Studentische Kultur, gültig erklärt

Der Berliner Historiker Wolfgang Wippermann ist als Meister der erzählenden Geschichtswissenschaften bekannt. Jetzt hat er sich der weit unterschätzten Kultur der studentischen Form der Gesellung gewidmet. Dies Buch ist ein bemerkenswerter Denkanstoß für das heutige Europa.

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Männer, Mythen und Mensuren – der Titel, den Wippermann und der Osburg-Verlag für dieses Werk gewählt haben, klingt pompös. Er könnte diejenigen befremden, die jede Form studentischer Gesellung ablehnen. Er mag hingegen diejenigen begeistern, die gute Erfahrungen mit Corps oder Burschenschaften gemacht haben. Das Verbindungswesen polarisiert – Gegner und Befürworter werden das gewisse Pathos, das bei Wippermann mitschwingt, unterschiedlich empfinden. Speziell die Gegner studentischer Verbindungen werden, das sei vermutet, bei der Lektüre mutmaßlich innerlich erschauern und sich in manchem Vorurteil gar bestätigt sehen. Mit solcher Gegnerschaft geht der Autor indes spielerisch leicht um; er kennt seine Materie. Denn Wippermann selbst ist Corpsstudent. Er geht damit völlig offen um – so, wie er das in anderen Werken auch tut.

Warum bedarf es eines Werkes wie diesem? Kann in einem Land, in dem von offizieller universitärer Seite die studentischen Traditionen einer Kultur der universitären Massenbildung geopfert wurde, ein solches Buch eine breitere Leserschaft erreichen? Nun, diese oft gehörte Frage ist einfach zu beantworten. Bildung, Industrie und Verwaltung waren hierzulande in den vergangenen zwei Jahrhunderten so effizient, so erfolgreich wie kaum anderswo auf der Welt. Professoren, Ingenieure und Juristen waren die Köpfe hinter diesem Erfolg, von Medizinern, Chemikern und sonstigen Naturwissenschaftlern ganz zu schweigen – Akademiker. Das akademische Denken aber wurde in dem Deutschland, das wir bis vor wenigen Jahrzehnten kannten, von der Kultur der studentischen Korporationen stark geprägt. Rund die Hälfte – in bestimmten Universitätsstädten deutlich mehr – der Studenten gehörten einer Korporation an.

Doch Korporationen gab – und gibt! – es in ganz Mitteleuropa, von Estland bis in die französische Schweiz, von Belgien bis Ungarn. Und vor der Zerstörung des jüdischen Osteuropa waren sie bis in die Universitätsstadt Czernowicz bekannt. Die Geschichte der Corps und Burschenschaften, die hier stellvertretend für alle Korporationen betrachtet wird, ist ein wichtiger Teil der Geschichte Mitteleuropas, und es ist gut, dass sich ein ausgewiesener Fachmann dieser Thematik angenommen hat.

Glasklare Unterscheidung

Die Sitte, sich zu Korporationen zusammenzuschließen, ist in ganz Mitteleuropa wohlbekannt, und das bei christlichen, jüdischen und religionsfernen Studenten gleichermaßen: von Lausanne bis Dorpat, von Czernowitz bis Leuven. Innerhalb der Welt der Korporation herrscht jedoch strikte Distinktion. Corps und Burschenschaften – das sind, fragt man deren Mitglieder, zwei verschiedene Welten. Wippermann weiß das, und die Kenntnisse, die er hat, nutzen seinem neuen Buch enorm. Die Corps entstanden aus den alten Landsmannschaften, die eine ins Mittelalter gehende Wurzel haben, und den studentischen Freimaurerorden. Erziehung zu Humanismus und Toleranz – das haben sie von dort mitgebracht.

Ganz im Gegensatz waren die Burschenschaften eine dezidiert politische Bewegung, die Freiheit und Gleichheit mit teils radikalen Methoden anstrebte. Das aber nicht für jedermann, sondern für die Angehörigen ihres eigenen Kulturkreises. Diese grundlegende Spannung im Verhältnis der beiden Großrichtungen im Korporationswesen, die ab 1815 Bestand hatte und noch hat, wäre schon Stoff genug für dieses Buch, doch es ist nur das erste von drei Großkapiteln – Korporierte erwartet hier eine klar und tragend formulierte Unterscheidung. Wer dem Verbindungswesen innerlich fernsteht oder sogar feindlich gesinnt ist, kann hier lernen, wie er zwischen den grundsätzlich verschiedenen Weltanschauungen differenzieren kann, die sich in der bunten Welt der Verbindungen herausgebildet haben.

Natürlich ist die Kosmos der studentischen Korporationen so weit und breit wie das akademische Leben. Es ist dabei ein legitimer Kunstgriff, explicit diese beiden Dachverbände herauszugreifen. Sie sind und waren die beiden ältesten und zudem die exponiertesten Gruppen. An diesen beiden Polen des Korporationswesens orientierte sich in den letzten beiden Jahrhunderten in ganz Mitteleuropa alles, was Band und Mütze trug. Bei aller Eigenheit, von der auch einiges selbst postuliert ist, trifft das auch für den CV zu. Zugleich ist dieses Kapitel eine gelungene Grundlage, um zu erklären, was in den beiden Jahrhunderten, die auf die entstehende Kontroverse zwischen Corps und Burschenschaften folgte, geschah – besser: geschehen konnte.

Opulente Schilderung

Natürlich sind viele Schilderungen über Verbindungen aller Art von Mythen geprägt. Und so kommt Wippermann in seinem zweiten Großkapitel zu einer Schilderung der habituellen Verfasstheit der Korporationen. Höchst spannend ist es, zu lesen, wie er die typischen studentischen Sitten und Rituale in die Mentalitäts- und Geschlechtergeschichte einordnet. Wer das Mensurfechten strikt ablehnt, erfährt hier, warum es junge Männer gab und gibt, die dieses Ritual praktizieren. Wer selber auf Mensur stand, kann rückblickend erkennen, welche mentalen Treiber ihn dazu brachten, sich dem studentischen Milieu anzuschließen. Wippermann bescheinigt Corpsstudenten wie Burschenschafter, sie hätten „so etwas wie einen kulturellen Sonderweg eingeschlagen“.

Eine recht breit angelegte Schilderung widmet Wippermann dem Mensurwesen. Hier werden in dem einen oder anderen Punkt vielleicht nicht alle Fachleute seiner Meinung sein. Für Pistolenduelle postuliert er zum Beispiel eine stillschweigende Duldung durch die Behörden ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Hier könnte gefragt werden, ob nicht das Verbot potentiell tödlicher Duelle doch eher strikt war. Staatliche Kumpanei mit den Verbindungen – das ist schon eine steile These. Aber natürlich greift Wippermann die Haltung einer klandestinen Duldung von Duellen nicht völlig aus der Luft, denn es waren Personen, Individuen, die in den Ministerien sitzen mochten und die vielleicht selbst einer Verbindung angehörten, die hier entschieden. Und die deswegen vielleicht ein Auge zuzudrücken gewillt waren.

Natürlich dürfen bei Wippermann auch saftige Schilderungen über das Verhältnis zu Altherrentöchtern und – später – Kommilitoninnen ebenso wenig fehlen wie provokante Einzelheiten über die Sitte oder Unsitte des Rauchens und Saufens. Wer die korporierte Welt nicht von innen kennt, wird mit Fakten und Begründungen beliefert. Die „Insider“ dagegen lernen, die über alle Lebensbereiche hinweg ausgreifenden Riten der Korporierten einzuordnen und zu verstehen. Der Spagat, diese beiden Gruppen gleichermaßen im Blick zu behalten, ist dem Autor zweifellos gelungen.

Harte Klarstellung

Das Dritte Reich war alles andere als ein Ruhmesblatt für Deutschland und die Deutschen. Korporierte sind nicht auf dieser oder jener Seite zu finden, sondern sie sind beides: Opfer, Widerständige und Widerstandskämpfer hier – Mitläufer, Täter und sogar Verbrecher dort. Die Biographien speziell der Täter sind dabei bedrückend, denn für ihre Taten wurden Viele nicht zur Rechenschaft gezogen. Wippermann nimmt hier kein Blatt vor den Mund. Ihm gelingt im dritten Großkapitel seines Werkes eine kohärente Schilderung des Schicksal der Korporationen in den schwierigen Zeitläuften des 20. Jahrhunderts. Dieses Kapitel ist, was dieses Buch zu einer echten Novität macht. Einen Überblick mit einer klaren Einordnung zu diesem düsteren Kapitel fehlte bislang.

Schonungslos desillusionierend schildert Wippermann, wie die Korporationen – allen voran die Corps und die Burschenschaften – von den Nationalsozialisten in die Knie gezwungen wurden. Ruhmreich ist diese Geschichte mitnichten, denn die Corps, die sich wehrten, sind fast an einer Hand abzuzählen. Doch Wippermann zeigt auch auf, von welch großer Gemeinheit und Verschlagenheit das NS-Regime geprägt war. Mancher Kritiker, der alle Korporierten aus falsch- oder missverstandenem Halbwissen heraus – oder absichtlich – für „Nazis“ hält, wird sich die Augen reiben: Gleich nachdem die Nationalsozialisten ihre sozialistische Konkurrenz ausgeschaltet hatten, nahmen sie sich die bürgerlich-konservativen Gruppen und den Adel vor – und damit auch die Korporationen.

Direkte Gegenüberstellungen

Höchst spannend sind auch Nachkriegsthemen, die bisher weitgehend unter dem fachhistorischen wie studentenhistorischen Radar hindurchrutschten: der Umgang der alliierten Siegermächte mit den Korporationen gehört ebenso dazu wie die Tatsache, dass im NKWD-Lager Buchenwald – dem weiterhin genutzten KZ der Nazis! – viele Corpsstudenten durch russische Militärs umgebracht wurden: Nicht etwa wegen möglicher Nazi-Verstrickungen, sondern als Angehörige einer bürgerlichen Schicht, die den „international“ auftretenden Sozialismus, der sich Kommunismus nannte, ebenso ausrotten wollte wir vorher den nationalen Sozialismus.

Geschrieben ist dieses Werk aus der kritischen Distanz eines Historikers und mit der Empathie eines begeisterten Corpsstudenten. Wippermann sagt das selbst – Recht hat er. Das ist gelungen. Völlig schonungslos ist er gegenüber einigen heutigen österreichischen Burschenschaftern, die sich in der FPÖ engagieren. Schonungslos urteilt er über Täter und Mitläufer zur Nazizeit, schwelgerisch dagegen sind seine Charakterstudien aus der Frühzeit der Korporationen. Einige Personen werden dabei öfter genannt, Heinrich Heine vielleicht sogar etwas überstrapaziert. Alle studentenhistorischen „Mythen“ greift er mit einer erkennbaren Streitlust an, er relativiert, stellt vom Kopf auf die Füße. Gewiss ist das auch etwas ketzerisch, und nicht jedes liebgewonnene Narrativ kann der korporierte Leser bestätigt sehen.

Aber diese Herangehensweise ist etwas ganz anderes als die Intention der Mehrzahl anderer Historiker, die auf die Zerstörung eben dieser Mythen aus sind. Weil sie dogmatische Feinde des Verbindungswesen sind. Diese dogmatischen Gegner werden durch dieses Buch ihrerseits relativiert, ja, entzaubert. Wippermann hat sich schließlich selbst gefragt, ob ihn seine eigene Zugehörigkeit zu gleich zwei Corps als Autor eines solchen Werkes qualifiziere oder disqualifiziere. Nachdem die Mehrzahl seiner Historikerkollegen im Hass gegenüber dem Korporationswesen an sich ergeht, ist er – als Kenner der Szene in ihrem Inneren – gerade wegen seines Status als Alter Herr zweier Corps qualifiziert. Auch bei genauerer Betrachtung der Fakten kann gesagt werden: er ist doppelt und dreifach qualifiziert. Als Kenner der Materie, als äußerst profilierter Historiker – und als grandioser wissenschaftlicher Erzähler. Zu wünschen bleibt, dass dieses Buch eine Fortsetzung finden möge in einer Anthologie des gesamten korporierten Universums, das die Universitäten Mitteleuropas zu traditionsreichen und farbenfrohen Institutionen macht, die darin ihresgleichen suchen.


Wolfgang Wippermann, Männer, Mythen und Mensuren – Geschichte der Corps und Burschenschaften, Hamburg 2019, geb. mit SU, 24 Euro; ISBN 978-3-95510-183-1

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Kommentare ( 1 )

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leonaphta
5 Jahre her

Sehr geehrter Herr Sigler, haben Sie vielen Dank für diese Rezension. Wippermann ist mir aus früheren Zeiten von seinen faschismustheoretischen Werken her bekannt. Wir Altlinken hatten ja – leider – eine kulturelle Barriere zu den Verbindungen. Umso mehr hat es mich gefreut, als ich neulich von Freunden ein Riesenwerk geschenkt bekam, auf das ich hier hinweisen möchte: Das Studentenwörterbuch von F. Golücke in 5 Bänden. Golücke (wikipedia) arbeitet seit Jahrzehnten daran (978-3-939413-68-4 ) und es ist eine Fundgruppe, lexikalisch geordnet. Ich habe sofort nach Tübingen geschaut, wo ich studierte. Heute bedaure ich, diesen Gesellungsformen so fern gestanden zu haben. Auf… Mehr