Die Mahler Players wagen in Inverness den musikalischen Gipfelsturm: Mit zwei vollständigen „Parsifal“-Aufführungen in der Kathedrale zeigt das junge Orchester, was private Initiative auch fernab großer Kulturzentren leisten kann.
Foto: Mahler Players
Großbritannien verfügt nicht über eine Tradition subventionierter Opernhäuser mit eigenem Orchester und kontinuierlichem Spielbetrieb. Im Grunde gibt es nur fünf vollwertige Häuser – eines weniger als in Hessen allein –, und selbst diese decken nur einen geringen Teil ihrer Budgets mit öffentlichen Geldern ab. Umso wichtiger ist die Szene der vornehmlich privat finanzierten Festivals, deren bekanntestes vom englischen Landbesitzer und Musikliebhaber John Christie und seiner Frau, der Sopranistin Audrey Mildmay, bereits 1934 in Glyndebourne in der Grafschaft East Sussex, gegründet wurde.
Neben diesem weltberühmten Festival haben sich aber noch eine Reihe anderer, von privater Hand gegründeter Festivals etablieren können, die hierzulande jedoch kaum bekannt sind, etwa das Festival in Longborough in der Grafschaft Gloucestershire, die Garsington Opera in Buckinghamshire und die Grange Park Opera in West Horsley Place (Surrey). Schottland steht da etwas zurück, denn alle diese Festivalorte liegen in England. Das könnte daran liegen, dass Schottland eher ein Land der Schriftsteller ist, die dort sehr verehrt werden. Ihrem berühmtesten, Walter Scott, haben sie in Edinburgh ein über sechzig Meter hohes Denkmal errichtet, das sogar die St.-Giles-Kathedrale überragt.
Aber auch dort verzeichnet man interessante private Initiativen zur Förderung einer musikalischen Kultur. Eine der wichtigsten, die zwar noch weit entfernt davon ist, einen Festival-Charakter anzunehmen, ist sicherlich durch die Konzertaktivität der Mahler Players gegeben, einem Orchester, das im Jahr 2013 vom jungen schottischen Dirigenten Tomas Leakey im hohen Norden der Insel gegründet wurde, der mit dem Dirigieren an der Cambridge-University begonnen hatte. Das überwiegend mit professionellen Musikern besetzte Orchester hat kürzlich einen erstaunlichen musikalischen Gipfel beschritten, indem es zwei vollständige, konzertante Aufführungen des „Parsifal“ in der Kathedrale von Inverness zur Aufführung brachte. Leakey hat das Orchester systematisch auf diese Herausforderung vorbereitet, indem er in den Jahren zuvor einzelne Akte von Wagners Musikdramen zur Aufführung brachte, darunter auch den zweiten und den dritten Akt des „Parsifal“.
Dabei arbeitete das Orchester mit namhaften Solisten wie John Tomlinson, Magdalena Anna Hofmann, Peter Wedd, Lee Bisset und Brad Cooper zusammen. Zudem hat Leakey mit dem Orchester eine bemerkenswerte CD mit Matthew Kings im Jahr 2021 komponierter Sinfonie „Richard Wagner in Venice: A Symphony“ sowie dem „Siegfried-Idyll“ aufgenommen. In der Sinfonie werden viele von Wagners späten Skizzen, die zum Zeitpunkt seines Todes im Jahr 1883 unvollendet blieben, erstmals zum Leben erweckt. Sie waren bis heute außerhalb von Fachkreisen weitgehend unbekannt. Das Orchester war also mit Wagners Musiksprache bereits sehr vertraut.
Daraus resultierten nun zwei beeindruckende Aufführungen des gesamten „Parsifal“, die demonstrierten, in welchem Maße Leakey das Werk Richard Wagners mittlerweile durchdrungen hat, und wie effektiv er begrenzte Ressourcen einsetzen kann. Hier und da mussten in der Partitur Übergänge verlängert werden und Passagen leicht auf einen kleineren Chor angepasst werden. Diese Anpassungen, die vom renommierten Komponisten Matthew King vorgenommen wurden, waren jedoch geringfügig und fielen nur den Kennern unter den Zuhörern auf.
Auch der Kreis der Solisten, die Leakey für den „Parsifal” gewinnen konnte, war erlesen. Für die Rolle des Amfortas konnte der in Deutschland bekannte Bariton Thomas Weinhappel gewonnen werden, der über eine sowohl melodische als auch kräftig-ausdrucksstarke Stimme verfügt. Seine „Erbarmen-Rufe“ hatten nicht nur das erforderliche Gewicht, sondern auch die emotionale Tiefe, die aus seinem edel und hervorragend einstudierten Monolog im ersten Aufzug resultierte. Ein bemerkenswertes Rollendebüt! Er wird sie bald auch an renommierten europäischen Bühnen singen – daran kann kein Zweifel bestehen. Die schwere Rolle der Kundry übernahm Almerija Delic, die seit der Saison 2018/2019 zum Ensemble des Staatstheaters Nürnberg gehört. In der ersten Aufführung lieferte sie ebenfalls eine faszinierende Darstellung, die zeigte, dass auch sie die Rolle durchdrungen hat. In der zweiten Aufführung konnte sie diese erstaunliche Leistung jedoch nicht ganz wiederholen. Allerdings hatte sie noch am Vortag noch einen Auftritt in Nürnberg und kam erst wenige Stunden vor der Aufführung in Inverness an.
In der Titelrolle überzeugte Julian Hubbard, der diese Rolle zuvor bereits mehrfach an bekannten europäischen Opernhäusern übernommen hatte. Der in Deutschland ebenfalls sehr bekannte Bariton Renatus Mészár blieb in der Rolle des Klingsors nichts schuldig. Das war Gesang auf allerhöchstem Niveau, wie man ihn auch in Bayreuth gerne hören würde. Auch die kleineren Rollen waren glänzend besetzt: die drei Blumenmädchen Catriona Clark, Jessica Leary und Laura Margaret Smith etwa, die allerdings alle sechs Partien abdecken mussten, ebenso wie Sion Goronwy als Titurel oder Barbara Scott als Stimme aus der Höhe. Gleiches gilt für die beiden Ritter Matthew Kimble und Jim MacPherson sowie die Knappen.
Eine besondere Würdigung gebührt John Tomlinson in der Rolle des Gurnemanz. Für den Rezensenten ist er der herausragende Gurnemanz der letzten Jahrzehnte. Angesichts seines Alters – im September wird er achtzig Jahre alt – muss seine Leistung in Inverness als phänomenal bezeichnet werden. Im Gegensatz zu anderen Sängern, die in dieser Rolle gefeiert werden, verfügt Tomlinson über die erforderliche tiefe Bassgrundierung. Zwar wird seine Stimme in den vergleichsweise seltenen hohen Lagen brüchig, doch nimmt man dies bei diesem Ausnahmesänger gerne in Kauf, da er das Publikum mit seinen Reichtümern in den tiefen Registern immer noch zu beschenken weiß. Dazu zählt auch die außergewöhnlich verinnerlichte Darstellung der Rolle. Er lebt förmlich für die Kunst und den Augenblick, in dem diese zum Erlebnis wird. Und diese Ernsthaftigkeit, diese bedingungslose Hingabe an das musikalische Werk, übertrug sich an diesem Abend auf alle Beteiligten. Man könnte beinahe von einer halbszenischen Aufführung sprechen, denn auch die Bühnenbewegungen und Dialoge waren szenisch durchgestaltet. Diese wurden zwar von King und Leakey sorgfältig einstudiert, doch war zu spüren, wie viel die Darsteller selbst einbrachten.
Selbstverständlich können sich die Mahler Players nicht mit den Spitzenorchestern messen. So gab es hier und da Ungenauigkeiten, vor allem in den Bläsern. Ein solcher Anspruch wäre allerdings vermessen. Bemerkenswert war jedoch der reiche, volle Klang, den Leakey aus dem vergleichsweise kleinen Orchester herauszukitzeln vermochte. Dazu trug sicherlich auch die hervorragende Akustik der Kathedrale von Inverness bei.
Die Stadt Inverness liegt einzigartig am Rande der Highlands in einem fruchtbaren Flusstal an einer geschützten Meeresbucht und ist von Bergen umgeben. Mit ihrer reichen Geschichte ist sie auch bei Touristen sehr beliebt. Von Edinburgh aus erreicht man Inverness, das nicht weit vom berühmten Loch Ness entfernt liegt, bequem mit dem Zug. Die Fahrt dauert etwas mehr als drei Stunden und führt teilweise durch die Highlands. Unterwegs passiert man viele kleinere Orte, die aus der Literatur bekannt sind, wie die in Macbeth erwähnten Wälder von Birnam. Die nächsten Konzerte der Mahler Players finden am 19. und 20. September in der Kathedrale von Inverness bzw. im Pavillon des nahegelegenen Strathpeffer statt. Auf dem Programm stehen Auszüge aus Mendelssohns „Sommernachtstraum” und Brahms‘ zweite Sinfonie. An Ostern 2027 soll dann auch noch einmal der „Parsifal” aufgeführt werden. Es wäre eine Reise wert.

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