Ein Warnruf an alle Menschen guten Willens und klaren Verstandes

Was uns mit dem Transhumanismus in seinen technischen Entwicklungen bevorsteht, ist keine neue Form des Totalitarismus, sondern eine Form der Machtausübung, die beispiellos ist in der Geschichte, aber aus dem gleichen Grunde noch viel gefährlicher ist als die Totalitarismen, die wir bisher kennen gelernt haben. Von Remigius Schwarz

Die katholische Sexualmoral ist kein Verkaufsschlager. Seit jeher haben sich Christen mit dem sechsten Gebot schwergetan, während ihre Gegner unter der Überschrift „Doppelmoral“ Angriffe auf die überlieferten Normen führten. Sind sie noch zeitgemäß? Überfordern sie uns nicht? Kann man sie in der Moderne überhaupt noch sinnvoll begründen? Wer sich diese Fragen stellt, sollte Susanne Hartfiels Buch Die Neuerfindung des Menschen zur Hand nehmen, in dem die Autorin den Muff dieser Angriffe in einem wahrhaften „Aggiornamento“ austreibt und Klarheit in die Unordnung bringt.

Sie wissen nichts von Moraltheologie oder wollen nichts von ihr wissen – haben aber das Gefühl, dass an der von Unverbindlichkeit und sexueller Freizügigkeit durchdrungenen westlichen Gesellschaft etwas nicht stimmt? Dann lesen Sie dieses glänzend geschriebene Buch, das fast ohne Theologen- oder Katechismus-Zitate auskommt.

Susanne Hartfiel hat die seltene Gabe, die Notwendigkeit eines klaren Kompasses in Sachen Ehe, Familie und Sexualität aus wenigen Grundannahmen überzeugend herzuleiten – und das hat seinen Grund. Es ist ihre eigene gedankliche Entdeckungsreise, an der die Autorin den Leser teilhaben lässt. In der Einleitung bekennt sie, einst ausgezogen zu sein, die katholische Lehre mit Argumenten zu widerlegen. Aber das Gegenteil geschah: „Doch die rationale Widerlegung gelang mit nicht. Stattdessen häuften sich die Argumente gegen meinen bisherigen Lebensstil und für die scheinbar so aus der Zeit gefallene Lehre der Kirche.“ – und weiter: „Heute empfinde ich die überlieferte Lehre der katholischen Kirche als Anleitung zum Glück, als Gebrauchsanweisung zu einem guten Leben – auch in den Bereichen Ehe, Familie und Sexualität.“

Dabei ist Die Neuerfindung des Menschen zuvörderst kein Buch über die Sexualmoral, sondern eine Abhandlung über die Folgen ihrer Auflösung. Am Ende steht die freie Verfügbarkeit über Körper und Leben am Abgrund des Transhumanismus. Es ist ein neuer „Weg zur Knechtschaft“, auf den sich die Gesellschaft begeben hat.

Ehe, Familie und Sexualität sind in den letzten  fünfzig Jahren zum Schauplatz eines weltanschaulichen Konflikts zwischen zwei Menschenbildern geworden, die Susanne Hartfiel am Anfang ihres Buches analysiert: „In vielen aktuellen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen stehen sich implizit eine die menschliche Natur achtende, christliche oder gottzentrierte Weltanschauung und eine den Menschen neu erfindende, menschenzentrierte Weltanschauung gegenüber – meist nicht in Reinform, sondern in unzähligen Variationen der Vermischung.“

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Damit verbunden sind zwei unterschiedliche Formen des Fragens: Finde ich Sinn und Ziel meines Lebens in Gottes Schöpfung bereits vor oder ist alles nur ein blinder Zufall, sodass ich mich und meine Beziehungen selbst formen kann?

Aus der Grundentscheidung für oder gegen Gott lässt sich alles weitere ableiten. Hierzu nur ein kleiner Einblick in die stringente Argumentationskette der Autorin: Wenn Gott alles Notwendige in die Natur hineingelegt hat, dann kann ich an meinem Körper auch seine Bestimmung ablesen. Dann sind Mann und Frau aufgrund ihrer Körperlichkeit ergänzungsbedürftig und nur aus ihrer Vereinigung kann neues Leben entstehen. Dann sollte ich dieses Leben aber auch annehmen und lieben, so wie es ist.

Ehe und Familie sind somit Institutionen, die der Staat vorfindet und die er deshalb – so wie sie sind – schützen sollte, anstatt sie beliebig zu verändern. Wer umgekehrt der Selbstverwirklichung den Vorrang gibt, errichtet eine Hierarchie der Rechte, in der die herkömmliche Familie ins Hintertreffen gerät und Familie als „gleiches“ Recht für jeden, jedoch nicht mehr als geschützter Raum für heranwachsende Kinder verstanden wird. Das Recht auf oder gegen ein Kind schlägt das Recht des Kindes.

Die Neuerfindung des Menschen hat ihre Opfer und das sind eben jene, die zu schwach sind, um sich gegen die Triebhaftigkeit der Moderne zu wehren: „Offensichtliche Gewalt gegen Kinder wird zwar angeprangert, zugleich aber werden verborgene Formen von Gewalt, Degradierung und Misshandlung von Kindern (z.B. durch Abtreibung, künstliche Befruchtung, Frühsexualisierung, dysfunktionale oder nicht existente Familien) einfach übersehen.

Ähnliche blinde Flecken existieren auch in Bezug auf Frauen (z.B. in den Bereichen Prostitution, Pornografie, Leihmutterschaft oder der massiven Zunahme von Geschlechtsidentitätsstörungen bei jungen Frauen) und in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft.“ Susanne Hartfiel dokumentiert das ganze Ausmaß an Ausbeutung, Geschäftemacherei und Entrechtung, das mit der Neuerfindung des Menschen verbunden ist – bis hin zu den Kollateralschäden. Der Konsum von Pornografie etwa ist eben nicht nur die Sache des Einzelnen. Hinter ihr steht vielfach eine ganze Industrie, in der nur zu oft die Darsteller durch Drohungen und Drogen gefügig gemacht und ausgebeutet werden.

Wenn die Akzeptanz des menschenzentrierten Weltbilds schließlich durch die Propaganda gut organisierter Minderheiten und oft genug mit Hilfe der Medien und progressiver Politik eingefordert wird, muss das zwangsläufig in die Ausgrenzung jener umschlagen, die kritische Anfragen an diese Bestrebungen haben. So fällt schließlich auch das Grundrecht auf Meinungsfreiheit. Wer nicht akzeptiert, wird ausgegrenzt! Besonders schmerzhaft mag für einige Leser sein, wenn sie ihre eigene Verstrickung in dieses Geschehen – und sei es durch Wegsehen – erkennen.

Die Autorin zeigt dann auch deutlich auf, wohin die Reise geht. Denn die Praktiken zur Neuerfindung des Menschen, die sie so eindringlich geschildert hat, sind nicht das letzte Wort. Sie stehen vielmehr selbst vor einer Transformation, die die Mär von der absoluten Freiheit des Menschen ad absurdum führt. Unter der Überschrift „Transhumanismus“ haben die Technikgläubigkeit und der Machbarkeitswahn längst überwunden geglaubter eugenischer Experimente am Menschen einen neuen Anlauf genommen.

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Wohlgemerkt, die zuvor geschilderten Praktiken (etwa künstliche Befruchtung, Leihmutterschaft) sind nicht an sich transhumanistisch, bieten aber die geeigneten Versatzstücke für die Auflösung des Menschen als Geschöpf Gottes und seine Überführung in eine zurechtgeschneiderte neue Spezies: Der gefallene, unvollkommene Mensch soll ebenso wie seine Bipolarität mit Hilfe von Gen-, Nano-, und Computertechnik neu konstruiert, Sexualität von Fortpflanzung gänzlich entkoppelt werden. Das ist deswegen so, weil der Transhumanismus auf dem gleichen Grundkonflikt beruht, den Hartfiel am Anfang geschildert hat. Er ist somit „der perfekteste Gegenentwurf zum christlichen Welt- und Menschenbild, der je erfunden wurde.“

Hartfiel benennt die Gefahr, die vom Transhumanismus und seinen Befürwortern ausgeht, mit den Worten des Theologen Johannes Hoff: „Was uns bevorsteht in diesen technischen Entwicklungen ist nicht eine neue Form des Totalitarismus, sondern eine Form der Machtausübung, die beispiellos ist in der Geschichte, aber aus dem gleichen Grunde noch viel gefährlicher ist als die Totalitarismen, die wir bisher kennen gelernt haben.“ Am Ende werden nicht nur Pornodarsteller, Prostituierte oder Leihmütter zu den Verlierern gehören, sondern auch jene, die zuvor noch die Angebote der „freien Liebe“ genossen haben.

Diese Diagnose könnte deprimieren. Umso überraschender ist der Ausweg, den die Autorin am Ende präsentiert. Dieser Ausweg kann in ihren Augen keine politische Strategie sein, die Andersdenke zur Annahme der Gottzentriertheit zwänge – das würde selbst wieder nur zu Gewalt führen.  Sie plädiert vielmehr für das, was sie zuvor überzeugend vorgeführt hat: für selbstbestimmtes Denken, für ein „Sapere aude“, das die Aufklärung an ihrem Schopf packt und die Inkohärenzen eines Weltbildes aufzeigt, dass für die Rechte bestimmter Gruppen die Rechte anderer bis hin zum Leben missachtet.

Wohltuend an diesem Buch ist, dass Susanne Hartfiel nicht die hohe Warte des Pharisäers einnimmt – eine Haltung, die man in konservativ katholischen Kreisen nur allzu gerne vorfindet. Sie weiß darum, wie gefährdet Ehe und Familie immer schon gewesen sind – und wie verlockend alle Formen der Liebe. Deswegen geht es ihr nicht darum, auf Geschiedene, Homosexuelle, Frauen, die – nur zu oft von anderen gezwungen – ihr Kind abgetrieben haben, mit dem Finger zu zeigen. Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein! Im Gegenteil: Von ihnen wird mit großem Respekt gesprochen. Denn auch das gehört zur Gottzentriertheit, dass alle Menschen „vor, während und nach dem Unrecht, das sie vielleicht begehen“ Gottes geliebte Geschöpfe sind.

Weil man diese Grundhaltung in jedem Satz von Die Neuerfindung des Menschen vorfindet, ist es nicht nur eine Abhandlung über alle Formen von Liebe, Sexualität und Körperkult und deren Folgen, sondern selbst ein Dokument der Liebe. Hier wird Nächstenliebe praktiziert, indem als wahr Erkanntes klar ausgesprochen wird. Dem im Dominus Verlag erschienenen Buch darf man allein schon deswegen wünschen, dass es an Weihnachten, dem Fest der Liebe, seinen Platz unter den geschmückten Bäumen findet.

Remigius Schwarz ist Buchhändler und Bücherwurm. Aus dem Elsass stammend studierte er Germanistik und Philosophie. Derzeit lebt er im Rheinland, wo er sich mit den Auswirkungen Digitalisierung auf den Menschen und die Kultur beschäftigt.

Susanne Hartfiel, Die Neuerfindung des Menschen. Dominus-Verlag, Paperback, 280 Seiten, 19,95 €.


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Albert Pflueger
1 Monat her

Ich finde, im Leben hat alles seine Zeit. In der Jugend will man sich ausprobieren, dazu gehört auch das Flirten und möglicherweise, aber nicht zwingend, Sex mit wechselnden Partnern. Gerade die männliche Hälfte der Bevölkerung hat daran erhebliches Interesse, weil die Evolution ein entsprechendes Verhalten durch Fortpflanzungserfolg belohnt hat. Da die meisten Töpfchen ihr Deckelchen bei diesem Spiel früher oder später gefunden haben, sinkt die Zahl dafür in Frage kommender attraktiver Partnerinnen früher oder später dramatisch ab, man findet sich auf der „Resterampe“ wieder, wenn man nicht beizeiten beidreht. Ich habe selbst eine recht wilde Zeit gehabt, was mich aber… Mehr