Baker übernimmt wieder Kaufhof

Stand jetzt wird Kaufhof von Richard Baker gerettet. Er war schon mal an der Macht des Konzerns – und scheiterte. Dabei kaschiert der erneute Rettungsversuch vor allem: Große Warenhäuser haben keine Chance am Markt, weil die Konkurrenz aus dem Internet besser ist. Daran ändert auch nichts die Ankündigung von Baker, die meisten Filialen zunächst weiterführen zu wollen. Von Samuel Faber

picture alliance / Hauke-Christian Dittrich | Hauke-Christian Dittrich

Alles begann auf ganzen 25 Quadratmetern und mit einem Traum: Die Gründung des Mehrsparten-Kaufhauses. Seit Jahren hatte Leonhard Tietz diesen Gedanken im Kopf, der ihn nicht mehr losließ. 1879 gründete er in Stralsund seinen ersten Laden. Es folgten Filialen in Wuppertal, Schweinfurt und Amberg in der Oberpfalz.

Die Tatsache, dass er Jude war, wurde seinem Nachfolger, seinem Sohn Alfred Leonhard Tietz, zum Verhängnis. Im Zuge der Arisierung musste das Unternehmen von Leonhard Tietz AG in Kaufhof AG umbenannt werden. Später flüchtete Alfred und starb 1941 in Jerusalem. Es bleibt ein unschöner Beigeschmack, dass ausgerechnet die Nazis dem Unternehmen den Namen zwangsweise gaben, der heute in aller Munde ist.

Man könnte meinen, nach der Zwangsveräußerung unter den Nazis an die regimetreuen Banken Commerzbank, Dresdner Bank und Deutsche Bank könnte dem Unternehmen nichts mehr passieren. Doch weit gefehlt. Fast 150 Jahre später nennt sich der Konzern Galeria Karstadt Kaufhof und ist pleite. Wieder einmal. Wie im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ fühlt sich der geneigte Beobachter wie in einer Zeitschleife.

Doch immerhin gibt es für die mehr als 20.000 Mitarbeiter Grund zur Hoffnung. Ein Konsortium aus der US-Investmentgesellschaft NRDC Equity Partners und dem Unternehmer Bernd Beetz soll laut Handelsblatt die insolvente Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof übernehmen.

Fusion mit Karstadt als kapitaler Fehler

Die Firma NRDC gehört einem gewissen Richard Baker. Der 58-Jährige ist an vielen Unternehmen beteiligt. Zum Beispiel hat er die Mehrheit an den Warenhausunternehmen Hudson’s Bay Company (HBC) und Saks Fifth Avenue. HBC kennt wiederum Kaufhof sehr gut. Zwischen 2015 und 2019 war er bereits Eigentümer von Galeria Kaufhof, bevor die Warenhauskette an die Signa-Gruppe verkauft wurde und mit Karstadt fusionierte. Eine Fusion, die sich im Nachhinein als schwerer Fehler darstellte. In Städten wie beispielsweise Nürnberg waren beide Warenhaus-Riesen nur wenige Schritte voneinander entfernt. Die Folge war offenkundig: Sie nahmen sich gegenseitig Kunden weg. Hinzu kamen horrende Mieten für Häuser in bester Fußgängerzonen-Lage, die doppelt bezahlt werden mussten.

Doch nun ist Baker wieder am Steuer. Gemeinsam mit Bernd Beetz, der auch Präsident des Fußball-Drittligisten SV Waldhof Mannheim ist und bereits von 2018 bis 2019 Aufsichtsratsvorsitzender von Kaufhof war, lenkt er die Geschicke des Traditionsunternehmens. Doch was sich Insider fragen: Was sollte Baker anders machen als noch 2015?

Immerhin hat der neue Eigentümer angekündigt, voraussichtlich mehr als 70 der 92 Filialen fortzuführen. Das teilte laut Welt der Insolvenzverwalter Stefan Denkhaus am Mittwoch in Essen mit. Ob dies von Dauer ist, wird sich noch zeigen. Auch im Jahr 2015 startete Baker mit großen Ambitionen, das Traditionsunternehmen zu retten.

Der stationäre Handel ist dem Onlinehandel unterlegen

Doch der Versuch von HBC und Baker scheiterte. Sie schafften es nicht, die Handelskette gegen den übermächtigen Druck von Amazon und Co auf sichere Füße zu stellen. Weder die Hereinnahme von Fashion-Sortimenten noch die Überarbeitung der Präsentation modischer Waren in den Filialen halfen. Hinzu kamen millionenschwere Mieterhöhungen der eh schon hohen Mieten, die Galeria Kaufhof aufgezwungen wurden und naturgemäß wenig hilfreich waren. Am Ende des Geschäftsjahres 2017/18 stand ein Verlust im niedrigen dreistelligen Millionen-Bereich zu Buche.

Doch Baker gibt sich siegessicher. „Es wäre einfacher, das Unternehmen abseits der Öffentlichkeit aus seiner Krise zu führen“, zitierte ihn das „Wall Street Journal“. „Jetzt ist die Zeit im Einzelhandel, sich neu zu erfinden“, so der Unternehmer. „Als privates Unternehmen können wir das tun.“ Doch wie soll das aussehen? Wenn sich der Kunde heute bei Amazon Schuhe bestellt und diese zu klein sind, muss er das Produkt weder frankieren noch in einen Karton einpacken. Es genügt, wenn er die Ware zur Paketannahmestelle bringt und sein Handy mit dem QR-Code vorzeigt. Wenige Minuten später ist das Geld gutgeschrieben.

Im Einzelhandel muss sich der Kunde bei einer Rückgabe in eine Filiale begeben. Hoffentlich hat er den Kassenzettel dabei, wenn nicht, könnte es Probleme geben. Von der viel zitierten Beratung im Einzelhandel ist, wenn man einzelne Fachgeschäfte abzieht, wenig zu spüren. Richtig ist: Gerade der Einzelhandel hat unter dem Corona-Regime gelitten, während der Onlineverkauf durch die Decke ging. Einige Unternehmen, auch große Betriebe, haben sich bis heute nicht von den drakonischen Maßnahmen erholt.

Kaufhof hat sich selbst überlebt

Doch Kaufhof war bereits 2019, also vor Corona, pleite. Der Einzelhandel darf sich nicht mehr allein, zumindest in der Breite, auf den stationären Handel verlassen. Ob Baker dies bei Kaufhof umsetzen kann, darf allerdings bezweifelt werden. Denn seine Kompetenz ist eben nicht E-Commerce, sondern das Immobiliengeschäft.

Der Handelsexperte Jörg Funder wird gegenüber ntv deutlicher. „Eine skurrile Kombination“, so befürchtet er, dass es unter der Regie der beiden weitergeht wie in den vergangenen Jahren und damit statt einer blühenden Zukunft für die Kaufhäuser eher deren Untergang bevorsteht. Überhaupt sieht der Experte die Zukunft in großen Warenhäusern als gefährdet. „Investoren haben immer nur an Personen gespart und nicht an einem Konzept gearbeitet.“ Deshalb ist es in seinen Augen logisch, dass dem ein oder anderen der verbliebenen 12.800 Mitarbeiter nach zahlreichen Lohnkürzungen die Servicementalität fehlt. „Wenn man jahrelang durchgeschüttelt wird, wird einem irgendwann schwindelig“, so Funder.

In fünf Jahren würde Kaufhof sein 150-jähriges Bestehen feiern. Das Unternehmen überlebte die Weltwirtschaftskrise, die Nazizeit und zahlreiche Börsencrashs. Vielleicht, so traurig das für manche klingen mag, hat sich das Erbe von Leonhard Tietz selbst überlebt.

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Kommentare ( 2 )

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BK
1 Monat her

Ist doch in Ordnung, wenn es noch ein paar Läden gibt, in denen man die Klamotten vor dem Kauf mal anprobieren kann. Die Größenangaben variieren mitunter sehr stark und man fühlt sich darin nicht sehr wohl.

Kassandra
1 Monat her

Eins ist auch zu bemerken: das Austauschvolk nutzt den Kaufhof so gut wie nicht. Die haben ihre ganz eigenen Quellen und kommen nur auf die Geschäfte der Indigenen zurück, wenn in ihren Reihen keiner ein Angebot hat.
Vor einiger Zeit hat ein Modehaus eröffnet und wie auch immer Gutscheine von hohem Wert Richtung Migranten transferiert. So lange die Gültigkeit hatten, war dort Multikulti – und seitdem dann nicht mehr.
Nur die Türsteher – weil Ware im Wert von mehreren 1000 Euro wurde mehr als einmal von der Stange direkt abtransportiert…