Deutschland, die Türkei und der Islam – aus der Sicht einer Armenierin

Jaklin Chatschadorians Eltern sind als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Sie ist Rechtsanwältin in Köln, wo sie Mitglied des städtischen Integrationsrates ist. Mit Jaklin Chatschadorian sprach Axel Göhring über die Vernachlässigung von Christen.

Bernd Zeller
http://www.zellerzeitung.de

Die christlichen Armenier haben ein ähnliches Schicksal im Osmanischen Reich durchgemacht wie die Juden in Europa vor der Zeit des Faschismus und Nationalsozialismus. Sie wurden häufig verfolgt und mehrfach deportiert. Im Jahre 1915, im Ersten Weltkrieg, erlebten die türkischen Armenier gemeinsam mit Aramäern und Pontusgriechen einen Groß-Pogrom („Aghet“), dem nach Schätzungen etwa 1,5 Millionen Armenier, und insgesamt etwa 2,5-3 Millionen Menschen, zum Opfer fielen. In Diensten der jungtürkischen Regierung stehende deutsche Generäle und Diplomaten vor Ort protestierten mit Ausnahme von General Liman von Sanders aus Rücksicht auf den Verbündeten und das Kriegsgeschehen nicht oder nur verhalten.

Göhring: Frau Chatschadorian, auf Ihrem Blog „Die Farbe des Granatapfels“ kritisieren Sie die türkische Regierung, aber auch hier lebende Türken dafür, den osmanischen Massenmord an den Armeniern und anderen christlichen Gruppen 1915 bis heute zu verschweigen. Gibt es denn keine Türken in der Bundesrepublik, die zur Verantwortung ihres Heimatlandes stehen? Wie sind Ihre Erfahrungen dazu im Kölner Integrationsrat?

Chatschadorian: Doch, die gibt es erfreulicherweise und damit gibt es auch ehrliche türkisch-armenische Freundschaften, in der man offen über die Vergangenheit reden kann.

Meine Erfahrungen im Kölner Integrationsrat sind damit nicht zu vergleichen. Auch hier gibt es zwar Ausnahmen. Doch wahr ist auch, dass hier rassistische Selbstüberhöhung und die Vertretung einseitig türkischer Interessen, nicht nur in der Frage des Völkermordes, sondern in allen Anti-Rassismus- und Integrationsfragen dominieren. Dies gilt selbst mit Blick auf den Umgang mit „der Armenierin“ im Integrationsrat.

Göhring: Vor kurzem hat der Bundestag eine Resolution verabschiedet, die die Anerkennung des Völkermordes durch die Regierung Erdoğan fordert. Gleichzeitig haben Merkel und ihr Kabinett einen scharf kritisierten Flüchtlings-Deal mit dem türkischen Regierungschef ausgehandelt und nach dem seltsamen Putschversuch Erdoğan volle Unterstützung zugesichert. Tut die deutsche Politik genug für christliche Immigranten aus dem muslimischen Raum?

Chatschadorian: Gegenfrage: Was macht die deutsche Politik für christliche Migranten, also für in islamischen Ländern und in Deutschland verfolgte Christen? Auf Kontingente für verfolgte Christen, für Jesiden oder Frauen hat man vergeblich gewartet. Stattdessen verbündete man sich mit den Verfolgern wie Recep Tayyip Erdoğan oder den sogenannten syrischen Oppositionellen, die sich im Umgang mit Christen nicht sehr vom IS unterscheiden.

Zudem wird die Verfolgung in deutschen Flüchtlingsheimen heruntergeredet. Wir befinden uns in der Debatte am berühmten „Einzelfall“, während in der Realität von systematischer Ausgrenzung durch nicht wenige Muslime auszugehen ist. Dass man – meistens – gar eine getrennte Unterbringung verweigert, mit dem Argument, die Menschen müssten das Zusammenleben aus Integrationszwecken lernen, ist an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten.

Gerade Christen wissen, wie man mit feindlich eingestellten Muslimen umzugehen hat. Man hat unsichtbar zu sein. Und ein „unbegleiteter Lernprozess“ zur Entwicklung von Toleranz auf islamistischer Seite verspricht statt einer Aussicht auf Erfolg die weitere Belastung und Gefährdung betroffener Christen. Diese Zustände sind untragbar.

Göhring: In den Jahrzehnten nach dem armenischen Genozid 1915 sind viele Überlebende nach Europa geflohen. Ab 1961 kamen aber auch viele türkische Gastarbeiter, deren Vorfahren sich teils schuldig gemacht hatten. Wie fühlen Sie sich als Opfer-Nachfahrin im heutigen Deutschland mit einer dreieinhalb-millionen-köpfigen türkischen Gemeinde, die Präsident Erdoğan mehrheitlich zugeneigt ist?

Chatschadorian: Der Erfolg des Völkermordes war, neben der Auslöschung von 1,5 Mio. Armeniern, die breite Aufrechterhaltung des türkischen Rassismus’. Kemalisten wie Islamisten haben diesen Rassismus bereits in den 60er Jahren in die Bundesrepublik mitgebracht und sich, auch dank der deutschen Integrationspolitik, hier sehr eng vernetzen können.

Das deutsche Angebot der Teilhabe wurde zur Unterwanderung von Parteien und Gremien missbraucht. Der türkische Rassismus wurde und wird als harmloser Patriotismus deklariert. Unter dem Deckmantel einer kulturellen Veranstaltung marschieren rechtsradikale Graue Wölfe in den Uniformen der Janitscharen, einer für ihre Brutalität berüchtigte Elitetruppe des Osmanischen Reiches, samt Marschkapelle, feierlich durch deutsche Straßen. Nationalisten wie Islamisten sind angesehene Mitglieder der etablierten Parteien. Sie arbeiten in Integrationsräten und vielen anderen Gremien gegen Rassismus ebenso mit, wie sie in der Flüchtlingshilfe Kuscheltiere und Wasser verteilen. Armenische Veranstaltungen, Vertreter und politisch aktive Personen aus der deutsch-armenischen Gemeinschaft werden beobachtet und es wird von Deutschland aus der AKP-Regierung Bericht erstattet. In sozialen Medien werden Kritiker, gleich welcher Ethnie, Religion oder Gruppe zugehörig, ausspioniert, fotografiert, verunglimpft, beleidigt, bedroht. All das in einer erstaunlichen, gesellschaftspolitisch besorgniserregenden Ungestörtheit.

Dieser Einfluss des türkischen Staates und seiner national-islamistischen Verbände auf die Politik ebenso wie auf das Leben der (türkischen, wie nichttürkischen) Menschen im Alltag, ist zu verurteilen und zu verhindern.

Göhring: Von konservativer Seite aus werden die Bundes-, aber auch die Landesregierungen dafür kritisiert, dass sie den moslemischen, vor allem den türkischen Interessenvertretungen, zu viele Privilegien einräumen. Würden Sie diese Sicht unterstützen?

Chatschadorian: Unbedingt. National-islamistische Verbände sind die Ansprechpartner der deutschen Politik in Integrationsfragen, gestalten den Religionsunterricht an deutschen Schulen mit und stehen eigentlich kurz vor der Anerkennung als öffentlich-rechtliche Körperschaft und dem damit einhergehenden Privilegienbündel.

Es ist z.B. nicht richtig, die Distanzierung der DITIB* vom türkischen Staat einzufordern. Diese Forderung ist als Einladung zu einem Lippenbekenntnis zu qualifizieren, damit letztlich die Dinge für beide Seiten so weiterlaufen können wie bisher. Ein Körper distanziert sich nicht von seinen Körperteilen, am wenigsten von seiner Schaltzentrale. Vielmehr müssen sich die deutschen Parteien von zweifelhaften Verbänden distanzieren.

Auf Bundes- und Landesebene, aber auch auf kommunaler Ebene, muss die deutsche Politik und die deutsche Medienlandschaft bei den Themen Flüchtlinge, Integration, Islam und Türkei den kritischen deutschen Geistern mit Wurzeln im Nahen Osten endlich eine Chance geben. Diese Menschen haben umfassende Erfahrungen aus ihrem eigenen Umfeld mit genau denen, die der Mehrheitsgesellschaft Kopfzerbrechen bereiten. Sie sind diejenigen, die trotz ihrer klaren, kantigen Kritik gleichwohl die Balance finden können, da wo es sinnvoll erscheint. Ein kritischer Dialog zwischen orthodoxen Christen des Orients und Muslimen ist mit Sicherheit gewinnbringender als der relativierende Dialog mit den deutschen Kirchen.

Göhring: Abgesehen von dem relativierenden „Appeasement“ gegenüber türkischen Interessensvertretungen im Inland verursacht vor allem Merkels weiche Haltung zu Erdoğans Verhalten nach dem misslungenen Putsch in der Türkei einiges Grollen. Was würden Sie sich wünschen, wie sollten die deutsche Bundesregierung und europäische Spitzenvertreter gegenüber dem Regime Erdoğan auftreten, was sollten sie fordern?

Chatschadorian: Europa und die Bundesregierung haben über viele Jahre in internationaler Zusammenarbeit die Türkei zur regionalen Großmacht gefüttert und spätestens mit dem Flüchtlingsdeal hat man ihr eine zu große Bedeutung künstlich vorgeschrieben. Man hat sich erpressbar gemacht und dabei vergessen, dass die Abhängigkeit zwischen der Türkei und Europa, im Besonderen zwischen der Türkei und der Bundesrepublik, auf Gegenseitigkeit beruht.

Das Erdoğan-Regime muss durch Kritik und Sanktion in die Schranken verwiesen werden. Die NATO-Partnerschaft sollte man ernsthaft überdenken. Die Zahlung von Fördergeldern für einen EU-Beitritt muss eingestellt werden. Binationale Abkommen könnten aufgekündigt werden. Gleichzeitig bedarf es einer Kurskorrektur im Umgang mit Zuwanderung und Integration im Innenverhältnis. Europa muss selbst für die Sicherung eigener Grenzen sorgen und die Aufnahme- und Abschiebepraxis muss neu konzipiert werden. Auch die Integrationspolitik braucht neue Leitgedanken und Manuskripte.

Göhring: Viele integrierte Einwanderer, die aus dem islamischen Machtbereich nach Deutschland gekommen sind, wundern sich über die apologetische Haltung westlicher Politiker und Intellektueller vor allem gegenüber den Türken und anderen Muslimen im In- und Ausland. Haben Sie eine Vermutung, was diese weiche Haltung bewirkt haben könnte?

Chatschadorian: Ich denke nicht, dass die weiche Haltung mit der deutschen Geschichte, im Besonderen dem Holocaust und der ihm folgenden Nachkriegszeit, zu tun hat. Es ist vielmehr eine gefährliche Mischung aus Unwissenheit, Desinteresse und Konfliktscheue.

Die wenigsten Menschen können sich, etwa aufgrund einer sehr deutschen Sozialisation und fehlenden Sprachkenntnissen, in die Mentalität dieser Menschen hineinversetzen. Gegenüber unangenehmen und merkwürdigen Informationen reagiert man mit einem abwehrenden Unglauben oder unterstellt dem Informationsgeber unlautere Absichten.

Apologetik und Appeasement sind aber auch ideologisch bedingt. Man unterschätzt sein Gegenüber, weigert sich zuweilen, ihn, den „hilfsbedürftigen Migranten“, als politischen Gegner zu erkennen, um das eigene Weltbild nicht überwerfen zu müssen.

Zu guter Letzt geht es um das eigene Wohlbefinden und damit um den eigenen Ruf. Selbst der haltloseste Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit bewirkt auf deutscher Seite einen Rückzug. Also schneidet man sich im Vorfeld alles zurecht, verhindert jeden Anlass des Entstehens einer Angriffsfläche und belässt sich die Option, nichts in dem eigenen Verhalten ändern zu müssen.

Frau Chatschadorian, wir danken für das Gespräch!

Axel Robert Göhring ist Biologe und freier Journalist.

*DITIB: Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e. V. ist ein eingetragener Verein  und ein bundesweiter Dachverband für die Koordinierung der religiösen, sozialen und kulturellen Tätigkeiten der angeschlossenen türkisch-islamischen Moscheegemeinden. Er untersteht der dauerhaften Leitung, Kontrolle und Aufsicht des staatlichen Präsidiums für Religiöse Angelegenheiten der Türkei, welches dem türkischen Ministerpräsidentenamt angegliedert ist

Lesetipp: https://diefarbedesgranatapfels.wordpress.com/about/

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