Sendet die Tagesschau Propaganda der Mullahs? Eine Spurensuche

Die exklusive Recherche von Katharina Schmieder wirft neue Fragen zu einem Tagesschau-Beitrag aus Teheran auf. Mehrere Details der Darstellung bleiben erklärungsbedürftig und nähren Zweifel an Einordnung, Umfeld und Entstehung der gezeigten Szenen.

Screenprint: ARD/Tagesschau

Am Ostermontag, den 6. April, strahlte die Tagesschau in der 20-Uhr-Ausgabe einen Bericht über eine Iranerin in Teheran aus. Dieser wurde in gekürzter Fassung im Morgenmagazin wiederholt. Die Protagonistin schildert, dass sie zurückgezogen in ihrer kleinen Kellerwohnung leben würde. Sie sei sehr besorgt wegen der Bombardierungen und gehe nur noch vor die Tür, um ihren Hund Gassi zu führen.

Bei der Protagonistin handele es sich laut Tagesschau um eine 45-jährige Lehrerin einer Privatschule, die aber wegen des Krieges derzeit nicht arbeiten würde. Später zückt sie ihr Mobiltelefon und scrollt in einem Messenger. Angezeigt wird ein Post von Donald Trump, der vermutlich aus „Truth Social“ stammt, seinem sozialen Netzwerk. Die Protagonistin erklärt, dass sich Trump auf eine sehr herablassende Weise über die iranische Bevölkerung äußern würde. Dies mache sie sehr wütend. Sie bezieht sich auf die Androhung Trumps von Bombardements, sollte der Iran die Straße von Hormus weiter blockieren.

Skeptische Posts in sozialen Netzwerken

Der Beitrag erzeugte gleich nach seiner Ausstrahlung in der Summe seiner vielen Unstimmigkeiten ein massives Störgefühl und befeuerte Spekulationen und Vorwürfe der Zuschauer in sozialen Netzwerken. Zahlreiche Exil-Iraner äußerten, dass es sich bei dem Tagesschau-Beitrag um Propaganda des iranischen Regimes handeln könne. Die Protagonistin werde bewusst westlich inszeniert, um Nähe und Sympathie beim deutschen Publikum zu erzeugen, kommentierten die Nutzer. Die Botschaft laute, Trump ist der Feind und nicht das Mullah-Regime, welches über Jahrzehnte die Menschen, insbesondere die Frauen, brutal unterdrückt hat.

Die ARD erklärte später, dass der Beitrag aus dem Studio Teheran stamme und dieser sorgfältig nach journalistischen Standards produziert worden wäre.

Eine Überprüfung der angezweifelten Details des Beitrags zeigt, dass die Erzählung der Tagesschau weiterhin viele Fragen aufwirft.

Der Internet-Blackout

Viele Nutzer fragen sich, wieso hat ausgerechnet diese Lehrerin Zugang zum Internet. Wegen des Internet-Blackouts seit dem 28. Februar ist der ungehinderte Zugang ins Netz derzeit nur Funktionären des Regimes vorbehalten. Die Bevölkerung kann lediglich staatlich genehmigte Inhalte nutzen.

Dieser Umstand wird im Beitrag nicht thematisiert oder klargestellt, welche Inhalte bzw. Apps die Protagonistin abruft. Eine Recherche zeigt, dass die Lehrerin offenbar den „Bale“-Messenger nutzt. Die App gehört zum „Nationalen Internet“ im Iran, die von Behörden empfohlen wird. „Bale“ wird als Messenger und für Finanztransaktionen genutzt. Die App funktioniert auch während Ausfällen. „Bale“ ist staatlich kontrolliert und somit kann Kommunikation mit dem Ausland eingeschränkt werden.

Die Wohnung

Zahlreiche Nutzer wunderten sich, dass der Einrichtungsstil nicht wirke, als würden diese Räumlichkeiten von einer ganz normalen Frau aus dem Volk bewohnt. Die dunklen, stark abgenutzten Möbel erinnern eher an eine Junggesellenbude. Auffällig sind die E-Gitarren, die an der Wand drapiert sind. Im Hintergrund lehnt ein Koffer eines Musikinstrumentes an der Wand, daneben ein Trolley.

Zudem bemerkten Nutzer, dass es sich bei der Tür, die eingangs zum Beitrag im Bild zu sehen ist, nicht um eine übliche Wohnungstür handeln würde, sondern eher um eine Spezialanfertigung, wie sie in „Safe Houses“ verbaut würden. Ebenso wäre es üblich, dass in der Wohnung einer Lehrerin ein Schreibtisch, Rechner und Bücher zu finden wären – doch Derartiges taucht im Beitrag nicht auf.

Der Hund „Kiko“

Im Mai 2019 berichtete der ARD-Weltspiegel darüber, dass Hunde aus der iranischen Öffentlichkeit verbannt wurden. Werden Hundehalter beim Gassigehen erwischt, können die Tiere konfisziert werden. Der aktuelle Tagesschau-Beitrag verliert keine Silbe darüber, dass Hunde „haram“ sind, also als schmutzige Tiere im Islam gelten. Dass im Iran eine kurze Runde im Park mit Hund nicht ganz unproblematisch verlaufen kann, wird ebenfalls nicht thematisiert. Das ließ einige Tagesschau-Zuschauer zusätzlich stutzig werden.

Weiße Terrier scheinen überaus beliebt bei den Iranern. So tauchte ein sehr ähnlicher Hund in einem Propaganda-Clip auf. Ebenso als die Süddeutsche Zeitung im August 2022 über ein Gassigehen-Verbot berichtete, zeigte das Titelfoto einen weißen Terrier.

Eine Spurensuche führt in die Rocker-Szene

Im November 2019 nimmt die Protagonistin an einem Treffen mit iranischen Musikern teil. Zu diesem Zeitpunkt trägt sie ein Kopftuch, das die vordere Haarpartie frei lässt. Die anderen Frauen in der Runde verzichten auf jede Form der Haarbedeckung.

In dem Tagesschau-Betrag trägt die Protagonistin ihr Haar zu einem strengen Knoten gebunden und sie zeigt sich durchgehend ohne Kopftuch, auch beim Gassigehen mit ihrem Hund in der Öffentlichkeit.

Der Instagram-Account oben gehört iHT, einer Organisation aus der Musik-Szene. iHT ist ein Label, welches Konzerte organisiert und Künstler aus der Rock- und Rapszene promotet. Handelt es sich bei der Wohnung, in der gedreht wurde, um einen Proberaum? Ist die Wohnung eine Art privater Club oder ein Treffpunkt für die Musikszene? Dies würde wiederum die vielen E-Gitarren an der Wand und weitere Hinweise auf Musikinstrumente und den eher unpersönlicheren Charakter erklären, der von Räumlichkeiten ausgeht, die von vielen Menschen genutzt werden.

In dem Raum gibt es zahlreiche Sitzmöbel wie Stühle, Hocker und ein Sofa. Für eine Single-Wohnung erscheint das etwas überdimensioniert. Falls der Raum aber von mehreren Musikern genutzt wird, die zusammen spielen wollen, wäre die Ausstattung passend. Auch die lose an der Wand lehnende Matratze fügt sich in dieses Bild, falls diese nach langen Probenächten für eine provisorische Übernachtungsmöglichkeit genutzt wird.

Die Sofa-Füße bestehen aus Blöcken, auf denen das Logo „5grs“ steht. Es ist das Logo einer Trash-Metal-Band. Der Instagram-Account der Band ist auf dem Gruppenfoto verlinkt, auf dem die Protagonistin mit Hijab abgebildet ist.

Falls der Raum von Musikern genutzt wird, würde dies wiederum auch die massive Tür erklären. Ein iranischer Anbieter für Türen bietet ein sehr ähnliches Modell an. Oftmals werden diese Art von Türen als eine Kombination vor Diebstahl und Lärm vermarktet, da diese über eine mehrlagige Isolierung und einen Stahlkern verfügen.

Störgefühl der Tagesschau-Zuschauer

Die Spurensuche zeigt, dass die Tagesschau wichtige Details nicht erwähnt oder erklärt hat. Es wäre wünschenswert und wichtig gewesen, dass die Macher in diesem Kontext ein, zwei Sätze zu den aktuellen Nutzungsmöglichkeiten des Internets gebracht hätten. Beispielsweise, dass die Protagonistin den staatlichen Messenger nutzt, weil andere Apps nicht funktionieren.

Ebenso, dass der Beitrag offenbar nicht in ihrer Wohnung, sondern in einem Proberaum gedreht wurde. Interessant wäre auch gewesen, wie Hundehalter ihren Alltag im Krieg oder generell bestreiten, wenn Gassigehen in der Öffentlichkeit seit Jahren unerwünscht ist. Beiträge dieser Machart tragen keineswegs dazu bei, das erodierte Vertrauen in ARD & ZDF wiederherzustellen.

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Kommentare ( 4 )

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OJ
18 Minuten her

Die Tagesschau und die Mullahs: Was für ein Zufall – beide hassen Kritik, beide nennen Zweifel ‚Verschwörungstheorien‘.
Der einzige Unterschied:
Die einen zahlen mit Gebühren, die anderen mit Steinigung.
Hauptsache, der ÖRR liefert weiter Bilder aus Teheran, die sich wie bestellt lesen.
Nächste Woche: Sondersendung zum Friedensnobelpreis für die Revolutionsgarde❗

Last edited 17 Minuten her by OJ
Mausi
26 Minuten her

Tagesschau: Die erste Adresse für Nachrichten und Information. In D berichtet die Tagesschau nicht über das, was nur von regionalem Interesse ist, aber diese Dame mit Hund in einer Kellerwohnung und mit Internet, die ist natürlich mit ihrer Meinung über Herrn Trump Nachricht und Information. Und diese Meinung ist sogar über die Region in D Nachricht und Information. Und mal überlegen: Würde die Tagesschau in gleicher Art und Weise einen sorgfältig nach journalistischen Standards produzierten Bericht aus dem Studio Berlin zeigen über einen Mann in einer Souterrainwohnung in D, der sich über einen unsererPolitiker auslässt? Da keiner mehr erkennt, was… Mehr

Last edited 24 Minuten her by Mausi
Haba Orwell
1 Stunde her

> Zahlreiche Nutzer wunderten sich, dass der Einrichtungsstil nicht wirke, als würden diese Räumlichkeiten von einer ganz normalen Frau aus dem Volk bewohnt. Die dunklen, stark abgenutzten Möbel erinnern eher an eine Junggesellenbude.

Viele Leute aus dem Volk können sich keine neuen schicken Möbel leisten oder sind einfach an alte gewöhnt. Ich habe auch diverse abgenutzte Möbel daheim (lieber spare ich fürs Rentenalter oder Reisen). Soll das irgend etwas beweisen?

Erstaunlich, was man in manchen Gegenden Westeuropas für Enthüllungsjournalismus hält.

Haba Orwell
1 Stunde her

> Sie sei sehr besorgt wegen der Bombardierungen

Plausibel, wenn man gerade bombardiert wird – das ist Propaganda? Trump erzählte hingegen mal sogar, die Iraner würden sich wünschen, bombardiert zu werden, wie absurd es auch klingen mag.