Iranberichterstattung: X läuft dem ÖRR den Rang ab

Das Fehlen standardisierter Prüfmechanismen macht die Informationsbeschaffung über X zum Risiko. Aber gerade angesichts der Fehler und desinformativen Tendenzen traditioneller und öffentlich-rechtlicher Medien erweist sich die ungefilterte Informations- und Debattenkultur auf Elon Musks Plattform als unverzichtbar.

picture alliance / ZUMAPRESS.com | Zakariya Yahya

„Ich bin nicht süchtig nach X – ich beobachte die Situation“. So lautet ein geflügeltes Wort, das seit dem Angriff Israels und der USA auf den Iran durchs Netz schwirrt. Für Elon Musks Plattform waren der 28. Februar und der 1. März Rekordtage. Nie habe es mehr Zugriffe gegeben, ließen Musk und Nikita Bier, Leiter der Produktentwicklung, verlauten.

Und das Vertrauen der Nutzer in die Plattform hat sich ausgezahlt, vor allem für deutsche Leser und Zuschauer: Während BBC-Konsumenten zeitnah informiert wurden, hinkte der im Wochenendgeschäft dahindümpelnde ÖRR der Live-Berichterstattung hinterher, teils um Stunden.

Da hörte man bereits auf X Frauen über den Dächern von Teheran jauchzen über die Einschläge, man sah Schüler jubeln und Menschen auf der Straße tanzen, während man sich in gewissen Redaktionsstuben wohl erst einmal fragte, wie man das Ganze wohl einzuordnen habe.

Später folgten die Raketen- bzw. Drohneneinschläge in Bahrain oder später in Dubai.

— OSINTtechnical (@Osinttechnical) February 28, 2026

Nun ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Verifizierung von Informationen in derart dynamischen Situationen schwer bis unmöglich ist – „Eile mit Weile“ ist kein schlechter Ratgeber in der postmodernen Welt der Massenkommunikation.

Vorsicht ist insbesondere in Bezug auf Filmaufnahmen geboten: Die zahlreichen, umgehend das Netz flutenden Videoaufnahmen erwecken die Illusion, dass zuverlässige Informationen in Hülle und Fülle vorlägen.

Gerade dieses Medium ist allerdings anfällig für Fälschungen und falsche Kontextualisierungen, wie das ZDF als unfreiwilliger Lehrmeister beispielhaft vorexerziert hat.

Was einmal ins Netz eingespeist wurde, verbreitet sich in rasendem Tempo, Fehlinformationen sind nur schwer wieder einzufangen. Dennoch gelingt die Identifikation von Falschinformationen auf X erstaunlich gut und erstaunlich schnell – und häufig eben auch zuverlässiger als bei traditionellen Medien.

Denn man fragt sich unwillkürlich, warum es trotz der sorgfältigen Prüfung, die einen Gutteil der Daseinsberechtigung öffentlich-rechtlicher Medien ausmacht, schließlich zu desinformierenden Schlagzeilen kommt wie bei der Tagesschau, die zuerst titelte, dass Israel auch den Libanon angreife – nachdem zuerst die Hisbollah aus dem Libanon Israel beschoss.

Oder warum eine Nachricht zum Beschuss einer Mädchenschule zunächst mit einem Foto aus Bahrain bebildert wurde (hier legte die KI-Anwendung von X zunächst die Einschätzung vor, dass das Videomaterial zu diesem Vorfall aus einem anderen Kontext stamme, korrigierte sich später allerdings).

Letzteres ein Flüchtigkeitsfehler, der doch gerade nicht geschehen sollte, wo man sich zurecht darauf berufen könnte, dass die Wahrung von Qualitätsstandards Zeit braucht. So verdunstet ein entscheidender „Wettbewerbsvorteil“ – sicher eine Erklärung, warum gerade im ÖRR ständig vor den sozialen Medien und insbesondere vor X gewarnt wird: Es ist leichter, den Konkurrenten zu diskreditieren, anstatt sich selbst zu verbessern.

Insbesondere erhärtet sich der Verdacht, dass zur Trägheit der Berichterstattung beitragen könnte, dass sich manche Medien unsicher darüber sind, mit welchem Framing sie die Geschehnisse versehen sollen: Bereits über die massiven Proteste der iranischen Bevölkerung im Januar, die von den Revolutionsgarden niedergeschossen worden waren, erfuhren jene, die sich ausschließlich auf öffentlich-rechtliche Medien verließen, so gut wie nichts. Sympathien für das Mullah-Regime und vor allem die Ablehnung Trumps, die man unter keinen Umständen aufweichen möchte, führen offensichtlich zu selektiver Berichterstattung, die nicht dadurch aufgewogen wird, dass gewöhnlich sorgfältiger geprüft wird, was publiziert wird.

Das trifft nicht nur auf deutsche Medien zu. In die Geschichte eingehen wird wohl die Schlagzeile der New York Times: „Ayatollah Ali Khamenei, Hard-line cleric who made Iran a regional power, is dead at 86“ – „Hard-line Geistlicher, der den Iran zur Regionalmacht machte, stirbt mit 86 Jahren“.

Wer sich mit derartig defizitären Erklärungen konfrontiert sieht, nimmt das Risiko, das durch den Mangel an standardisierten Prüfmechanismen entsteht, gern in Kauf.

Wer über die Lage im Iran breit informiert sein wollte, hing am Wochenende wie gebannt vor dem Computerbildschirm, und konnte neueste Entwicklungen minütlich verfolgen, ebenso wie die Korrektur von Fehlern der Berichterstattung; der konnte das Aufkommen von Narrativen beobachten und in ungesteuerte, freie Debatten über Deutung und Einordnung einsteigen.

Dem Medienkonsumenten wird mit dieser Form der Informationsbeschaffung mehr Verantwortung zuerkannt und mehr Einordnungsvermögen abverlangt – aber er erhält die Informationen im Gegenzug zeitnah und vor allem ungefiltert. Elon Musks Sentenz „Ihr seid jetzt die Medien“, hat sich wieder einmal bewahrheitet.

Anzeige

Unterstützung
oder