Gutmenschen greifen Schauspieler auf Bühne des Bochumer Theaters an

Bochum, Schauspielhaus: Bei der Premiere von „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ eskaliert das Publikum. Nach Buhrufen und „Halt die Fresse“-Rufen stürmen zwei Zuschauer auf die Bühne und gehen auf den Darsteller los – weil er den „Faschisten“ spielt.

picture alliance/dpa | Caroline Seidel

Die Probe aufs Exempel machte, laut Presse-Berichten, ungewollt das Bochumer Theater, das am 14. Februar das Stück „Catarina e a beleza de matar fascistas (Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten) des portugiesischen Autors Tiago Rodrigues in Deutschland uraufführte. Der Inhalt des Stückes ist laut Bochumer Theater wie folgt:

„In dieser portugiesischen Familie gibt es eine ungewöhnliche Tradition: Immer zum Jahrestag der Ermordung der Landarbeiterin Catarina Eufémia am 19. Mai 1954 durch Schergen der Diktatur wird ein Faschist getötet. Stets beginnt der Tag als wohlgelaunte Familienfeier und endet mit der Erschießung eines Delinquenten. Hier wird anscheinend Unrecht gerächt. Doch diesen Sommer rumort es in der Familie. Die jüngste Generation stellt infrage, was seit drei Generationen zelebriert wird. Eine Tochter lehnt als Veganerin neuerdings das Festmahl (Schweinsfüße nach Familienrezept) ab, während die andere das Ritual der Erschießung verweigert und bezweifelt, ob Gewalt überhaupt ein legitimes Mittel zur Verteidigung von Freiheit und Demokratie sein kann.“

Mit anderen Worten, die Familie besteht aus allen Schattierungen rotgrüner Gesinnung, sprich aus den Helden unserer Demokratie. Laut Henschel Verlag stellt das Stück die Frage: „Hat Gewalt im Kampf für eine bessere Welt einen Platz? Dürfen wir die Regeln der Demokratie verletzen, wenn wir nach besseren Wegen suchen, sie zu verteidigen?“

Diese Frage hat das rotgrüne Publikum in Bochum nun eindeutig mit „Ja“ beantwortet. Nicht wie in jedem Jahr gelingt die rituelle Ermordung des „Faschisten“, denn die jüngste Tochter, die an der Reihe wäre, für die Demokratie zu töten, verweigert den Mord. Die Mutter beschimpft daraufhin die Tochter als „Verrätertochter“. Über diesen eskalierenden Streit metzelt sich die Familie gegenseitig nieder und der gefangene „Faschist“ hält einen Monolog, den das woke Publikum wiederum nicht aushielt. Denn schon wurden Rufe aus dem Zuschauerraum laut, wie: „Halt die Fresse!“, „Nazis raus“ und die drängende Frage: „Wer schießt?“, was so klingt wie: Wer schießt denn nun endlich. Zwei Zuschauer stürmten den Berichten zufolge die Bühne und griffen den Schauspieler an, der den „Faschisten“ spielte.

Im Hochstalinismus der DDR mussten die Zuschauer im Kino, wenn in dem Spielfilm von einem Schauspieler verkörpert Stalin auftrat, sich von den Sitzen erheben und den Schauspieler, der jetzt Stalin war, beklatschen. In unserer Demokratie stürmen Zuschauer die Bühne, um den Schauspieler körperlich anzugreifen, der den „Faschisten“ spielt. Niemand weiß, was dem Darsteller, der laut einem Bericht unter Beifall des Publikums zuvor mit einer Orange beworfen wurde, noch widerfahren wäre, wenn das Ensemble nicht eingeschritten wäre. In einem Statement ließ das Schauspielhaus wissen: „Dass ein Schauspieler in Ausübung seiner künstlerischen Arbeit körperliche Angriffe erfahren musste, hat uns zutiefst erschreckt, wir erachten diese Übergriffigkeit als vollkommen inakzeptabel.“

Das sehen nicht alle so. Die Rheinische Post kann sich vor Beifall dafür kaum bremsen, wenn sie schreibt: „Aber ist es nicht gleichzeitig zu begrüßen, dass Theater Menschen derart bewegt, dass sie sich eben nicht mehr zusammenreißen mögen?“ Enthemmung für die gute Sache ist eben immer gut. Und kommt zu dem Schluss: „Ausgerechnet dem Bochumer Publikum, das sicher zum theatererfahrensten der Republik gehört, zu unterstellen, es sei ‚zu blöd‘, um zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden“, ist natürlich verfehlt, denn trotz Theatererfahrung: „Ertragen wollte es die Volksverhetzung auf der Bühne offenbar trotzdem nicht …“

Er ist wieder da: der gerechte Volkszorn. Das gesunde Volksempfinden, das nicht mehr diskutieren will, sondern handelt, um nicht diskutieren zu müssen, um nicht Vielfalt und Demokratie und Meinungsfreiheit ertragen zu müssen, und gern den Prozess abkürzt.

In unserer Demokratie haben anscheinend nur noch rotgrüne Meinungen das Recht, geäußert zu werden. Theater, Literatur und Medien reihen sich wohl ein.

Nennen wir es beim Namen: Er ist wieder da, der Stalinismus als Neo-Stalinismus – und er braucht keine Partei mehr, sondern nur noch diejenigen, die nicht mehr ertragen wollen, was nicht in ihr Weltbild passt.

Wohl nicht in unserer Demokratie, aber in einer ganz normalen bürgerlichen Demokratie, in der die Gewaltenteilung gilt, jeder Bürger vor dem Gesetz gleich ist, Meinungs- und Pressefreiheit und die Freiheit der Kunst garantiert und real ist, muss man andere Standpunkte ertragen. Wo man sie nicht ertragen muss, sondern handeln darf, ist man links wie rechts in einer Diktatur.

Das Problem beginnt früher. Die Diktatur beginnt dort, wo sich politische Kräfte, wo sich ideologisierte Gruppen selbstermächtigen, dass zur Durchsetzung ihrer Vorstellung von Welt jedes Mittel erlaubt ist. Das Problem beginnt, wo überhaupt der Grundsatz demokratischer Kultur im wörtlichen Sinn in Frage gestellt wird: „Hat Gewalt im Kampf für eine bessere Welt einen Platz? Dürfen wir die Regeln der Demokratie verletzen, wenn wir nach besseren Wegen suchen, sie zu verteidigen?“ Die Frage ist obsolet und atmet bereits den Geist des Totalitarismus, denn Gewalt hat schon aus einem einfachen Grund „im Kampf für eine bessere Welt“ keinen Platz, weil Gewalt kein Argument, sondern nur Zwang ist. Aus dem Zwang entsteht keine bessere Welt, sondern nur der Gulag für alle. Wenn die Aktivisten eine bessere Welt wollen, müssen sie dafür werben und eine Mehrheit bekommen, sie dürfen die Bürger nicht zwingen, sondern müssen sie überzeugen. Wer sagt, dass ihre bessere Welt auch die bessere Welt für ihre Mitmenschen ist? Sie selbst – und nur sie selbst sagen es sich. Was für ein beeindruckend komplexes Argument.

Wie viele Millionen Tote sollen Weltverbesserungsideen denn erneut kosten? Der Redakteurin der Rheinischen Post könnte, so scheint es, etwas Bildung nicht schaden. Um sie nicht zu überfordern, soll nur auf ein Werk verwiesen werden, Blättern genügt übrigens: „Das Schwarzbuch des Kommunismus“, herausgegeben von Stéphane Courtois.

Vieles mag kompliziert sein, aber das ist nun wirklich ganz einfach: Gewalt ist im Kampf für eine bessere Welt keine Option. Darüber kann es keine Diskussion geben, weil sonst keine Diskussionen mehr möglich sind. Genauso wenig wie Gewalt im Kampf für eine bessere Welt einen Platz hat, dürfen die Regeln der Demokratie verletzt werden, um die Demokratie zu verteidigen, weil wir sonst keine Demokratie mehr haben, sondern nur noch unsere Demokratie, die Diktatur der besseren Welt.

Das Stück selbst stellt die Radikalisierung des rotgrünen Diskurses dar, worauf mit rotgrüner Radikalisierung in Bochum geantwortet wurde. Man erträgt keine andere Meinung mehr, niemand darf sie mehr äußern. Man wehrt sich immer militanter, dass der eigene Kosmos durch andere Meinungen gestört wird, der eigene Gratismut, die selbstgerechten Träumereien mit der Realität konfrontiert werden. Was nicht in die eigene Welt passt, gehört verboten. Theater und Literatur sollen nur die eigenen Vorurteile bestätigen, so haben wir bald auch kein Theater und keine Literatur mehr.

Es ist doch immer wieder verblüffend, dass es die konsequenten Kämpfer gegen Hass sind, die am stärksten hassen.

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Kommentare ( 50 )

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alter weisser Mann
4 Minuten her

„Was wir hier in diesem Land brauchen, sind mutige Bürger, die die rotgrünen Ratten dorthin jagen, wo sie hingehören – in ihre Löcher.“
Franz Josef Strauß (mit Aktualisierung betr. verbundener Farben von mir)
Dank an Herr Martenstein, das wieder in Erinnerung gerufen zu haben.

Last edited 3 Minuten her by alter weisser Mann
WandererX
20 Minuten her

Heutzutage weiss man ja nicht, welche Ex- Steinzeitland- Bewohner die Bühne stürmen und dann den Dolch zu ziehen. SIe sollten schon wissen, wer da auf die Bühne ist, bevor sie verklemmt Allgemeinplätze lostreten.

Antaam
20 Minuten her

War das wirklich Zufall oder Absicht? Wurde welche engagiert, um genau diesen Zwischenfall zu erreichen? Ich traue unseren sogenannten Künstlern alles zu.

Haedenkamp
21 Minuten her

Als #Der Kommissar# mit Erik Ode in der Hauptrolle im ZDF lief, in den 60ziger und 70ziger Jahren, wurde der Schauspieler auf der Straße von Zuschauern angesprochen: „Bei mir wurde eingebrochen und die Polizei kann nichts machen, könnten Sie diesen Fall nicht übernehmen?“

Mike76
24 Minuten her

Wer braucht noch Schauspielhäuser und zahlt dort teure Eintritte? Es gibt doch den ganzen Tag 24/7 in unserer Buntenrepublik kostenlose Galavorstellungen aus Politik und Wirtschaft. Diesen Kulturbeitrag kann man sich wirklich sparen.

littlepaullittle
24 Minuten her

„Darüber kann es keine Diskussion geben, weil sonst keine Diskussionen mehr möglich sind.“
Weil eine Diskussion auch nicht mehr nötig ist. So denkt die Linke:
„UnsreGewalt“ ist etwas Gutes.
Aber, da man davon ausgehen kann, dass ein Grossteil des Ensembles eher ihre eigenen Schlächter wählt, ist es vielleicht ein kleiner Weckruf für die angefressenen Revolutionärinnen.
Vielleicht.

Danton
28 Minuten her

Das war ganz anders. Im Kommunismus darf ja niemand etwas besser können als alle anderen. Hat man ein Talent, wird man erschlagen. Und das war wohl das Verhängnis dieses Schauspielers. Der war so brillant das man ein Exempel an ihm statuiert hat. Ich hatte das schon bei Martensteins Rede kommen sehen. Aber da gab es bestimmt Security vor der Bühne.

Jack
30 Minuten her

Ein Jurist hat mal zu mir gesagt, es gibt Menschen die sind ein Fall für den Staatsanwalt und es gibt Meschen die sind ein Fall für den Psychiater. Dann gibt es noch die Schnittmenge, die sind ein Fall für den Staatsanwalt und für den Psychiater. Könnte es sein das die Schnittmenge wächst? Dazu empfehle ich noch den Text „Von der Dummheit‘ von D. Bonhoeffer.

Last edited 23 Minuten her by Jack
FriedrichLuft
31 Minuten her

Dabei ist es doch ganz einfach: „In guten Zeiten Kleist und Dante. In schlechten Zeiten Charleys Tante“ … dann klappt es auch mit dem Publikum.

MeHere
31 Minuten her

Wow – ich würde das „Schauspielhaus“ sofort schießen und in eine Asylantenunterkunft mit 3 Sternen XXL umbauen lassen .. besser angelegtes Geld als Zuschüsse für Volksverhetzung. Ob der dumme Pöbel, der da im Publikum saß bezahlt wurde oder von sich aus so aufgehetzt und blutgeil war, ist mir nicht bekannt. Eigentlich haben wir schon einen kalten Bürgerkrieg (ohne Waffen) – dank langjähriger Konditionierung und Volksverhetzung .. ich glaube die können die Antifanten eh schon nicht mehr vor losschlagen zurückhalten. Kommt es zum heissen Bürgerkrieg ? Frage: wo sind denn die ganzen NAZIS ? Zeigt sie mir bitte – ich kann… Mehr