Die woke Verfälschung der Wirklichkeit

Nun trifft die Zensur auch Michael Endes „Jim Knopf“-Reihe. Nur wer insgeheim nicht dazu in der Lage ist, zwischen Stereotyp und Individuum zu unterscheiden, nur wer in sich Wertesysteme trägt, die bestimmte Augenformen oder Hautfarben abwerten, kann an neutralen Beschreibungen Anstoß nehmen.

IMAGO

Der Thienemann Verlag knickt ein vor dem „antirassistischen“ Zeitgeist: Ausgerechnet in Michael Endes „Jim Knopf“-Reihe wütet die Zensur, und das, obwohl diese Menschenfreundlichkeit atmenden Kinderbücher gerade das Gegenteil von Ausgrenzung und Diskriminierung postulieren. Der Scheinriese, der wegen seiner Größe keine Freunde hat, der Halbdrache, das schwarze Findelkind, die chinesische Prinzessin: Niemand soll wegen Äußerlichkeiten abgewertet werden, jeder wird gewürdigt um seiner inneren Werte willen.

An dieser Stelle erlaube man mir eine biographische Anmerkung: Ich habe als Dunkelhäutige bereits als junges Kind unter rassistischen Beschimpfungen und Beleidigungen gelitten. In Michael Endes Welten, die ich als Bücherwurm ausgiebig frequentierte, begegnete mir Rassismus indes niemals.

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Dennoch muss freilich zuerst das Wort, das nicht genannt werden darf, weichen: Der „Neger“. Und das, obwohl es lediglich einmal vorkommt – in einem Kontext, in dem es die spießige Provinzialität des Protagonisten deutlich machen soll. Hier wird also eine Verflachung der Aussage in Kauf genommen: Mit sprachlicher Modernisierung, wie sie für ältere Kinderbücher mitunter sinnvoll sein kann, hat das nichts zu tun; es wäre etwas völlig anderes, wenn es sich etwa um eine Abenteuergeschichte handelte, in der „Neger“ als Standardbezeichnung für schwarze Menschen verwendet worden wäre.

Dass der woke Wahn immer unverfrorener um sich greift, ist nichts Neues, wie die zum Teil hanebüchenen Verschlimmbesserungen der Kinderbücher Roald Dahls im angelsächsischen Raum zeigen.

Nun hatte Michael Ende selbst bereits Änderungen erbeten; die ursprünglich in China angesiedelten Abenteuer wurden ins Fantasieland „Mandala“ verlegt. Allerdings ist diese Änderung nicht nur auf den Wunsch des Autors selbst zurückzuführen, sie ist auch nachvollziehbar, weil so die gesamte Handlung in eine Fantasiewelt rückt, und nicht aus dem fiktiven Lummerland ins „echte“ China führt. Eine Entscheidung, die die Kongruenz bewahrt, während die fernöstliche Atmosphäre selbst unangetastet bleibt, ebenso wie der weiterhin klar als chinesischer Bonze erkennbare „Pi Pa Po“.

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Mit den neuerlichen Anpassungen werden hingegen humorvolle Passagen entkernt, wichtige Aussagen unterlassen, um nur nicht missverstanden werden zu können – die trostlose Welt moralischer Besserwisser: Jim darf seine schwarze Haut nicht mehr thematisieren, „Mandelaugen“ gibt es nicht mehr.

Abgesehen von der Humor- und Fantasielosigkeit solcher Eingriffe ist dieser Umgang mit literarischen Werken generell problematisch. Übermalen wir Holbeins Porträts, um den Dargestellten zeitgemäße Kleidung zu verpassen? Schreiben wir Mozarts Requiem um, damit es klingt wie ein Song von Taylor Swift? Zum andern sind Bücher durchaus auch historische Quellen. Sie öffnen uns eine Tür zum Denken vorhergegangener Generationen, zu Lebens- und Erfahrungswelten – wenn wir es denn zulassen. Diese Tür wird mit Karacho zugeworfen, weil der eigene Tellerrand als Horizont gilt.

Unter woken Vorzeichen ist dies zudem nichts anderes als Manipulation und Geschichtsfälschung. Unser kulturelles Gedächtnis wird ausradiert, der Mensch wird zum heimatlosen, unbeschriebenen Blatt Papier, dem man aufprägen kann, was man will: Die sozialen Medien hallen derzeit von Gelächter wider, weil Googles AI-Programm Gemini bei Anfragen nach historischen Darstellungen von Wikingern oder den Gründervätern der USA jene als Schwarzafrikaner darstellte. Noch ruft diese plumpe Fälschung Heiterkeit hervor; doch wie lange noch? Wird nicht schon die nächste Generation kaum noch dazu in der Lage sein, zwischen plausibler und frei erfundener Darstellung zu unterscheiden, wenn schon die Sichtbarkeit eines Unterschieds „rassistisch“ ist?

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Und dies bringt uns zum dritten Punkt, der insbesondere bei Kinderliteratur fahrlässig ist: Manipulationen wie diese nehmen der Welt ihre (Wieder-)Erkennbarkeit, die Kinder doch gerade erst entdecken. Um das, was uns umgibt, sinnvoll einordnen zu können, müssen wir es benennen dürfen. So erfassen wir Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Die Angst vor „stereotypen Beschreibungen“ zeigt, dass hier nicht der Autor korrigiert oder Kinder geschützt werden sollen. Vielmehr soll das eigene spießige, provinzielle Weltbild therapiert werden. Denn nur, wer insgeheim nicht dazu in der Lage ist, zwischen Stereotyp und Individuum zu unterscheiden, nur wer in sich Wertesysteme trägt, die bestimmte Augenformen oder Hautfarben abwerten, kann an neutralen Beschreibungen Anstoß nehmen.

Exemplarisch für die Absurdität dieser Säuberungsaktion steht so das Wort „Mandelaugen“ – eine neutral bis positiv besetzte Alternative zum verletzenden „Schlitzauge“. Warum, um Himmelswillen, will man Kindern Begriffe zur genaueren Erfassung der Welt vorenthalten, obwohl diese nicht einmal ansatzweise diskriminierend sind? Abgesehen davon müssen Kinder auch den bösen, menschenfeindlichen und diskriminierenden Worten begegnen – allein schon, um zwischen richtig und falsch unterscheiden zu lernen, um besser vorbereitet zu sein, wenn sie ihnen im echten Leben begegnen.

Indem man Kindern die Ausdrucksfähigkeit nimmt, zwingt man sie in die Sprachlosigkeit: Das Wahrgenommene muss namenlos bleiben, in der Hoffnung, dass es mit dem Namen irgendwann auch die Existenz verlieren möge. Wenn wir nur nicht sagen, dass Menschen unterschiedlich aussehen, werden wir sie irgendwann auch als gleich und gleichförmig wahrnehmen. Das Ergebnis dieses Trugschlusses ist nicht weniger Diskriminierung, sondern eine graue, eintönige, konturlose Welt.

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Kommentare ( 31 )

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ceterum censeo
1 Monat her

Ist nicht auch die Lokomotive ein in den Augen der woken Irren ein zu bekämpfendes Objekt? Steht es nicht für das Zeitalter alter, weißer Männer, die Kohle! zur Fortbewegung verbrennen? Ist das nicht in Zeiten des Ausstiegs von fossilen Energieträger überhaupt tolerabel, sich mit solch einem Anachronismus abzugeben? …

Ohanse
1 Monat her

„Weiß“ darf man natürlich sagen. Aber wenn einer nicht weiß ist, darf über seine Hautfarbe nicht geredet werden. Oder anders gesagt: Der weiße Mitteleuropäer ist die zulässige Norm. Wenn einer anders aussieht, ist es verboten, das zu erwähnen. Da hat der weiße Mann doch schon wieder gewonnen. Läuft.

Axel Fachtan
1 Monat her

Kulturelle Fremdheit. Kulturelle Annäherung. Kultureller Austausch. Wer ph-neutrale Menschen will landet in einer Unkultur, in der alles gleich wertlos ist. Messerstechereien, Mord, Totschlag, Familienaufbau, Sozialbetrug, alles das hat in Sachen Zuwanderung einen kulturellen (und teils religiösen) Hintergrund, ohne den Geschichte und Gegenwart nicht verständlich werden. Du musst für dich selber erkennen können, wo vor kulturellem Hintergrund mehr Gefahr droht. Sonst bist Du vergewaltigt und / oder tot. Die Autorin hat darunter zu leiden gehabt, dass sie als Kind und junger Mensch wegen ihrer Hautfarbe angemacht worden ist. Aber auch sie kommt in die Verlegenheit, in Nullkommanix andere Leute einzuschätzen um… Mehr

AlexR
1 Monat her

Vermutlich erhält die „korrigierte Version“ zusätzlich ein Vorwort von Robert Habeck oder Claudia Roth. Man muss dem dummen Leser ja den rassistischen Ansatz des Buches erklären und warum Correctiv erforderlich ist.

alter weisser Mann
1 Monat her

„Leg dich nicht mit Idioten an! Sie ziehen dich auf ihr Niveau und schlagen dich dort mit ihrer Erfahrung.“ Genau das passiert hier, man will die hergebrachte Kunst, Kultur Bildung, ja die ganze Gesellschaft aus ihrer Bahn werfen und dorthin bringen, wo man selbst das wording und den Ton bestimmt. So will man mittels Verunsicherung der Gegenseite die Dispute gewinnen. Während der Bürger noch nachdenkt, ob er dies oder das denn sagen darf, schwallert eine Ricarda Lang schon längst munter ihre Umgebung voll. Nicht drauf einlassen. Man bleibe einfach bei den originären Worten und hebelt damit die Woken oft sauber… Mehr

BellaCiao
1 Monat her

In Wahrheit geht es den Woken doch nicht um Antirassismus etcetera pp., sondern um die Selbstgeißelung der bösen Kultur des Westens, mit der sie sich durch Abgrenzung selbst gleichzeitig moralisch erhöhen (wollen). Und diese moralische Selbsterhöhung ist auch der Grund, warum so viele mitmachen.  Es gibt viele Menschen, die nichts von Bedeutung hervorbringen dürfen oder können, nicht einmal gedanklich. Sie dürsten aber natürlich nach Bedeutung, und der Wokeismus liefert ihnen ein einfaches Angebot der Kompensation. So zerstört sich letztlich die christlich-abendländische Kultur der Aufklärung von innen, was offensichtlich das eigentliche Ziel dieser Ideologie ist. Die meisten Protagonisten der woken Identitätspolitik… Mehr

LiKoDe
1 Monat her

Die jakobinisch-maoistisch-bornierten Kleinbürger unterliegen bei ihrer Zensur und Manipulation der Sprache von Kinderbüchern … keinem ‚Trugschluss‘, es ist ihr Programm.

Wer sich mit der sogenannten ‚Neuen Linke‘, den sogenannten 68ern [ein kleine Gruppe der damaligen Studentenschaft], den maoistischen K-Gruppen der 1970er und den Grünen beschäftigt, mag das erkennen.

hansgunther
1 Monat her

Wer jeden Tag 24h nur noch Rassismus propagiert und die „Übeltäter“ nur außerhalb seiner „Blase“ sieht, nimmt die Welt nur noch als Rassist wahr. Wer Sprache, Kultur, Geschichte aller Völker und deren Hautfarbe nur noch durch die Rassismusbrille sieht, ja der kann nur ein Rassist sein. Die ständige Schuldzuweisung auf nahezu allen Verhaltensebenen führt natürlich nicht zur Einsicht, oft zur Verhärtung der Positionen, reine Psychologie. Die Menschen sind oft schon weiter, aber es ist ein immerwährender Prozess von Vorurteil und Einsicht oft durch persönliche Begegnungen und Erfahrungen, denn an diesem Problem müssen alle, auf jeder Seite arbeiten. Rassismus kann per… Mehr

Endlich Frei
1 Monat her

Der schwarze Junge bei Lockführer Jim Knopf ist mittlerweile genauso tabu wie ein schwarzer Täter im Zeitungsbericht.

Mir kommt es vor, als haben gewisse Personenkreise, NGOs, Politiker und deren Opportunisten ein gewaltiges Problem mit der Hautfarbe. Das alles erinnert nicht nur an Bücher-, sondern auch an Hexenverbrennung durch Leute, die zur Dämonisierung neigen.

Last edited 1 Monat her by Endlich Frei
ChrK
1 Monat her

Wer weiß, vielleicht identifiziert sich inzwischen ja sogar die Lokomotive Emma als ICE? Ich habe in den letzten Jahren hier und da meine Büchersammlung ausgedünnt…teilweise für wenig auf eBay an andere Liebhaber/Interessierte gebracht, manches zum örtlichen Rotary-Club, anderes direkt ins Altpapier. Damit höre ich nun auf. Das in diesen Büchern Aufgeschriebene, egal ob Wissen, Geschichtliches, Bildbände etc. muß erhalten bleiben, und wenn’s nur bei mir im Regal ist. Es tut richtiggehend um die (fast) komplette Sammlung an Petzi-Heften aus meiner Kindheit. Was bleibt? Auf jeden „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, vor vielen Jahr(zehnt)en während einer Autorenlesung von Michael Ende… Mehr