Maischberger: Scheitert Merkel?

Für Merkel sind mehr Unionsgegner als Anhänger. Ob das für eine weitere Kanzlerschaft reicht, ist nach Maischberger auch nicht klarer. Aber die verdrehten Fronten wurden gut sichtbar.

Politisch ist Merkel gescheitert, als Kanzlerin mangels personeller Alternative noch nicht. Zweitem in dieser Diagnose von Wolfgang Herles stimmten mehrere zu, auf erstes ging niemand ein: Auch nicht auf seinen Befund, Merkel passe in keine Partei – und damit in fast jede – , Merkel sei unpolitisch und in einem politischen Vakuum in ihre Rolle gerutscht.

Die rituelle Gesäßverortung sitzt

Jürgen Trittin, dessen Typus Altlinker bei den Grünen ausstirbt, hat zu Herles‘ Merkel-Skizze nicht geschwiegen, weil ihm das zu intellektuell wäre. Das gilt auch für Markus Feldenkirchen vom SPIEGEL. Die beiden stecken wie praktisch alle der Gattungen Politiker und Politik-Journalisten im Gehäuse der politischen Klassifizierungen und ritualisierten Gesäßverortungen fest.

Trittin findet „amüsant“, dass die schärfste Kritik an Merkel aus den eigenen Reihen kommt. Julia Klöckner wirft er zu, dass sie sich da natürlich nichts anmerken lassen dürfe, wo sie doch an der Nachfolge der Kanzlerin arbeite. Klöckner hat den unschätzbaren Vorteil, dass sie immer derart strahlend lächelt, als würde sie gerade zur rheinland-pfälzischen Weinkönigin ausgerufen. Wie Merkel redet sie Probleme schön, aber mit ihrem Lächeln strahlt Klöckner Zuversicht aus, während Merkels Gesicht immer mehr zur traurigen Maske gerinnt, die Raute, welche ihre Hände bilden, sozusagen ins Gesicht wandert.

David Brendels vom „Konservativen Aufbruch“ innerhalb der CSU erinnert mich nicht nur wegen der gut gegelten Haare an Karl-Theodor von und zu Guttenberg. Über den zornigen jungen Mann fallen Trittin und Feldkirchen mehr her, als seine schiefen Äußerungen über einen Zusammenhang zwischen den Pariser Anschlägen und der ungeordneten Migration verdienen. Da ist er, der politisch korrekte Reflex: drauf auf alles, was rechts ist. Eine Steilvorlage für Klöckner, an Linksradikalismus zu erinnern und abwägende Worte des Verständnisses zu placieren. Herles lächelt, sein Gesicht sagt, ach Leute, immer dieselbe Leier.

Kein Plan. Schon wieder nicht

Maischberger spielt Bilder aus Österreich und Frankreich ein. Markige FPÖ-Sprüche und der Front National, der sich von „Kaiserin Merkel“ nichts sagen lässt. Fördert Merkel die AfD und den rechten Rand in Europa? Merkel hat die fast schon tote AfD reanimiert mit ihrer falschen Flüchtlingspolitik, die nicht erst im September begann, sagt Herles: Ein Einwanderungsgesetz hätte es schon seit vielen Jahren geben müssen. Aber Merkel habe eben nie einen Plan. Feldenkirchen meint, natürlich lasse „Merkels moderne Politik der Mitte“ rechts wie links der Union Platz. Klöckner fragt Trittin, welchen Anteil die Grünen mit ihren abstrusen Positionen am Erstarken der AfD hätten. Der keilt zurück, Klöckner habe mit ihrer Forderung eines Burka-Verbots das Thema für die AfD hoffähig gemacht. Na also, willkommen im Du-bist-schuld-du-bist-noch-mehr-schuld-Ritual, das die Zahl der Nichtwähler erhöht.

Von Eiskönigin zu Mutter Teresa – und zurück?

Bilder lügen nicht. Nur der Umgang mit ihnen ist nicht immer ehrlich.
Flüchtlingsmädchen und Kanzlerin: Über Filmschnitt, Rollenbilder und beflügelte Empörungskultur
Einspielung der Szene Merkel mit dem Mädchen Reem, in der sie sagt, abertausende aufnehmen, denen es ging wie dir, das können wir auch nicht schaffen. Dann wenig später Merkels Auftritt: „Wir schaffen das.“ Feldenkirchen interpretiert den Widerspruch zwischen den beiden Statements weg, das brächte der Regierungssprecher so gut nicht zustande. Feldenkirchen sagt, „hier ist ein innerer Antrieb erkennbar.“ Den Mann vom Konservativen Aufbruch, der dazwischen ruft, bescheidet er, Merkels Grenzöffnung sei kein Rechtsbruch. Ich verstehe: Wenn Merkel tut, was Feldenkirchen und Trittin gut finden, hat sie eine Überzeugung. Wenn Merkel demnächst (oder jetzt schon in kleinen Dosen) ihre Migrationspolitik wieder einkassiert, folgt sie populistischen Stimmen. Eine Wende Merkels will Feldenkirchen nicht ausschließen. Herles: Im Politik-müden Deutschland wurde Merkel die Mutti, die es schon richtet. Doch nun ist der Geist aus der Flasche, Willkommenskultur UND Begrenzungskultur, das kriegt sie nicht hin. Mit Überzeugung hat das gar nichts zu tun, sagt Herles, sondern mit Handwerk: Merkel kann einfach nicht kommunizieren. Das gehört nicht zum Parteien-Bekriegungs-Ritual, also geht niemand darauf ein.

Dann geht es doch um die Frage, die ich für die entscheidende halte. Was passiert mit der deutschen Parteienlandschaft, wenn die Unions-Kanzlerin von den Nicht-Unionlern so viel mehr unterstützt wird als von den Eigenen? Denn von den Wählern, die bisher grün und rot gewählt haben, werden Trittins und Feldenkirches Worte ja keine zur Union treiben. Die Parallele von Schröders Agenda 2010 und dem Entstehen der Linkspartei damals und Merkels Flüchtlingspolitik und dem Schub für die AfD heute steht im Raum. Der Beginn der AfD mit der Eurokrise bleibt unberührt. Feldenkirchen: Ja, die Parteien machen einen zu ähnlichen Eindruck. Herles: Merkel hat die CDU nicht sozialdemokratisiert, sondern entpolitisiert.

Halt, das gehört schon wieder nicht zum gängigen Klapperhandwerk. Da könnte ja jeder kommen. So haben wir das noch nie gemacht.

Herles plädiert für die Begrenzung auf acht Kanzlerjahre und verweist auf die jedesmal enttäuschende dritte Kanzlerschaft von Adenauer bis Merkel. Kein Widerspruch, kein Interesse. Was passiert, wenn alle drei Landtagswahlen am 13. März 2015 in die Hose gehen? Trittin: Dann rückt Deutschland an Österreich heran im Zwang nach fortgesetzten schwarz-roten Koalitionen, deren Politik von rechten Kräften außerhalb gesteuert wird. Feldenkirchen: Dann wird Schäuble Übergangskanzler. Herles: Schäuble ist die „eiserne Reserve“, nicht der „eiserne Kanzler“, die Frage stellt sich also nicht vor, sondern erst nach der Bundestagswahl, es sei denn, Merkel wirft hin.

Nach Talk-Shows ist es wie nach Politiker-Duellen. Wer „gewonnen“ hat, entscheiden die Medien am Tag danach. Und auch das Erlebnis der Zuschauer vom Abend bei der Zeitungslektüre ist das gleiche, sie fragen sich, ob sie dieselbe Sendung sahen. Auf SPON lese ich von Mathias Zschaler:

„Ohne Scheu vor großen Worten und gewagten Griffen in die Metaphern-Kiste sprach Alt-Bundesrepublikaner Herles vom ‚Mythos‘ und der ‚Legende‘ Merkel, die ihre Partei (‚ein blutleerer Zombie‘), ihr Land und Europa gespalten habe. Nun gleiche sie einem Einarmigen, der in einen Kirschbaum steige und nur die Chance habe, entweder zu pflücken oder herunterzufallen. Politisch sei sie am Ende, wenn auch mangels Alternative nicht als Kanzlerin. Eine Nummer kleiner, dafür deutlich analytischer, machten es Trittin und vor allem Feldenkirchen.“

Eine Nummer kleiner? Ja, deutlich. Analytischer? Wo bitte?

Nichtsdestoweniger: eine lohnende Runde bei Maischberger. Bei diesem Stand nächste Woche weitermachen, würde mehr bringen, als irgend etwas anderes auch nur anzureissen.

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Kommentare ( 11 )

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