Krabbenpulen oder doch lieber Leberkas?

In dieser Woche schlendert Georg Etscheit von Aufgegessen.info über den Hamburger Isemarkt. Hier gibt es allerlei Köstlichkeiten zu entdecken – eine schöne Abwechslung vom Ärger mit der Politik.

IMAGO / Jürgen Ritter
Isemarkt Hamburg
Es gibt Feinschmecker, die halten den Hamburger Isemarkt für einen der schönsten Märkte der Welt. Ich möchte mich da nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Sicher dürfte sein, dass der Isemarkt der größte und vielfältigste der Republik ist. Und der am originellsten gelegene. Mit seinen rund 200 Händlern schlängelt sich der Isemarkt etwa 600 Meter unter einer Hochbahnbrücke zwischen den U-Bahnstationen Hoheluftbrücke und Eppendorfer Baum entlang, was ihn – nun aber unzweifelhaft – zum größten überdachten Wochenmarkt Deutschlands macht.

Wenn ich gelegentlich in Hamburg bin, zieht es mich zuerst an den Stand des Nordseekrabbenhändlers Friedrichskoog. Friedrichskoog liegt in Dithmarschen an der Elbmündung. Von dort ist es ein denkbar kurzer Weg nach Hamburg, was topfrische Qualität garantiert. Echte Kenner meinen, man müsse sie ungepult kaufen. Darin steckt ein gutes Stück Wahrheit, denn die meisten Nordseekrabben, auch Granat genannt, werden aus Kostengründen nicht in Deutschland, sondern in fernen Ländern gepult, also von ihren Panzern befreit. Ich erspare mir die Mühe und nehme in Kauf, dass man vorgepulte Krabben mit Benzoesäure konservieren muss, was ihrem frischen Meeresaroma etwas abträglich ist.

Trotzdem sind sie ein Genuss, etwa als Zugabe zu einem Rührei, dem berühmten Büsumer Krabbenrührei, als Krabbencocktail mit einer tomatisierten Mayonnaise, oder pur im legendären Krabbenbrötchen. Leider steht die Krabbenfischerei wegen immer rigoroserer Bestimmungen zum Meeresschutz unter Druck und man kann nur hoffen, dass diese Spezialität die Herrschaft der Grünen überleben wird. Während im nämlichen (Un)geist die gesamte deutsche Bucht mit Windparks zugepflastert wird …

Überhaupt ist die deutsche Fischerei bedroht, wie Tichys Einblick kürzlich am Beispiel der Ostseefischer illustrieren konnte:

Das Gegenteil zur kulinarischen „Monokultur“ des Krabbenhändlers bietet der Stand von Fischfeinkost Kalinowski, ein seit 1948 bestehendes Traditionsunternehmen. Wunderbaren Räuscherfisch gibt es bei Hermann Benecke aus dem Landkreis Uelzen – und wer sich im hohen Norden ein französisch anmutendes Austernfrühstück gönnen möchte, wird bei AusterRegion fündig. Wie das Wortspiel andeutet, gibt es hier unter anderem wilde Austern aus der Nordsee sowie handgeangelte Jakobsmuscheln aus Norwegen.

Süddeutsche Lobby im Norden

Dass auch der deutsche Süden auf dem Hamburger Isemarkt eine Lobby hat, beweist der Stand von König Leberkas. Hier kann man angeblich den besten Leberkäse nördlich des Weißwurstäquators kaufen. Weitere Stützpunkte des deutschen Südens sind der kleine Verkaufswagen mit „Schwarzwälder Spezialitäten“ sowie der Käsestand von Jamei Laibspeis’ aus Kempten im Allgäu, wo Thomas Breckle, ein ehemaliges Mitglied der Skilanglauf-Nationalmannschaft, in einem alten Eiskeller junge Almkäse von ausgesuchten Sennern bis zur perfekten Reife affiniert. Markenzeichen seines Standes ist eine rote Skigondel.

Bei Malte Jahn ist man dann wieder im hohen Norden angekommen. Jan war Tiger-Dompteur im Zirkus Hagenbeck und übernahm dann den familiären Gärtnerbetrieb. Auf dem Isemarkt verkauft er dutzende Sorten frischer Schnittkräuter, Pflücksalate und angesagte Microgreens. Pilze aller Art führt Tarik Baltaci, während der Obsthof Mojen ausgesuchtes Obst und Gemüse bietet, nicht nur aus dem Alten Land vor den Toren Hamburgs, wo der Betrieb seinen Sitz hat.

Nicht nur Essen kann man hier gut

Übrigens gibt es wie auf jedem echten Wochenmarkt auch Stände, die nicht dem Genuss verpflichtet sind, etwa den des Messerschleifers Christian Stobbe. Bei „Macky Messer“ kann man zu Beginn des Marktbummels seine Messer abgeben, um sie an dessen Ende messerscharf wieder abzuholen.

Sicher, der Isemarkt ist ziemlich schick, so schick wie die ihn säumenden großbürgerlichen Altbauten, und ein beliebtes Touristenziel. Trotzdem sollte man ihn sich bei einem Hamburg-Aufenthalt nicht entgehen lassen, zeigt er doch die genussfreudige Seite des sonst eher protestantisch-kargen Nordens. Geöffnet ist er jeden Dienstag und Freitag von 08.30 Uhr bis 14.00 Uhr. Eine Anfahrt per Auto sollte man meiden, möchte man sich nicht in die endlose Schlange jener einreihen, die verzweifelt einen Parkplatz suchen. Die U-Bahn liegt ja ganz nah.


Dieser Artikel wurde Tichys Einblick bereitgestellt von Aufgegessen.info, dem Blog für den freien Genuss.

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Kommentare ( 7 )

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giesemann
5 Tage her

… und man kann nur hoffen, dass diese Spezialität die Herrschaft der Grünen überleben wird. Nun, zuerst muss die Spezies die Krabbenfischerei überleben, oder?

Kuestensegler
5 Tage her

Lieber Herr Etscheit, wenn Sie nächstes Mal in die Isestraße kommen sollten Sie ein karitatives Mahl bei Frau Monika Fuchs (siehe Wikipedia) einplanen – interessant sind auch die TV-Berichte über die alte Dame, die ihre Zutaten stets auf dem Isemarkt kauft

Dr. Rehmstack
5 Tage her

Mit Verlaub, Sie können Rührei mit Krabben essen, Ungeübte brauchen vielleicht 30 Minuten Puhlen für eine ausreichende Portion, aber Sie können Rührei mit Benzoegeschmack (EU Auflage) verstärktem Protein, das vor sieben Tagen gefangen, dann nach Marokko zum Puhlen und zurück transportiert wurde, um dann seiner Endbestimmung beim Fischhändler ihres Vertrauens in der Kühltheke unter dem Namen „frische Nordseekrabben“ entgehen zu sehen, damit nicht vergleichen.

Gert Friederichs
5 Tage her

Bei „Räucherfisch“ bin ich hellwach geworden. Dank einer dreitägigen Fischvergiftung 1945 im zarten Alter von 6 Jahren habe ich sehr, sehr lange jeglichem Verzehr von Meeres- und auch Seen- oder Flußgetier abgeschworen. Zuvor allerdings in den Donauauen am Zufluss der Enns schon den herrlichen Steckerlfisch genossen. Das meiste an Seafood ist auch noch heute nicht „Meins“, aber Räucherfisch wäre schon was!

Waldschrat
5 Tage her

Die Regulierung der Krabbenfischerei hat mit den Grünen vermutlich so viel nicht zu tun. Ich kenne den Umfang der Krabbenbestände in der Nordsee nicht, aber wenn alles überfischt ist und keine Krabben mehr da sind, gibt´s auch keine mehr, Regulierung hin oder her. Kredit gibts da nicht. Man kann nicht mehr Krabben abfischen, als nachkommen, auch wenn die Vermehrungsrate hoch ist. Wenn die Bestände „ausgeblutet“ sind, dauert es schon paar Jährchen, bis die sich wieder erholt haben. Wenn mein Portemonnaie leer ist, kann ich auch nichts mehr rausnehmen.

Magic
5 Tage her

Zwei kleine Randnotizen: Dithmarschen ohne „ie“, aber das ist nur eine Lapalie. Interessanter ist die Frage, woher der Friedrichskooger seine Krabben bekommt. Einen Hafen hat Friedrichskoog nämlich nicht mehr. Dank Elbsedimenten musste der nämlich Jahr für Jahr für teuer Geld freigebaggert werden, bis das dem Land S-H irgendwann zu bunt wurde und das dortige Hafensperrwerk kurzerhand dichtmachte. Friedrichskoog ist jetzt quasi Sackgasse.

Raul Gutmann
5 Tage her
Antworten an  Magic

 Dithmarschen ohne „ie“

… aber mit ‚h‘
Soviel zur sprachlich-intellektuellen Qualität ‚Schlands‘ schreibender Zunft.
Laut Arthur Schopenhauer sei die Sprache die Physiognomie des Geistes