Freies Kuba? Cuba libre? Na, denn Prost!

Was macht ein Buch lesenswert? Darauf dürften die Antworten ebenso zahlreich sein, wie es lesenswerte Bücher gibt. An dieser Stelle erfahren Sie einmal pro Woche, warum ich ein Buch lesenswert finde.

Mitte April trat Raúl Castro mit fast 90 Jahren als Parteichef der KP Kubas zurück – ein Anlass, sich dem ernüchternden Kapitel der Geschichte Kubas seit der Revolution 1959 und anderer sozialistischer Staaten zuzuwenden.

Das Verhältnis der Deutschen zu Kuba ist gespalten. In meiner Jugend gab es kaum ein Studentenzimmer ohne Che Guevaras heroisches Portrait im Schattenriss, schwarz auf rot. Der jugendliche Fidel zeigte es den Amis, die mit ihrem Krieg in Vietnam sowieso der Feind aller Gutgesinnten waren. Der Export der kubanischen Revolution nach Südamerika durfte schon viel Blut kosten. Die strahlende Zukunft sollte es rechtfertigen. Das ist der Stoff, aus dem die Träume sind, die im Blutbad enden. Kuba endet schlicht im Elend; sozial, wirtschaftlich und moralisch.

Kürzlich sagte mir eine junge Frau, die sich von einem Sozialismus-Begeisterten aus Kuba buchstäblich hat herausheiraten lassen als einzigem legalen Fluchtweg, der den schönen jungen Frauen offensteht: „Mein italienischer Ehemann und Herzens-Sozialist träumte vom Sozialismus. Aber müsste er vom Gehalt meines Vaters leben wäre er schon zur Monatsmitte verhungert.“ Der Blick von Innen ist realistisch, der Blick von Außen auf den Sozialismus verklärend.

Es gibt wohl kaum ein schillernderes Phänomen als den Sozialismus. In den letzten 100 Jahren gab es mehr als zwei Dutzend Versuche, eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen, von der ehemaligen Sowjetunion über Kuba und Nordkorea bis hin zu Venezuela – alle waren früher oder später zum Scheitern verurteilt.

Warum fällt der Groschen nicht?
Sozialismus - Die gescheiterte Idee, die niemals stirbt
Wie kann eine Idee, die sich so oft, in so vielen unterschiedlichen Varianten und Kontexten als unrealisierbar herausgestellt hat, nach wie vor so populär sein? Kristian Niemietz zeigt in seinem Buch „Sozialismus. Die gescheiterte Idee, die niemals stirbt“ an wichtigen historischen Beispielen diese Kluft zwischen dem idealen Konzept einer besseren Gesellschaft und dem real existierenden Sozialismus auf.

Friedrich August von Hayek stellte schon 1988 fest: »Nach siebzig Jahren Erfahrung mit dem Sozialismus können wir festhalten, dass die meisten Intellektuellen nicht bereit sind, sich einmal zu fragen, ob es nicht vielleicht Gründe dafür gibt, dass der Sozialismus, so oft er auch ausprobiert wird, nie so funktioniert, wie seine intellektuellen Vorreiter sich das vorstellen. Die vergebliche Suche der Intellektuellen nach einer echten sozialistischen Gemeinschaft führt zu einer Idealisierung, und dann zur Desillusionierung, mit einer offenbar endlosen Kette von ›Utopien‹ – die Sowjetunion, dann Kuba, China, Jugoslawien, Vietnam, Tansania, Nicaragua.«

Heute ist Kuba das, was man einen „Failed State“ nennt, der Sozialismus der gelebten Realität qualvoll, ohne Zukunft, ohne Hoffnung. Nur das Che-Guevara-Poster sieht man noch ab und an. Es ist eine Ikone der Selbsttäuschung und der Verbrechen an der Menschlichkeit – aber die Kinder sehen immer nur den Sexappeal des südamerikanischen, glutäugigen Latin Lovers. Seine Toten sind längst aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden, und so feiert das Gespenst des Sozialismus immer wieder Auferstehung.

Kristian Niemietz, Sozialismus. Die gescheiterte Idee, die niemals stirbt. Mit einem Vorwort von Rainer Zitelmann. FBV, 320 Seiten, 22,99 €.


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Kommentare ( 11 )

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Th. Nehrenheim
7 Tage her

Sehr selten sehe ich mich so im Widerspruch zur hier ausgeführten Meinung. Sozialismus ist schlecht. Er ist quasi überall zumeist ökonomisch gescheitert und abgelöst. Das finde ich gut. Bei Kuba sehe ich das anders, denn wie soll Kuba aussehen, wenn es wieder dem Zugriff der Amerikaner mit CIA und Mafia offen stünde? Kuba war die schöne Insel für die schmutzigen Geschäfte der Amis. Dort blühte Prostitution, Drogen- und Waffenhandel, Typen wie Hemmingway konnten sich dort austoben. Die Kubaner haben es nicht so mit der Disziplin und neigen wohl etwas dazu, Verlockungen nachzugeben. Deshalb ist der Sozialismus für Kuba das kleinere… Mehr

gorbi
8 Tage her

Soziales Verhalten ist doch was schönes. Sich Aufgehoben fühlen in einer Gesellschaft, die einem in Not hilft, was soll daran schlecht sein ? Dass machtgierige Politiker dies aber benützen, Wohltaten zu verteilen, die nie aus ihrem eigenen Geldbeutel stammen, ist eine andere Sache . Mein Vorwurf geht an konservative Kreise ,welche die Bevölkerung nicht aufklären, welches üble Spiel hier abläuft . Wäre die Bevölkerung aufgeklärt, würde die Zustimmung Richtung Null sinken.

Johann Thiel
9 Tage her

Der Sozialismus appelliert an die niederen Instinkte im Menschen, das ist sein Erfolgsrezept und macht ihn unausrottbar.

Sidon
11 Tage her

Sowohl Kapitalismus als auch Sozialismus haben ihre positiven und negativen Seiten. Es ist jedoch wohl die Freiheit, die den großen Unterschied macht und die im Kapitalismus gegeben ist (freie Marktwirtschaft, Meinungsfreiheit etc.), für die ich mich auf jeden Fall entscheide. Sozialismus habe ich in der DDR erfahren — nein danke. Wie sagte von Hayek: „Sozialismus ist der Weg in die Sklaverei“. Genau. Wer möchte die? Dann doch lieber ab und zu einen Finanzcrash, lieber Herr Haeberle.

user10
11 Tage her

Zitat: „Wie kann eine Idee, die sich so oft, in so vielen unterschiedlichen Varianten und Kontexten als unrealisierbar herausgestellt hat, nach wie vor so populär sein?“ Der Grund erscheint mir inzwischen einfach und wurde in TE schon erwähnt: Die Linksintellektuellen aller Colour verwechseln Familie mit Gesellschaft. Hunderttausende von Jahren bestanden menschliche Gruppen aus Familien. Einziger Zweck dieser Familiengruppen war die Erhaltung des eigenen Genpools. Dafür haben die Familienmitglieder alles gegeben, bis hin zum eigenen Leben. Heute bezeichnen wir so etwas fälschlich als Altruismus. Denn die Aufopferung für die eigene Familie war niemals uneigennützig, sondern sichert auch heute noch das Überleben… Mehr

Herr Schmidt
11 Tage her

Ich denke der Grund warum der Sozialismus gerade bei gutbürgerlichen Jugendlichen / Studenten so beliebt ist, ist das Sie Glauben Sozialismus ist so etwas wie das Aufwachsen in einer intakten Familie. Im Grunde ist eine intakte Familie so etwas wie Sozialismus: Um alles kümmert sich Mutti, das Kind hat keine Nöte und kann sogar oft bestimmen wo es lang geht. Bezahlt wird das Ganze von Papa und Mama. wenn Klein-Lena einen Wunsch hat wie z.B. ein Solardach, wird dieser erfüllt. Hinzu kommt noch die sozialistische Propaganda von beamteten Lehrern in Schulen. Was diese Personen aber nicht verstehen ist der Grund… Mehr

Soeren Haeberle
11 Tage her

Zitat: „Heute ist Kuba das, was man einen „Failed State“ nennt, der Sozialismus der gelebten Realität qualvoll, ohne Zukunft, ohne Hoffnung.“

Wieso denn in die Ferne schweifen, wo 😉 „das Gute“ doch liegt so nah? – ganz ohne Sozialismus?

In diesem Sinne am Tag der Arbeit:

🙂 _____¡Hasta siempre, Comandante!»___und ewig singen die bolivianischen Wälder …

Wilhelm Roepke
11 Tage her

Der Sozialismus wird nie sterben und er war vor Marx und Engels schon bei den Jakobinern und anderen eine Verlockung. Warum? Weil er an den Neid appelliert, von dem jeder Mensch mehr oder weniger mit der Geburt schon auf den Weg bekommt, was man schön sehen kann, wenn ein Kleinkind unbedingt das Spielzeug eines anderen haben will.

Das Christentum hat zum Thema Neid alles gesagt. Die Nichtchristen hier googeln die die Gebote 8 bis 10 sowie den Begriff „Todsünden“.

ak95630
11 Tage her

Cuba Libre? Bleibt wohl immer „on the rocks“.

H.H.
11 Tage her

Ich habe sehr lange geglaubt, was die Zeitungen schrieben: Der Ostblock sei am Nato-Doppelbeschluss zerbrochen. Nein: Der Sozialismus ist einzig und allein an sich selbst zerbrochen. Und es gab auch keine verlorene kriegerische Schlacht, die man als Entschuldigung für seinen Zusammenbruch heranziehen könnte. Selbst Gorbatschow: Wenn nicht er, dann wäre es irgendwann ein anderer gewesen. Und wenn es noch eines Beweises bedürfte: Chinas Führung ist NICHT zusammengebrochen. Es ist eine vom Sozialismus befreite Diktatur geworden.

Soeren Haeberle
11 Tage her
Antworten an  H.H.

Und nun krepiert der Kapitalismus – getarnt als „Great Reset“ – auch der Währungssysteme und Aktienmärkte.

Ich pointiere: 89.8 Billionen flottierendes „Aktienanlagekapital“ und kein Klopapier in den Regalen – und jeden Monat kommen weltweit über Hundert QE-Milliarden der Notenbanken neu hinzu.

Wie würden Otte und Krall sagen? – 🙂 Sell in May and go away?
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