»Wir sind erpressbar geworden«

Der frühere Bundeswehr-Oberst und Sicherheitsberater Ralph Thiele spricht über Putins kriegerische Möglichkeiten und eine politische Klasse in Deutschland, die wenig vom Militär versteht.

 

Ein Admiral und Inspekteur der Marine muss zurücktreten, weil er in Indien in einem internen Zirkel seine politische Meinung gesprochen hat. Das BSI, Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie, meldete volle rote Last unter der Masse der Cyberattacken. Die wichtige Frage der Energiesicherheit hängt von einem einzigen Energieträger ab. 100.000 Mann stehen auf russischer Seite an der Grenze zur Ukraine – im Verhältnis zur Fläche und Länge der Grenze noch nicht allzuviel. Will Putin in die Ukraine einmarschieren?

Wir fragen den Sicherheitsexperten Ralph Thiele, Oberst außer Dienst. Er hatte Schlüsselpositionen beim NATO-Oberbefehlshaber und im deutschen Verteidigungsministerium inne, ist heute Präsident von Euro Defense Deutschland und Stratbyrd Consulting, und Vorsitzender der politisch-militärischen Gesellschaft in Berlin.

»Wir sind bereits unter voller Attacke«, sagt er, wie die Masse der gegenwärtigen Cyberattacken zeige. Denn in modernen Kriegen müsse man nicht mehr mit großen Armeen in ein Land einmarschieren, es genüge, mit Cyberangriffen die Infrastruktur zu zerstören, Energieversorgung lahmzulegen und die Reste dann zu übernehmen.

Besorgt macht Thiele die nicht von sonderlich viel Überlegungen zeugende Wortwahl des Berliner Politpersonals, denn eine Krise könne auch herbeigeredet werden, sagt er und verweist auf den Beginn des Ersten Weltkrieges. Die Wortwahl vor allem von Politikerinnen, die bisher nicht durch besondere verteidigungspolitische Kenntnisse und Aussagen aufgefallen sind, klinge verwegen; gleichzeitig müssen oft diejenigen zurücktreten, die über die notwendige Intelligenz verfügen und aufgrund ihrer Ausbildung eine Ahnung davon haben, was Krieg, was militärische Auseinandersetzung tatsächlich bedeuten, sobald sie ein klares Wort wagen.

Russlands Präsident Putin müsste eigentlich nicht mehr in alten militärischen Kategorien gegenüber Europa denken, sagt Thiele. Er könnte in letzter Konsequenz auf Erdgas als eine neue Waffe zurückgreifen und die Energiezufuhr ganz einfach abstellen. Das hat Russland zwar bisher noch nie getan. Aber in einem theoretischen Ernstfall wird immer versucht, die Energieversorgung eines Landes zu stören oder zu zerstören.

Im Fall von Deutschland ginge das ganz einfach mit einem Griff zum Gashahn, weil nur noch Erdgas als einzige Energiequelle zur Verfügung steht. Die Frage, wie erpressbar wir dadurch geworden sind, dass die wichtige Energieversorgung nur noch auf einem einzigen Energieträger – nämlich Erdgas – liegt, stellt sich für Thiele nicht mehr. Sie ist beantwortet.

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Kommentare ( 48 )

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Marilu
3 Monate her

Was ist schon eine Espressbarkeit in der Zukunft im Vergleich zur realen Erpressung „right now“: durch die Ukraine, die USA, die Nato, Polen ….

ketzerlehrling
3 Monate her

Leider ist das in DE, und nicht nur in DE, der Fall. Die Intelligenz muss zurücktreten, muss weichen der Ideologie und als Folge die totale Verblödung, so wie mit den mRNA-Impfstoffen, u. a., die Intelligenz ausgerottet wird. Denn diese werden nur in den Industrienationen verimpft, in der Hauptsache.

Hoffnungslos
3 Monate her

Lieber Herr Thiele, wir brauchen doch keine feindlichen Cyberattacken, die unsere Infrastruktur lahmlegen, das fabrizieren unsere Politiker der „Young Global Leader“ Gruppe doch selber sehr erfolgreich. Putin ist für dieses „Politverständnis“ nicht verantwortlich. Ebenso wenig ist er für unsere offenen Grenzen und den Abbau unserer Selbstverteidigungsmöglichkeiten verantwortlich.

Kindermund
3 Monate her

Das dolle ist ja, dass wir uns mit jedem Windrad ein bisschen mehr von Putin erpressbar machen, weil zu jedem Windrad ein Gaskraftwerk parallel mitlaufen muss, um die Launen des Windes in Echtzeit auszugleichen.

Konservativer2
3 Monate her
Antworten an  Kindermund

Tja. Gerade Energiepolitik sollte durchdacht sein. Und weil dieses Dilemma absehbar war, wird bei Staaten, die das mit dem Klimawandel (oder dem Gendern) nicht ganz so eng sehen, wie z.B. Russland, halt auch mal die (grüne) Brechstange zum Einsatz gebracht. Früher hieß es: Schwerter zu Pflugscharen. Die Kinder derjenigen, die damit einst auf die Straße gegangen sind, schmelzen die rostigen Pflugscharen wieder ein und machen nun blitzende Schwerter draus. Wer das nicht versteht, ist ein alter weißer Mann.

Friedensreich
3 Monate her

Russland hat 1994 das Budapester Memorandum mit unterzeichnet, das der Ukraine und zwei weiteren Staaten gegen den Verzicht und die Herausgabe der sich im Lande befindlichen Atomwaffen Souveränität in den bestehenden Grenzen zusichert.
Mit der Annektion der Krim und der vorher bereits praktizierten Einmischung in die innerukrainischen Verhältnisse hat Russland unter Putin diesen Vertrag gebrochen. Damit stellt sich die Frage, inwieweit dem Mann zu trauen ist und was er vorhat.
Vorsicht scheint hier angebracht.

Last edited 3 Monate her by Friedensreich
Konservativer2
3 Monate her
Antworten an  Friedensreich

Jede Medaille hat zwei Seiten; die Sichtweisen zum von Ihnen genannten Budapester memorandum werden hier – obwohl man Parteilichkeit vermuten könnte – wohltuend neutral dargestellt:

https://www.atomwaffena-z.info/glossar/b/b-texte/artikel/f609fe517d0527ecd5b0950256a941c3/budapester-memorandum.html

Man sollte darüber hinaus tatsächlich niemandem trauen, den man vorher selbst kräftig veräppelt hat, das ist schon richtig.

Konservativer2
3 Monate her

Mich würde übrigens auch einmal eine Analyse in der Richtung interessieren, wie es dazu kommen kann, dass der sprichwörtliche Schwanz (hier: die Ukraine) mit dem Hund (hier: der westlichen Welt) wedelt und inwieweit die USA hier wieder im Hintergrund den Scharfmacher spielen (also quasi den o.g. Schwanz dopen).

Riffelblech
3 Monate her
Antworten an  Konservativer2

Da braucht man nur die Vorgänge der Aktionen auf dem Maidan Platz und Vorläufer zu beleuchten um sehr genau zu erkennen das der Westen ,hier hauptsächlich die USA ,einen Weg finden wollen mit ihren Militärverbänden möglichst nahe an Moskau heran zu kommen .
Somit das Messer an die russische Kehle zu setzen .
Nicht umsonst flossen fast 2 mrd.Dollar von den USA und 1 mrd Euro von D. als „ Hilfen“ vom Westen in die Ukraine .
Natürlich nur um „ Trinkhalme „ zu produzieren.
Die Ukraine gilt als Schlüssel zur militärischen Einhausung Russlands .

Konservativer2
3 Monate her

„…denn eine Krise könne auch herbeigeredet werden…“ Ich bin ja nur froh, dass ich nicht der einzige bin, der das so empfindet. Auch in der aktuellen Situation kann ich feststellen: es wird extrem viel geredet, dasselbe wird aber immer wieder und wieder, nur statt in den ausreichenden 20 Sekunden in minutenlangen Dauerschleifen. Sauer werde ich regelmäßig, wenn immer wieder der „hohe Preis“ erwähnt wird, den Russland zahlen müsse, wenn… Hoher Preis? Für wen? Doch eher für die deutsche Bevölkerung… Das klingt alles so unausgegoren, so martialisch, so undurchdacht – womit wir wieder bei der Situation kurz vor WKI wären. Da… Mehr

StefanB
3 Monate her

„Im Fall von Deutschland ginge das ganz einfach mit einem Griff zum Gashahn, weil nur noch Erdgas als einzige Energiequelle zur Verfügung steht.“ Wir wollen hier nicht die Frage danach unterschlagen, wer daran Schuld hat, dass Schland in eine derartige, überaus schlechte Position geraten ist. Jedenfalls nicht Putin. Nicht der größte Idiot (Annalena und Robert mal außen vorgelassen) würde auf die Idee kommen, sich in Sachen Energieversorgung – das ist wohlgemerkt die Basis für ALLES weitere! – von anderen Ländern (von welchen auch immer) mehr als unbedingt nötig abhängig zu machen. Dazu gehört schon Bösartigkeit in Form von Hochverrat und… Mehr

Hans Levy
3 Monate her

Putin hat gerade in den letzten Wochen bei jeder Gelegenheit öffentlich erklärt, dass Russland niemanden bedroht und niemanden angreifen wird.Das kann jeder nachlesen, direkt auf der Seite des Kreml in verschiedenen Sprachen, wenn die deutschen Medien das verschweigen. Warum glaubt ihm offenbar auch dieser Sicherheitsexperte im Artikel nicht? Klar, er hat ja auch schöne Posten in NATO- und EU-Think-tanks… Wäre ja schade drum … Cyberattacken… Für wie dumm halten der Autor und sein Sicherheitsexperte Russland? Aus der Geschichte ist nicht ein belegtes Beispiel bekannt, dass Russland irgendjemanden per Cyberattacke angegriffen hatte. Können das NATO inkl.USA auch von sich behaupten? Um… Mehr

Kampfkater1969
3 Monate her

Er [Putin] könnte in letzter Konsequenz auf Erdgas als eine neue Waffe zurückgreifen… Macht er denn das nicht bereits? Bereits unter der Vorgängerregierung hatten wir bereits die Unfähigkeit und die jetzige topt das halt noch alles. Wenn wir die Datenlage Russlands betrachten, dann kommt man zur Erkenntnis, dass Russland nie einen Krieg beginnen wird. Sowohl einwohnermäßig, als auch wirtschaftlich könnte Russland nie eine Krieg diesen Ausmaßes stemmen. Daher macht Putin das einzig „vernünftige“ mit seiner Armee: Er sorgt dafür, dass die Öl – und Gaspreise hoch bleiben, was Russland tagtäglich zusätzliche Milliarden ins Land spült. Und die Grünroten in D… Mehr

Konservativer2
3 Monate her
Antworten an  Kampfkater1969

Ich sehe das genauso; allerdings setzen sich die Russen aktuell der nicht unerheblichen Gefahr aus, dass die Amerikaner einen Fake-Angriff der Russen herbeikonstruieren, der denen dann in die Schuhe geschoben wird, um weitere Maßnahmen legitimieren. Dies zu widerlegen wäre angesichts der grenznahen Truppenkonzentration echt schwierig. In diesem Zusammenhang traue ich der ukrainischen Führung nicht weiter, als ich einen Amboß werfen kann – die müsste dann ja medial mitspielen. Ich traue den Amis mittlerweile zu, alle möglichen Tricks anzuwenden, um die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 zu torpedieren; eventuelle Kollateralschäden in Gestalt toter Europäer dürften den USA, so meine Annahme, völlig… Mehr

Last edited 3 Monate her by Konservativer2
egal1966
3 Monate her
Antworten an  Kampfkater1969

Nun, wie kann Putin dafür „sorgen“, daß insbesondere in Deutschland die Gaspreise hoch bleiben? Wir wissen doch alle, daß Deutschland (noch) Gas aus Russland zu einen festen Preis erhält, welcher aufgrund langfristigen Verträge zustande kam. Das Problem ist doch nicht Russland, sondern der liberalisierte Gasmarkt in der EU, der „Dank“ Brüssels nun den Gashändlern die Gestaltung der Preise überlassen hat und diese nun den großen Reibach machen. Ja und wenn von diesen kein oder nicht genug Gas aus Russland bestellt wird, liefert Gazprom selbstverständlich auch kein weiteres Gas über die bestehenden Mengen hinaus. Dieses „Problem“ ist doch hausgemacht, weil man… Mehr