Deutschland mit roter Laterne – Börsen weiter auf Rekordkurs

Wie bereits 2023 wird Deutschland auch in diesem Jahr unter den großen Industrieländern die rote Laterne tragen. „Dramatisch schlecht“ sei die Wirtschaftslage, kommentierte Wirtschaftsminister Habeck. „Nachgerade peinlich“, konstatierte Finanzminister Christian Lindner. Somit ist nun auch bei der Ampel Realismus eingekehrt.

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Es ist eine ziemliche Blamage: Im Jahreswirtschaftsbericht, den das Kabinett am Mittwoch verabschieden und den Wirtschaftsminister Robert Habeck danach der Öffentlichkeit vorstellen will, wird die Regierung ihre Prognose für das für dieses Jahr erwartete Wirtschaftswachstum von den bislang prognostizierten 1,2 Prozent auf 0,2 Prozent reduzieren. So wie 2023, als das Bruttoinlandsprodukt um 0,3 Prozent zurückging, wird Deutschland also auch in diesem Jahr unter den großen Industrieländern die rote Laterne tragen. „Dramatisch schlecht“ sei die Wirtschaftslage, kommentierte Habeck vor einigen Tagen völlig zurecht. „Nachgerade peinlich“, konstatierte der FDP-Vorsitzende und Finanzminister Christian Lindner.

Die revidierte Regierungsprognose entspricht den schon lange von Wirtschaftsforschern und internationalen Gremien wie der OECD oder dem Internationalen Währungsfonds geäußerten Erwartungen. Somit ist nun auch bei der Ampel Realismus eingekehrt. Dass es an internationaler Wettbewerbsfähigkeit mangelt, scheint sich nun auch im Regierungsviertel in Berlin herumzusprechen. Sogar Habeck sprach kürzlich davon, dass die Unternehmen entlastet werden müssten und ist sich somit nicht nur mit seinem Kabinettskollegen Lindner einig, sondern auch mit Oppositionsführer Friedrich Merz, der kürzlich einen Zwölf-Punkte-Plan vorlegte.

„Eine richtige Diagnose ist der erste Schritt zur Genesung. Sie bleibt aber wirkungslos, folgt nicht die richtige Therapie“, kommentierte ironisch die Neue Zürcher Zeitung. Über die Therapie herrschen in der Ampel in der Tat völlig unterschiedliche Vorstellungen. Der grüne Wirtschaftsminister steht für eine Wirtschafts- und Industriepolitik, die mit Ordnungsrecht und Subventionen die Wirtschaft lenken will. Mit einem „Sondervermögen“ will er fördernd eingreifen, aber mit einem Sondervermögen gerät er in Konflikt mit der Verfassung – weil es eine Kreditaufnahme an der Schuldenbremse vorbei impliziert. Lindner lehnt dies ab. Die im internationalen Vergleich noch halbwegs moderate Verschuldung ist eine der letzten Stärken Deutschlands. Gäbe man diesen Vorteil auf, würde der Anteil der Zinskosten im Bundeshaushalt steigen, der Staat finanziellen Spielraum für eine echte Krise wie eine Pandemie verlieren und künftige Generationen mit dieser zusätzlichen Kreditaufnahmen belastet.

Seit das Bundesverfassungsgericht im vergangenen November mit seinem wegweisenden Urteil die Schuldenbremse scharfgestellt hat, hat Lindner die entscheidenden Argumente auf seiner Seite. Er fordert zur Belebung der Wirtschaft deshalb nicht mehr Kreditfinanzierung staatlicher Investitionen, sondern eine Wirtschaftswende. Es liest sich wie eine Zusammenfassung der Empfehlungen der Berichte des Sachverständigenrates der vergangenen Jahre: Bürokratieabbau, mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt, eine Unternehmenssteuerreform und „ein Klimagesetz, das die planwirtschaftlichen Vorhaben überwindet“. Dass Lindner sich mit diesen Vorschlägen, die nicht unähnlich dem kürzlich von Oppositionsführer Friedrich Merz vorgelegten Zwölf-Punkte-Plan sind, in der Ampel im Jahr vor der nächsten Bundestagswahl durchsetzen kann, ist unwahrscheinlich. Deutschland wird die rote Laterne weiter tragen.

Die deutsche Stagnation scheint die Börsen allerdings nicht weiter zu interessieren. Sie setzten in der vergangenen Woche ihren Rekordkurs fort, auch wenn es am Freitag eine kleine Atempause gab. Auf dem Weg zurück zu ihren Bestmarken legten die New Yorker Aktienindizes am Freitag jedenfalls einen kleinen Rückschritt ein. Die Erzeugerpreise waren im Januar in den Vereinigten Staaten etwas stärker gestiegen als erwartet und dies erinnerte die Anleger einmal mehr an die Gefahr, dass die Zinsen vielleicht doch nicht so schnell sinken wie zuletzt erhofft.

Der Dow Jones Industrial gab um 0,4 Prozent auf 38.628 Punkte nach, während der marktbreite S&P 500 um 0,5 Prozent auf 5.006 Zähler fiel. Im Tech-Sektor war das Minus etwas größer, der davon geprägte Nasdaq 100 fiel um 0,9 Prozent auf 17.686 Punkte. In der Wochenbilanz hat der Dow damit 0,1 Prozent und der Nasdaq-Index 1,5 Prozent verloren.

Alle drei Indizes hatten sich nach Rücksetzern am Dienstag zuletzt wieder den davor aufgestellten Rekorden genähert. Dabei hatten die Anleger zuletzt einen Haken an bereits enttäuschende Inflationszahlen gemacht, die am Dienstag noch Verluste verursacht hatten. Die Erzeugerpreisdaten stachelten nun aber wieder die Sorgen vor womöglich noch länger hohen Zinsen an. Zuletzt waren solche Ängste der Investoren aber auch mit dem Vertrauen in eine weiche Landung der Wirtschaft abgewogen worden.

Ein überraschend guter Umsatzausblick des Halbleiterausrüsters Applied Materials machte Anlegern Hoffnung auf eine Belebung der Chipbranche. Dies trieb die Rekordrally der Aktien, die schon länger vom Künstliche-Intelligenz-Hype beflügelt werden, erstmals über die 200-Dollar-Marke. Über die Ziellinie ging die Aktie 6,4 Prozent höher. Die Papiere der Branchenkollegen Lam Research und KLA legten um jeweils mehr als ein Prozent zu.

Mit deutlichen Kursausschlägen fielen die Papiere der Kryptowährungsböse Coinbase auf, die mit unerwartet starken Quartalszahlen punktete und erstmals seit zwei Jahren wieder einen Gewinn erwirtschaftete. Die Aktien sprangen um 8,8 Prozent nach oben.

Überraschend schwache Geschäftsziele lieferte dagegen der Online-Lieferdienst Doordash, dessen Aktien um acht Prozent in die Knie gingen. Keine guten Nachrichten sendete auch Dropbox mit seinem Quartalsbericht. Dessen Papiere brachen um 23 Prozent ein. Die Resultate und Begleitaussagen deuteten nach gutem Lauf der Aktien auf eine negative Wendung des Chance-Risiko-Profils hin, hieß es von Bank of America. Deren Analyst Michael Funk stufte sie gleich doppelt auf „Underperform“ ab.

Der Rekordrally des Pharmakonzerns Eli Lilly verlieh eine positive Analystenstudie mit einem Anstieg um 3,2 Prozent weiteren Schwung. Das Unternehmen profitiert aktuell vom Hype um seine neuartigen Diabetesmittel und Appetitzügler. Der Morgan-Stanley-Analyst Terence Flynn spekuliert deshalb, dass Eli Lilly bald zum elitären Club jener Konzerne mit einer Marktkapitalisierung von einer Billion Dollar gehören könnte. Auf diesen Börsenwert kommen bislang nur große Techwerte.

Der Euro bewegte sich nahe dem Vortagsniveau. Zuletzt notierte die Gemeinschaftswährung bei 1,0777 US-Dollar. Die Kurse von US-Staatsanleihen gaben nach. Die Rendite der zehnjährigen Staatspapiere stieg auf 4,29 Prozent.

Am deutschen Aktienmarkt ging die Rekordjagd des Dax vor dem Wochenende weiter. Der Leitindex kletterte am Freitag mit gut 17.198 Zählern auf einen neuen Höchststand. Stärker als erwartet gestiegene US-Erzeugerpreise nahmen am Nachmittag zeitweise den Schwung aus den Kursen heraus. Zum Handelsende stand ein Plus von 0,4 Prozent auf 17.117 Zähler zu Buche. Auf Wochensicht gewann der Dax damit 1,1 Prozent. Der MDax der mittelgroßen Werte stieg am Freitag um gut 0,3 Prozent auf 26.148 Punkte.

Im Dax setzten die Aktien von Rheinmetall ihre Rekordrally fort und schlossen 2,9 Prozent höher. Mit der am Freitag begonnenen Münchner Sicherheitskonferenz bleiben Rüstungsaktien im Fokus. Die zuletzt ebenfalls stark gelaufenen Papiere von Hensoldt sowie des Börsenneulings Renk fielen jedoch zurück.

Airbus weiteten ihre Vortagesverluste um 1,7 Prozent aus. Den Markt verstimmt nach wie vor der vorsichtige Ausblick des Flugzeugbauers. Lieferkettenprobleme verzögerten die Produktionsanläufe, sagte ein Analyst.

Am Rentenmarkt stieg die Umlaufrendite von 2,35 Prozent am Vortag auf 2,42 Prozent.

In der neuen Börsenwoche dürfte die Bilanzsaison der Unternehmen weitere Akzente am Aktienmarkt setzen. Auch die Geldpolitik bleibt Thema, rückt aber ein klein wenig in den Hintergrund. Interessieren dürfte die Anleger das Protokoll der jüngsten US-Notenbanksitzung vom Januar aber dennoch, weil es Aufschluss geben kann über den weiteren Kurs der Federal Reserve (Fed). Es wird am Mittwoch veröffentlicht.

Die Märkte gingen im Moment bei der Fed von einem Zinsschritt im Juni aus, erklärt Analyst Jochen Stanzl vom Broker CMC Markets. „Sie haben ihren Frieden gemacht mit der Aussicht, dass die Fed auch danach nicht seriell auf jeder Sitzung die Leitzinsen senken wird, weil sie es angesichts der Stärke der US-Wirtschaft nicht tun muss. Das ist eine gute Botschaft.“ Das Abwarten der Fed sei ein Vertrauensbeweis in das Wachstum der US-Wirtschaft.

Die robuste Verfassung der US-Wirtschaft kann allerdings zur Folge haben, dass die Preise nicht so schnell fallen wie erhofft. Teuerungsdaten aus den USA waren zuletzt nicht nach dem Geschmack der Anleger ausgefallen und ließen Sorgen aufkommen, dass sich der Zeitpunkt für Zinssenkungen weiter verzögert. Doch nachhaltig belastet wurden die Börsen davon nicht.

Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), betonte, dass die Fed und die EZB zwar „den Schalter noch nicht umgelegt haben“, der geldpolitische Wechsel aber schon verbal vorbereitet werde. Traud erwartet ebenfalls ein Umschalten der beiden Zentralbanken im Juni.

Die Hoffnung auf Zinssenkungen und gute Quartalszahlen sind derzeit die Treiber der Rekordrally am Aktienmarkt. Ob die Rekordlaune anhält oder die Kurse korrigieren – also innerhalb eines generellen Aufwärtstrends erst einmal ein wenig fallen –, darüber könnten in den nächsten Tagen weitere Quartalszahlen und Ausblicke von Unternehmen mit entscheiden. Bislang scheinen die Unternehmen das noch immer hohe Zinsniveau recht gut verkraftet zu haben. Das gilt auch für die schwer gewichteten Technologiekonzerne aus den USA, deren Geschäftsentwicklungen die Marktteilnehmer überzeugen konnten.

Im Technologiesektor spielt das Megathema Künstliche Intelligenz (KI) derzeit die zentrale Rolle und treibt die Aktienbewertungen in die Höhe. Nvidia ist mit seinen Chips einer der Hauptprofiteure des KI-Booms, die Aktien haben allein im Börsenjahr 2024 schon wieder um fast die Hälfte zugelegt. Anleger warten nun gespannt darauf, wie sich der Konzern im Schlussquartal entwickelt hat und die Aussichten einschätzt. Die Quartalszahlen veröffentlicht Nvidia am Mittwoch nach dem US-Börsenschluss.

Im Dax ist der Hype um KI weniger zu spüren, vielmehr gibt dort „Old Economy“ den Ton an, mit Geschäftszahlen vom Baustoffkonzern Heidelberg Materials und vom Autobauer Mercedes-Benz am Donnerstag. Am Freitag folgen der Chemiekonzern BASF, die Deutsche Telekom und der Versicherer Allianz. Zur Wochenmitte bereits öffnet der Medizinkonzern und Krankenhausbetreiber Fresenius die Bücher.

Laut der Helaba-Chefökonomin Traud ist das Gewinnbild in der aktuellen Berichtssaison positiv. Traud verwies darauf, dass die im Dax enthaltenen Unternehmen den Großteil ihres Umsatzes im Ausland erwirtschafteten. Sie könnten zudem auf eine anhaltende Verschlechterung der hiesigen Standortbedingungen mit weiteren Produktionsverlagerungen reagieren. Angesichts der Erwartung an deutlich sinkende Leitzinsen hätten Aktien zwar schon viel Positives vorweggenommen, im internationalen Kontext sei der Dax aber noch moderat bewertet.

Die neue Woche dürfte recht ruhig beginnen; denn in den USA ist die Börse wegen des Feiertags „Washington’s Birthday“ geschlossen, Impulse von der oft taktangebenden Wall Street werden also zum Wochenauftakt ausbleiben. Zum Wochenschluss achten Marktteilnehmer auf das Ifo-Geschäftsklima, dem wichtigsten Frühindikator für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft.

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Kommentare ( 5 )

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Peter H.
1 Monat her

Mir ist mittlerweile klar, das nicht diese Ampel das schlimmste im Land ist , es ist die Merheit der Bürger und die einige Konzernbosse , die mit den Medien nun einheitlich der AfD den Kampf angesagtt haben! Es ist unfassbar wie dummman sein muss,um in dieser Lage auch noch die politischen Verursacher in Schutz nehmen, üerb die man jeden Tag jammert udnd die Chance eine richtig Alternative für eien Politikwechsel, als das ulitamtive böse sieht udn nujr mit Nazi, Nazi,Nazi daher kommt , dabei ust die Afd keine Sozialistusche Partei wie die Ntionalsozialisten waren ! So blöd muss man auch… Mehr

Tom S.
1 Monat her

Na, dann läuft doch alles nach Plan. Also weitermachen — vorwärts immer, Rückwärts nimmer! Habeck und Lindner in ihrem Lauf hält höchstens Weidel und Maaßen auf.

Rene 1962
1 Monat her
Antworten an  Tom S.

Nur Weidel !
Maaßen hat sich schon erledigt.

Lesterkwelle
1 Monat her

Ohne radikale Abkehr vom Klimawahn und Hinwendung zu einer rationalen, technisch machbaren und bezahlbaren Energiepolitik wird sich absolut nichts an der verfahrenen Lage aendern. Aber noch ueberwuchert dieser Irrsinn alle Sektoren politischen Handelns. Ob die echte Wende gelingt, haengt vom informierten, klugen Waehler ab. Sonst bleibt es beim globalen Absteiger Deutschland auf unabsehbare Zeit.

Kuno.2
1 Monat her

Da wir mittlerweile deutliche deflationäre Entwicklungen der Anlage Preise sehen, ist es nur eine Frage der Zeit wann die Preise der Aktien diesem folgen werden.