Robert Kardinal Sarah: „Ich glaube, dass das Abendland im Sterben liegt.“

Unsere Welt befindet sich am Rande des Abgrunds: Glaubenskrise, Untergang des Abendlands, moralischer Relativismus und entfesselter Kapitalismus. Im Gespräch mit Nicolas Diat widmet sich Kardinal Sarah den Krisen unserer heutigen Zeit

MAURIX/Gamma-Rapho via Getty Images

Robert Sarah wuchs in Guinea, Westafrika, auf, ist seit 1979 Erzbischof, seit 2001 in Rom tätig, wurde 2010 durch Papst Benedikt XVI. Kardinal und 2014 durch Papst Franziskus zum Präfekten der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung berufen. Er ist befreundet mit Benedikt XVI., der für sein zweites Buch „Kraft der Stille“ im Jahr 2017 ein Vorwort schrieb und in seinem neuesten, gerade Aufsehen erregenden Buch über den Zölibat (erscheint am 21. Februar 2020) große Teile verfasst hat.

In dem höchst lesenswerten Buch „Herr bleibe bei uns“ (2019) vertritt er zu Fragen der Migration, der Zukunft des Abendlandes und der EU Ansichten, in denen er im Unterschied zu dem, was allgemein von den großen Kirchen (römisch-katholisch und evangelisch) berichtet wird, eigene Wege geht, die umso interessanter zu erfahren sind, weil sie mit den Augen eines Afrikaners auf Europa überraschende Einsichten zu Tage fördern.

Ich beschränke mich daher bei der Vorstellung dieses Buches auf diese Themen, lasse also auch die Themen Missbrauch und Zölibat aus.

Obwohl Sarah in Afrika, Frankreich, Jerusalem und Rom studiert hat, kann er schreiben: „Wie schön ist es doch, sich einer Geschichte, einem Land, einer Kultur verpflichtet zu wissen.“ (187)

Das Abendland sieht er in einer „tödlichen Krise“ (192) mit Abkehr von Gott und infolgedessen Abtreibung, massiven Folgen von Ehescheidungen, Euthanasie, Gender-Ideologie, Prostitution und Pornographie.

Douglas Murrays „Wahnsinn der Massen“
Angriff auf die Kultur des Westens
Für den Kardinal ist es ein großes Rätsel, wieso in den westlichen Ländern keine angemessene Politik zur Unterstützung von Familie und Demografie existiert. Es ist, als glaubten die Länder nicht mehr an ihre eigene Zukunft (223).

Die westliche Führungsschicht kenne offenbar nur drei Prinzipien: Geld, Macht und Vergnügen (231): „Die europäische Kultur erweckt den Eindruck einer ›schweigenden Apostasie‹ seitens des satten Menschen, der lebt, als ob es Gott nicht gäbe.“ (244)

Die Lauheit des Christentums und der Kirche führe zu einem Niedergang der Zivilisation. Das Christentum sei das Licht der Welt. Wenn es aufhöre zu leuchten, dann mache es sich mitschuldig, dass die Menschen im Halbdunkel herumirren (250).

Dass die EU-Verfassung die christlichen Wurzeln ablehnt, veranschauliche seine Grundhaltung. Heute bestünden die europäischen Institutionen nur noch aus rein ökonomischen und administrativen Strukturen. Europa verfolge finanzielle Interessen, doch mehr noch entwerfe es – getrieben von einer kleinen Oligarchie – Ideologien, treibe sie durch Utopien an und verliere seine Seele. Europa habe sich von dem verabschiedet, was es eigentlich ist; es verleugne sich selbst (251).

Der Verfasser ist sicher, „dass in Europa bald ein demographisches, kulturelles und religiöses Ungleichgewicht von seltener Gefährlichkeit herrschen wird“. Die Vorzüge, die Europa der Welt zur Verfügung stellen könnte, seien seine Identität und seine zutiefst vom Christentum durchwirkte Kultur. Doch stattdessen biete es den muslimischen Neuankömmlingen seinen Unglauben und sein barbarisches Konsumdenken an (272).

Als Kostprobe hier ein kurzer Auszug:

Nicolas Diat: „In seinem Buch Werte in Zeiten des Umbruchs (2005) schrieb Joseph Ratzinger »Europa scheint in dieser Stunde seines äußersten Erfolgs von innen her leer geworden, gleichsam von einer lebensbedrohenden Kreislaufkrise gelähmt, sozusagen auf Transplantate angewiesen, die dann aber doch seine Identität aufheben müssen. Diesem inneren Absterben der tragenden seelischen Kräfte entspricht es, dass auch ethnisch Europa auf dem Weg der Verabschiedung begriffen erscheint.« Diese ernste Feststellung entspricht offenbar genau Ihren Analysen …

Robert Kardinal Sarah: „Wenn Joseph Ratzinger von Transplantaten spricht, spielt er bereits auf den Migrationsprozess an. Wir wissen, dass in Europa bald ein demografisches, kulturelles und religiöses Ungleichgewicht von seltener Gefährlichkeit herrschen wird. Europa ist unfruchtbar, aufgrund seiner unzureichenden Geburtenrate erneuert es sich nicht. Sein Haus füllt sich mit Fremden, weil es frei, »leer, sauber und geschmückt« ist (Mt. 12,44). Es ist seiner historischen und christlichen Schätze beraubt.

Offenbar freuen sich die europäischen Technokraten über die Migrationswelle und befördern sie. Sie denken nur ökonomisch. Sie brauchen billige Arbeitskräfte. Sie erkennen jedem Volk seine Identität und Kultur ab. Es genügt, die Verachtung gegen die polnische Regierung in den Blick zu nehmen. Die liberale Ideologie unterdrückt das Aufkommen anderer Größen. Wie damals in Betlehem ist Gott auch heute der einzige Arme, für den es in der Herberge keinen Platz gibt.

Zum Tod des Philosophen Roger Scruton
Es fängt mit dem Ort an
Europa gibt vor, jede Form von Diskriminierung rassistischer oder religiöser Art zu bekämpfen. In diesem Bereich wurden große Fortschritte errungen. Doch wollte man dadurch auch eine Ideologie etablieren. Auslöschen von Heimat, Kolonisation der Kulturen ist kein echter Fortschritt. Das Multikulti-Unternehmen Europa nutzt ein falsch verstandenes Ideal der Nächstenliebe aus. Nächstenliebe ist nicht Selbstnegation. Sie besteht darin, dem anderen die eigenen Güter und sich selbst anzubieten. Die Vorzüge aber, die Europa der Welt zur Verfügung stellen könnte, sind seine Identität, seine zutiefst vom Christentum durchwirkte Kultur. Doch was hat es den muslimischen Neuankömmlingen anderes angeboten als seinen Unglauben und sein barbarisches Konsumdenken? Warum erstaunt es uns, dass diese Neuankömmlinge sich in den islamischen Fundamentalismus zurückziehen?

Die Europäer müssen auf ihre vom Evangelium geprägten Sitten und Bräuche stolz sein. Das wertvollste Geschenk, das Europa den Migranten machen kann, ist nicht an erster Stelle finanzielle Unterstützung und noch weniger eine individualistische, säkularisierte Lebensweise. Das wertvollste Geschenk ist die Teilhabe an seinen christlichen Wurzeln. Sich selbst anzunehmen, wie man ist, ist eine grundlegende Voraussetzung, um den anderen lieben zu können. Angesichts der Gefahr des radikalen Islam müsste das Abendland klar und deutlich machen, unter welchen Bedingungen man an seinem Leben und seiner Zivilisatin teilhaben kann. Doch Europa zweifelt an sich selbst und schämt sich für seine christliche Identität. Und das macht es für die Fremden verächtlich.“

Die heutige Globalisierung sei das Gegenteil des göttlichen Plans, denn sie führe zur Uniformierung der Menschheit. Die Globalisierung wolle den Menschen von seinen Wurzeln, seiner Religion, seiner Kultur, seiner Geschichte, seinen Bräuchen und seinen Vorfahren abschneiden. So werde die Welt-Heimat zu einem fließenden Kontinuum, einem identitätslosen Raum, einem Land ohne Geschichte. Die Länder, die sich – wie etwa die Visegrád-Gruppe – nicht an dieser Torheit beteiligen wollen, würden geächtet, ja beleidigt (299).

In Europa würden die Migranten in Lagern abgestellt und dazu verurteilt, tagaus, tagein untätig zu warten. Sie würden ihrer Würde sowie ihrer kulturellen wie religiösen Wurzeln beraubt und könnten so keine Frucht bringen. Die einzige nachhaltige Lösung liege in der wirtschaftlichen Entwicklung Afrikas. Die Regierungschefs seines Herkunfts-Kontinents Afrika trügen dabei eine große Verantwortung (302).

Teil 1 von 3
Debatte über den UN-Migrationspakt – Eine Debatte, die keine war
Der Kardinal bezweifelt, dass der UN-Migrationspakt von 2018 einen wirklichen Fortschritt darstellt. Er fragt, warum die Bevölkerung der unterzeichnenden Länder nicht nach ihrer Meinung befragt wurde und zeigt sich verwundert, warum der Vatikan nicht eingegriffen und den, seiner Meinung nach höchst unzureichenden, Text durch Ergänzungen und Änderungen beeinflusst habe (302f.).

Ohne nationalistischem Überschwang zu verfallen, müssen wir nach Kardinal Sarah stolz auf unsere Heimat sein, uns bewusst werden, dass wir durch unsere Geburt einer Erben- und Schicksalsgemeinschaft angehören. Die Annahme unserer eigenen Identität sei die Garantie eines brüderlichen Zusammenlebens der Völker. Selbst Migranten müssten sich mental in dieses Gefühl der Zugehörigkeit zur Erben- und Schicksalsgemeinschaft des Gastlandes einfügen, wenn sie sich in einem neuen Land niederlassen. Damit erweitere sich ihre Identität, sie passe sich an. Das mache sie zu Adoptiverben. So würden sie in eine Kindespflicht genommen, die verlange, das Land zu lieben und zu ehren, welches sie aufgenommen hat (384f.).

Die heutige Gesellschaft hoffe nur noch auf eine bessere Welt, einen solidarischeren, ökologischeren, offeneren, gerechteren Planeten. Doch das reiche nicht für eine göttliche Hoffnung. Das Ziel menschlicher Hoffnung sei Gott selbst. Unser Herz sei zu groß für diese beschränkte Welt. Manche Kirchenmitglieder verließen die Kirche aus dem Grund, weil sie mit einer Sehnsucht nach Gott zur Kirche kamen, dann aber nur mit guten und menschlichen, allzu menschlichen Gefühlen abgespeist wurden. Als Christen seien wir berufen, wie die orientalischen Kirchenväter sagten, in Fülle vergöttlicht zu werden. Das – und nichts anderes – sei der Himmel (392).

Kardinal Sarah betrachtet es als eine große Gnade, dass er als Kind Afrikas erleben durfte, wie französische Missionare in sein Dorf kamen, die von einem so glühenden Glauben erfüllt waren, dass sie ihre Heimat und ihre Familie verließen, um in Afrika diese Erde zu verlassen. Viele von ihnen seien sehr jung gestorben. Wer mache sich heute auf, um den Städten des Abendlandes den Glauben zu bringen, nach welchem sich die Menschen sehnen? Wer sei bereit, den Muslimen den wahren Glauben zu verkündigen? Sie suchten ihn, ohne es zu wissen (401).


Albrecht Weber (Dr. theol.), geb. 1941 in Tann/Rhön, wirkte u. a. in Oldenburg, Delmenhorst und London als Pastor und als Senior der Evangelischen Synode Deutscher Sprache in GB sowie als Vizepräsident des Lutheran Council of GB. Gottesdienste und Andachten, die er hielt, wurden sowohl von der BBC wie vom NDR/ SFB übertragen.


Robert Kardinal Sarah und Nicolas Diat, Herr bleibe bei uns denn es will Abend werden. fe-medienverlag, 436 Seiten, 19,80 €


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Kommentare ( 21 )

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21 Kommentare auf "Robert Kardinal Sarah: „Ich glaube, dass das Abendland im Sterben liegt.“"

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Mit der christlichen Weltanschauung verhält es sich wie mit der aktuell politischen „Weltanschaung“. Bloß weil nur „14%“ sie für wahr halten, muss sie noch lange nicht unwahr sein.

Wie der litauisch Ex-Staatschef Landsbergis sagte: Deutschland befindet sich auf dem Weg in den dritten Sozialismus. Beenden wir diesen Weg nicht umgehend, wird Herr Sarah mit seinen Prognosen recht behalten und Deutschland bzw Europa abermals im Chaos versinken. Es ist heute wie in der weiland D“D“R: Das linksgrün-sozialistische Establishment faselt von der Gefahr von rechts, während es selbst die größte Gefahr darstellt. 2019 wurden 400 der insgesamt 696 Terrorverfahren wegen Islamismus eröffnet, 2019 hat sich die Zahl der Brandanschläge der links-grünen Staats-Antifa (deren Symbole gerne auch von ebenjenen in diversen Parlamenten präsentiert werden) in Berlin um 96% vermehrt, aber gefeuert… Mehr
Das kann man alles im Falle der EU Freizügigkeit sehen. In Rumänien werden bereits Dörfer vom Roten Kreuz versorgt. Das Land ist am Verschwinden seit der EU Osterweiterung. Hätte man eine starke EU gewollt, wo jedes Land zum ganzen beträgt, hätte man es bei der Personenfreizügigkeit belassen, wo zwar überall Reisen darf, nicht aber komplett umziehen darf, wo man will. Der Westen hat in den letzten 15 Jahren den Osten aufgesaugt. Nur Polen kann sich noch wegen seiner Größe und kulturellen, religiösen Werten behaupten. Das ist auch der Grund warum die EU, Polen so stark bekämpft. Man möchte diese Werte… Mehr

Jedem seie der Literaturprofessur Michael Jones ans Herz gelegt.
Culture Wars dot com sein Webdomizil.

Ah ja, wir haben also diese Probleme weil wir zu wenig gläubig seien? Grob ist es zsm zu fassen. Irgendwie sehe ich heute komischer Weise mehr Glauben und religiöse Zeremonien durch FFF, Gender und Buntwahn als jemals zuvor.

Sie sprechen von den ERSATZ-Glaubenssystemen-und Zeremonien, also nichts anderen als den sogen. Götzen unserer Tage

„Geld, Macht und Vergnügen“ seien die Prinzipien der westlichen Eliten. Genauso ist es und die Masse Mensch wird doch nur noch als Konsumentenschwarm gesehen. Das Problem dabei ist, dass die Seele und spirituelle Seite des Menschen auf der Strecke bleibt.
Die Kirchen mischen sich zu viel in die Politik ein, statt sich darum zu kümmern, dass sich die Menschen seelisch aufgehoben und angenommen fühlen. Unserer Gesellschaft fehlt der Anker, alles driftet auseinander.

Interessanter Beitrag, interessante Analyse. Eine Identität setzt allerdings meiner Ansicht nach nicht zwangsläufig voraus, dass man gläubig ist. Sie ist vielmehr eine Frage der Sozialisierung insgesamt. In Deutschland würde deshalb ein großer Teil der Bevölkerung auf die Frage nach ihrer Identität wohl tatsächlich antworten: Ich bin ein Consumer. Übersetzt: Ich habe keine Identität. Traurig, aber wahr.

„Sie erkennen jedem Volk seine Identität und Kultur ab.“
Identität und Kultur sind ja auch Nazi und führen direkt ins 4. Reich. Das sagen selbst unsere Kulturschaffenden. Allerdings erkennen sie nicht jedem Volk seine Identität und Kultur ab. Die Kultur der muslimischen Migranten hierzulande genießt den allerhöchsten Schutzstatus. Die dürfen auch ruhig zu zwei Dritteln den Islamisten Erdogan wählen, ohne dass es einen unserer Journalisten groß juckt. Alles nicht so schlimm wie Kemmerich.

Kardinal Sarah ist einer der letzten Lichtblicke im Kardinalskollegium der röm.-kath. Kirche. Er wäre ein Papst Benedikt der XVII.? Ein Afrikaner, der Afrika nach vorne bringen könnte und Europa dabei retten könnte indem er den Ansturm auf Europa beenden könnte. Kurz gesagt, seine Chance Papst zu werden ist gleich Null.

Hm…nicht so erhellend, oder?

Don’t worry: „Selig, die geistlich Armen…“ (Mt..)