Es fängt mit dem Ort an

Roger Scruton, einer der wichtigsten liberal-konservativen Denker in Europa, starb heute Sonntag, am 12. Januar 2020, im Alter von 75 Jahren. Er schrieb die Autobiografie eines Konservativen.

Andy Hall/Getty Images
Scruton verstand Konservatismus nie als reinen Rückblick. Er trat immer – mit Edmund Burke – dafür ein, dass der Gesellschaftsvertrag zwischen drei Parteien geschlossen werden sollte: den Toten, den Lebenden und der kommenden Generation. Und er forderte andere dazu auf, nicht zuerst die Verluste zu beklagen, sondern auf die Ideen und Traditionen zu bauen, die bis heute existieren. Um diesen Gedanken kreist sein Buch. 


Manchem deutschen Leser dürfte der Brite Roger Scruton schon ein Begriff gewesen sein, bevor die deutsche Übersetzung von „How to be a Conservative“ 2019 in der Edition Tichys Einblick (Finanzbuch Verlag) erschien. Im April 2019 twitterte ein Journalist des New Statesman angebliche Zitate aus einem Interview, das er mit Scruton geführt hatte – Beleidigendes über Chinesen, einen antisemitischen Kommentar über den Finanzier George Soros, aggressive Bemerkungen über den Islam. Nur vier Stunden später entfernte die britische Regierung unter Theresa May den Philosophen von seinem (unbezahlten) Posten einer Kommission für besseres Bauen. Der New-Statesman-Journalist postetet daraufhin ein Bild von sich selbst, auf dem er mit Champagner zu sehen war und den Abschuss des konservativen Publizisten feierte.

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Dann stellte sich ziemlich schnell heraus, dass die vermeintlich empörenden Scruton-Zitate von ihm verkürzt, verdreht und zurechtfrisiert worden waren. Ein öffentlicher Proteststurm zwang das Magazin, das volle Transkript des Interviews zu veröffentlichen. Und das zeigte Scruton als eigensinnigen, libertären, sehr englischen Individualisten, als Konservativen und luziden Beobachter – und zwar ohne eine Spur von Rassismus und Antisemitismus.

Nach einer Schamfrist (die Scham bezog sich auf den zuständigen Minister) bekam er sogar seinen Job in der Kommission zurück.

Wer ist der Philosoph, der diesen Sturm stoisch über sich ergehen ließ? Roger Scruton, Jahrgang 1944, besitzt die seltene Fähigkeit, über Ideen so zu schreiben wie Rudyard Kipling über Personen und Landschaften. Die Begriffe in „Von der Idee, konservativ zu sein“ bleiben nicht abstrakt. Denn seine Idee des Konservativseins ist die der Begrenzung: Eine Gemeinschaft freier Bürger kann für ihn nur in überschaubaren Gebilden und nur im freiwilligen Zusammenschluss existieren (weshalb Scruton auch den Brexit begrüßt). „Wenn die Gesellschaft von oben organisiert wird, entweder durch die vertikale Führung einer revolutionären Diktatur oder durch die unpersönlichen Verordnungen einer undurchschaubaren Bürokratie, verschwindet die Verantwortung schnell aus der politischen Ordnung ebenso wie aus der Gesellschaft. Eine vertikale Regierung gebiert verantwortungslose Individuen, und die Enteignung der bürgerlichen Gesellschaft durch den Staat führt dazu, dass die Bürger nicht mehr willens sind, für sich selbst zu sorgen.“

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Für sich selbst sorgen können Bürger seiner Meinung nach nur, wenn sie die geerbten Traditionen zwar kritisch mustern, aber vor allem als ihren eigentlichen Schatz verstehen. Zum Gewachsenen gehört nach Scruton vor allem der oikos, der Ort: „Menschen werden sesshaft, indem sie den Erste-Person-Plural erwerben – einen Ort, eine Gemeinschaft, eine Lebensweise, die sie ‚unser’ nennen können.“ Hier zieht er den entscheidenden Trennstrich. Auf der einen Seite zeichnet er sein Bild einer bestimmten Gesellschaft, die auch wandlungs- und aufnahmefähig ist, in der aber Platz und kulturelles Erbe etwas zählen, und die sich nicht endlos ausdehnen lässt. Auf der Gegenseite steht der Entwurf einer supranationalen beziehungsweise globalistischen Gesellschaft, die weder Bürger noch Grenzen und Wurzeln kennt, sondern nur noch frei flottierende Menschen-, Güter- und Kapitalströme. Zu Scrutons wichtigsten Anliegen gehört es, den Begriff des Konservatismus aus der Nähe der Ökonomie zu befreien, in die er vor allem auf der Insel durch Margaret Thatcher geraten war, und wieder auf den Begriff des autonomen Bürgers zurückzuführen.

Was den Autor von vielen anderen westlichen Konservativen unterscheidet, ist seine Erfahrung des östlichen Totalitarismus. Er reiste schon in den siebziger Jahren zu Zeiten der Charta 77 nach Prag, um sich dort mit Dissidenten zu treffen. Wenn er von seiner ersten Begegnung mit diesem Untergrund in einer Prager Privatwohnung erzählt, ist Scruton gleichzeitig Historiker, Autobiograf und Philosoph. „In jenem Zimmer hatte sich der arg mitgenommene Rest der Prager Intelligenzia eingefunden: alte Professoren in abgenutzten Westen, langhaarige Poeten, Studenten mit frischen Gesichtern, Priester, Romanautoren, und Theologen […] Auch hatte ich entdeckt, dass sie alle den gleichen Beruf hatten: sie waren Heizer.“

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Den von dem Regime in den Hilfsberuf abgedrängten Oppositionellen, schreibt Scruton, sei es am wichtigsten gewesen, die Erinnerungen an die Ideen wachzuhalten, an deren Verdrängung der kommunistische Apparat arbeitete. Mit diesem Bild des realexistierenden Sozialismus vor Augen attackierte er schon lange vor dem Fall des Eisernen Vorhangs die linken Intellektuellen des Westens: „Ich sah nun in der Realität die Fiktionen, die in den Hirnen meiner marxistischen Kollegen herumschwammen.“ Vermutlich verschaffte ihm gerade dieser doppelte Blick so viele erbitterter Gegner.

In seinem Buch gibt es durchaus melancholische Passagen; den Verlust etwa der religiösen Spiritualität, den er für unumkehrbar hält, bedauert er außerordentlich. Dennoch lautet sein Appell an Konservative, nicht ständig über Verluste zu klagen, sondern vor allem darüber zu sprechen, was sich trotz aller Umbrüche im Westen an kulturellen Beständen erstaunlicherweise erhalten hat. Zum 30. Jahrestag der Samtrevolution reiste er im November 2019 noch einmal nach Prag, zwar gezeichnet von der Chemotherapie, aber auch mit Triumph. Im Spectator schrieb er vor wenigen Tagen, beim Fall der Mauer 1989 sei es Tschechen, Polen und den anderen Völkern nicht um Grenzenlosigkeit gegangen, sondern darum, dass sie nach dem Untergang des Ostblocks wieder in eigenständigen Staaten leben konnten: „We are celebrating the restoration of national sovereignty to people who had been absorbed and oppressed by a lawless empire.“

Renitente Bürger, die an Ideen festhalten, davon ist Scruton überzeugt, können mächtiger sein als Imperien.


Roger Scruton, Von der Idee, konservativ zu sein. Eine Anleitung für Gegenwart und Zukunft. Aus dem Englischen übersetzt von Krisztina Koenen. 288 Seiten, Edition Tichys Einblick im FinanzBuch Verlag. 22,99 Euro.


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Kommentare ( 14 )

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14 Kommentare auf "Es fängt mit dem Ort an"

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Guter, aber schwieriger Gedanke: Trennung des Konservativen von der Ökonomie. Thatcher hatte die Einheitsidee von konservativ und ökonomisch aber nur weiter ausgebaut, der Gedanke ist doch typisch normannisch- britisch und mindestens 600 Jahre alt. Die Antwort darauf widerum war sicherlich über die Jahre die Autonomie des Bürgers, aber wo bleibt da das konservativ Allgemeine? Das war mal eher typisch deutsch, ist aber eher vorpolitisch und deshalb unter die Räder (der Ökonomie) geraten. Man muss Kulturdenken von politisch- ökonomischen Denken unterscheiden und da und dort das Kulturdenken an erste Stelle setzen. Das können aber nicht Politiker und auch nicht Unternehmer, also… Mehr

Sir Roger Scruton schätzte den klassischen iranischen Dichter Hafiz sehr, und beide, der Brite und der Perser schätzten den Wein. Seinem Buch „Ich trinke, also bin ich“ stellte Scruton ein Motto von Hafiz voran:
„Kommt – der himmlische Palast ruht auf Säulen aus Luft /
Kommt und bringt mir Wein, unsere Tage verfliegen.“
Er kommentierte auch Boethius, einen der früher meistgelesenen Philosophen der Christenheit: „Im Angesicht dieses großen und herrlichen Werkes empfehle ich ein Glas aromatischen Mersault.“
Letzteres erlaube ich mir angesichts von Scrutons Lebenswerk zu empfehlen.

Den wichtigsten Beitrag von Roger Scruton zu unserer Zeit war für mich seine Dokumentation „Why beauty matters“ – eine knappe Stunde in feinstem Englisch, die mir in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet hat für das, was die sozialistische Gleichmacherei – vor allem in der Architektur! – angerichtet hat, aber diese Doku ist auch ein Rundumschlag gegen so ziemlich ALLES, was heute als Kunst und Kultur gefeiert wird:
https://www.youtube.com/watch?v=W5tuGjzXJ9k

„Gleichmacherei in der Architektur…“als Grund ? falsch gedacht: Das Problem ist die Stadtplanung, die bis 1918 die Architektur dominierte. Das wurde aber durch den Liberalismus !!! abgeschafft, der die Stadtplanung (das Feld oder den potentialen Raum des Allgemeinen) den materiellen und sozialen Interessen der Einzelnen (!) – egal ob des Unternehmers, Bauherren oder Architekturbüros – unterwarf! Der Bolschewismus und auch der Faschismus (inkl. der Ex- NS- Planer nach dem Krieg) nahmen diese Perversion nur auf und erfanden sie nicht. Denn beide Totalitäten beruhen teils eben auf dem Liberalismus!!! Erfunden hatte dieses schwarze Denken der normannisch- englische Liberalismus, der die Menschen… Mehr

Das Konservative war den Roten dieser Welt schon immer ein Gräuel, steht deren bewahrender Gedanke doch den Umverteilungsgedanken gegenüber und außerdem ist der Besitzende weniger von ihren Umtrieben zu überzeugen, während der Besitzlose in der Kommune weder eine Beziehung noch einen Grund dafür sieht, das zu erhalten und wie die ganzen Experimente im Laufe der letzten 150 Jahre ausgegangen sind konnte jedermann sehen und erst wenn sie die Besitzenden der Neuzeit zu Besitzlosen gemacht haben, können sie ihr Experiment fortsetzen und da sind sie derzeit kräftig daran, dieses Ziel zu erreichen.

AKTUELLER BEZUG zur Situation hierzulande: -die Idee vom festen Ort, des „somewhere“ ist natürlich Grundlage für Geborgenheit, aber auch den Rückgriff auf den Schatz traditioneller Werte, der seinerseits erst Kultur möglich macht. Diese Idee verträgt sich nicht mit Konzepten wie dem Migrationspakt, sie ist ihnen diametral entgegen gesetzt. -ein Staat, in dem immer nur von oben herunter oktroyiert wird, kann keinen Bestand haben. Wir haben hier eine vertikale Regierung, die längst den Kontakt zum Bürger verloren hat. Es wird eine Einheitsmeinung vorgegeben und mit teils subtiler, aber dennoch brachialer Gewalt durchgesetzt: Schulen sind nicht mehr Stätten des Lernens, sondern nur… Mehr

Vielen Dank Herr Wendt, ich kannte ihn nicht, werde mir aber nun Bücher von ihm besorgen. Mir graut es schon vor Nachrufen in der „Qualitäts“-Presse , sicher dann alles aufgehängt am pseudosachlichen Schmähwort „umstrittten“.

Hallo, Pantau – daran hatte ich noch gar nicht gedacht, aber Sie
haben recht, so wird es wohl kommen. In sowas besitzen unsere
Gänsefüßchen-Medien eine hohe und unumstrittene QUALität.

Eine Nachricht, lieber Herr Wendt, die mich sehr betrübt.
Das „Idee-Buch“ hatte ich sofort nach der Tichy-Rezension
meiner Bibliothek zur Anschaffung empfohlen – mit Erfolg.
Das „Lesevergnügen“ ist immens, rundum ein Gewinn.

Bekanntlich gibt es die alpha-Tiere, die oft rücksichtslos in die vordersten Machtpositionen kämpfen. Für eine funktionierende Gesellschaft gibt es notwendigerweise auch die beta-Tiere, die den alpha-Tieren in die Hacken beißen, ohne unbedingt alpha-Tier werden zu wollen, zu denen ich selbst mich zähle. Das sind die Renitenten bis zum Ende wie Scruton. Danach kommen die Interesselosen, für die ich keinen griechischen Buchstaben habe. Die dienen an erster Stelle sich selbst und damit meist den alpha-Tieren. Was eine Gesellschaft jedoch am wenigsten braucht, sind die ganz hinten, die ganz miesen, die den alpha-Tieren den Speichel lecken und vor ihnen kriechen, möglichst noch… Mehr

Wie schrieb dazu passend ein kluger Mann, exakt die Gegenseite fokussierend und deren verhängnisvolles Wirken, im Gegensatz zum bewahrenden Konservatimus, beschreibend!
„Gerade weil das grundlegendste Merkmal der Ideen der Linken ist, dass sie nicht funktionieren, konzentrieren sich die Linken in Institutionen, in denen Ideen nicht funktionieren müssen, um zu überleben. Deshalb finden sich Linke überproportional in Berufen, in denen keine wirtschaftlich messbaren Resultate erzielt werden müssen.“
Titus Gebel

Trotzdem versuchen sie mit ihren „Ideen“ in wirtschaftliche und sogar naturwissenschaftliche Bereiche einzudringen. Beispiele gibt es zuhauf.

Stimmt…das Erstaunliche daran….das diese Leute in diesen Jobs aber überproportional gut verdienen….und sehr darauf bedacht sind ihre Pfründe zu mehren.

Das Trifft es sehr gut.
Egal welcher Sch..ß verzapft wird nichts hat für sie selbst Folgen.