NDR wirft dem „Stern“ vor: Holocaust sollte verharmlost werden

Die „Hitler Tagebücher“ gelten als peinlichste Fake News der Bundesrepublik. Doch der „Stern“ hat nicht nur journalistisch total versagt. Der Fälscher hat die Verbrechen des Nationalsozialismus geringer erscheinen lassen wollen – und war in die Nazi-Szene verstrickt.

IMAGO / Thomas Frey

Das Bild vieler Deutschen über die „Hitler Tagebücher“ hat der Film „Schtonk“ geprägt. Uwe Ochsenknecht gibt darin einen triebigen und geschäftstüchtigen Fälscher und Götz George einen ebenso schmierigen wie eigentlich dummen Journalisten. Doch so cineastisch gelungen und unterhaltsam der Film auch ist, so falsch könnte das Bild sein, das er vermittelt. Denn der NDR hat nun die Affäre aus dem Jahr 1983 untersucht und System im Vorgehen des Sterns entdeckt.

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Wie der NDR mitteilt, lag ihm eine Kopie der 60 Bände der vermeintlichen „Hitler-Tagebücher“ des Fälschers Konrad Kujau vor. Die mühsam zu lesende Handschrift habe der Sender nun über Künstliche Intelligenz übersetzen lassen. Das Ergebnis habe der Historiker Professor Hajo Funke von der Freien Universität Berlin untersucht. Der NDR verspricht: „Damit wird erstmals in vollem Umfang deutlich, in welcher Absicht die Fälschungen verfasst wurden und wie der Stern bereit war, die NS-Geschichte neu zu deuten und zu verharmlosen.“

Bekannt und zugänglich waren die Texte der gefälschten „Tagebücher“ allerdings schon lange. Die Bild-Zeitung dokumentierte und analysierte sie schon 2013. Auch damals waren schon Stellen aufgefallen, wo Kujau-Hitler offenbar humaner erscheinen soll, etwa, wenn er „SA-Angehörige“ aus der Partei ausschließen lassen will, weil sie „Marxisten“ misshandelten.

Funke sieht darin mehr als das Schelmenstück eines Kleinkriminellen und eines skrupellosen Stern-Journalisten: Es sei ein „klarer Akt von Geschichtsfälschung“, ein „Ausdruck von Holocaustleugnung“. Ebenfalls an der jüngsten Forschung war die Historikerin Heike Görtemaker beteiligt, sie erkennt in den Hitler-Tagebüchern des Sterns eine „massive historische Umdeutung“. Der Stern habe öffentlich ein neues Bild vom Massenmörder zeichnen wollen: „Der fiktive Hitler (des Sterns) hat mit nationalsozialistischen Gewaltverbrechen nichts zu tun. Er ist sogar derjenige, der versucht, andere seiner Parteigenossen im Zaum zu halten.“

Der Fälscher Konrad Kujau und der Stern hätten ein Bild zeichnen wollen von einem Adolf Hitler, der sich für die Juden einsetzt. Auf eine besonders bösartige Stelle weist der NDR in seiner Pressemitteilung hin. Am 20. Januar 1942 schreibt Kujaus Hitler in sein vermeintliches Tagebuch: „Erwarte die Meldungen der Konferenz über die Judenfrage. Wir müssen unbedingt einen Platz im Osten finden, wo sich diese Juden selbst ernähren können.“ Am 20. Januar 1942 tagten am Wannsee hochrangige Vertreter des NS-Reichs und beschlossen die „Endlösung der Judenfrage“, was eine Chiffre ist für den systematischen Mord an den Juden Europas. Kinder, Frauen, Männer, Kranke, Gesunde, Alte, Junge – jeden Einzelnen.

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In weiteren Zitaten, die der NDR übersetzen ließ, stellt sich der Kujau-Hitler die Fragen, was nur mit den Juden werde, ob er sich wohl selbst darum kümmern müsse und wie weit der Himmler bisher sei. Am 11. Januar 1945 will dann Kujaus Hitler sogar das Fazit gezogen haben: „Nun sehe ich das ich mit den Juden viel zu human umgegangen bin.“ Angesichts des Ausmaßes des Völkermordes an Geschmacklosigkeit nicht zu überbieten – und vom Stern ursprünglich für die Veröffentlichung vorgesehen. Ekelhaft.

Der Stern wäre heute gerne ein Frontläufer der woken Bewegung, sieht sich als Flaggschiff des Haltungs-Journalismus. Zu seiner Vergangenheit als Verbreiter der größten und dümmsten Fake News der bundesrepublikanischen Geschichte schweigt das Haus heute brüllend laut. Damals, 1983, tönte der Stern: „Die Geschichte des Dritten Reiches wird in großen Teilen neu geschrieben werden müssen.“ Vom linken Vorzeigeblatt. Im Sinne der extremst extremen Rechte.

Der NDR deckt auch Hintergründe der mittlerweile selbst historisch gewordenen Figur Kujau auf. Demnach habe der Lieferant des Sterns Kontakte bis ins Umfeld des Neonazi-Führers Michael Kühnen gehabt. Seine Initiative, sich an den Stern zu wenden, sei aus einer Diskussion innerhalb der Szene hervorgegangen, darüber, wie einfach es sei, historische Dokumente zu fälschen. Ermittlungsansätze damals gaben Hinweise, wie sehr Kujau wohl in die Nazi-Szene jener Tage verstrickt gewesen war – doch das hätten die Medien seinerzeit totgeschwiegen. Die Konkurrenz, die auf eine Ente hereinfällt, war für sie offensichtlich eine Story – das linke Vorzeigeblatt mit rechtem Dreck am Stecken aber nicht.

Die vollständige Recherche war Thema in „Reschke Fernsehen“, am Donnerstag, 23. Februar, ab 18 Uhr, und um 23.35 Uhr in Das Erste, in der ARD Mediathek zu sehen.

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Kommentare ( 9 )

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Herr Fuchs
11 Monate her

wen interessieren die trottel vom zwangsfernsehn und warum muss immer wieder darüber berichtet werden?
mir kommt es langsam so vor als würde dieser mist trotz allem fleißig geschaut und grünecduspdfdplinke gewählt anstatt mit diesen dummheiten mal wirklich aufzuhören und endlich mal etwas anders zu machen.

ahgee
1 Jahr her

Auweia, da ist dem geehrten Herrn Thurnes jetzt aber ganz schön was durcheinandergeraten. a) Der „Stern“ hätte nach Abklingen des Scoops sicherlich Hitler eine für die Täuschung der Nachwelt gedachte beschwichtigende Darstellung seiner Anteile an den Verbrechen bescheinigt. b) Herr Kujau war primär genialer Fälscher und hat sicherlich der „Szene“, zu deren Angehörigen er jetzt erklärt wird, aus Erwerbstrieb und zur Selbstbelustigung diverse Devotionalienfälschungen verkauft. Um in diesem Komplex seine „Credibility“ zu wahren, hat er der Szene dann via „Stern“ „Tagebücher“ serviert, die der dort wie auch in der Bevölkerung vertretenen Auffassung Nahrung gaben, der „Führer“ hätte von den Verbrechen… Mehr

Nicht Hilfreicher
1 Jahr her

In den Achtzigern hätte es für solch bahnbrechende Rechercheergebnisse noch eine schöne Prämie aus Ost-Berlin gegeben.
Und vom NDR eine Gehaltserhöhung für anerkennende Erwähnung im Schwarzen-Kanal.

Andreas aus E.
1 Jahr her

Hm, ich vermag da keinen Informationswert erkennen. Kujau ist tot, Kühnen auch, daß es diverse Überlegungen zur „Endlösung der Judenfrage“ gab ist unbestritten (etwa den „Madagaskarplan“, Bolivien und natürlich Palästina), die Goebbels-Tagebücher gibt es auch, so wirklich sensationell wären die „Hitler-Tagebücher“ wohl selbst dann nicht gewesen, hätte es sich nicht um Fälschungen gehandelt. Da waren die Herren beim „Stern“ wohl einfach scoopversessen totalbesoffen und hofften auf einen Volltreffer (weshalb ja nichtmal die Initialien auf den Deckeln der Bücher aufgefallen waren) Und wenn ich nun lese: „NDR mitteilt, lag ihm eine Kopie der 60 Bände der vermeintlichen „Hitler-Tagebücher“ vor. Die mühsam… Mehr

Ich bin RECHTS
1 Jahr her

Kujau-Hitler: Am 11. Januar 1945 will dann Kujaus Hitler sogar das Fazit gezogen haben: „Nun sehe ich das ich mit den Juden viel zu human umgegangen bin.“ Hitler (politisches Testament): „….dann auch jenes Volk mit zur Verantwortung gezogen werden wird, das der eigentlich Schuldige an diesem mörderischen Ringen ist: Das Judentum! Ich habe weiter keinen darüber im Unklaren gelassen, dass dieses Mal nicht nur Millionen Kinder von Europäern der arischen Völker verhungern werden, nicht nur Millionen erwachsener Männer den Tod erleiden und nicht nur Hunderttausende an Frauen und Kindern in den Städten verbrannt und zu Tode bombardiert werden dürften, ohne… Mehr

Axel Kostner
1 Jahr her

Warum um alles in der Welt sollte man einem Lügen, Halbwahrheiten und Staatspropaganda verbreitenden Medium wie dem öffentlich-rechtlichen NDR bei der Neuinterpretation der Geschichte um die gefälschten Hitler-Tagebücher Glauben schenken?
Wenn die links-grünen Haltungsmedien gegenseitig aufeinander losgehen: Hervorragend! Aber dem Staatsfunk und ausgerechnet einer Sendung wie „Reschke Fernsehen“ auch nur einen Hauch Seriosität andichten zu wollen, ist vollkommen absurd.

Andreas aus E.
1 Jahr her
Antworten an  Axel Kostner

Allerdings. Da hat wohl irgendwer eine Rechnung mit dem ohnehin längst verglühtem „Stern“ offen. Besonders vergnüglich auch das mit der „künstlichen Intelligenz“. Also, was schwerleserliche Schmierschrift betrifft, wird jeder Lehrer in einfacher Sprache erläutern können, und zum Erscheinungszeitpunkt der „Hitler-Tagebücher“ wird es auch ganz sicher noch haufenweise philologisch halbwegs bewanderte Deutschlehrer gegeben haben, welche deutsche Schreibschrift mehr oder minder flüssig lesen können. Ich kam mit den Auszügen, welche ich davon gesehen hab, jedenfalls klar, da bedarf es keiner „künstlichen Intelligenz“ zu, allenfalls eine Lesebrille ist hilfreich, aber es galt dem Reschkefernsehen wohl darum ein modisches „Buzzword“ einzubauen, um dem Artikel… Mehr

Harry Charles
1 Jahr her

DIE JOURNALISTISCHE INKOMPETENZ

des Stern wurde auch immer schon verharmlost. Und zum NDR: Mann, sind die schnell. Es sind ja auch erst 40 Jahre her, seit die Schickelgruber-Tagebücher veröffentlicht wurden.

Vau8
1 Jahr her

Frau Reschke wird sich freuen über so viel Werbung von unerwarteter Seite.