mit herbeigeführtes Desaster als nüchterne Modernisierung zu etikettieren. Doch der Befund bleibt derselbe: Deutschlands industrieller Stolz wird in Raten zerlegt. Erst die Rendite, dann die Werke, dann die Stellen, während Politiker und Gewerkschaftsfunktionäre längst ihre Schäfchen ins Trockene getrieben haben. Und am Ende wundern sich dieselben Leute, warum dieses Land immer ärmer, die Bevölkerung immer unsicherer und nervöser wird.
Volkswagen ist damit nicht nur ein Unternehmensfall. VW ist ein Lehrstück über den Zustand Deutschlands. Wenn selbst dieser Konzern ins Taumeln gerät, obwohl er Größe, Markenmacht und politische Nähe im Übermaß besitzt, dann ist die Lage ernster, als es jede Pressekonferenz zugibt. Was hier zerfällt, ist nicht bloß eine Bilanz. Es zerfällt ein Versprechen: dass ein Industrieland, das sich selbst unablässig fesselt, trotzdem stark bleiben könne. Das konnte es nie. Und jetzt kann es jeder sehen.


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VW koennte e-Fahrzeuge in CKD Form aus China nach Emden importieren und von dort den deutschen Markt versirgen. Man kiennte Werke wie Braunschweig, Wolfsburg, Hannover, Salzgitter schliessen und diese zu Unterkuenften von Schutzsuchenden umwandeln- damit liesse sich sicherlich mehr Geld verdienen und man koennte wesentlich mehr als 50000 Stellen abbauen.
Der Absturz eines deutschen Vorzeigekonzerns…nein nein nein ES ist der absturz unserer elite den wir hier auch miterleben dürfen. Auch VW hat doch druck auf die politik ausgeübt* weil man sich bei der energiewende fette gewinne versprochen hat. Je früher das verbrenner aus desto mehr autos müssen ja neu gekauft werden (e-autos). Aber es ist anders gekommen als man gedacht hat. Das ganze kartenhaus fällt jetzt in sich zusammen und man rudert zurück siehe Porsche** und das kostet halt was. *Volkswagen macht seit Jahren Druck auf die Politik, um die Rahmenbedingungen für die Energiewende und den Hochlauf der Elektromobilität in… Mehr
In Deutschland werden immer mehr Arbeitsstellen abgebaut. Und was sagen die Politiker? Wir haben hier einen Arbeitskräftemangel. Deshalb sollen die Rentner weiterarbeiten.
Wenn Konzerne der Politik, welche seit einigen Jahren von Ideologen gekapert wurde, am Rockzipfel hängen dann haben sie es verdient.
Leid tun muss einem der fleißige Bandarbeiter.
Der Niedergang von VW hat 2 Gründe:
1. Der Erfolg von VW basierte auf zwei Säulen, den Cash-Cows „Käfer“ und ab 1974 dem „Golf“.
VW hat es versäumt eine weitere innovative Cash-Ciw zu etablieren. Ein Volks-E-Auto hätte sich hier geradezu angeboten.
2. Der Diesel-Skandal kostete VW insgesamt 30 Milliarden Euro
Den Dieselskandal hat die EU Kommission mit ihren absurden Grenzwerten verursacht.
War aber sehr vorteilhaft für die Konkurrenz in den USA. Manchmal fragt man sich schon in welchem Auftrag die da unterwegs sind. Ähnliches gibt es ja auch bei Bayer und Monsanto.
Volks-E-Auto…ja aber da wären die gewinne viel kleiner pro stück.
Sowohl Käfer als auch Golf (zumindest anfangs) waren noch echte Volks-Wagen. Autos für jedermann. Und günstig.
In den letzten Jahrzehnten hat VW stets versucht, ins Premium-Segment vorzustoßen, wohl weil dort die höheren Margen winken.
Heutzutage fragt man sich stets „VW – oh je, das wird teuer…“, und das Rennen machen Andere wie die Renault-Tochter Dacia, oder die „Submarken“ aus dem eigenen Haus wie Seat/Cupra und Skoda, die letztendlich dieselben Plattformautos mit weit besserem Preis-Leistungsverhältnis anbieten.
Die Gründe reichen meines Erachtens nicht. Die Idee des Klimaschutzes stammt aus den USA. Dort wurde auch der „Schummel“ entdeckt, vermutlich mit Hilfe eines deutsch- muttersprachlichen Katalysatorexperten mit guten Beziehungen ins damalige Kanzler:innenamt.
So nimmt man halt die Konkurrenz aus dem Geschäft, aber Gegenwehr ist aus Deutschland ja sowieso nicht zu erwarten, lieber kauft man dann halt einfach teuere Waren in den USA.