Das Imperium schlägt zurück

Arnold Vaatz sagte schon zu DDR-Zeiten nicht, was die Obrigkeit samt ihren Claqueuren hören wollte. Das war damals so unverzeihlich für jene, die die Macht haben, wie heute. Darum soll er nicht Recht haben, auch nur angehört zu werden. Von Werner J. Patzelt

Das waren noch Zeiten, als man „Querdenker“ als Ehrentitel benutzte und „Unangepasste“ lobte! Es waren freilich die Zeiten, in denen politische Selbstverständlichkeiten noch von jenen geprägt wurden, die man heute als „bürgerlich“ oder „konservativ“ verachtet. Die Querdenker und Unangepassten waren nämlich links oder – später – grün, und dem Querdenken oder Unangepasstsein wurde so etwas wie „machtkritische Lust auf Wahrheit“ zugeschrieben.

Jetzt aber beherrschen Grüne und Linke den öffentlichen, kulturellen und akademischen Diskurs. Erst beim Reden im Privatbereich endet ihre Macht. Was von dort an Querdenken und Unangepasstheit aufsteigt und sich immer wieder auch in Demonstrationen äußert, nennen sie Populismus. Den verachten und bekämpfen sie – etwa so, wie einst meine Elterngeneration die „Langhaarigen und Linken“. Die Zeiten haben sich zwar geändert, und mit ihnen die Vorgaben für längsschnittige Folgsamkeit. Doch die Techniken der Machtsicherung blieben die gleichen. Aus formalpragmatischen Gründen der Wirklichkeitskonstruktion kann das auch gar nicht anders sein. Und so gilt auch unter neuen Machtverhältnissen: Das Imperium schlägt zurück.

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Diesmal traf es Arnold Vaatz. Schon zu DDR-Zeiten sagte er nicht, was die Obrigkeit samt ihren Claqueuren hören wollte. Nach der Friedlichen Revolution hielt es Kurt Biedenkopf nicht lange mit ihm in der Staatskanzlei aus. Auch im „Bundestagsexil“ – so empfand das Vaatz damals – eckte er seit Merkelzeiten immer wieder an. Und weil ihn die Medien der Anständigen mieden – vom MDR bis zur TAZ – wich er auf Publikationsorte aus, die die heutigen Stätten von Querdenken und unangepasstem Argumentieren sind. Derlei aber gehört sich nicht, sobald die Falschen querdenken und unangepasst die allenthalben aufgestellten Gesslerhüte ungegrüßt lassen.

Solange Linke und Grüne Revolution machten, von der sozialistischen bis zur ökologischen, galt Revolution als etwas Gutes. Widerspruch zu bestehenden Verhältnissen war deshalb unbedingt zu loben. „Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt“: So hieß das damals. Doch seit Grüne und Linke – teils aus eigener Kraft, teils dank Kuschen ihrer Gegner – bei politischen Debatten regelmäßig gewinnen, gehört sich ein von ihren Wünschen abweichendes Reden oder Schreiben nicht mehr. „Canceln“ muss man ihre Auftritte, ignorieren ihre Analysen und Argumente, und versuchen muss man, sie von allen achtbaren Plattformen öffentlichen Wirkens fernzuhalten. Ketzer gehören nämlich nicht auf Kanzeln, sondern auf Scheiterhaufen – oder, humanitär wie unsere kulturellen Hegemonen sich geben, wenigstens ins innere Exil.

Da nutzt es Arnold Vaatz wenig, dass er einer der Gründerväter des heutigen Freistaats Sachsen war. Ein führender unter jenen Erneuerern der sächsischen Block-CDU, die der Sachsenunion ihre heute zerfallende Machtstellung ermöglichten. Auch jemand, bei dem persönliche Lust am Zuspitzen oder gar Provozieren sich nie gegen die Freiheit anderer gerichtet hat, stets aber gegen die Ignoranz oder Arroganz von Mächtigen. Und jemand, der bereit war, fürs demonstrative Nicht-Mitlaufen auch zu bezahlen. Dennoch taugt er nicht mehr als Redner eines Festakts im Landtag zur Feier jener Friedlichen Revolution, der sich Ostdeutschlands heutige Freiheit verdankt. Er ist ja weiterhin ein Querdenker und Unangepasster, steht also schon wieder nicht auf der richtigen Seite . Das ist heute die von Grün und Rot.

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Arnold Vaatz kann jedenfalls seit Jahren nicht mehr Recht haben. Wie etwa die DDR wirklich war, und welche dort machtsichernde Praktiken auch in einer freien Gesellschaft machtsichernd wirken mögen: Davon kann er nichts verstehen. Dass heutige Ausgrenzungs- und Herabsetzungslust sich ähnlich anfühlen könnten wie einst die in einer Diktatur: Das muss einfach falsch sein. Wir Grünen und Linken sind doch nicht die SED! Rein gar nichts hat Antifaschismus mit irgendetwas Kritikwürdigem zu tun! In unserer Demokratie haben doch auch Leute wie Vaatz jedes Recht, sich uns Guten und Anständigen anzuschließen! Keinerlei guten Grund gibt es deshalb mehr fürs Anders- oder gar Querdenken, fürs Unangepasstsein, für gegen uns gerichtetes Zuspitzen und Polemisieren! Wer diese Wahrheit nicht kennt, ist dumm oder schlecht – und wer sie verteidigt, hat immer Recht.

Bleibt noch auf die Pointe der Weigerung von Grünen und SPD zu blicken, sich bei einer parlamentarischen Festveranstaltung mit dem Redner Arnold Vaatz sehen zu lassen. Beide Parteien sind nämlich jene Partner beim Regieren, in deren Arme sich Sachsens CDU voller liebeswilliger Vorfreude auf stabiles Koalieren begeben hat. Der Grund? Teils empfinden führende CDU-Politiker echte Wahlverwandtschaft mit Grünen und Sozialdemokraten – und teils fehlte ihnen einfach der Mut, ebenso tatkräftig zu handeln wie einige Monate später Bodo Ramelow in Thüringen. Jetzt aber zeigen die zwei Kellner, dass der Koch ohne sie kein Festtagsgeschäft machen kann. Und so wird der Sachsenunion am „Fall Vaatz“ in einprägsamer Symbolik der Niedergang ihrer Gestaltungsmacht vor Augen geführt.

Biblisch Gebildete nennen das ein Menetekel. Die Mehrheit in der CDU wird das aber weiterhin für nicht mehr halten als einen rasch verblassenden Schriftzug an der Wand, der gewiss so ernst nicht gemeint war. Warum sollte man in der CDU auch querdenken, seit dieser Partei das Längsdenken gefällt!

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Kommentare ( 81 )

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Citizen
1 Monat her

Arnold Vaaz hat am 3.Oktober ein sehr gute Rede im sächsischen Landtag gehalten. Im krassen Gegensatz die unterirdische Rede eines gewissen Herrn Steinmeier. Obwohl die Koalitionspartner SPD und Grüne bereits angekündigt hatten, der Veranstaltung in diesem Fall fern zu bleiben, hielt MP Kretschmer an Arnold Vaatz als Redner fest. In der heutigen Zeit des Umfallens bei KriTik von links ist das durchaus bemerkenswert. Bravo Herr Kretschmer und Bravo Herr Vaaatz.

pantau
2 Monate her

Genau dieser feinsinnige Aspekt hat mir bisher immer gefehlt, verehrter Herr Patzelt, daß nämlich das Kritische in den großen bürgerlichen Zeiten zwar links war, aber diese linke Kritik sich eben im Gegensatz zu heute entfalten konnte.

Fredi
2 Monate her

Man darf die Deutschen, weil als Kollektiv gemeint, ungestraft Köter Rasse nennen und das auch weiter tun.
So sah das zumindest die Hamburger Staatsanwaltschaft anno 2017.
Ob diese Einschätzung nach der Rassismus Debatte, welche das Land derzeit umtreibt, noch aufrechtzuhalten ist, sei dahingestellt.
Leider vergeht inzwischen kein Tag, an dem nicht Eigenschaften, welche man gemeinhin einem Köter zuschreibt, deutsches Verhalten in Politik und Gesellschaft charakterisieren.

Ratloser Waehler
2 Monate her

Wer zu DDR-Zeiten Regimekritiker des Totalitarismus war, kann heute kaum etwas anderes sein als wieder Systemkritiker.

derAlte
2 Monate her

Lieber Herr Patzelt, Sie sind Mitglied des Imperiums als Mitglied der Regierungspartei, ebenso wie Herr Vaatz. Es muß starke Gründe geben, sich als Bundeskanzlerin so zu verhalten wie die aktuelle; übersteigerten Machtwillen oder dauernde Irrtümer und all diesen personifizierten Quatsch kann man getrost ausschließen, solche Dinge hätte die innerparteiliche Demokratie behoben. In diesem Sinne verbreiten Sie mit Ihren heiteren Metaphern „die sächsische CDU begibt sich voller liebeswilliger Vorfreude…“ Nebelkerzen. Die Wahrheit wird eher lauten: So…oder rückgängig!

Birgit
2 Monate her

„Das waren noch Zeiten, als man „Querdenker“ als Ehrentitel benutzte und „Unangepasste“ lobte!“ QUERDENKEN ist – rein darwinistisch betrachtet – vor allem auch die nötige ‚Mutation‘, die das Althergebrachte auf den Prüfstand stellt… – ob sich nicht etwas besseres findet – landläufig auch ‚Entwicklung‘ genannt. So handelt die Natur seit Jahrmillionen sehr erfolgreich und um einiges klüger weil weitsichtiger und somit lebensfähiger, als ausgerechnet die Partei, die die Natur vorgeblich schützt. Diese Beobachtung wiederum zeigt, dass außer Machtstreben, Käuflichkeit, Ignoranz, Besserwisserei etc. auch eine riesige Portion Verlogenheit, die inzwischen ja sogar bewiesene, wissenschaftliche FAKTEN einfach verneint, im Spiel sein muss.… Mehr

Rainer12
2 Monate her

Die Aussagen dieses Artikels könnte ich vorbehaltlos unterschreiben.

nonwo
2 Monate her

Der Parteienstaat ist komplett durchkorrumpiert.

Das System braucht den Reset mit einer neuen Verfassung.

Aber die Mehrheit der Schlafmichel arrangiert sich lieber mit dem Totalitarismus.

Mit Sklavenstolz tragen sie ihre Maske und denunzieren jeden, der nicht so gestört ist wie sie selbst.

Nibelung
2 Monate her

Zuviel gesprochen, machen wir es den Staatszersetzern nach auf ebenso wirkungsvolle Art, denn sie denken ja garnicht daran, ihren falschen Kurs zu ändern und ihnen kann man nur über Massendemonstrationen und Verweigerung von bürgerlichen Pflichten begegnen um sie zur Räson zu bringen, auch Mißachtung bis hinein in den kleinsten Gemeindebereich wäre ein probates Mittel, weil herrschen nur Spaß macht, wenn man auch beachtet wird, gezeigtes Mißfallen an jeder Ecke macht unsicher und verdirbt die Lust an der Öffentlichkeitsarbeit, oder sie ändern sich, dann könnte man ja wieder versöhnlicher sein.

Epouvantail du Neckar
2 Monate her
Antworten an  Nibelung

Werter @ Nibelung, „gezeigtes Mißfallen“ schlägt den „Staatszersetzern“ (Ihre Worte) doch wohl beim Lesen von Kommentaren im Internet zu Genüge entgegen. Ich schätze, sie spülen es, wie einst die DDR-Nomenklatura, mit reichlich Alkohol hinunter. Im Bundesschlafwagenabteil, aka Reichstag, sollen sogar auch andere Drogen genossen werden.

Lucius de Geer
2 Monate her

Patzelt arbeitet sich an der CDU ab, Vaatz ist dort sogar immer noch Mitglied! Also entweder kein Grund zur Beschwerde oder Wechsel der Fronten. Tertium don datur. Kein Mitleid mit solchen Leuten, die es besser wissen müssten und die unser Volk dringend braucht. Wer immer noch der CDU nahesteht oder ihr angehört, verdient nur Verachtung.