Danke, Ross Feltus

Der große Fotograf war ein "Magier der Kinder", mit einem großen Herzen gesegnet, das sich den Erwachsenen nicht so schnell erschloss wie Kindern, die über einen Universalschlüssel dazu zu verfügen schienen.

© Franziska Krug/Getty Images
Ross Feltus, 1997

Es ist nun schon ein paar Jahre her, dass ich mich auf der Suche nach einem Praktikumsplatz durch Branchenbücher blätterte. Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich gerne eine große Fotografin werden wollte, am liebsten People-Fotografie. Die Wände meines Jugendzimmers tapezierte ich mit DIN A4 Seiten, die ich aus Magazinen herausgerissen hatte. Ausdrucksvolle Porträts vor kontrastreichen Locations verdeckten die Tapete vollständig.

Bei meinen zahllosen Anrufen bei Fotografen, ob für Still, People, Mode, Porträt, Industrie – in der Modemetropole Düsseldorf stieß ich auf sehr viele Absagen. Einige Studios boten schlicht keine Praktikumsplätze an, dafür aber eine Ausbildung. Andere Ansprechpartner fragten zweimal beim Nachnamen, wollten sich dann wieder melden, aufgrund der starken Nachfrage musste da allerdings auch niemals jemand einen Bewerber zurückrufen. Ich erinnere mich noch gut, wie konsterniert ich war, wie zerknirscht und dachte, gut, jetzt versuchst du es final noch mal hier mit dem Blick auf die letzte Telefonnummer. Also wählte ich die letzten Ziffern in dieser Woche, mit der letzten aufzubringenden, zusammengekratzten Motivation.

Eine freundliche Stimme meldete sich am Telefon. Offen. Positiv. Mit einer kleinen Spur Keckheit – und was für einem ansteckenden Lachen! Meine Zerknirschtheit wich umgehend einem verlegenen, dann fröhlichen Lachen. Die Erinnerung an dieses erste Telefonat ist sehr lebendig. Dann, nach einer kurzen Unterhaltung, zu meiner absoluten Überraschung die Frage, ob ich dann mal in den nächsten Tagen vorbeikommen könnte. Na klar konnte ich das! Für die nächsten Tage bis zum Termin war ich völlig beseelt und von übergroßer Freude.

Einige Tage später trat die Reise nach Düsseldorf an, zusammen mit einer Mappe meiner bis dato besten Fotografien, um beim Vorstellungsgespräch einige präsentieren zu können. Ich weiß noch, dass ich mich heillos mit der Straßenbahn verfahren, dann noch mit dem Stadtplan verlaufen habe und dadurch beschämt mit fünfzehn Minuten Verspätung auf der Matte stand. Meine Verspätung war aber gar nicht schlimm. Die erste Begegnung mit dem Fotografen hätte nicht freundlicher sein können. Es war eigentlich von der ersten Minute an so, als ob man einen Bekannten trifft. Nachdem der Inhalt der Mappe schnell überflogen wurde, ein Wasser getrunken und aus dem Gespräch gleich ein Probetag wurde, lautete am Ende des Tages die Frage, wann ich also anfangen könne. Man! Sofort! Jubel!

So begann meine Praktikumszeit bei Ross Feltus in Düsseldorf. Ross Feltus zählte zu den bekanntesten Kinderfotografen, weit über die Grenzen der Stadt hinaus. An manchen Tagen, wenn größere Shootings anstanden, das Studio angefüllt mit Eltern und Kindern war, der Lärm auch schon mal ohrenbetäubend von den Wänden widerhallte, war Ross in seinem Element. Irgendwie wirkte er inmitten aller wie das unausgesprochene Oberhaupt einer riesengroßen Familie. Kinder, die sich gegenüber Assistenten zuvor noch zurückhaltend und scheu zeigten, waren vor Ross’ Kamera wie ausgewechselt. Ross war authentisch, biederte sich niemandem an, er war frei von jedem Falsch, die Kinder spürten das und begegneten ihm mit großem Vertrauen und Freude. Ohne, dass er sich verstellte, war er einer unter ihnen. Einige Eltern erkannten ihre Kinder nicht wieder und standen nicht selten am Seitenrand der Hintergrundleinwand. Bisher waren sie es gewohnt, Blickkontakt zu ihren Sprösslingen halten zu müssen. Aber bei Ross waren die Eltern abgemeldet.

Einmal beobachtete ich, wie ein Junge in der Nähe seiner Mutter der Länge nach hinfiel und anhaltend in Tränen ausbrach. Einige lange Momente und viele Beruhigungsversuche später stand er dann vor der Kamera – um kurz darauf bei Ross erneut zu stolpern und hinzufallen. Ich befürchtete ein ebenso erneutes langes lautes Weinen und wieder eine lange Unterbrechung, bis der Kleine sich abermals beruhigt hat. Stattdessen hörte ich Ross ruhig und aufmunternd fragen: „Heh, junger Mann, was machst Du denn da?“ und der Junge stand sogleich wieder auf, strahlte ihn an und es ging weiter.

Ross’ Hund, ein Bullterrier, der sich oft müde auf einer Matte im Hof räkelte, wurde an solchen Tagen mit vielen unbeholfenen Kinderhänden fest auf Nase oder Po gepatscht. In der ersten Woche hatte ich noch die Befürchtung, dass er sich das nicht gefallen lassen könnte, war angespannt immer mit einem Auge dabei und stets auf dem Sprung. Aber ein sanfteres, friedlicheres Lämmchen von Hund habe ich bis heute nicht erlebt. Mit einer Engelsgeduld ließ er sich streicheln, anfassen, ziehen und auch mal schubsen.

Die Zeit meines Praktikums war nicht immer sonnenstrahl- und regenbogenmäßig schön, an manchen Tagen lief es weniger rund, wenn in Zeitnot die Nerven schon mal schneller blank gelegen haben, man nicht so schnell das benötigte Accessoire aus dem riesengroßen Fundus gefischt hatte wie eine alte, defekte lederbezogene Kamera, die sich aber lange partout nicht auffinden ließ, genau die Ross aber in just diesem Motiv haben wollte. Aber das alles war ein sehr kleiner Schatten gemessen an allem, was ich an Erfahrungen in und aus dieser Zeit mitnehmen durfte.

Ich bin Ross bis heute dankbar für seine Offenheit, für die Chance, die er mir geboten hat, dafür, teilhaben zu können und für das, was er mich in der Zeit gelehrt hat. Ich erinnere mich an gute Gespräche über das Leben, über Höhen und Tiefen. Und manchmal konnte ich erst einige Jahre später wirklich erfassen, mit der Erfahrung einiger Lebensjahre mehr, die mir zu dem Zeitpunkt gefehlt haben. Das letzte Mal, als wir uns gesehen haben, war bei der Einweihungsfeier seines Fotostudios. Und obwohl man sich jahrelang nicht gesehen und gesprochen hatte, war es wieder so, als wäre das letzte Treffen erst vor wenigen Tagen gewesen.

Im Januar des Jahres 2003 ist Ross gestorben. Die WELT schrieb damals über ihn:

„Sein Charisma, seine unerklärliche Anziehungskraft auf Kinder – darüber gibt es zahllose Geschichten. Der Düsseldorfer Fotograf Winfried Winkler, geraume Zeit ein kollegialer Mitarbeiter Feltus‘, hat ihn während einer Mallorcareise beobachtet, damals ein Fotoshooting im Auftrag der Firma Agfa. Abends, in einem Restaurant, fünf Minuten nachdem Feltus das Lokal betreten hatte, sahen die Gäste einem seltsamen Schauspiel zu – sämtliche Kinder im Raum scharten sich um den witzigen, extrovertierten Feltus, sie saßen ihm zu Füßen, sie hockten auf seinen Knien.

Unglaublich, sagt Winkler, wie Feltus auch herbeigeschleppte Kinder, denen Widerwille und Widerspenstigkeit aus den Augen blitzte, für sich einnahm. Er war der Kinderfotograf schlechthin.

Eine Ausbildung zum Fotografen absolvierte er nie, Feltus war Autodidakt. Obwohl er für fast alle großen Magazine arbeitete, Spiegel, Stern, auch Focus, war Feltus vor allem für Werbe-Unternehmen beschäftigt. Er fotografierte für Falke, Henkel, Colgate, Horten, Ford, Steiff, Miele oder Rodenstock.“

Was die WELT in dem Artikel „Magier der Kinder“ auch über Ross schrieb, ist dies:

„Vermutlich ist es ihm unangenehm gewesen, dass er durch einen Zufall berühmt wurde, nicht durch eigene Leistung. Der jetzt in Miami verstorbene Ross Feltus war der Vater von Barbara Becker – das brachte ihn in alle deutschen Illustrierten. Dieser öffentliche Auftritt aber hat einen Ruhm überlagert, der selbst erwirtschaftet war, durch Talent, Fleiss und enorme Produktivität. Schon vor der Hochzeit seiner Tochter mit dem Tennisstar Boris Becker wäre es völlig überflüssig gewesen, irgendeinem Profifotografen in Deutschland erklären zu wollen, wer Ross Feltus sei. Er war berühmt für seine außergewöhnlichen (Werbe-)Fotos mit Kindern, darunter die selbstverlegte Kalenderserie „Fritz the Boxer“, mit Barbara Beckers kleinem Bruder als kindlichem Helden.“

Ross Feltus war ein beeindruckender Mensch. Ein „Magier der Kinder“, wie der Autor in der WELT so treffend geschrieben hat. Mit einem großen Herzen gesegnet, das sich den Erwachsenen nicht so schnell erschlossen hat wie Kindern, die über einen Universalschlüssel dazu zu verfügen schienen. Ein Autodidakt. Ein Lebenskünstler. Humorvoll. Manchmal auch grummelig und etwas bärbeißig. Einer, der, wenn er gegangen ist, die Welt ärmer zurücklässt, weil sie einen wie ihn nicht mehr wiedersehen wird. Ein Unikat. Ein Vater. Und Ross war stolzer Großvater von Boris und Barbara Beckers Söhnen Noah und Elias.

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Kommentare

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Ernsthaft jetzt? Sie wollten „People“ Fotograf werden? Dass es Bereiche gibt, in denen es ohne Anglizismen nicht geht, sehe ich durchaus ein. Aber People Fotograf? Das ist schon schräg. Weiß nicht, ob ich das jetzt goofy oder spooky finden soll.

Eine schöne Ehrung, und ob beabsichtigt oder nicht, der richtige Tritt gegen das ‚Schienbein des AfD-Abgeordneten (oder anscheinend Mitarbeiter) mit seiner Pöbelei gegen Noah Becker.

…vermutlich hätte der Großvater Ross Feltus seinem Enkel Noah Becker nach seinem Auftritt in „Koch den Henssler“ die Leviten gelesen!

Dann wäre die Pöbelei in der Familie geblieben 🙂

Was hat bitte das eine mit dem anderen zu tun?

Der Großvater offenbar ein Könner, der lebenslang bewiesen hat was er kann.
Der Enkel wohl immer noch in seiner nichtsnutzigen Selbstfindungsphase, ausgestattet mit übervielem Ego.

Er hat es sicher a.G. seiner Verhältnisse nicht immer leicht, aber gefällt sich offenbar in seiner Rolle. Dann muss er aber auch damit zurecht kommen und nicht so rumheulen um wieder mal in die Schlagzeilen zu kommen.

Ich will damit nicht sagen, dass ich das Geschreibsel vom Richter a.D. passend finde.

Nun, irgendwie schien mir, dass der Auslöser für diese Hommage 15 Jahre nach dem Tod von Ross Feltus auch diese Pöbelei gewesen sein könnte, Frau Taxidis hätte Noah Becker ja am Ende nicht unbedingt erwähnen müssen. Ich finde, eine Hommage an den schwarzen Großvater kann eine elegante Replik an einen rassistisch-herablassenden Kommentar sein. Dass der Enkel möglicherweise ein Flegel ist ist davon unbenommen.

Natürlich war so ein Mann Autodidakt. Denn das Hauptproblem bei diesen Kinderfotografien ist ja nicht die Kameratechnik, sondern es sind die Kinder. Einen Umgang wie hier beschrieben lernt man sicher nicht in einer handwerkskammerzertifizierten Ausbildung. – Vielen Dank für diesen schönen berührenden und irgendwie ermutigenden Text!

Ich schliesse mich Ihnen an: ein sehr schoener, ermutigender und beruehrender Text. Es ist nur ehr Wenigen vergoennt, eine Bereicherung aller ihrer Mitmesnchen zu sein.

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