Bei Anne Will einmal mehr nur „Schleichen um den heißen Brei“

Die wirklichen Gründe für den Vertrauensverlust der Menschen schienen irrelevant. Stattdessen schwadronierte man endlos im Fach-Kauderwelsch über neue Corona-Fahndungsmethoden per App und verwies treuherzig auf die Fortsetzung des Mutti-Länder-Kabinetts am kommenden Mittwoch.

Screenprint ARD / Anne Will

Wieder einmal enttäuschte Anne Will gestern Abend ihr schon Einiges gewohnte Publikum. So, wie eine Gastgeberin die festliche Tafel eindeckt, dabei aber vergisst, die Teller für das Hauptgericht bereitzustellen, schlimmer noch, die eigentliche Hauptspeise gar nicht vorgesehen war. Da stocherte die Runde mühselig in den Zutaten herum, aus denen niemals etwas Schmackhaftes werden konnte.

Natürlich konnte auch die ARD-Cheftalkerin nicht an der Tatsache vorbei, dass die Zustimmungswerte für Angela Merkel und ihre Corona-Maßnahmen regelrecht abstürzen. Doch schnell war man sich – allen voran Kanzleramtschef Helge Braun – einig, die Deutschen hätten einfach genug vom Lockdown. Etwa so wie Kinder, denen man das Handy aus pädagogischen Gründen für einige Zeit abgeschaltet hat, wütend danach schreien.

— elediaW (@elediaW) February 28, 2021

Alle, ob die Vertreterin des Ethikrates, Christiane Woopen, das FDP-Gestern Leutheusser-Schnarrenberger u.a. wussten dabei genau, was der Grund für den schlagartigen Absturz der Regierung ist: das katastrophale Versagen des gesamten politischen Apparates in dieser Krisensituation. Immer mehr Bürger haben kein Vertrauen mehr in die Führung des Landes und damit auch nicht in Frau Merkel. In einer Demokratie ist das der größtmögliche Offenbarungseid, den vermeintliche Eliten sich leisten können.

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Erinnern wir uns – es begann mit dem unsäglichen Maskentheater. Erst, so hieß es von Gesundheitsminister Spahn und Co, dieser Mund- und Nasenschutz sei nicht nötig, die Masken selbst seien Virenschleudern. Auf einmal hieß es, die Maske ist der Corona-Killer schlechthin. Nur der war auf einmal nicht verfügbar. Wilde Hektik brach aus. Jetzt ging es nur noch um die schnelle Beschaffung, bei der sich so mancher offenbar eine „Goldene Nase“ verdient hat. Die notwendige Aufklärung dazu steht noch aus! Dann wurde der Notstand bei Intensivbetten ausgerufen. Tatsächlich aber blieben die Patienten aus und woanders dringend benötigte Kapazitäten lagen über Wochen ungenutzt brach. Personal wurde gebunden und dringend notwendige Operationen wurden verschoben.

Nur der Vollständigkeit halber sei noch die Luftnummer mit der App erwähnt – außer Spesen nichts gewesen! Dann kam der Sommer, den man ohne Krisenmanagement vertrödelte. Mit dem Herbst rückte die sogenannte zweite Welle des Coronavirus an. Jetzt fehlten Tests! Auch den Mangel an Intensiv-Pflegepersonal hatte man während der Sommerpause glatt vergessen. Die Schulen – ein besonders trauriges Kapitel der Corona-Tragödie – versanken erneut in Ratlosigkeit und Chaos, ohne Rücksicht auf die Kinder. Wieder sauste das Fallbeil des Lockdown auf die Deutschen und vor allem das Dienstleistungsgewerbe nieder.

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Dann die erlösende Ankündigung: „Hurra, die Rettung ist da – ein Impfstoff! Gleich nach Neujahr gehts los.“ Ganz Deutschland atmete auf. Alle dachten, Mutti Merkel hat es wieder geschafft. Doch schnell kam das böse Erwachen. Vor lauter Europa-Patriotismus ließ Mutti ihre Freundin Ursel, immerhin die Chefin der EU-Kommission, das Ding wuppen. EU-Bürokraten, die selbst den Gute-Nacht-Gruß ihren Partnern (m,w,d) aus dem EU-Handbuch vorlesen, saßen plötzlich den knallharten Profis der Pharmaindustrie gegenüber. Das ist so, als ob man eine Kaulquappe in das Rennen mit einem Hammerhai schickt.

Aus Ursula von der Leyen wurde schnell Ursula von der Leiden. Das wäre ja nicht mal schlimm, wenn die Rechnung in jedem Sinne nicht die deutschen Impfkadetten in gleich doppelter Hinsicht bezahlen müssten. Es war einfach kein Impfstoff da, und wenn, dann nur in kleinen Mengen und obendrein sollte einer davon auch noch gefährliche Macken haben. Bei all dem kein Wort des Bedauerns seitens der Regierung, nur Durchhalte- Appelle und weiter harter Lockdown. Als dann noch, trotz Informationsboykott der Staatsmedien, bekannt wurde, dass die Regierung bei ausgewählten Wissenschaftlern Horrorszenarien bestellte, die als Begründung für ihre Entscheidungen herhalten mussten, stieg auch noch dem Letzten die Galle hoch.

Wieder nicht eine einzige Silbe über diese Chronik des Versagens gestern Abend bei Will. Die Deutschen haben eben nur den Lockdown satt. Doch die nächste Wunderwaffe ist schon in Sicht: der Selbsttest. Nach Spahn sollte er schon ab heute verfügbar sein. Doch die Kanzlerin pfiff ihn zurück. Begründung: mit den Tests sollen schrittweise Öffnungen des Lockdown möglich werden. Dazu bedürfe es noch einiger Klärungen.

Nach den bisherigen Erfahrungen muss man da befürchten: Das fängt ja wieder „gut” an.

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All diese wirklichen Gründe für den Vertrauensverlust der Menschen schienen für die Will-Redaktion irrelevant zu sein. Stattdessen schwadronierte man endlos lange im Fach-Kauderwelsch über neue Corona-Fahndungsmethoden per App und verwies treuherzig auf die Fortsetzung des Mutti-Länder-Kabinetts am kommenden Mittwoch. Schön wäre es auch gewesen, wenn die Gastgeberin mal darauf hingewiesen hätte, dass die positiven Tests allein rein gar nichts über die wirkliche Infektionslage aussagen. Denn das können nur die Zahlen der Ausbrüche der Krankheit und die tatsächliche Belegung der Intensivbetten in unseren Krankenhäusern. Doch dazu fehlt wohl noch die Genehmigung des Kanzleramts?

Aber wie wäre es denn, wenn in der nächsten Sendung beispielsweise der Präsident des Groß- und Außenhandels, Anton F. Börner, mit am Tisch säße, der gestern in der Bild am Sonntag forderte, einen sofortigen Runden Tisch mit „Leuten, die etwas von Krisenmanagement verstehen aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft“ als Taskforce einzusetzen. Doch sicher hat Anne Will die Bild gestern gar nicht gelesen. Sonst hätte sie diese Idee ja sicher aufgegriffen.

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