Investoren bekommen schwache Knie

Der Wind an den Finanzmärkten ist plötzlich viel rauer. An den europäischen Staatsanleihemärkten sind die Renditen auf das höchste Niveau seit 2014 geklettert, und der Renditeabstand zwischen deutschen und italienischen Staatsanleihen hat sich auf den höchsten Stand seit zwei Jahren ausgeweitet.

IMAGO / STPP

Nur knapp eine Woche nach ihrer letzten regulären Sitzung reagierte die Europäische Zentralbank (EZB) auf die steigenden Zinsen für die stark verschuldeten südosteuropäische Mitglieder der Währungsunion mit einem Krisentreffen und beschloß, Gelder aus fällig werdenden Anleihen des Pandemie-Notfall-Kaufprogramms vor allem in Papiere von Italien zu investieren. Sie argumentiert dabei mit einer „Fragmentierung“ der Märkte, welche den geldpolitischen Transmissionsmechanismus gefährde. Das Wort „Fragmentierung“ verdeckt dabei die Tatsache, dass die EZB nicht die Risikoeinschätzung der Märkte akzeptieren will. Risikoprämien richten sich eben nach der Solidität der Kreditnehmer.

Angesichts der höchsten Inflation seit rund 40 Jahren – in der Euro-Zone liegt sie jetzt bei 8,1 Prozent – fällt den Währungshütern nun ihre Nachlässigkeit auf die Füße, nicht schärfer darauf zu achten, dass die expansive Geldpolitik der vergangenen Jahre von den Regierungen mit einer soliden Budgetpolitik begleitet wird. Viele Staaten haben die Chance verpasst, ihre Staatshaushalte in Ordnung zu bringen. Manche sind heute sogar noch höher verschuldet als zu Zeiten der Finanzkrise. Dies führt dazu, dass sich die EZB immer wieder unter Zugzwang sieht, die Euro-Zone zusammenzuhalten – koste es, was es wolle. Dass die amerikanische und die Schweizer Notenbank in der vergangenen Woche die Leitzinsen kräftig erhöhten, verstärkt den Druck weiter. Die übertriebene Rücksicht auf die Schuldenstaaten wird sich die EZB nicht mehr lange leisten können.

Kein Wunder, dass die Börsenwoche vor diesem Hintergrund ziemlich trist ausfiel. Der US-Leitindex Dow Jones Industrial schloss am Freitag jedenfalls unter der runden Marke von 30.000 Punkten. Der Dow beendete den Handel 0,1 Prozent niedriger bei 29.889 Zählern und damit auf dem tiefsten Stand seit Ende 2020. Auf Wochensicht schlug ein Verlust von fast fünf Prozent zu Buche. Der marktbreite S&P 500 legte am letzten Handelstag bei eimem Ähnlich schlechten Wochenergebnis um 0,2 Prozent auf 3.675 Zähler zu. Besser hielten sich nur die Technologiewerte; der NASDAQ 100 erholte sich um 1,2 Prozent auf 11.266 Zähler.

Das Ruder haben derzeit die Notenbanken in der Hand. Sie versuchen, die hohe Inflation mittels Zinserhöhungen einzudämmen – mit der Gefahr einer Bremswirkung für die Wirtschaft. Am Mittwoch hatten die Anleger zwar noch gelassen auf den mit 0,75 Prozentpunkten größten Zinsschritt der US-Notenbank seit 1994 reagiert. Als am Donnerstag aber auch die Schweizer Nationalbank überraschend ihren Leitzins deutlich erhöhte, brachen in Europa und den USA die Dämme, und die Börsen sackten ab. Allerdings müssen die Zentralbanken handeln, da auch eine hohe Inflation Konjunkturrisiken birgt, weil die Menschen dann ihr Konsumverhalten ändern.

Unter Druck gerieten vor allem die Aktien aus der Öl- und Gasbranche. Diese Tendenz hatte sich bereits im europäischen Aktienhandel abgezeichnet. Am US-Markt reichten die Verluste von Chevron, Exxon Mobile und ConocoPhillips bis zu 8,5 Prozent. Schon in den vergangenen Tagen hatten diese Aktien stark nachgegeben. Anleger fürchten, dass mit einer ausgeprägten Konjunkturschwäche auch die Nachfrage nach fossilen Energieträgern sinken könnte. Aufwärts ging es dagegen für US Steel; der Kurs stieg um 1,6 Prozent. Der US-Stahlhersteller habe sich ähnlich wie einige Konkurrenten überraschend positiv zur Geschäftsentwicklung im laufenden Quartal geäußert, erklärte Analyst Jitendra Pandey von der Credit Suisse.

Die Aktien des Biotech-Unternehmens Seagen schnellten um fast 13 Prozent nach oben. Angeblich hat der Pharmariese Merck & Co ein Auge auf das Unternehmen geworfen. Auch andere Unternehmen sollen demnach an Seagen interessiert sein. Die Aktien von Merck & Co gaben leicht nach.

Am großen Verfallstag an den Terminbörsen hatte sich zuvor der Dax von den jüngsten Verkaufswellen etwas erholt gezeigt. Der deutsche Leitindex stieg am Freitag um 0,7 Prozent auf 13.126 Punkte. Auf Wochensicht bedeutet dies ein Minus von 4,6 Prozent, seit dem Zwischenhoch am Pfingstmontag summieren sich die Verluste für den deutschen Leitindex sogar auf fast elf Prozent. Viel mehr als einen Stabilisierungsversuch im Abwärtstrend sehen Experten daher vorerst nicht. Der MDAX der mittelgroßen Werte zog um 1,2 Prozent auf 27.062 Punkte.

Hohe Inflation und steigende Zinsen bleiben am Markt die dominierenden Themen und schüren bei Investoren die Angst vor einer Rezession. Auch die Drosselung der Gaslieferungen aus Russland spielt zunehmend eine Rolle. Das Szenario eines Lieferstopps für russisches Gas scheine jetzt immer wahrscheinlicher zu werden, schrieb Analyst Jochen Stanzl von CMC Markets. Es könnte eine sofortige Rezession in Deutschland auslösen.

Eine Meldung über eine mögliche Übernahme der niederländischen ABNAmro durch die französische BNPParibas trieb Bankenwerte europaweit an. Im MDax zogen die Aktien der Commerzbank um gut drei Prozent an. Die im Zuge der Zinswende zuletzt besonders schwachen Immobilienwerte legten zu. Vonovia gewannen gut drei Prozent. Deutsche Wohnen und Aroundtown schnellten um bis zu gut neun Prozent in die Höhe.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 6 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

6 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
merkelinfarkt
6 Tage her

Die Einschläge kommen näher. Dumme, Denkfaule und Klimagläubige merken zum Glück immer noch nicht was die Uhr für Euro, Deutschland und dessen Wirtschaft geschlagen hat. „Zum Glück“ deshalb, weil sie somit ganz ruhig, möglicherweise auch festgeklebt oder zu Schwarz, Gender und Klima betend, ausharren und damit die Flucht Klügerer nicht behindern.

mfa
6 Tage her

Solange insbesondere Italien seine strukturellen und tief gehenden Defizite nicht angeht, wird die EZB immer wieder „Whatever it takes“ Momente durchleben müssen… wissend, dass Italien nicht die einzige EZB-Sorge ist.

Elki
6 Tage her

„Der US-Stahlhersteller habe sich ähnlich wie einige Konkurrenten überraschend positiv zur Geschäftsentwicklung im laufenden Quartal geäußert.“ – Warum wundert mich das nicht? Genügend Öl und Gas für so energieintensive Betriebe wie Stahlwerke scheint man in den USA ja zu haben (anders als in Deutschland), aber warum Panzer zukünftig nicht in den USA kaufen, bei Kriegsschiffen spielt es ja auch keine Rolle mehr, wo die gebaut werden.

Fritz Wunderlich
6 Tage her

Griechenland, Italien, Portugal, Spanien, Frankreich und Belgien müssen den Staatsbankrott anmelden, wenn es zu marktgerechten Zinsen für ihre Staatsschulden kommt. In der Stunde der Wahrheit wird sich kein Politiker auf Unwissen ausreden können.

Last edited 6 Tage her by Fritz Wunderlich
Aegnor
6 Tage her
Antworten an  Fritz Wunderlich

Aber nur wenn die Inflation zurückgeht, also die EZB keine weiteren Staatsanleihen mit gedrucktem Geld mehr kauft. Sonst geht das immer so weiter. Das war ja jahrzehntelang das Modell der Südländer: Hohe Zinsen, hohe Inflation, Gelddruckerei. Es wird immer vergessen zu erwähnen, dass hohe Zinsen die Inflation nur dann eindämmen, wenn die Gelddruckerei aufhört. Und das sehe ich bei einer EZB unter französischer Kontrolle nicht passieren.

RMPetersen
6 Tage her
Antworten an  Aegnor

Sonst geht das immer so weiter.“
Es wird so weiter gehen. Ob „immer“, weiss Niemand, aber über die nächsten 10 Jahre wird es mE so weiter gehen: Inflation, Rezession, dann wieder Überhitzung …